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Meldet sich mit ihrem zweiten Soloalbum nach "Wir sind Helden" zurück: Judith Holofernes.
Meldet sich mit ihrem zweiten Soloalbum nach "Wir sind Helden" zurück: Judith Holofernes.(Foto: Warner Music)

Judith Holofernes im Chaos: "Manchmal ziept es noch in der Herzgegend"

Die deutschsprachige Pop-Branche blüht an allen Ecken und Enden. Fast wöchentlich präsentiert sich ein neues Gesicht der gierenden Hit-Radio-Öffentlichkeit. So richtig in die Tiefe geht es allerdings nur selten. Zwischen liebestaumelndem Herzschmerz, standardisierten Durchhalteparolen und glattgebügeltem Zweckoptimismus pendelnd, schieben sich all die Bendzkos und Bouranis von Hamburg bis München die Bälle zu. Für Freunde langlebiger Deutschpop-Kunst präsentiert sich die Suche nach Erfüllendem fast schon wie die nach der berühmten Nadel im Heuhaufen. Es gibt sie aber, die Sänger und Sängerinnen, die mehr zu bieten haben als in Bubblegum-Pop gegossene Luftschlösser von der Stange. Judith Holofernes ist eine davon. Die ehemalige Sängerin der Band "Wir sind Helden" ist seit knapp drei Jahren solo unterwegs und veröffentlicht dieser Tage nun ihr zweites Album unter eigenem Namen ("Ich bin das Chaos"). Auf diesem schlägt die gebürtige Berlinerin eine musikalische Brücke zwischen Licht und Schatten. Judith Holofernes liebt das Auf und Ab im Leben. Sie stolpere lieber über Zickzack-Kurse, als sich in nicht enden wollenden Geradeaus-Welten zu verlieren, hat sie mal sinnbildlich zu Protokoll gegeben. Und genauso klingt "Ich bin das Chaos" auch: eckig, kantig, aber auf der anderen Seite auch wie aus einem Guss. Mit n-tv.de spricht die Sängerin und Songwriterin über verträumte Chaos-Erinnerungen, Kollaborations-Magie und das Leben und Arbeiten in eigenen Welten.

n-tv.de: Judith, dein neues Album trägt den Titel "Ich bin das Chaos". Beziehst du dich damit ausschließlich auf dein Dasein als Musikerin? Oder steckt da auch eine private Botschaft drin?

Judith Holofernes: Als Musikerin kommt mir Chaos natürlich total entgegen. Ich bin eher so gestrickt, dass ich ungern Strukturen folge, wenn es um das Schreiben von neuen Liedern geht. Ich lass mich da lieber von der Spannung leiten, die entsteht, wenn man die Dinge aus dem Bauch heraus angeht. Im Privaten hat sich das Ganze mittlerweile gedreht. Bevor ich mit der Musik angefangen habe, war ich ein total verträumtes Chaos-Kind. Ich habe ständig irgendetwas verloren und meine Mutter damit zur Verzweiflung gebracht. Als es dann aber mit der Band so richtig losging, hat sich das automatisch verändert. Das hätte ja auch nicht so weitergehen können. Wenn man viel auf Reisen ist, sollte man schon wissen, wo vorne und hinten ist.

Und wenn man auch noch zwei Kinder großziehen "muss" …

… dann kann man sich erst recht kein großes Chaos mehr erlauben. Wenngleich man den Begriff "Chaos" ja auch verschieden definieren kann. Ich meine, bei uns zuhause fliegen auch schon mal die Klamotten in der Gegend rum. Oder der Tisch ist mal nicht abgewischt. Die wirklich wichtigen Dinge funktionieren aber. Das geht auch gar nicht anders.

Zurück zur Musik: Du hast diesmal mit dem färöischen Songwriter Teitur zusammengearbeitet. Wie kam es dazu?

Das war künstlerische Liebe auf den ersten Blick. Wir haben uns 2014 kennengelernt. Damals hatte ich einen Song von ihm live gecovert. Daraufhin hat uns sein Manager verkuppelt. Wir saßen dann irgendwann gemeinsam hier in Berlin in einem Café und sind wie Magneten übereinander hergefallen. Das war total irre. Wir haben uns danach noch einmal für vier Tage zum weiteren Beschnuppern verabredet und haben in dieser Zeit sieben Songs geschrieben.

Wow!

