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Rock'n'Roll aus dem Libanon: Who killed Bruce Lee.
Rock'n'Roll aus dem Libanon: Who killed Bruce Lee.(Foto: Carl Halal & Charbel Saade)

"Vielleicht der Dritte Weltkrieg": Who killed Bruce Lee (?)

"Sie kommen aus dem Krieg, dem Terror, der Wüste. Von dort, wo jeder jeden tötet." Nein, so wollen Who killed Bruce Lee nicht vorgestellt werden. Lieber so: Die Band aus dem Libanon rockt, verdammte Axt. Dennoch haben Sänger Wassim Bou Malham und Schlagzeuger Malek Rizkallah im n-tv.de Interview nicht nur über ihre Musik und ihr soeben erschienenes Album "Distant Rendezvous" etwas zu sagen. Sie sprechen auch über Flüchtlinge, Terror und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

n-tv.de: Als erstes muss ich euch natürlich die wichtigste Frage von allen stellen. Who killed Bruce Lee? (Wer hat Bruce Lee getötet?)

Malek Rizkallah: Das ist keine Frage! Wir stellen diese Frage nicht. Wir wissen, wer es war, aber wir werden es nie enthüllen. Und unser nächstes Projekt wird "Who killed JFK" sein.

Wassim Bou Malham: Wir wissen bei allem Bescheid: JFK, Gaddafi … Wir haben unseren speziellen Geheimdienst, der Informationen sammelt. Aber wir können es dir nicht sagen. Sonst müssten wir dich und alle Leser töten. (lacht)

Okay, das wollen wir nicht. Aber vielleicht könnt ihr mir verraten, wie ihr auf den Bandnamen gekommen seid.

Rizkallah: Willst du die wahre Geschichte hören oder die, die uns gerade einfällt?

Ich nehme mal die wahre …

Rizkallah: Es kommt von dem libanesischen Klischee, immer mit etwas prahlen zu wollen. Wir sind stolze Menschen, also geben wir an. Es gab da mal zwei Kinder, ungefähr neun Jahre alt. Ich glaube, eins von beiden war ich. Das eine Kind sagte: "Mein Vater ist stark." Darauf sagte das andere: "Mein Vater ist stärker." Darauf sagte wiederum das erste: "Aber mein Vater hat eine Pistole." So ging das immer weiter, bis eins von beiden irgendwann meinte: "Okay, aber mein Vater hat Bruce Lee getötet." Das war so mächtig - für einen Neunjährigen. (lacht) So sind wir auf den Bandnamen gekommen: "Wer Bruce Lee getötet hat" - ohne Fragezeichen.

Malham: Aber vielleicht ist das auch nicht die wahre Geschichte, sondern doch die, die uns gerade eingefallen ist. Man wird es nie erfahren. (lacht)

Nicht nur euer Bandname ist ungewöhnlich, sondern auch die Art und Weise, wie ihr es hinbekommen habt, euer Album "Distant Rendezvous" aufzunehmen und nach Europa zu kommen: mit Crowdfunding …

Rizkallah: Stimmt, aber nur zum Teil. Wir haben noch jede Menge draufbezahlt. (lacht) Und wir haben die Platte selbst produziert.

Malham: Wir wollten unabhängig bleiben - ohne irgendein Plattenlabel. Uns ist sehr bewusst, dass ein Label unsere Herkunft gut ausschlachten und vermarkten könnte: "Sie kommen aus dem Krieg, dem Terror, der Wüste. Von dort, wo man auf Kamelen reitet und jeder jeden tötet. Aber diese Band ist diesem Haufen Scheiße strahlend entstiegen …" (lacht) Das wollten wir absolut nicht. Wir möchten als Band vermarktet werden, die gute Musik macht. Um unabhängig zu bleiben und alles selbst zu finanzieren, haben wir Leute gefragt, ob  sie uns dabei via Crowdfunding helfen. Dass das geklappt hat, hat uns gezeigt, dass wir viele Menschen hinter uns haben.

Und ihr habt das Album in Deutschland aufgenommen, genau genommen in Berlin. Wie kam es dazu?

