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24 Jahre teilten sie die Bühne: Mikkey Dee (l.) und Lemmy Kilmister.
24 Jahre teilten sie die Bühne: Mikkey Dee (l.) und Lemmy Kilmister.(Foto: imago/Manngold)

"Er vermisste die Strip-Clubs": Mikkey Dee spricht über Lemmys letzte Tage

Drummer Mikkey Dee hat 24 Jahre zusammen mit Lemmy bei Motörhead gespielt. Der Schwede verbrachte mit dem Bandleader mehr Zeit als mit seiner eigenen Familie. Im n-tv.de Interview gibt er Einblick in die letzten Wochen und Tage der Band und des Sängers.

n-tv.de: Lemmy ist vor knapp vier Monaten gestorben. Hast du seinen Tod mittlerweile begriffen?

Mikkey Dee: Ja, das habe ich. So ein Tod ist endgültig. Seit er 2012 das erste Mal ernsthafte gesundheitliche Probleme bekommen hatte, haben wir das immer hautnah miterlebt. Ich dachte eigentlich, dass er nicht sterben würde. Ich dachte, dass er sich nach dem Ende der Europa-Tour im Dezember zu Hause in Los Angeles erholen würde und wir dann dieses Jahr in den USA weiter touren könnten. Am Ende war Lemmy aber doch sehr gebrechlich.

Hattest du die Befürchtung, schon früher das Kapitel Motörhead beenden zu müssen?

Mikkey Dee galt als das "vernünftige" Motörhead-Mitglied.
Mikkey Dee galt als das "vernünftige" Motörhead-Mitglied.(Foto: imago stock&people)

Oh ja, diese Sorge hatte ich wirklich. Doch dann hat sich Lemmy erholt und die Anordnungen der Ärzte befolgt. Wir haben dann noch drei sehr gute Jahre miteinander verbracht, in denen wir mit "Aftershock" und "Bad Magic" zwei tolle Alben veröffentlicht haben.

Hat er am Ende selber daran geglaubt, dass es noch weitergeht?

Als es ihm auf unserer letzten Tour schon ziemlich schlecht ging und wir dachten, dass wir sie abbrechen müssen, hat er zu mir gesagt: "Mikkey, mach dir keine Sorgen. Ich gehe zurück nach Los Angeles, dann werde ich mehr essen und wieder zunehmen." Er hatte wirklich unglaublich viel abgenommen, weil er überhaupt nicht mehr richtig gegessen hat. Er hat vor den Shows nichts gegessen und ist danach sofort eingeschlafen.

Hat er jemals über seinen schlechten Gesundheitszustand geklagt?

Niemals. Das Einzige, was ihn verbittert hat, war das Älterwerden. Er hat mir gesagt: "Es ist scheiße, älter zu werden, Mikkey." Er war sehr wütend darüber, dass er nicht mehr so wie früher in die Strip-Clubs und Casinos gehen konnte und beim Trinken und Rauchen kürzertreten musste.

Kannst du dich noch daran erinnern, wo und wann du ihn das erste Mal getroffen hast?

Oh ja, daran kann ich mich noch sehr gut erinnern. Das war vor vielen, vielen Jahren in einer Bar in London. Ich habe damals noch bei King Diamond gespielt. Ich glaube nicht, dass er sich daran erinnern konnte. Ich habe nur kurz "Hi Lemmy, ich bin Mikkey" gesagt. Er hat dann kurz aufgeschaut und geantwortet: "Hey man, cool" - und das war's. Er hat damals wie so oft an einem Spielautomaten gesessen und gezockt. Wenn er spielte, redete er nicht mit dir.

Hattest du erst wieder Kontakt, als du 1992 bei Motörhead eingestiegen bist?

Lemmy bei einem seiner letzten Auftritte am 9. Dezember 2015 in Hamburg - man sah ihm die Gesundheitsprobleme an.
Lemmy bei einem seiner letzten Auftritte am 9. Dezember 2015 in Hamburg - man sah ihm die Gesundheitsprobleme an.(Foto: imago/Future Image)

Nein, King Diamond waren, glaube ich, 1987 mit Motörhead auf Tour. Seitdem ist der Kontakt nie abgebrochen. Er wollte mich schon zu Motörhead holen, bevor ich 1992 schließlich eingestiegen bin. Das ging aber nicht, weil ich andere Verpflichtungen zu dieser Zeit hatte.

Du hast von 1992 an fast 24 Jahre in Lemmys Band gespielt. Wie war deine Beziehung zu ihm?

Er war wie mein Bruder, mein Freund. Die Band war wie eine Familie. Mit Lemmy habe ich mehr Zeit verbracht als mit meiner eigenen Familie. (lacht)

Gab es auch Streit in der Band wie in jeder richtigen Familie?

Als ich zur Band gekommen bin, habe ich sehr viele Probleme gesehen. Es gab sehr viele Leute im Umfeld der Band, die Lemmy und die anderen Jungs nur ausgenutzt haben. Sie haben das aber nicht bemerkt. Doch für jemanden wie mich, der von außen kam, war das offensichtlich.

Welche Art von Problemen waren das?

