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Gerne ein Schlagersänger: Roland Kaiser.
Gerne ein Schlagersänger: Roland Kaiser.(Foto: Sandra Ludewig / Sony Music)

Mit Roland Kaiser geht's ins Bett: "Vielleicht war ich ein Arschloch"

Es ist 10 Uhr morgens. Roland Kaiser sitzt in der Lobby eines Hamburger Hotels und bestellt einen Tomatensaft mit Salz und Pfeffer. "Das trinke ich nicht nur im Flugzeug", kommentiert die 63-jährige Schlagerikone mit einem Grinsen. Und dann klingelt auch noch Kaisers Handy. Sein Sohn Jan ist dran. "Was kann ich für dich tun, mein Süßer?", fragt er, um sich zwei Minuten später vollends dem n-tv.de Interview zu widmen. Denn es gibt ja einiges zu erzählen: über sein neues Album "Auf den Kopf gestellt", sein Leben nach der Lungentransplantation und sein Engagement für ein buntes gesellschaftliches Miteinander.

n-tv.de: Herr Kaiser, wie fühlt man sich als Grandseigneur des deutschen Schlagers?

Roland Kaiser: Diese Wortschöpfung ist mir ein bisschen unheimlich. Aber meine Gattin findet es sehr passend. Sie sagt, es stimmt: Mittlerweile bin ich der Grandseigneur! Ich kann damit gut leben.

Udo Jürgens hat sich gerade in seinen letzten Lebensjahren oft vom Schlager distanziert. So ist das bei Ihnen aber nicht, oder?

Ohne den Schlager hätte Udo nie einen Hit gehabt. Denn ein Schlager ist ja nichts weiter als ein Titel, den die Mehrzahl aller Menschen nachsingen und nachpfeifen kann - so steht es im "Brockhaus". Und die Amerikaner sagen, ein Hit ist ein Hit, völlig egal, aus welchem Genre er kommt. Insofern bin ich gerne Hit- oder Schlagersänger.

Aber gibt es solche durch alle Bevölkerungsschichten durchbrechenden Schlager überhaupt noch - wenn man mal von "Atemlos" absieht?

Mein vor zwei Jahren veröffentlichtes Duett mit Maite Kelly - "Warum hast du nicht nein gesagt" - knackt demnächst die 11-Millionen-Marke bei Youtube. Das ist also so ein durchgreifender Schlager, der auf dem besten Weg ist, zum Evergreen zu werden.

Sie haben mal gesagt: "Bei meiner Musik gehen die Leute nicht Hand in Hand spazieren, sondern landen eigentlich immer im Bett!"

Weil es die Wahrheit ist!

Woher wissen Sie das?

Meine Lieder appellieren in der Regel nicht so sehr ans Herz. Meine Hits haben oftmals eine direkte Sprache: "Dich zu lieben", "Lieb mich ein letztes Mal", "Manchmal möchte ich schon mit dir" und "Joana" sind im Grunde alles Stücke, die dahinführen, wo zwei Menschen, die sich mögen, auch meistens landen: im Bett.

Also ist der Kaiser ein Aphrodisiakum?

Das kann man so nicht sagen. Denn auch Udo Jürgens hat ja in dieser Klarheit davon gesprochen, wenn er sang: "Es wird Nacht, Señorita, und ich hab' kein Quartier. Nimm' mich mit in dein Häuschen, ich will gar nichts von dir!" Das geht auch im Schlager, wenn man es geschickt verpackt.

Ein Jahr nach Ihrer Lungentransplantation im Jahr 2010 gaben Sie ein umjubeltes Comeback-Konzert in der Hamburger Laeiszhalle. Ihre Kollegin und Freundin Mary Roos meinte damals: "Es ist ein Wunder, das sagen sogar die Ärzte." Haben Sie das auch so empfunden?

Ja, klar. Die Mediziner haben Großartiges geleistet. Meine Kondition ist besser denn je. Das lässt mich auch hoffnungsvoll in die Zukunft blicken.

Denken Sie daran, wem das Organ gehörte?