Malham: Berlin hat sich Who Killed Bruce Lee ausgesucht - nicht andersherum.

Um in Europa auftreten zu können, sammelte die Band unter anderem Geld via Crowdfunding.
Um in Europa auftreten zu können, sammelte die Band unter anderem Geld via Crowdfunding.(Foto: Netmusiczone Records / Rough Trade)

Rizkallah: Es war eine Art Fügung. Tatsächlich wurde das Deutschland-Kapitel schon in Beirut aufgeschlagen. Wir spielten dort auf einem Konzert namens "Soundclash", das von Red Bull veranstaltet wird. Vor Ort hat Dave Gappa, früher Sänger bei den H-Blockx, das Konzert organisiert. Er mochte uns und meinte, er wolle uns nach Deutschland bringen. Ein Jahr später waren wir so weit, dass wir im arabischen Raum verschiedene Konzerte gaben - und ein Konzert in Europa: in Paris. Da haben wir Dave wieder kontaktiert und gefragt, ob er nicht vorbeikommen will. Er kam und brachte noch gleich unser heutiges Management mit: Direkt nach dem Konzert haben wir mit ihnen einen Vertrag unterschrieben.

Und wie kam das mit Berlin zustande?

Rizkallah: In Berlin gibt es die "Riverside Studios". Einer ihrer Gründer ist auch ein Libanese: Jad Souaid. Er ist auch für die meiste elektronische Musik im Libanon verantwortlich. Als er erfahren hat, dass wir nach Deutschland kommen, um hier zu produzieren, lud er uns in sein Studio ein.

Eure Musik klingt für mich sehr international. Hat das damit zu tun, dass ihr das Album hier produziert habt?

Rizkallah: Nein. Grundsätzlich hatten wir diesen Sound schon vorher. Gleichwohl ist Victor van Vugt ein hervorragender Produzent.

Malham: Es gibt Bands, die haben Ideen, die sie dann mit dem Produzenten zu Songs formen. Und es gibt Bands wie uns, die haben Songs, an denen dann der Produzent den Schliff vornimmt. Wir hatten schon Demos aufgenommen und nach Berlin geschickt. Wir kamen also mit fertigen Songs aus Beirut an. Viktor hat sich dann um die Details gekümmert. Er macht das brillant: Er nimmt die Essenz einer Band und veredelt sie, aber er verändert einen nicht.

Das hört sich jetzt vielleicht doof an - aber man erwartet so einen Sound von einer Band aus dem Libanon irgendwie nicht. Wenn ich an Musik aus der Gegend denke, fallen mir als erstes für mich ungewohnte Tonstrukturen ein, orientalischer Gesang, die Flöten … 

Rizkallah: Man kann das bei uns auch hören, aber es steht eben nicht im Vordergrund. Wir sind eine Rock'n'Roll-Band. Wir lieben Rock'n'Roll. So klingen wir auch - aber nach libanesischem Rock'n'Roll.

Malham: Man muss keine Viertelton-Sequenzen in der Musik haben, um das rauszuhören. Ich verstehe deine Frage. Aber wenn du Beirut besuchen würdest, könntest du sofort nachvollziehen, dass aus dieser Stadt eine Rock'n'Roll-Band kommt. Es gibt nur eben all diese Klischees, die mich und ihn auf einem Kamel sitzen sehen ...

Rizkallah: Obwohl du natürlich schon wie ein Kamelbesitzer aussieht.

Malham: Ich bin auch einer! (lacht)

Wie sieht denn dann die Musikszene in Beirut aus? Seid ihr als Rock'n'Roll-Band überhaupt eine Ausnahme?

Rizkallah: Das ändert sich gerade. Zu einer bestimmten Zeit waren wir eine Ausnahme. Aber inzwischen entstehen viele derartige Bands. Was uns zur Ausnahme macht, ist die Tatsache, dass wir hier in Europa sind.