Ach, das übliche Programm: Probleme mit der Plattenfirma, dem Management oder der Merchandise-Firma. All diese Leute haben die Band bloß ausgenutzt, doch die anderen hatten keine Ahnung davon. Der neue Manager Todd Singermann und ich haben dann einige Leute rausgeschmissen. Weißt du, ich mag diesen ganzen Business-Kram. Doch Lemmy hat das gehasst, er hatte keinen Bock auf die geschäftliche Seite im Rock'n'Roll-Business. Wir haben uns deshalb oft in die Haare bekommen. Es waren aber immer fruchtbare Diskussionen, denn Lemmy hat gewusst, dass ich nur das Beste für die Band wollte. Und ich habe gewusst, dass er nur das Beste will. Manchmal hatten wir eben unterschiedliche Meinungen. Ich war vielleicht zu modern. Und Lemmy war zu altertümlich in seinen Ansichten.

Du galtest als der vernünftige Typ in der Band, weil du als Einziger keine Drogen genommen hast. Gab es deshalb Verstimmungen oder Spannungen in der Band?

"Völle Dröhnung": ein Fan-Tattoo in Erinnerung an die Motörhead-Mitglieder Lemmy Kilmister, Mikkey Dee und Phil Campbell.
"Völle Dröhnung": ein Fan-Tattoo in Erinnerung an die Motörhead-Mitglieder Lemmy Kilmister, Mikkey Dee und Phil Campbell.(Foto: picture alliance / dpa)

Lemmy hat mal aus Spaß zu mir gesagt: "Mikkey, wenn du anfängst, Drogen zu nehmen, schmeiß ich dich raus!" Irgendeiner in der Band musste schließlich den Überblick behalten.

Lemmy war bekannt dafür, dass ihm der enorme Alkohol- und Drogenkonsum nichts anzuhaben schien. Hast du ihn jemals betrunken oder außer Kontrolle erlebt?

Niemals, all die Jahre habe ich ihn niemals besoffen oder irgendwelchen Mist machen sehen. Man wusste immer, woran man bei ihm war. Es gab nie irgendwelche unschönen Überraschungen mit ihm. Er konnte manchmal hart sein und dir deutlich sagen, was er von dir hält. Er war einfach eine unglaublich ehrliche Haut mit einer starken Meinung.

Was hast du an ihm am meisten gemocht und was nicht?

Ich kann nichts Schlechtes über ihn sagen. Wenn wir uns gestritten haben, ging es immer um die Sache. Ich konnte ihm sagen: "Lemmy, da hast du überhaupt nicht Recht. Wenn wir es so machen, ist das nicht gut." Dann hat er manchmal gesagt (er verstellt die Stimme und spricht rauer und tiefer): "Ich habe Nein gesagt, Mikkey, Schluss jetzt damit. Ich habe keine Lust auf die Diskussion." Dann habe ich ihm gesagt, dass er nicht alles in der Band alleine entscheiden könne: "Wenn Phil (Phil Campbell, Gitarrist der Band, Anm. d. Red.) und ich anderer Meinung sind, musst du das akzeptieren, Lem." Dann hat er sich nach uns gerichtet, auch wenn er immer noch der Meinung war, dass er recht hat. Generell war Lemmy ein echter Gentleman, ein großartiger Bandleader, zu dem man aufschauen und von dem man viel lernen konnte.

Was für ein Typ war Lemmy abseits der Bühne?

Eigentlich war Lemmy ein Einzelgänger, der am liebsten für sich war. Mit den Jahren haben Phil und ich gelernt, wann wir ihn besser in Ruhe lassen. Auf Tour war er am liebsten in seinem Umkleideraum, hat seine Bücher gelesen und am Spielautomaten gesessen. Manchmal musste ich aber mit ihm über geschäftliche Dinge reden. Das hat ihm ziemlich gestunken. Dann hat er gesagt (er verstellt wieder seine Stimme): "Hau ab. Ich habe keinen Bock, über den Scheiß zu reden." Ich bin dann zehn Minuten später wiedergekommen und habe ihn weiter genervt.

Mitte Mai kommen die CD und die DVD "Clean Your Clock" von eurer letzten Tournee auf den Markt. Die beiden Konzerte in München fanden gut einen Monat vor Lemmys Tod statt. In welchem Zustand war er damals?

Auf der gesamten Europa-Tour war er sehr schwach. Er hat unglaublich kämpfen müssen, damit er überhaupt auftreten konnte. Er war zu dünn und ihm hat die Energie gefehlt. Trotzdem hat er seine Sache sehr gut gemacht. Wenn ich jetzt daran denke, wie schwer es ihm gefallen sein muss, auf die Bühne zu gehen, fühle ich mich richtig schlecht. Natürlich kann man unsere letzten Aufritte nicht mit denen vor 10 oder 15 Jahren vergleichen. Es zeigt aber, wie Motörhead zu diesem Zeitpunkt wirklich waren. Wir haben nichts geschönt oder overdubbt. Motörhead waren schon immer authentisch. Bei uns gab es keinen Fake.

Mit Mikkey Dee sprach Matthias Bossaller

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Quelle: n-tv.de

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