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Meldet sich nach seinem Unfall mit neuer Musik zurück: Paul van Dyk.
Meldet sich nach seinem Unfall mit neuer Musik zurück: Paul van Dyk.(Foto: Christoph Köstlin)
Dienstag, 24. Oktober 2017

"Ich bin zurückgekrochen": Paul van Dyk feiert das Leben

Paul van Dyk hat die schlimmste Zeit seines Lebens hinter sich: Vor eineinhalb Jahren stürzte der DJ bei einem Auftritt in Utrecht von der Bühne. Dabei zog er sich einen doppelten Bruch der Wirbelsäule und ein Schädel-Hirn-Trauma mit Blutungen an mehreren Stellen im Gehirn zu. Er fiel ins Koma, saß nach dem Aufwachen mehrere Wochen im Rollstuhl und musste das Essen, Laufen und Sprechen neu lernen. Doch entgegen den Prognosen seiner Ärzte stand er nur vier Monate später wieder hinter dem DJ-Pult. Nun veröffentlicht der 45-Jährige mit "From Then On" sein erstes Album nach dem Unfall - und feiert damit das Leben und die Liebe.

n-tv.de: Paul, erzählen Sie uns, was genau an jenem Februar-Tag in Utrecht passiert ist.

Paul van Dyk: An den Sturz selbst kann ich mich gar nicht erinnern. Aber ich bin nicht etwa von der Bühne gefallen, weil ich betrunken oder auf Drogen war. Jemand hatte bei der Konstruktion einen Fehler gemacht: Ein Teil der Bühne war nicht solide, sondern bloß mit schwarzem Stoff überspannt. Ich wusste das nicht, ging ein paar Schritte und stürzte sechs Meter in die Tiefe.

Blutungen im Gehirn und ein doppelter Bruch der Wirbelsäule - Sie sind dem Tod richtig knapp von der Schippe gesprungen, oder?

Ich habe die MRT-Bilder gesehen: Da hat nicht viel gefehlt und die Wirbelsäule wäre durch gewesen. Das war wirklich verdammt knapp und Glück reicht da als Begriff gar nicht aus. Das Festival war direkt neben dem neurologischen Zentrum der Niederlande und zufällig war der leitende Professor wegen eines anderen Patienten gerade anwesend. Hätten all diese Dinge nicht zusammengespielt, wäre ich vermutlich nicht mehr hier.

Was überwiegt: Wut oder Dankbarkeit?

Ich glaube, jeder, dem so etwas passiert, denkt am Anfang: Warum ich? Was habe ich getan, dass mir das passiert ist? Es ist wichtig, rechtzeitig den Absprung zu finden, um nicht zu verbittert zu werden. So komisch das klingt, man muss versuchen, das Positive zu sehen. Ich habe im Nachhinein so viel Zuspruch und Liebe erfahren. Die Ärzte, Professoren, Krankenschwestern und das Pflegepersonal waren toll, aber am allerwichtigsten war natürlich meine Frau Margarita. Alleine packst du so eine Nummer nicht. Ohne Werbung für mein neues Album machen zu wollen: Der Song "Stronger Together" handelt davon. Dank ihr hatte ich einen Grund zu kämpfen und nie aufzugeben.

War das die größte Herausforderung? Nicht aufzugeben?

"Ich habe mich nicht zurückgekämpft."
"Ich habe mich nicht zurückgekämpft."(Foto: Christoph Köstlin)

Ich muss sagen: Viel schlimmer als die wirren Gedanken wie "Was, wenn ich nie wieder Musik machen kann?" oder "Was, wenn ich nie wieder laufen kann?" waren tatsächlich die Schmerzen. Die waren manchmal so stark, dass ich einfach nicht mehr wollte. Das sind Momente, in denen selbst bei jemandem, der sich sonst gut unter Kontrolle hat, die Tränen laufen.

Die ersten Prognosen der Ärzte waren niederschmetternd. Essen, Sprechen und Laufen mussten Sie neu lernen.