Malham: Nur sehr wenige Bands bringen es zu einem Vertrag - mit einem Management und Tourneen. Aber genau darum geht es in erster Linie für eine Band, nicht nur aus dem Libanon, sondern grundsätzlich aus dem Nahen Osten: einen internationalen Vertrag zu haben, 100 bis 120 Konzerte im Jahr zu geben und eine Aufenthaltsmöglichkeit in einem europäischen Land zu haben. Für Menschen aus dem Nahen Osten ist es sehr schwierig, nach Europa oder in die USA zu kommen. Das war es auch für uns. Viele Menschen mussten dafür viele Risiken eingehen. Ich weiß nicht, mit wem sie dafür schlafen mussten. (lacht) Aber wir lieben sie dafür, dass sie die Risiken eingegangen sind.

In einem Pressetext bezeichnet ihr Beirut als "schizophrene Stadt". Was meint ihr damit?

Rizkallah: Die Vielschichtigkeit. Eigentlich ist "schizophren" das falsche Wort. Das klingt nur sexy. Es geht um die Gegensätze, die es in allem gibt: beim Essen, bei der Bildung, der Sprache, der Mode … Wir sind sehr kultivierte Menschen. Aber zur gleichen Zeit sind wir manchmal auch sehr primitiv und vergessen all das.

Malham: Isst du zum Beispiel mit den Händen?

Manchmal. Pommes zum Beispiel.

Rizkallah: Aber bei uns könntest du auch bei einem Dinner mit dem Präsidenten mit den Händen essen. Und auch er würde mit den Händen essen. Es gibt diese Kontraste, die nicht zusammenzupassen scheinen.

Auch eine Möglichkeit, um keine gängigen Klischees zu bedienen.
Auch eine Möglichkeit, um keine gängigen Klischees zu bedienen.(Foto: Tanya Traboulsi)

Malham: Aber in Beirut macht das alles Sinn. Das sagen auch alle Deutschen, die dort hinkommen. Es ist ein bisschen New York, ein bisschen Großbritannien, ein bisschen Libanon, ein bisschen Syrien, ein bisschen China, ein bisschen Japan ... Ein bisschen von allem. Es ist eine sehr kosmopolitische Stadt.

Ich kann mir vorstellen, dass viele wegen eurer Herkunft schnell dazu tendieren, mit euch über Politik sprechen zu wollen. Nervt euch das?

Rizkallah: Solange es eine Brücke zur Musik gibt, nervt uns das nicht. Vor allem anderen sind wir aber erst einmal Musiker und Musikliebhaber und erst an zweiter Stelle Libanesen.

Malham: Ich finde es sehr natürlich, einen Künstler nach sozialen und politischen Problemen zu fragen. Wir haben 2016 - und nicht nur im Libanon, sondern überall auf der Welt geschehen in der Kunst und Kultur neue und tolle Dinge. Für mich repräsentiert das die Menschen mehr als die Politiker. Heute sind alle so gut ausgestattet und informiert. (er zeigt auf sein Smartphone) Sie sind gebildet, 24 Stunden am Tag mit der Welt verbunden und wissen, was abgeht. Von daher macht es durchaus Sinn, im Gespräch von Musik und Kunst abzuschweifen und über andere Dinge zu sprechen.

Dann frage ich euch mal ein paar politische Dinge. Im Libanon mit seinen vielleicht vier oder fünf Millionen Einwohnern lebt ihr seit langem mit Millionen Flüchtlingen aus aller Herren Länder. Zwei Millionen seien es in etwa im Moment, heißt es. Wie beurteilt ihr vor diesem Hintergrund die Flüchtlingsdiskussion in Deutschland?

Rizkallah: Ich verstehe total, dass es hier diese Diskussion gibt. Und ich hasse diese Vergleiche. Denn natürlich ist das hier etwas anderes. Zwei Millionen Flüchtlinge zu haben, ist bei uns keine Bedrohung für das System. Ich spreche vom System - nicht von Platz, Raum oder Besitz. Wir folgen keinen Gesetzen. Ihr schon. Euer System, dass ihr nach dem Krieg eingeführt habt, hat funktioniert und floriert und ist sehr konsequent. Unseres nicht. Wer das vergleicht, vergleicht wirklich Äpfel mit Birnen.

