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Freitag, 09. Juni 2017

Raus aus der Popstar-Blase!: Katy Perry kann auch anders

Von Katja Schwemmers

Mit der Rockpop-Nummer "I Kissed A Girl" schafft Katy Perry vor neun Jahren den weltweiten Durchbruch und wird zu einer neuen Symbolfigur des amerikanischen Traums. Mittlerweile gehört die Pastorentochter aus Kalifornien zu den erfolgreichsten Popstars des Planeten - auch dank ihrer bunten Inszenierung. Auf ihrem fünften Album "Witness" schlägt die 32-Jährige nun auch ernsthafte Töne an. Der Zustand der Welt und das Leben als Single über 30 brächte das so mit sich, verrät Perry im n-tv.de Interview.

Interviewtermin mit Katy Perry im Berliner Soho-House. Das Lachen der US-amerikanischen Sängerin dringt durch die Tür des Raumes, hinter der sie gerade einen Talk mit Joko Winterscheidt für "Circus HalliGalli" aufzeichnet. Offenbar ist Katheryn Elizabeth Hudson, wie Perry bürgerlich heißt, auf dem Promotiontrip für ihr neues Albums bester Laune.

Das war nicht immer so: Bei einem letzten Treffen im Oktober 2013 zur Veröffentlichung ihrer vierten Platte "Prism" war die Stimmung eher mäßig. Perry hatte in ihren Liedern den Schmerz über die von Kurzzeit-Gatte Russell Brand via SMS vollzogene Trennung abgelassen, wollte aber nicht darüber sprechen und versammelte zur Durchsetzung dieser Ansage einen Hofstaat aus einem halben Dutzend angespannter PR-Berater um sich. Und auch sonst war sie recht distanziert. Was insofern schade war, weil man Katy Perry eigentlich aus vollem Herzen mögen will. Allein schon dafür nämlich, dass sie mit ihren unterhaltsamen Auftritten dem US-Pop eine herrlich ironische Note verpasst hat, die ihm sonst nicht immer gegeben ist. Und natürlich macht auch die Tatsache, dass die schillernde Musikantin aus Santa Barbara maßgeblich zur Popularität von Katzenvideos im Internet beigetragen hat (sie nennt ihre Fans KatyCats), sie nicht gerade unsympathisch.

Von Löwen und Haien

Die Stufe zum Megastar nahm Perry mit ihrem Auftritt beim Superbowl im Jahr 2015. Passend zu ihrem Hit "Roar" ritt sie damals auf einem silbernen XL-Löwen in die Arena von Glendale, Arizona, ein. Später tanzte sie mit Haien und kreiste auf einer Sternschnuppe über den Köpfen der Menschen.

Katy Perry mag nicht die Stimme einer Adele haben, nicht die Musikalität einer Lady Gaga, aber ihr spektakulärer Auftritt in der Halbzeitpause des US-Football-Finales vor mehr als 100 Millionen TV-Zuschauern genügte, um sie endgültig ins Popuniversum zu schießen.

Live sah man Perry vor Kurzem beim Benefizkonzert "One Love Manchester".
Live sah man Perry vor Kurzem beim Benefizkonzert "One Love Manchester".(Foto: REUTERS)

126 Millionen verkaufte Tonträger später scheint die Pastorentochter wieder bei sich selbst angekommen. Ihre Augen strahlen bei der Begrüßung wie Scheinwerfer - und ja, sie sind wirklich so groß. Die kurzen, wasserstoffblondierten Haare stehen ihr gut. Sie erkennt ihr Gegenüber wieder; wirkt neugierig und interessiert. Auf eine Entourage verzichtet sie beim Interview - das würde nur ablenken, so die 32-Jährige.

"So viel Menschlichkeit wie möglich"

"Diesmal ist das Ziel, sich nicht hinter Schutzschilden zu verstecken und so viel Menschlichkeit wie möglich zu zeigen", so Perry. Das Wort Authentizität kommt ihr dabei gleich mehrmals über die Rosé geschminkten Lippen, die übrigens bestens mit ihrem hellen Sommerkleidchen und den weißen Turnschuhen harmonieren. "Witness" (zu deutsch: Zeugnis) heißt ihr fünftes Album, und den Titel erklärt sie folgendermaßen: "Einerseits geht es darum, dass ich Menschen bewusst wahrnehme und ihnen zuhöre. Andererseits will auch ich, Katheryn, gesehen und gehört werden. Die Zeit ist jetzt reif dafür."

Der Wunsch nach Wahrnehmung klingt aus dem Munde einer Popikone, die fast 100 Millionen Follower auf Twitter hat und damit mehr als jede andere dort registrierte Persönlichkeit, erst einmal paradox. Doch die Künstlerin spielt auf die Tatsache an, dass Katy Perry auch ein Stück weit ein überhöhter Charakter war, den sie sich aus Schutz zulegte. "Der Kern von Katy Perry war natürlich trotzdem immer Katheryn Hudson", fügt sie hinzu. Und wir sind ein bisschen erleichtert, doch nicht auf einen Popstar-Fake hereingefallen zu sein.

