Unterhaltung
Pohlmann will und wollte immer nur eins: Musik machen.
Pohlmann will und wollte immer nur eins: Musik machen.(Foto: benedikt schnermann)
Montag, 15. Mai 2017

Aus der Höhle in Hirn und Herz: Pohlmann führt uns hinters Licht

Weggefährten ist nicht bunt geraten wie eine Packung Pop-Drops, es ist weit, es ist tief, direkt und ehrlich, oft überraschend, von hinten durch die Schulter ins Herz. In fast jedem Song spielt er mit Wortbedeutungen, dreht er Redensarten auf links und deckt die Widersprüche auf, die unser Alltag produziert. Ingo Pohlmann hat alleine, mit Band und seinem Produzenten Philipp Schwär sehr lange an den neuen Songs gearbeitet - daraus wurde Weggefährten, eine Platte, die in gleichen Teilen Keller wie Strand ist , privat wie politisch, genauso in sich zurückgezogen wie euphorisch losrockend. "Blues" ist eines der Schlüsselwörter. Die Single "Himmel und Berge" transportiert eine optimistische Lebensphilosophie: Manchmal haben wir das Glück zu begreifen, dass wir sind. Oft passiert dies unvermittelt. Und wir sind ergriffen und dankbar von dem Anblick der Berge, des Himmels und der Meere, die das Leben uns vor die Nase stellt. n-tv.de spricht mit Pohlmann über den Anblick der Welt, der sich in unserem Bewusstsein spiegelt. Und darüber, dass es beim "Staffellauf des Lebens" keine Ziellinie gibt, keine Teams die gegeneinander antreten. Denn der Sieg ist immer das Dasein, das Team ist der Mensch.

n-tv.de: Pünktlich wie die Maurer, der Herr Pohlmann … sorry, den kleinen Witz musste ich reißen …

Pohlmann: (lacht - trotz des schlechten Witzes, der darauf anspielt, dass er eine Maurerlehre gemacht hat und geradezu überpünktlich ist - sehr) Ist alles so stramm getaktet bei mir, weil ich auf Tour bin.

Was ist das Aufregendste am Touren? Dass man nicht weiß, wer da sitzt, wie viele da sitzen, wo man spielt, ob die mitsingen können, ob man selbst alles drauf hat von den neuen Songs?

Die komplette Mischung aus allem, was du gerade gesagt hast! Es wird sich dann erst zeigen, wie die Songs sich schlagen. Man verändert ja hier und da was in der Setlist, aber ich bin keiner, der da allzu fest drauf beharrt. Wir spielen nie genau das Gleiche. Bei fünf Platten haben wir ja auch schon eine Menge anzubieten.

Ingo, du nennst dich nur Pohlmann, warum?

Naja, mit Ingo bin ich irgendwie nicht so gesegnet, finde ich.

Spielt Herz und Hirn an: Ingo Pohlmann.
Spielt Herz und Hirn an: Ingo Pohlmann.(Foto: benedikt schnermann)

Kenn ich, das Dilemma. Sabine …

(lacht) Also, ich hätte auch ein Max werden können …

Maximilian Pohlmann - klingt schon schön. Meine Alternative war Patrizia, passt nicht so zu mir …

Ein bisschen tütü vielleicht. Naja, Sabine klingt schon weicher, stimmt, aber die armen Patrizias und Ingos da draußen …

Immer, wenn ich anfange, mich mit einem Interviewpartner zu beschäftigen, komm' ich ja vom Hundertsten ins Tausendste. Dann guck' ich Videos, will singen können, 'ne Show haben wie Inas Nacht, dann verliebe ich mich in die Musik.

Das ist toll. Das ist vor allem toll bei Konzertabenden in Städten, die schon viel gesehen haben und in denen ständig was los ist, wie in Berlin oder Hamburg. Dann kann wenigstens eine mitsingen. Und Konzerte sind, sage ich jetzt mal so salopp, wie ein Ballspiel: Man selbst muss den Ball als erster kicken, dann geht er ans Publikum, und dann geht's los, hin und her. Ich hoffe, das klappt überall so.

