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Casper, hier bei einem Auftritt im Juli in Bern, befindet sich gerade auf Geheimtournee durch Deutschland.
Casper, hier bei einem Auftritt im Juli in Bern, befindet sich gerade auf Geheimtournee durch Deutschland.(Foto: dpa)
Montag, 04. September 2017

Geheimkonzert von Casper: Unbequeme Musik für unbequeme Zeiten

Von Nadine Wenzlick

Ein Jahr später als geplant hat Casper sein neues Album "Lang lebe der Tod" veröffentlicht. n-tv.de war beim Geheimkonzert in Hamburg dabei - und traf den Rapper vorab zum Gespräch über erfüllte Träume und dunkle Zeiten.

Der Fußboden wackelt. Es ist deutlich zu spüren, wie er immer wieder nachgibt, während das Hamburger Publikum auf und ab springt. Rapper Casper gibt an diesem Sonntagabend ein Geheimkonzert im Mojo Club. Tickets gab es nur zu gewinnen. Manchen Fans hat Casper als Einladung persönlich Postkarten, CDs mit Sprachnachrichten, einen Blumenstrauß ein Bahnticket oder T-Shirt geschickt, andere haben im Radio gewonnen oder am Nachmittag vorm Club noch eins der letzten 150 Tickets ergattert. Nach nur neun Minuten waren sie vergriffen. Kein Wunder, dass nun Ausnahmezustand herrscht. Die Energie, die Casper gemeinsam mit seiner fünfköpfigen Band auf die Bühne bringt, ist kaum in Worte zu fassen. Sofort entsteht das Gefühl, etwas Besonderem beizuwohnen.

Anlass von Caspers Geheimtournee, die ihn in den nächsten Tagen noch nach München, Stuttgart, Berlin und Köln führt, ist die Veröffentlichung seines neuen Albums "Lange lebe der Tod". Eigentlich sollte es schon vor einem Jahr erscheinen. Die gleichnamige Single, ein düsteres Industrial-Rap-Stück, auf dem Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten, Sizarr und Dagobert zu hören sind, hatte bereits für Begeisterungsstürme gesorgt, als der 34-Jährige zu der Erkenntnis kam, dass er den Rest des Albums noch mal überarbeiten müsse. "Danach haben mir immer wieder Leute auf die Schulter geklopft, wie mutig sie das fänden", erzählt Casper unmittelbar vor dem Konzert im Gespräch mit n-tv.de. "Dabei war es für mich die größte Niederlage meines Lebens. Ich mache jetzt seit zehn Jahren Musik. Ich war der Stararchitekt, der zwei riesige Wolkenkratzer hochgezogen hat, und auf einmal stand ich da und kriegte nicht mal ein Baumhaus konstruiert. Mir fielen die Latten raus, ich hatte die falschen Schrauben dabei."

"Ich war einfach müde"

Das Hadern mit sich selbst war das eine Problem, Erschöpfung das andere. Bereits mit seinem Debütalbum "Hin zur Sonne" hatte Casper, der bürgerlich Benjamin Griffey heißt, 2008 in der Hip-Hop-Szene für Aufmerksamkeit gesorgt, mit "XOXO" feierte er drei Jahre später den großen Durchbruch. Seine Reibeisenstimme war einzigartig, sein Hip-Hop klang neu und seine persönlichen, emotionalen und oft melancholischen Texte sprachen einer ganzen Generation aus der Seele. "XOXO" und dessen Nachfolger "Hinterland" erreichten die Spitze der Charts.

"Natürlich ist es toll, Erfolg zu haben, ich habe mir damit einen Traum erfüllt - aber ich war einfach müde", sagt er. "Meine Fans sind sehr leidenschaftlich und ich bin eine wahnsinnige Projektionsfläche geworden. Irgendwann fühlte ich mich wie der Typ in 'The Green Mile', der die ganzen Probleme isst und Fliegen ausspuckt." Obendrauf nahm die Hysterie um seine Person zum Teil absurde Ausmaße an. "Die Leute sagen immer, man habe sich das ja ausgesucht. Aber ich habe keinen Vertrag unterschrieben, dass Leute versuchen, in meine Wohnung einzubrechen", fährt er fort. "Zwischendurch hatte ich wirklich Phasen, in denen ich dachte, ich ziehe nach Virginia und werde Tischler."