Das war hart. Ich bezeichne mich nicht als intellektuell, aber ich bin schon am großen Ganzen interessiert und versuche komplexe Zusammenhänge zu begreifen. Wenn man das plötzlich nicht mehr kann, wenn man sich nicht mehr artikulieren kann und Dinge, die einem vorher völlig klar waren, nicht mehr versteht, ist das zutiefst frustrierend. Aber glücklicherweise verstehe ich die Bücher, die ich lese, inzwischen wieder …

Und nur vier Monate nach dem Unfall standen Sie in Las Vegas zum ersten Mal wieder hinter dem DJ-Pult. Wie haben Sie sich zurückgekämpft?

Das ist eine Begrifflichkeit, die ich oft zu hören bekomme. Ich habe mich nicht zurückgekämpft. Wenn überhaupt, bin ich mit Hilfe der Unterstützung, die ich erwähnte, und dank viel Physiotherapie langsam zurückgekrochen. Ich habe nach wie vor Schmerzen, werde relativ schnell müde und habe einfach nicht mehr so viel Ausdauer. Ich habe schon noch einen langen Weg vor mir und ob ich jemals an den Punkt komme, an dem ich sage "Jetzt ist gut", ist fraglich.

Hat Ihnen Musik bei der Genesung geholfen?

Seine Freundin Margarita hat van Dyk im März geheiratet.
Seine Freundin Margarita hat van Dyk im März geheiratet.(Foto: imago/APress)

Erst mal gar nicht. Anfangs bin ich sogar in Tränen ausgebrochen, wenn Margarita mir Musik vorgespielt hat. Das hat mich so tief emotional berührt. Vielleicht hatte ich unterbewusst Panik, dass das nicht mehr geht. Ich habe es sehr lange vor mir hergeschoben, meine Maschinen wieder anzumachen. Die heftigste Blutung war direkt da, wo sich das Sprachzentrum befindet. Genau dort ist auch das Kreativzentrum. Es hätte durchaus sein können, dass ich denke: "Mach den Lärm aus". Dass da keine Kreativität mehr ist.

Wie haben Sie wieder zur Musik gefunden?

Mit dem Auftritt in Las Vegas vier Monate nach meinem Unfall hatten wir uns ein ambitioniertes Ziel gesteckt - aber das war genau die richtige Entscheidung. Ein konkretes Ziel vor Augen zu haben, auf das man hinarbeitet, ist sehr wichtig. Etwa zwei Monate nach dem Konzert entstand dann der erste Song, "I Am Alive". Ich habe mich einfach zu Hause hingesetzt und angefangen.

Mit "From Then On" veröffentlichen Sie nun Ihr erstes Album seit dem Unfall. Einerseits klingt es voller Lebensfreude, andererseits scheinen viele Songtitel direkt auf das Geschehene anzuspielen.

Musik war für mich immer eine Ausdrucksform. Und Musik ist eine gute Verarbeitungsmöglichkeit in so einer Situation, in der einem oft die Worte fehlen. Wie soll man das auch beschreiben? Kann man nicht! Für mich haben die Songs mit einem intensiveren Wahrnehmen von allem zu tun.

Hat Ihr Blick auf das Leben und die Welt sich durch den Unfall verändert?

Mit dem Autohersteller Kia ist der DJ eine Werbekooperation eingegangen.
Mit dem Autohersteller Kia ist der DJ eine Werbekooperation eingegangen.(Foto: Andres Iglesias Rodriguez - Getty Images for Kia)

Ich war auch vorher niemand, der die Sachen als selbstverständlich hingenommen hat. Aber der Blickpunkt verändert sich schon. Einkaufen im Supermarkt fand ich früher nervig, aber wenn man nicht mehr laufen kann, denkt man schnell anders. Auch ein einfacher Spaziergang bekommt eine ganz andere Bedeutung. Dir wird klar, wie toll diese Welt ist. Was ich vorher schön fand, finde ich jetzt noch viel schöner.