Malham: Für mich ist klar: Für die Regierungen geht es bei der Flüchtlingsfrage grundsätzlich um politisches Kalkül, sei es die deutsche Regierung oder irgendeine andere. Sie wollen die Flüchtlinge als Arbeitskräfte, sie wollen ein politisches Signal setzen, sie wollen international Punkte sammeln oder was auch immer. Aber mit den Menschen verhält es sich anders. Sie können einfach sagen: Wir wollen mit den Flüchtlingen nichts zu tun haben! Oder sie sagen: Wir würden ihnen sehr gern helfen.

Welcher Eindruck überwiegt für dich in Deutschland?

Malham: Wir haben hier sehr viele Menschen gesehen, die sehr gut zu Flüchtlingen waren. Sie haben sie herumgeführt, ihnen die Stadt gezeigt, vielleicht versucht, ihnen die Sprache beizubringen. Das ist wundervoll! Ich weiß aber natürlich auch, dass viele Deutsche wirklich wütend über die Situation sind und mit den Flüchtlingen nichts zu tun haben wollen. Für uns ist das auch manchmal komisch, wenn wir wegen unseres Aussehens auf der Straße vielleicht für Flüchtlinge gehalten werden. Aber man muss sich klar machen: Ein Flüchtling zu sein, ist keine Wahl. Wenn jemand aus dem Krieg in seinem Land flieht, um nicht zu sterben, hat er keine Wahl.

Rizkallah: Trotzdem verstehen wir absolut die Probleme, die es hier gibt.

Malham: Wir haben so viele Fehler gemacht, von denen man lernen kann. Also: Dies ist eine Botschaft an die deutsche Regierung von Menschen, die seit hundert Jahren mit Flüchtlingen von überallher zu tun haben: (lacht) Wenn ihr keinen Plan habt, wie ihr sie in euer System und euer tägliches Leben integriert, werdet ihr in Zukunft große Schwierigkeiten haben. Im Moment haben zum Beispiel viele Flüchtlinge das Problem, dass ihnen niemand Deutsch beibringt, weil es nicht genügend Lehrer gibt. Klar, das kann man nicht von heute auf morgen lösen. Aber viele Deutsche sagen deshalb nicht: Wir müssen sie rauswerfen! Sie sind so cool zu sagen: Okay, wir brauchen einen Plan. Das ist toll. Ihr seid ein sehr mitfühlendes Volk.

Mitgefühlt haben natürlich auch viele nach den Terroranschlägen in Paris. Was aber wahrscheinlich kaum noch jemand weiß: Nur einen Tag zuvor gab es auch in Beirut zwei Selbstmordattentate mit mehr als 40 Toten. Wie seht ihr das, dass dies hier wiederum anscheinend kaum jemanden kümmert?

Rizkallah: Es ist traurig, das zu sagen: Aber auch das ist nachvollziehbar. Ein Drama ist ein Drama. Doch es kommt darauf an, wer es betrachtet. Wenn so etwas in Paris passiert, noch dazu in einem Rockkonzert, hat das natürlich größere Aufmerksamkeit. Auch in Beirut gibt es Plätze, an denen es mehr Aufsehen erregt, wenn dort eine Bombe explodiert, als an anderen Orten in der Stadt. Einfach, weil es an diesen Plätzen normalerweise nicht passiert. Das gibt es also überall und hat nichts mit Scheinheiligkeit zu tun.

Mit der Flüchtlingsfrage in Deutschland haben sich Who killed Bruce Lee intensiv auseinandergesetzt.
Mit der Flüchtlingsfrage in Deutschland haben sich Who killed Bruce Lee intensiv auseinandergesetzt.(Foto: Philippe Levy at Red Bull Studios Paris)

Malham: Es hat auch mit den Medien zu tun. Für sie ist es kein Hype, wenn Menschen in Beirut sterben. Denn dort passiert das sehr häufig. Vielleicht war das auch mal anders, als dort die erste Bombe explodiert ist. Aber in Paris war es etwas Neues. Es ist natürlich total traurig, so darüber zu sprechen. Es geht um Menschen, die sterben. Es geht um Familien, die ihre Väter, Schwestern, Söhne verlieren. Aber wir sind daran gewöhnt, dass Medien den Hype suchen.

Ihr klingt bei all dem sehr abgeklärt.