Die Marschrichtung für ihr neues Album ist klar: Katy Perry will nicht mehr nur der bunte Knallbonbon sein, sondern ernst genommen werden. "Purposeful Pop", was frei übersetzt so viel heißt wie Pop mit Bedeutung, nennt sie das, was sie schon mit der Vorab-Single "Chained To The Rhythm" erfolgreich auf den Weg brachte. In dem Stück, das von dem schwedischen Erfolgsgaranten Max Martin produziert und von der australischen Künstlerin Sia mitgeschrieben wurde, singt sie davon, dass wir die Welt nur noch durch unsere Smartphones wahrnehmen, in einer Blase leben und gar nicht mehr merken, was wirklich vor sich geht.

Der Unschuld entraubt

"Meine Musik hatte zwar immer Bedeutung - speziell, wenn man sich nicht nur die Singles angehört hat - denn sie entsprang immer meiner persönlichen Geschichte", erklärt Perry im Interview. "Doch diesmal ist sie subversiver." Perry hält den Finger auf die Wunde. Besagter Song soll direkt nach der US-Präsidentschaftswahl entstanden sein, bei der sie die Demokratin Hillary Clinton mit öffentlichen Auftritten unterstützt hatte. Doch auch ein Social-Media-Star wie Katy Perry konnte Trump nicht verhindern. "Aus der Niederlage lerne ich. Es war nicht alles umsonst. Ich bin stolz auf das, was Hillary geschafft hat. Denn als Folge davon sind wir nun alle aufmerksamer und interessierter an dem, was in der Welt geschieht. Wir können uns nicht mehr erlauben, in der Blase zu leben."

Manchen passt es trotzdem nicht, dass Katy Perry die eigene (Popstar-)Blase verlassen hat. Mitunter erntet sie heftige Kritik für ihren neuen Look und ihre nicht mehr ganz so fröhlich-bunte Popmusik - beides präsentierte sie erstmals im Video zu "Bon Appétit", indem sie sich lebendig verspeisen lässt.

Das Album "Witness" ist ab sofort erhältlich.
Das Album "Witness" ist ab sofort erhältlich.(Foto: Universal Music)

Feministische Äußerungen, sie würde sich mit 32 nun sexuell befreit fühlen, entraubten sie zudem der Unschuld des "All-American Girls". Auch das kam bei prüderen Amerikanern nicht unbedingt an. Als sie dann noch mit einem Haufen Drag-Queens den von 90er-Clubbeats infizierten Song "Swish Swish" in der US-TV-Show "Saturday Night Live" präsentierte, war das Maß für manche überschritten. "Steht Katy Perry vorm Nervenzusammenbruch? Oder haben Miley Cyrus und sie nur die Persönlichkeiten getauscht?", wurde da im Internet gefrotzelt.

"I'm a goddess and you know it"

Doch Katy nimmt’s gelassen: "Alles provoziert doch heutzutage negative Reaktionen! Ich bin nun mal ein Chamäleon. Da muss man sich schon ein dickes Fell zulegen. Aber natürlich bin ich verletzlich", meint sie und fährt fort: "Wir leben nun mal in einer Zeit, in der es schnell unbequem werden kann, eine Meinung zu haben und sie laut auszusprechen. Es ist viel einfacher den Mund zu halten, sich auf sein Ding zu konzentrieren und das Verhalten an Eigeninteressen auszurichten. Aber so bin ich nicht. So lange ich authentisch bin, bin ich glücklich."

Im vergangenen Jahr wurde Perry mit dem Unicef Audrey Hepburn Humanitarian Award aus den Händen von Hillary Clinton ausgezeichnet. Reisen nach Madagaskar und Vietnam, wo sie die Ärmsten der Armen besuchte, hätten sie demütig gemacht, sagt sie. Und spirituell sei sie ja ohnehin; viel Kraft würde sie aus der Meditation und von Gott schöpfen. Das hört man Songs wie der großen Ballade "Into Me You See", in der sie ihr Innerstes nach Außen kehrt, auch an. "Es steckt sehr viel Liebe und Schmerz in den neuen Liedern. Ich hatte da in letzter Zeit einiges zu verarbeiten", offenbart sie.

Ob sie damit ihre jüngste Trennung von dem britischen Schauspieler Orlando Bloom ("Fluch der Karibik") meint? "I'm a goddess and you know it" ("Ich bin eine Göttin und du weißt das"), singt Perry selbstbewusst über einen Slow-Motion-Beat-Teppich im Stück "Power". Bei "Pendulum" wird sie von einem Gospelchor unterstützt. Nicht zum ersten Mal: In den Kirchen, in denen ihre Pastoreneltern arbeiteten, fing ihre Gesangskarriere einst an. Und irgendwie ist Katy Perry dann doch noch die Alte: Vor ein paar Tagen legte sie bei einem Auftritt in der französischen TV-Casting-Show "The Voice" mit Kochmütze auf dem Kopf und von tanzenden Früchten umgeben eine solch fröhliche Performance von "Bon Appétit" hin, dass sie am Ende selbst schallend lachen musste. Und das steht ihr immer noch am besten.

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Katy Perry tritt im Rahmen ihrer "Witness"-Tour am 23. Mai in Köln und am 6. Juni in Berlin auf.

Quelle: n-tv.de

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