Nein, ich habe nicht das Bedürfnis zu wissen, wer der Mensch war. Ich fühle mich einfach nur geheilt und bin dem Spender unendlich dankbar. Meine Pflicht ist es, mit dem Organ sorgsam umzugehen.

Mit der Transplantation einer Lunge bekam er eine zweite Chance.
Mit der Transplantation einer Lunge bekam er eine zweite Chance.(Foto: Sandra Ludewig / Sony Music)

Empfindet man vor so einer Operation eher Dankbarkeit über die Organspende oder eher Angst vor der Operation?

Bei mir war es eine große Freude auf eine zweite Chance. Angst war da gar nicht mehr.

Unterteilen Sie Ihr Leben in ein Vorher und Nachher?

Nein, aber man ist danach automatisch ein Anderer. Das wäre ja auch schlimm, wenn man so eine besondere Situation nicht reflektieren würde. Ich bin entspannter, nehme alles nicht mehr ganz so bierernst und wichtig. In vielen Situationen ist eine Aufgeregtheit von früher einer gelassenen Freude gewichen.

In dem Titelsong der neuen Platte singen sie davon, dass Sie extrovertiert waren, eben genau das Gegenteil von dem, was Sie gerade beschrieben haben.

Es gab Phasen in meinem Leben in den 80er Jahren, da hat mich ein Hit nach dem anderen getroffen, das verändert einen Menschen schon. Wenn ich das retrospektiv reflektiere, sage ich mir: Da warst du manchmal schon nicht ganz so einfach, um es mal freundlich auszudrücken.

Ein Arschloch?

Vielleicht auch das, ja. (grinst)

Wie hat sich das geäußert?

Man ist unkritisierbar. Man hält sich wirklich für den Mittelpunkt der Welt. Was ja per se jeder für sich denkt. Das fängt schon an, wenn man sagt: "Mir schmeckt das nicht." Diese Einstellung ändert sich erst, wenn man Kinder kriegt. Tatsache ist aber, dass man in der Situation, in der ich mich befand, eine gewisse Zeit lang glaubt, man sei so wichtig wie seine Plattenumsätze. Irgendwann merkt man, dass man von Leuten umgeben ist, die einem eh nur Recht geben, weil sie in dem Glanze mitfahren wollen. Dann kommt vielleicht das erste Mal, dass es nicht mehr so gut läuft, man denkt nach und muss hart arbeiten. Aber Persönlichkeiten bei Menschen bilden sich ja eh, wenn sie in Tälern sitzen, nicht auf den Bergspitzen.

Ich habe mir ein paar alte Albumcover von Ihnen angeguckt: Ihrem eleganten Stil sind Sie durchweg treu geblieben.

Das war damals auch eine Entscheidung der Bequemlichkeit. Heute ist es eine Passion von mir, gute Anzüge zu tragen.

Hatten Sie auch mal eine rebellische Rocker-Phase?

Nein, nie.

Wissen Sie, wer Lemmy von Motörhead war?

Ich habe die wohl schon mal gehört, ja.

Und David Bowie?

Ja, ja, schon. Ich kenne nicht nur Peter Alexander, wenn Sie das wissen wollen!

War es seinerzeit ein Anflug von Überheblichkeit, dass Sie sich den Künstlernamen Kaiser zugelegt haben?

Nein. Warum? Mit dem Namen hätte ich auch Versicherungsvertreter werden können!

Oder Fußballtrainer.

Ich kam mit meinem bürgerlichen Namen Ronald Keiler bei der Plattenfirma an, da haben die gesagt: Geht nicht. So kann man nicht heißen. Wir machen dir mal einen Vorschlag. Sie haben phonetisch gleichbleibend Roland Kaiser draus gemacht. Damit konnte ich leben. Es war kein Anfall von Überheblichkeit.

Das Album "Auf den Kopf gestellt" ist seit Freitag im Handel.
Das Album "Auf den Kopf gestellt" ist seit Freitag im Handel.(Foto: Sony Music)

Sind Sie in den vergangenen Jahren spirituell geworden? Ich habe nämlich gelesen, dass Sie öfter mit Kapuzinermönchen in Ihrem Wohnort Münster reden.