Aber alle, die sich Karten für ein Konzert kaufen, sind doch Fans, da steht doch keiner mit verschränkten Armen und langweilt sich.

Das kommt schon vor, aber es ist eher selten, stimmt. Wir sind ja auch ganz offen, wir haben keine Maske auf. Wir bringen Spaß, legen aber Wert auf eine große Dynamik und spielen auch ganz reduzierte Songs. Es geht um Herz und Hirn, und um Nähe. Den Zugang zum Publikum zu bekommen, das schafft man nur über Herz und das Zuhören über das Hirn. Ich bin jetzt nicht so der Showmensch im eigentlichen Sinne. Das würde bei mir nicht funktionieren. Manchmal, wenn ich einen Fehler mache, glaube ich eher, die Leute könnten denken, dass macht er extra, um jetzt authentisch zu wirken. Hand aufs Herz: Nein, ich bin immer zweimal pro Show ein Dussel.

Reden wir mal über dein Album "Weggefährten": Der Song "Himmel und Berge" - steht für? Die Bandbreite des Lebens??

Das steht für den Staffellauf des Bewusstseins (lacht)

Wie bitte?

Es beginnt in der Höhle, aus der du kommst, und gleichzeitig bist du schon der moderne Mensch. Aber das Hirn, das ist uralt, das ist immer noch das Gehirn eines Wesens, das eine Millionen Jahre zurückliegt. Und das finde ich unfassbar. In dem Lied gibt es die Zeile "Die Welt in uns wird immer kleiner als die Welt um uns herum", der Volksmundspruch ist aber eigentlich: "Die Welt in dir ist größer als die Welt um dich herum“. Das bedeutet, dass die Welt ist, wie sie sich darstellt, plus deine Persönlichkeit, deinem eigenen Blickwinkel! Plus das, was du aus dieser Welt machst. Das ist immer viel größer, weil es immer plus x ist. Und wir fangen gerade an, dieses plus x aufzugeben, um eine digitale Welt zu erschaffen, die uns mehr interessiert. Ach, da könnte ich noch viel mehr zu sagen, das meiste steht dann zwischen den Zeilen der Songs. 

Was steckt dahinter?

Ich versuche einfach, mein Interesse für das Dasein, für unsere Existenz, immer mit Gefühl zu koppeln. Aber dahinter steckt ein existenzieller Gedanke, und viele Gedanken drücken wir ja auch weg, weil wir vielleicht Angst vor der Auseinandersetzung haben. Aber wenn man die Gedanken zulässt, dann können sie zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit dem Dasein führen. Und das will ich als Musiker und Mensch einfach auch weiterhin tun.

Wenn man solche Lieder singt wie du, dann hilft allein das wahrscheinlich schon dabei, die Authentizität aufrecht zu erhalten. Wie kann man sich aber - und das interessiert mich ehrlich am meisten - so irre viel Text merken?

(lacht) Das ist nicht einfach. Aber wir haben viel geprobt. In der Hochphase 15 Stunden pro Tag, und das war eine große Herausforderung für mich. Aber nach drei Tagen hatten wir alles auf der Kette. Zum Glück sind das Lieder, die auf einer Akustikgitarre genauso funktionieren wir in einem Studio, also, das Grundgerüst ist ausreichend. Und ich habe zu manchen Songs Satzanfänge als Mogelzettel auf der Bühne. 

"Gelassenheit ist ein Geheimnis" singst du …. wie erreichst du die, die Gelassenheit?

