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Werden sie altersmilde? Linkin Park.
Werden sie altersmilde? Linkin Park.(Foto: James Minchin / Warner Music)

Metal ade: Linkin Park im Pop-Modus

Von Kai Butterweck

Während Metal-Fans die Krise kriegen, springen Pop-Anhänger vor Freude im Dreieck. Endlich müssen sie nicht mehr in Justin-Bieber- oder Backstreet-Boys-Shirts zur Arbeit tingeln. Stattdessen prangt jetzt der Schriftzug von Linkin Park auf ihrer Brust.

Die Herren Chester Bennington, Mike Shinoda, Brad Delson, David Farrell, Joseph Hahn und Rob Bourdon sind dieser Tage wirklich nicht zu beneiden. Seit der Veröffentlichung der ersten Single ihres neuen Studioalbums "One More Light" vor drei Monaten weht den fünf Linkin-Park-Verantwortlichen nämlich mal wieder ein eisiger Wind um die Ohren. Der Grund: "Heavy" klingt alles andere als heavy. Keine verzerrten Gitarren, kein Geschreie. Was sich da aus den Boxen schält, ist der pure Pop.

Drei Monate später gehen auch die letzten "Hybrid Theory"-Fetischisten auf die Barrikaden. Kurz vor dem Release des Gesamtwerks werden zwei weitere Promo-Singles ins Rennen geschickt. Chester Benningtons ganz persönliche "Battle Symphony" kommt dabei in etwa so pompös um die Ecke wie ein Kammermusikabend unter der Leitung von William Fitzsimmons. Radio-Pop, die Zweite.

Hat Chester eine Affäre?

Mit Reimen aus den Federn von Pusha T und Stormzy befeuert, setzt das ebenfalls komplett ohne Gitarren schunkelnde "Good Goodbye" dem wachsenden Frust der Starkstrom-Anhängerschaft die Krone auf. Männer in Kutten sind entsetzt. Klingt der Rest des Albums genauso? Und wenn ja: Hat der gute Chester eine Affäre mit Kiiara am Laufen? Wurden dem armen Brad Delson all seine Gitarren geklaut?  Und was hat Drummer Rob Bourdon dann eigentlich die ganze Zeit im Studio gemacht? Fragen über Fragen.

Wohin marschieren sie denn?
Wohin marschieren sie denn?(Foto: James Minchin / Warner Music)

Nach dem ersten Gesamtdurchlauf von "One More Light" steht fest: Ja, auch der Rest des Albums hat so gut wie nichts mehr mit den harten Vibes der Anfangstage am Hut. Die Antworten auf die anderen drei Fragen hingegen bleiben weiterhin im Dunkeln versteckt. Obwohl … Chester und Kiiara? Die beiden standen während der Aufnahmen des Songs "Heavy" zwar händchenhaltend vor dem Mikrofon. Aber das muss ja nichts heißen. Ist eigentlich auch völlig schnuppe. Gute Musik funktioniert auch ohne Gitarren, ohne Schlagzeug, und mitunter auch im Duett-Modus.

Die Nackenhaare zu Berge

Vielleicht ist es genau das, was die eingefleischten Fans der ersten Stunde so auf die Palme bringt: die Tatsache, dass ihre Helden auch ohne Radau und Geröll im Gepäck in der Lage sind, langlebige Sounds an den Start zu bringen. Das könnte für die Zukunft der Band nämlich vielleicht bedeuten, dass … Oh je, bei der Vorstellung stehen den alteingesessenen Band-Jüngern sämtliche Nackenhaare zu Berge.

Freunde von detailverliebt arrangierten Format-Sounds hingegen dürften beim Gedanken an weitere Outputs à la "One More Light" begeistert in die Hände klatschen. Diese Leute hätten zukünftig sogar zweimal Grund zur Freude. Zum einen würde man sie auch in den nächsten Jahren mit solidem Euro-Dance aus dem 90er-Archiv ("Nobody Can Save Me"), groovigem Mystic-Pop ("Invisible") und locker flockigem Synthetik-Folk ("Sharp Edges") versorgen.

Und zum anderen wäre da natürlich auch noch die Verpackung. Ich meine, wer spaziert schon gerne morgens mit einem Justin-Bieber- oder Backstreet-Boys-Shirt zum Bäcker um die Ecke? Demnächst könnten Pop-Fans mit dem Konterfei eines ganzkörpertätowierten Chester Bennington auf der Brust das Haus verlassen. Wie cool ist das denn!

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Quelle: n-tv.de

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