Das mache ich sehr oft, ja. Weil es mir Spaß macht, mich mit klugen Menschen auszutauschen, die unheimlich viel wissen und auch eine andere Sichtweise aufs Leben haben. Das macht mich demütig, ich nehme eine Menge aus diesen Gesprächen mit. Aus demselben Grund rede ich auch gerne mit Frank-Walter Steinmeier. Es ist eine pure Freude, mit dem Mann befreundet zu sein.

Sie und der Außenminister sind beide Botschafter für die Organspende.

So begann unsere Freundschaft überhaupt erst! Ich hatte ihn bei seiner Kanzler-Kandidatur im Wahlkampf 2009 unterstützt. Wir verabschiedeten uns. Ein paar Wochen später spendete er seiner Frau eine Niere, und ich wurde transplantiert. Als er davon hörte, schrieb er mir, was mir einfiele, ihm das nicht gesagt zu haben. Und ich antwortete, dass er das ja schließlich auch nicht getan hätte. Seitdem sind wir wirklich gute Freunde.

Auch mit Rammstein-Sänger Till Lindemann sind Sie dicke - er hat für Sie auch mal ein Lied geschrieben. Das klingt erst mal ungewöhnlich ...

Warum sollte ich Vorbehalte haben? Er hat ja auch keine. Wir sind uns bei verschiedenen Veranstaltungen über den Weg gelaufen. Uns verbindet eine gegenseitige Wertschätzung. Er ist ein bodenständiger Verrückter und manchmal auch schwierig. Ich mag das sehr.

Anfang 2015 haben Sie sich auf einer Anti-Pegida-Kundgebung in Dresden, wo Sie auch diesen Sommer wieder Ihre Kaisermania-Konzerte spielen, für ein buntes Miteinander ausgesprochen. Seitdem hat der Fremdenhass allerdings weiter zugenommen.

Im Januar 2015 trat Kaiser bei einer Anti-Pegida-Veranstaltung in Dresden auf.
Im Januar 2015 trat Kaiser bei einer Anti-Pegida-Veranstaltung in Dresden auf.(Foto: picture alliance / dpa)

Ja, und wir haben noch eine Partei, die AfD, die obendrein noch das Feuer schürt.

Sie sollen danach selbst Ziel verbaler Anfeindungen geworden sein.

Ich lese so was gar nicht, aber meine Frau erzählt mir davon, wenn sie in den sozialen Medien aktiv ist, wo offensichtlich jeder Dreck werfen kann. Aber das ist mir völlig egal. Ich kann meine Meinung doch nicht davon abhängig machen, ob jemand meinem Konzert fernbleiben will oder mir droht.

Auf Ihrer neuen Platte gibt es den Song "Und wenn dein Name Leila wäre" - ein recht subtiles Plädoyer für mehr Toleranz. Wie politisch darf Schlager sein?

Wenn ich rede, verstehe ich mich als politisch. Aber wenn ich singe, bin ich Unterhaltungskünstler. Ich bin dann dafür da, dass Menschen, die in mein Konzert kommen, nach zweieinhalb Stunden mit einem guten Gefühl nach Hause gehen. Und nicht, um sie zu belehren oder politische Thesen von mir zu geben. Die wären für einen drei-Minuten-Song auch viel zu komplex.

Bald gehen Sie auf große Tournee.

Ich bin dieses Jahr 16 Tage Open-Air-mäßig unterwegs. Überall. Da werden wir zum Teil auch die neue CD spielen. Und die Hits in neuem Anstrich. Da freue ich mich schon richtig drauf.

Mit Roland Kaiser sprach Katja Schwemmers.

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Roland Kaiser spielt 2016 diverse Konzerte "Live & Open Air": Uelzen (5.6.), Stralsund (11.6.), Spremberg (22.7.), Schwerin (23.7.), Chemnitz (5.8. & 6.8), Salzgitter (18.8.). Unter dem Motto "Kaisermania" finden vier Konzerte in Dresden statt (29.7. & 30.7. sowie 12.8. & 13.8.). Im Frühjahr 2017 folgt zudem eine ausgiebige Hallentour zum neuen Album.

Quelle: n-tv.de

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