Unterhaltung
Manuel Poppe (Mitte) und Marco Wanda (r.) sind ein eingespieltes Interview-Team.
Manuel Poppe (Mitte) und Marco Wanda (r.) sind ein eingespieltes Interview-Team.
Mittwoch, 11. Oktober 2017

"Das wird floppen": Wanda servieren ihr Herz auf dem Tablett

Sie singen, als sie den Raum betreten: Marco und Manuel sind gut drauf. Den ganzen Tag geben sie schon Interviews. Und eigentlich geht das ja seit drei Jahren durchgehend so. Aber das macht den beiden nichts aus, sie haben jeden Grund, gut gelaunt zu sein: Sie stürmen kontinuierlich die Charts. Mit "Amore" (2014) hielten sie sich 102 Wochen in den österreichischen Charts, der Nachfolger "Bussi" bleibt 2015 vier Wochen auf Platz eins. "Amore" wird zu einem geflügelten Wort und Wanda geben vor Hunderttausenden Zuschauern ein Konzert nach dem anderen. Schaut man sich die Kommentare unter ihren Videos an, dann werden die fünf Jungs entweder geliebt oder gehasst. Geliebt, weil sie so authentisch, so rockig, so echt sind und Lieder zum Mitsingen spielen, die Texte haben, in denen so viel Wahres, aber auch so viel Witz steckt; es sind Typen zum Anfassen. Andere finden, sie kommen nicht an Falco heran - als wäre Falco der einzige Maßstab, nach dem ein Österreicher und Musiker sich zu richten hätte. Nun, Falco ist tot, Wanda leben - und wie! Wanda haben schon vieles gesagt, was richtig ist. Ob es stimmt, wissen aber allein nur sie, denn die Jungs sind auch widersprüchlich. Aber gerade das macht sie so faszinierend. Sie singen über Wien, und doch ist Wien nichts weiter als eine Stadt wie jede andere auch, wenn man anfangen sollte, da zu viel hineinzuinterpretieren. Und der allgegenwärtige Tod? Ach Gott, ja ... Mit n-tv.de sprechen Sänger Marco Wanda und Gitarrist Manuel Poppe in Berlin deswegen lieber über Amore, Schnaps, Katzen, Katzenvideos, Erwartungen, Erwachsenwerden und auch über das neue Album "Niente", das so großartige Lieder wie das bereits bekannte "Colombo" enthält, aber auch "Ein letztes Wienerlied" mit so herausragenden Textzeilen wie: "Lieber guter Himmelsvater / Einmal möcht' ich noch im Prater / Fahren mit der Grottenbahn / Und möcht' am Ringelspiel mich drehen / Möcht' die Wiener Madeln seh'n".

Manuel: Wir feiern Geburtstag.

n-tv.de: Wem darf man gratulieren?

Marco: Unserem Album, es ist gerade herausgekommen. Ich hätt's doch glatt vergessen, aber der Manuel ist angekommen, um Mitternacht mit Sekt und so, und da haben wir angestoßen, *kling* (lacht).

n-tv.de: Dann herzlichen Glückwunsch und toitoitoi, das wird sicher wieder ein Erfolg. Aber was sag' ich - ich bin schließlich die letzte Journalistin Deutschlands, die mit euch spricht. Bei allen anderen seid ihr schließlich schon gewesen ...

Das ist Quatsch ...
Das ist Quatsch ...(Foto: dpa)

Marco: Ach Quatsch, da gibt's noch andere, mit denen wir nicht geredet haben. Aber stimmt schon, das Interesse hier bei euch ist echt groß. Ihr kommt jetzt auch alle, weil ihr denkt, dass wir durch sind. Unser Album wird floppen und dann sehen wir uns nie wieder (lacht).

Jetzt muss ich aber mal sagen: Quatsch, das wird nicht floppen!

Manuel: Na gut, wir lassen es nicht floppen. Wir kommen wieder.

"Weiter weiter" heißt der erste Song auf dem Album - weiter geht's doch gar nicht. Wo wollt ihr denn hin?