Das weiß ich doch auch nicht genau (lacht). Nicht jeder alte Mensch ist ja gelassen. Alter ist 'ne relative Geschichte.  Auf der einen Seite ist das Alter ein Synonym für Erfahrung, und dann auch eine Art der Betrachtung: Für einen 11-Jährigen ist ein 28-Jähriger alt, für den 28-Jährigen ein 50-Jähriger. Der Song aber hat eine andere Ebene. Älter werden kann bedeuten, sich einen Überblick verschafft zu haben, um nicht in Panik zu verfallen oder Verantwortung übernehmen zu können, sich überlegen, wie wir dagegen ankommen, dass unsere Gesellschaft sich zum Beispiel auseinander entwickelt, weil da ein paar Scharfmacher spalten statt versöhnen, die drohen alles kaputt zu machen.

Du bist ganz schön kritisch mit dir und deinen Texten, oder? In einem Interview sagtest du vor kurzem, dass du schreibst, verwirfst, wieder schreibst, und dich dann sehr freust, wenn endlich was Gescheites dabei rauskommt …

Ich sitze da und texte so lange bis mein Herz mir glaubt . Als ich die Zeilen : "Wir haben uns gerade eingelebt, um auszusterben/ mein Haus steht auf Ruinen, um zur Ruine zu werden/ ich fand im Müll vergangener Zeiten einen alten Traum und jetzt steh' ich wieder vor dem  Fenster/ und schrei' nach Freiheit über'n Gartenzaun.“ Also , als ich das fertig hatte war ich zufrieden nach einem langen Tag schreiben und suchen.  

Das Album heißt "Weggefährten". Brauchen wir mehr Weggefährten?

Oh, das ist ein sehr dehnbarer Begriff. Ich wollte die Platte so nennen, nachdem ich schon ganz andere Namen dafür hatte. Lotus zum Beispiel.

Lotus?

(lacht) Ja, crazy, oder? Lange Geschichte. Erzähl' ich ein anderes Mal. Nur so viel: Das Artwork für's Cover sah zu sehr nach Massagesalon aus, da haben wir es lieber gelassen. Aber das Foto mit dem Hund gefiel einfach allen. Vielleicht zu kleinteilig, vielleicht gar nicht so klug, aber …

… aber es gibt doch gerade ein Vinyl-Revival …

… jaaaa!! Da sieht das nämlich unfassbar gut aus, das Cover.

Und die anderen Weggefährten?

Naja, das sind die Songs, die einen durch den Tag tragen. Oder der Hund: er könnte Musik symbolisieren. Man hat an einer Platte gesessen und nun ist Zeit für eine Verschnaufpause. Ein Weg liegt hinter einem und es gibt eine Erfrischung und dann ziehst du weiter und gehst auf Tour und der Hund kommt mit. 

Wird der Blick auf die Menschen eigentlich schwerer?

Ja, schon, ich kämpfe gegen den Misanthropen in mir an. Das passiert in dem Maße, in dem wir erkennen, wie zerstörerisch wir sind, so gehen wir auch mit uns selbst zunehmend ins Gericht, glaube ich. Wir müssen aufpassen,  dabei nicht unter die Räder zu kommen. Der Mensch in seiner Masse versucht sich politisch zu regeln und fliegt dabei einen recht wackeligen Hubschrauber. Ich versuche ganz oft, etwas an mir zu ändern, aber dann scheitere ich auch wieder, und das nervt total. Ich bleibe aber dran und weiß, dass Konsequenz Quatsch ist .

Mit der Zeile "Glaube komm, und führ' mich hinters Licht, hier am Ende meines Tunnels sitze ich und brenne lichterloh", sind wir schon bei einer Frage, für die es eigentlich keine Antwort gibt, ein existenzielles Lebensgefühl sehr wohl. Und deine Plattenfirma schreibt: "Er stolpert, fällt, hofft und ringt um die Liebe, wie in keinem seiner Lieder zuvor." Du ringst um Liebe?  Und suchst den Glauben? Oder möchtest du lieber flüchten?