Klingt wie eine zweite Chance.

Das höre ich immer wieder. Ich werde auch oft gefragt, ob es sich leichter lebt, wenn man so etwas Schlimmes erlebt hat. Aber das ist ehrlich gesagt nicht so. Dir wird eher klar, wie schnell es gehen kann und es schleicht sich eine alltägliche Angst ein. Wenn meine Frau früher einkaufen gegangen ist, habe ich darüber gar nicht nachgedacht. Eine halbe Stunde später war sie ja zurück. Heute gucke ich alle paar Minuten auf die Uhr - weil ich weiß, dass es von einer Sekunde auf die andere vorbei sein kann.

Sie haben im März geheiratet. Waren Sie eigentlich schon verlobt oder haben Sie nach dem Unfall beschlossen, Nägel mit Köpfen zu machen?

Wir waren vorher schon verlobt. Der Unfall passierte in der Nacht von Samstag auf Sonntag. An dem Montag darauf wollten wir eigentlich ein schönes Foto zusammen aufnehmen und unsere Verlobung verkünden. Na ja, nun fand die Hochzeit halt ein Jahr später als geplant statt.

Und wie war sie?

Wunderbar. Meine Frau ist Kolumbianerin und hat in Paris, Peking und Australien gelebt. Wir haben Freunde in der ganzen Welt und unsere Gäste kamen von überall. Gefeiert haben wir auf einer Festung in Cartagena. Es war wirklich ein toller Tag.

Das Album "From Then On" ist seit Kurzem erhältlich.
Das Album "From Then On" ist seit Kurzem erhältlich.(Foto: Vandit Records)

Während Sie selbst ins Leben zurückfinden mussten, geriet in den letzten eineinhalb Jahren auch die Welt zunehmend aus den Fugen. Wie haben Sie das wahrgenommen?

Ich bin politisch durchaus interessiert, mische mich ein und engagiere mich, von daher habe ich diese Sachen sehr bewusst wahrgenommen. Ich erinnere mich noch gut, wie ich im Krankenbett lag und die Bilder aus Brüssel sah - von den Leuten, die sich am Flughafen in die Luft gesprengt haben. Da fragt man sich schon, was los ist und wie es weitergehen soll. Andererseits: Elektronische Musik hatte für mich immer ein verbindendes Element. Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen und Nationen kommen zusammen und für den Moment ist all das egal. Ich würde mir wünschen, dass die Leute diese positive Energie aus dem Club oder von dem Festival mit nach Hause nehmen, ins normale Leben, und das nächste Mal ein Lächeln auf den Lippen haben, wenn sie jemanden treffen, der anders ist als sie, statt einen Grundrassismus mit sich herumzuschleppen.

Für die Veröffentlichung Ihres Albums sind Sie nun eine Kooperation mit der Automarke Kia eingegangen. Wie wichtig ist es als Künstler heutzutage, sich solchen Deals zu öffnen?

Durch Sponsoring und finanzielles Engagement von Unternehmen wie Kia ist es mir möglich, meine Kunst noch mal ganz anders darzubieten. Wenn ich den Preis für meine Bühnenproduktion eins zu eins auf die Tickets umschlagen würde, könnten manche Fans sie wahrscheinlich nicht mehr bezahlen. Insofern muss man das immer etwas weiter fassen. Bei der Kia-Kampagne fand ich die ganze Herangehensweise einfach super, ich musste mich da nie verbiegen. Es ging immer darum, mich in den Clips authentisch darzustellen. Und der neue Stinger ist schon echt cool.

Fahren Sie gerne Auto?

Super gerne. Zu Hause habe ich aber einen SUV. Ich steige gerne etwas bequemer ein (lacht).

Mit Paul van Dyk sprach Nadine Wenzlick

Das Album "From Then On" bei Amazon bestellen oder bei iTunes downloaden

Quelle: n-tv.de

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