Das Schreiben liegt ihr noch mehr als die Arbeit im Studio oder auf der Bühne.
Das Schreiben liegt ihr noch mehr als die Arbeit im Studio oder auf der Bühne.

Ja, das war richtig irre. Ich konnte da zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Zum einen hat sich durch die Kollaboration musikalisch viel verändert. Und zum anderen konnte ich mir einen Kindheitstraum erfüllen. Ich war als Kind nämlich immer so ein Fan-Girl-Typ. Ich dachte mir immer: Wenn ich mal Musikerin werde, dann freu ich mich vor allem auf die Zusammenarbeit mit anderen tollen Künstlern. Als ich mit Teitur an den neuen Songs getüftelt habe, war diese Erinnerung sofort wieder präsent. Das war ein schönes Gefühl.

Die Konstellation Teitur / Holofernes ist aber mit dem Album nicht abgeschlossen. Er wird auch Teil deiner Live-Band sein und dich auch noch als Support-Act auf der kommenden Tour unterstützen. Da scheint ja richtig was entstanden zu sein.

Auf jeden Fall. Da war von Beginn an so viel Magie mit im Spiel. Für mich haben sich da auch ganz viele neue Türen geöffnet. Ich habe beispielsweise erstmals in Englisch geschrieben. Das war total spannend.

Das Album ist aber…

Ja, ich weiß. Aber der Grund, warum die Songs letztlich dann doch ins Deutsche übersetzt wurden, war nur der, dass ich die Erzählstimme auf dem Album nicht verändern wollte. Ich wollte ein schlüssiges Gesamtbild kreieren. Die englischen Demos haben wir aber alle behalten. Mal gucken, was wir damit noch anstellen werden. Vielleicht schicken wir ja auch andere Kollegen damit auf Reisen. Mal schauen.

Was machst du eigentlich am liebsten? Schreiben? Aufnehmen? Auf der Bühne stehen? Wo und wann fühlt sich Judith Holofernes am wohlsten?

Das Album "Ich bin das Chaos" ist ab sofort erhältlich.
Das Album "Ich bin das Chaos" ist ab sofort erhältlich.(Foto: Warner Music)

Wenn ich mich auf eine Sache beschränken müsste, würde ich definitiv das Schreiben wählen. Das bin ich. Da gehe ich komplett auf. Das kann ich überall machen, egal ob daheim, in der Bahn oder beim Einkaufen. Diese Freiheit ist für mich unbezahlbar. Sicher, ich stehe auch wahnsinnig gerne auf der Bühne. Ich tüftel auch gerne im Studio rum. Aber beim Schreiben bin ich komplett in meiner eigenen Welt.

Deine Welt, in der du dich gerade austobst, präsentiert sich als eine, in der du keinerlei Kompromisse mehr eingehen musst. Du schreibst für dich. Du hast dein eigenes Label. Und da ist keiner mehr, der dich zur Seite nimmt und Änderungsvorschläge macht. Geht es noch besser?

Nein. Momentan bin ich glücklich. Ich fühle mich pudelwohl, so wie es ist. Für mich ist es total wichtig, dass ich das, was ich mache, auch komplett ausleben kann. Diese Freiheit genieße ich gerade sehr. So etwas kann aber natürlich auch innerhalb einer Band funktionieren, keine Frage.  

Apropos Band: Auf der kommenden Tour wirst du erstmals auch einige alte "Wir sind Helden"-Songs live präsentieren. Da kommen natürlich bei vielen Fans sofort wieder Erinnerungen hoch.

Nicht nur bei den Fans. Auch ich erinnere mich unheimlich gerne an die Zeit, in der wir zusammen unterwegs waren. Aber mehr steht erstmal nicht im Raum. Wir treffen uns immer wieder mal und werden dann natürlich auch immer total nostalgisch. Dann ziept es auch mal in der Herzgegend. Aber wir sind alle mittlerweile so sehr mit den Dingen verwachsen, die danach entstanden sind, dass keiner gerade auf die Idee käme, irgendetwas an dem Ist-Zustand ändern zu wollen. Und das fühlt sich auch gut an. Für jeden von uns.

Alle sind glücklich.

Genau. Und nur darum geht es.

Mit Judith Holofernes sprach Kai Butterweck

Das Album "Ich bin das Chaos" bei Amazon bestellen oder bei iTunes downloaden

Quelle: n-tv.de

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