Marco: Naja, wir waren fast ein Jahr weg, was eigentlich ur-kurz ist (lacht), aber wir wollten die Leute eben gleich wieder so richtig (breitet die Arme aus) empfangen.

Wie schafft ihr das denn eigentlich - ihr seid ja mega mega aktiv ...

Manuel: Bis Mitte 20 sind wir so um unser Leben herumgegrundelt ...

Also ihr habt überlegt, was ihr mal werden wollt, wenn ihr groß seid ...

Manuel: Ja, wir waren einfach so unbewusste Fleischberge ...

Marco: Ziellos, richtungslos ... Nee, nicht ganz so schlimm. Ich denke, wir alle hatten jeder für sich die Vision, mit der Musik Menschen glücklich zu machen. Denn das ist das Geschenk, das wir empfangen haben, von den Bands, die wir gehört haben.

Wer hat euch denn am glücklichsten gemacht?

Marco: Die Beatles, Nirwana, Oasis ...

Manuel: Sonic Youth ...

.... und jetzt wollt ihr vieles so machen wie die Beatles?

Marco: Man MUSS alles so machen wie die Beatles (lacht).

Ihr hört aber nicht so früh auf wie die Beatles?

Marco: Nein, natürlich wollen wir nicht jeden Aspekt der Beatles nachahmen. Aber die haben ganz viel richtig gemacht.

Manuel: Und wenn wir jemanden nachmachen, dann das A-Team. Jeder hat seinen Spezialfähigkeiten und seinen comichaften Charakter. Wir bleiben euch also nicht erspart, keine Sorge.

Ich verstehe euch erstaunlicherweise ganz gut - ich versteh' euch besser als Kölsch-Rocker. Ihr klingt für mich wie Urlaub. Gebt ihr euch eigentlich Mühe, verständlich zu sein?

Marco und Manuel: (lachen)

Marco: In Wien spricht man eh so ein RTL2-deutsch. Wien ist ja kein Dialekt-Hinterland, sondern eine Weltstadt. Deswegen versteht man uns auch.

Manuel: Genau, das ist eher so ein kleiner Akzent, aber wir haben keinen Slang.

Manuel Poppe (Gitarre, 2.v.r.), Christian Hummer (Klavier), Reinhold Weber (Bass) und Lukas Hasitschka (Schlagzeug) und Sänger Marco Wanda.
Manuel Poppe (Gitarre, 2.v.r.), Christian Hummer (Klavier), Reinhold Weber (Bass) und Lukas Hasitschka (Schlagzeug) und Sänger Marco Wanda.

Ticken Wien und Berlin ähnlich?

Marco: Weiß nicht, ist mir noch nicht so aufgefallen. Ich glaube, auf bestimmten Ebenen ticken einige Leute eh immer ähnlich, so wie die anderen auf den anderen Ebenen, egal, in welcher Stadt. Wir versuchen ja auch, Menschen mit unserer Musik zusammenzubringen. Wir singen über Dinge, die sie verstehen, das verdienen die Leute. Das tun ja nicht viele Bands.

Gebt ihr viel von euch preis in euren Texten? Ihr schummelt ja jetzt eh bei der Antwort ...

Manuel: Unser Herz bekommst du auf einem Silbertablett serviert, (lächelt und schiebt ein Marzipanherz in Frischhaltefolie rüber) - aber über unser Privatleben sagen wir trotzdem kein Wort (grinst).

Marco: Wir haben uns nie boulevardisieren lassen.

Manuel: Willst du eigentlich einen Schnaps? (greift zu einer kleinen hübschen Flasche, auf der "Bussi" steht) Oh schade, die hat der Kollege vor dir wohl schon ausgetrunken ...

Also seh' ich auch nicht aus wie deine Schwiegermutter? Wie du vorhin gesagt hast?

Manuel: Das habe ich nie gesagt, das ist Fake-News!! (lacht)

Ihr seid um die 30, ihr habt euer drittes Album draußen - verspürt ihr Druck? Nach all den Erfolgen?

Marco: Wir sind total siegessicher (lacht). Wir haben uns in zwei Jahren von 20 Leuten auf 20.000 in Wien raufgespielt und wir wissen, dass wir den Menschen etwas bedeuten. Genauso wie umgekehrt.