Flüchten, ja, da gibt es Möglichkeiten (lacht). "Führ' mich hinters Licht" ist ja doppeldeutig, das bedeutet, dass man einerseits vom Glauben hinters Licht geführt wird, aber auch, dass man die Chance hat, das Leben JETZT wahrzunehmen. Ich sollte meine Zeit nicht so verplempern. Die Zeit fliegt uns sowieso schon davon, wir können sie nutzen um zu Leben. Nicht erst dann, wenn es eng wird. Das Licht am Ende des Tunnels kann man selber anzünden. Oder man wartet,  dass ein Arzt einem sagt, du hast noch zwei Monate, um eine Energie in dir zu spüren, die du vielleicht hättest früher spüren können.

Ich habe nicht das Gefühl, dass du deine Zeit verplemperst.

Tjaa, ich bin ein sehr extremer Typ, ich kann auch 14 Stunden am Computer spielen ohne mit den Augen zu zwinkern oder zu duschen, und dann sag' ich mir hinterher, was für ein Vollidiot ich bin. Ich bin widersprüchlich und glaube, dass ist jeder. Songs erhalten aus diesem Spannungsfeld ihre Kraft. Ich muss nur ehrlich mir gegenüber sein und bleiben.

Oft wirst du sicher auch gefragt, ob du denn noch einen "anderen Beruf" hast. Als ob man das einen Arzt fragen würde, oder einen Juristen. Musiker, vor allem deutsche, fragt man immer, ob sie noch was "Richtiges", was Solides gelernt haben. Nervt das nicht? Du hast ja Maurer gelernt …

Das stimmt. Aber ich war und bin euphorisch oder naiv genug, um stets daran zu glauben, dass ich Erfolg habe oder dass es weitergeht. Ich wollte immer nur Musik machen. Ich habe meinen Vater sogar eine Zeitlang angelogen, dass ich Bauwesen studiere in Hamburg ... also das wäre der Plan B gewesen. Dann wär' ich jetzt aber Barkeeper oder Maurer. Aber ich würde immer weiter Musik machen, weil es mir Spaß macht. Ich kenne meinen Plan B also nicht wirklich.

Dürfte deine Tochter machen was sie will?

Das weiß ich noch nicht (lacht). Die hat jedenfalls mit drei schon genug Temperament, um sich durchzusetzen. Die wird sicher ihr Ding durchziehen. Ich würde das natürlich gerne begleiten, egal, was sie macht. Aber als Künstler ist man der Erfinder und Finder seiner eigenen Welt, da kann einem ein anderer gar nicht so reinreden. Dafür braucht man aber den Durchblick. Den hatte ich früher nicht. Sonst hätte ich ja Erfolg wie U2 oder Coldplay (lacht). Aber ich bin immer dabei, mich zu verbessern.

Nochmal zu "Weggefährten": Alles erwächst aus dem Blues. Alle beginnt für dich mit dem Trip des Lebens in Anlehnung an den Film "Stand by me". Warum der Blues?

Ich würde sagen, ich mache Bluespop. Ich könnte noch poppiger werden, um im Radio gespielt zu werden, aber dem Blues in mir wird das nicht bekommen. Und deswegen mache ich es lieber so, wie es mir beziehungsweise uns gefällt. Das ist der Wert, den wir beitragen können. Es wird sich schon rumsprechen, dass das gut ist. Diese Platte hat eine Haltbarkeit.

Was wünschst du dir?

Puh, also, was soll ich da sagen? Da steh' ich ja wie der Ochs' vorm Berg (lacht).

Dass jetzt Sommer wär' vielleicht?

Genau! Das spiele ich übrigens immer noch sehr gerne auf der Tour. Und wenn mir noch was einfällt außer Weltfriede, dann ruf' ich an, ok?

Ok!

Mit Ingo Pohlmann sprach Sabine Oelmann

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"Pohlmann" ist auf Tour und noch in folgenden Städten: 

18.5. Wilhelmshaven, Pumpwerk

19.5. Bochum, Bahnhof Lagendreer

20.5. Hameln, Sumpfblume

23.6. Heiligenhafen, Hafenfest

28.7. Rostock,  Rostock Rockt!

Quelle: n-tv.de

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