"Wir sind die Plage"

Hat er dann aber doch nicht gemacht. Die, wie er selbst sagt, "dunkelste Phase" seines Lebens überstand Casper, indem er seine Ängste und Zweifel vertonte. "Bin und war kein Held, den ihr braucht", rappt er in "Meine Kündigung", stellt sich in "Deborah" seinen depressiven Momenten. Doch statt den Blick nur auf sich selbst zu richten, handelt "Lang lebe der Tod" auch von der Welt um ihn herum. Neun neue Stücke stellt er beim Konzert im Mojo Club vor. Er wettert gegen Wutbürger und Verschwörungstheoretiker, die es sich in ihren "kleinen Blasen" bequem machen ("Morgellon") und konstatiert: "Wir sind die Plage, wir sind der Schwarm, nie satt, fressen uns ins Grab" ("Wo die wilden Maden graben"). Im Titelsong des Albums geht es derweil um unsere scheinbar grenzenlose Sensationslust. "Nach dem Amoklauf in München gab es ein Video von einem Mann, der mit dem Gesicht auf der Straße lag, Sanitäter drum herum, die Einschusswunden haben geblutet", so Casper. "Der Typ, der filmte, hielt die ganze Zeit drauf und meinte noch: 'Guck doch mal hoch'. Das fasst den Song eigentlich perfekt zusammen."

Auf seinem neuen Album "Lang lebe der Tod" schlägt Casper viele nachdenkliche Töne an.
Auf seinem neuen Album "Lang lebe der Tod" schlägt Casper viele nachdenkliche Töne an.(Foto: Christian Alsan / Sony Music)

"Unbequeme Musik für unbequeme Zeiten" habe Casper machen wollen. "Im Moment herrscht eine komische Stimmung", sagt er. "Auf Instagram postet keiner ein Foto davon, wie er verkatert im Bett liegt, aber aus dem Paradies in Ko Phangan natürlich schon. Das führt dazu, dass man ständig denkt, allen anderen gehe es besser als einem selbst. Dadurch gibt es ein Dürsten nach mehr, das dann in Wut mündet. Das klingt immer so verrückt, wenn man das sagt, aber ich glaube, dass Social Media einen großen Teil dazu beträgt, wie wir aktuell miteinander kommunizieren."

Genregrenzen adieu

Vertont hat Casper diese bissigen Zeilen höchst abwechslungsreich. Genregrenzen spielen für ihn schon lange keine Rolle mehr, doch auf "Lang lebe der Tod" weicht er sie endgültig auf. Zu der poppigen Single "Keine Angst", die er mit dem Sänger Drangsal aufnahm, oder dem Elektro-Rumms "Sirenen" kann man wunderbar tanzen. Die lauten Gitarren in "Wo die wilden Maden graben" stehen in Kontrast zu dem ruhigen Songwriterstück "Meine Kündigung", und "Flackern, Flimmern" ist ein sechsminütiges Epos. Als Zugaben spielt er im Mojo Club mit "Im Ascheregen", "Auf und Davon" und "Jambalaya" noch drei alte Stücke. Der Jubel nimmt kein Ende, Casper winkt, grinst, zieht seine Mütze und sieht sehr zufrieden aus. Am Ende ist klar: Allen Zweifeln zum Trotz ist Casper mit "Lang lebe der Tod" ein Mammutwerk gelungen, das den Ist-Zustand im Land nicht besser einfangen könnte.

Die #catchcasper3 Geheimtour macht noch Halt in München (4.9.), Stuttgart (5.9.), Berlin (6.9.) und Köln (7.9.). Mehr Infos gibt es hier. Im November ist Casper auf großer Deutschland-Tour.

Quelle: n-tv.de

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