Manuel: Eine Erwartungshaltung gibt es schon, aber die kommt von uns, und die heißt: Einfach am Leben bleiben. Und so gut es geht Musik zu machen.

Arbeitet ihr daran, am Leben zu bleiben?

Marco: Also das ist schon Druck, stimmt, aber das schaffen wir (lacht).

Eure beiden letzten Alben gelten bereits jetzt als "ewige Klassiker" und "popkulturelle Phänomene", ihr habt vierfaches Platin im Regal - wie geht man da an ein neues Album ran?

Marco: Ich bin für solche Begriffe sowieso völlig blind. Wir haben ja nie etwas für andere getan. Wir wollten immer nur uns genügen. Wir haben nicht immer gewusst, ob dieses oder jenes automatisch anderen gefallen wird. Es ging nie darum, sich anzubiedern, es ging nie darum, das hier so groß wie möglich zu machen oder so lange wie möglich zu bleiben. Es ging nur darum, ein besseres Leben zu führen. (zögert) Das davor war kein gutes Leben. Weißt, wir haben uns ja nicht mit Mitte 20 entschieden, "so, dann nehmen wir mal die Gitarre in die Hand und spielen was Schönes". Wir haben das IMMER gewollt. Doch vorher sind wir völlig lebensunfähig gewesen, jeder auf seine kleine, entzückende Weise. Diese Band war unsere Rettung.

Manuel: Wir nehmen seit fünf Jahren kontinuierlich Lieder auf. Aber wir schreiben kein Album. Das Album ist letztlich eine Selektion des Lieder-Fundus, der sich angesammelt hat.

Gibt alles: Marco Wanda, geboren als Michael Marco Fitzthum.
Gibt alles: Marco Wanda, geboren als Michael Marco Fitzthum.(Foto: imago/Votos-Roland Owsnitzki)

"Niente" hört sich aber so an, als würde das genauso, in der Reihenfolge, auch einen Sinn ergeben.

Marco: Es ist die in sich geschlossenste Platte, die wir je aufgenommen haben. (zögert) Es ist auch die Beste. (lacht) Wodurch sie sich logischerweise am schlechtesten verkaufen wird, ich bleib' dabei (lacht).

Du siehst das zu schwarz. Apropos: Ihr seid die "schwarz oder weiß, auf keinen Fall grau"-Typen, oder? Heiß oder kalt, aber nicht lauwarm. Alles oder nichts ...

Manuel: Ja, das passt schon.

Marco: Ich kenn' mich gar nicht. Ich weiß überhaupt nichts über mich. Ich will auch gar nichts über mich wissen, ich mag mich einfach so. (lacht)

Manuel: Es gibt einen Trick: Wenn es mal zu wild wird oder zu fad, dann einfach Katzen anschauen.

Katzen-Videos?

Manuel: Nein, echte. Eigene Katzen. Ich hab' zwei Katzen.

Marco: (lacht) Er redet ja nie über sein Privatleben ...

Boulevard, Boulevard!!!

Manuel: Ist ja auch 'ne Lüge. Glaubst du etwa echt, ich hab' Katzen? (lacht)

Marco: Er hat Spinnen ...

Ist seit "Amore" mehr Liebe auf der Welt?

Marco: Wenn ich glauben würde, das zu wissen, oder wenn ich die Welt in der Richtung beeinflussen wollen würde, dann würde ich verrückt werden, denke ich. Das ist etwas, was man nur in der Annahme tun kann, aber sicher nicht in der Gewissheit. Der Gedanke ist schön, dass Menschen für sich selbst etwas gewinnen könnten durch das, was wir tun, denn wir haben ja eh unseren Spaß. Mir san happy (lacht).

"Amore", "Bologna", "Niente", "Lascia Mi Fare" - ihr seid recht italophil, könnt ihr richtig Italienisch?

Reden nicht gern über ihr Privatleben: Die Jungs von Wanda.
Reden nicht gern über ihr Privatleben: Die Jungs von Wanda.

Marco: Es reicht für so ein paar Brocken. Urlaub, Pizzeria ... (lacht)

"Lieber guter Himmelsvater / Einmal möcht' ich noch im Prater / Fahren mit der Grottenbahn / Und möcht' am Ringelspiel mich drehen / Möcht' die Wiener Madeln sehen ... Wo kommt das her?

Marco: Das ist von Kurt Robitschek, einem österreichischen Texter, der das für Hermann Leopoldi, einen jüdischen Wienerlied-Sänger, geschrieben hatte, den dieser Text nur nie erreicht hat, da er ins KZ deportiert wurde. Er konnte flüchten, aber dieses Lied hat er nie singen können. Es ist mir nun eine große Ehre, es statt Hermann Leopoldi zu Ende komponiert zu haben und zu singen.

Wann ist man erwachsen?

Marco: Gar nicht. Man wird immer verletzlicher, denke ich. Man kennt sich aus, aber man wird verletzlicher. (zögert) Man verliert immer mehr.

Manuel: Wenn man dann erwachsen ist, dann weiß man es.

Ich frage das immer wieder gern, wann man erwachsen ist ...

Manuel: Und was hast du rausgekriegt bisher?

Nichts Relevantes, ehrlich gesagt. Jetzt bin ich, wie gesagt, so alt, dass ich eure Mutter sein könnte ...

Marco: Oder unsere Katze ...

... haha, ich wollte eigentlich sagen, dass ich trotzdem wohl noch nicht erwachsen bin. Ich habe aber deswegen gefragt, weil ihr in dem Song "Das Ende der Kindheit" sagt, "Sachlichkeit" sei das Ende der Kindheit.

Marco: Erwachsenwerden ist eine Sehnsuchtsvorstellung.

Manuel: Was mach ich denn dann, wenn ich erwachsen bin? Dann ändert sich das Leben komplett. Dann hat doch alles gar keinen Sinn.

Marco: Erwachsenwerden ist die Annahme, dass es etwas gäbe, das einen aus dieser unendlichen Qual, die wir alle erleben, befreit werden. Aber das kann man nur selber tun, und das kostet viel Kraft.

Und wenn man dann erwachsen ist sehnt man sich nach der Kindheit zurück ...

Marco: Das gilt für mich nicht, ich sehne mich nicht nach der Kindheit zurück. Ich bin gern so alt wie ich bin.

Was wollt ihr noch lernen?

Manuel: Ich möchte Klavierspielen lernen, das ist das einzige Instrument, das ich nicht kann.

Mit welchem Instrument hast du angefangen?

Manuel: Mit meiner Stimme (lächelt). Ich bin als Fünfjähriger durch die Wohnung gelaufen und habe Urlaute herumgebrüllt.

Marco: Das kommt jetzt immer mal wieder durch ...

Habt ihr manchmal das Gefühl, ihr müsstet euch zu aktuellen Themen äußern?

Marco: Nein, nicht extra, denn wir haben bereits genug Experten, die durchs Netz geistern. Außerdem denke ich zwar, dass wir in einer Zeit der großen Veränderungen leben, aber eher auf einer technischen Ebene. Und damals, als das Rad erfunden wurde, waren die Menschen bestimmt auch total baff, und deswegen glaube ich, dass Veränderungen einfach immer Zeit brauchen. Wir sollten die Veränderungen mit Ruhe betrachten, uns nicht ständig erschrecken, denn wie haben wir uns das vorgestellt? Die Welt ist in gleichem Maße widerlich wie wunderschön, die Menschen sind in gleichem Maße gierig wie gütig. Diese Welt ist voller Widersprüche und Paradoxien, und mich wundert ehrlich gesagt bloß, dass einige Menschen das jetzt erst erkennen, und dazu so Figuren wie Donald Trump brauchen. Ich persönlich habe das nicht gebraucht, ich wusste immer schon, dass die Welt gut und böse ist. Wie man jetzt damit umgeht, ist die Frage.

Und?

Marco: The answer is love!

Mit Marco Wanda und Manuel Poppe sprach Sabine Oelmann

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Quelle: n-tv.de

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