Malham: Ja, denn auch wenn Menschen vielleicht glauben, dass wir am womöglich schlimmsten Ort auf der Welt leben, an dem man leben kann, sind wir gesund, gut gebildet und kulturell  interessiert. Wir leben genauso wie ihr hier. Wir sind den gleichen Dingen ausgesetzt. Wir reisen. Wir führen wirklich ein normales Leben. Aber wir haben gelernt, alles Negative auszublenden. Wir schauen zuhause zum Beispiel kein Fernsehen mehr. Das ist durch. Was sollte aus den Nachrichten kommen, das dir etwas Positives für dein Leben geben würde?

Trotzdem kommt ihr ja aus einer Region, in der ihr umgeben seid von Krieg, Konflikten und Gewalt. Ich kann nicht ganz glauben, dass das euer persönliches Leben nicht beeinflusst …

Rizkallah: Doch, das tut es natürlich schon. Aber diese Dinge sind unser Alltag. Wenn ich all diese Konflikte dauernd in meinen Kopf schaufeln würde, würde ich eine konstante Paranoia entwickeln. Aber ja, wenn ich zum Beispiel am Flughafen durch die Sicherheitskontrolle muss, werde ich paranoid. Ich denke darüber nach: "Sehe ich gerade aus wie ein Terrorist?" So etwas passiert jeden Tag.

Womit wir wieder bei der Schizophrenie wären …

Rizkallah: Ja, was zum Beispiel echt schizophren ist: Manchmal denken wir, wir seien wirklich Opfer des Krieges und all der Bomben. Aber manchmal fühlen wir uns auch so, als hätten wir mit all dem nichts zu tun. Klar, diese Bomben sind explodiert. Sie sind neben meinem Bruder explodiert! Er ist die Straße runter gegangen, als neben ihm das Glas zersprungen ist. Wir haben auch so viele Bomben gehört. Aber gleichzeitig waren wir keine direkten Opfer. Einerseits sind wir Städter, die ein luxuriöses Leben leben, andererseits sind wir ein Teil von diesen Geschehnissen. Das ist, wie abgefuckt wir sind.

Sehen so Menschen aus, die "am schlimmsten Ort auf der Welt" leben?
Sehen so Menschen aus, die "am schlimmsten Ort auf der Welt" leben?(Foto: Carl Halal & Charbel Saade)

Malham: Aber die ganze Welt ist gerade doch echt abgefuckt, egal, wo man hinschaut: Donald Trump hier, Putin da. Ich glaube: Wir befinden uns im Dritten Weltkrieg und wissen es nur noch nicht. Vielleicht wird diese Zeit später mal so in die Geschichte eingehen. Alle Nationen kämpfen schließlich, aber alle in einem Land: in Syrien.

Kommen wir zurück zu eurer Musik. Wie sehr wird sie von dem, worüber wir gerade gesprochen haben, beeinflusst?

Malham: Extrem. Das Lied "Jungle" etwa geht genau um diesen Zustand, in dem wir leben. Es gibt Regeln, aber keiner beachtet sie. Es ist ein organisiertes Chaos. Trotzdem läuft alles perfekt: die Schulen, die Läden, auch die Straßen sind wunderschön. Das ist der "Dschungel". In "Enemy at the Line" wiederum geht es um Geschichten, die mir mein Vater über die Front zwischen Ost- und West-Beirut und die Kämpfe dort erzählt hat. Er hat im Krieg für eine Seite gekämpft - ganz gleich welche, das ist mir inzwischen egal. "Distant Rendezvous" beschreibt Beirut als Lady und fragt sich, ob wir je wieder zu den goldenen Zeiten unserer Stadt zurückkommen werden. Denn: Unsere Stadt hat viele goldene Zeiten durchlebt.

Wie groß ist eure Hoffnung, dass die Zeiten wieder besser werden?

Rizkallah: In deinem Kopf werden sie ja besser. Es kommt darauf an, wie du die Dinge betrachtest. Wären wir Politiker, würde die Antwort anders ausfallen. Aber als Künstler möchtest du an das Unerwartete und Unverhoffte denken. An etwas, das alles wendet - wie in der Geschichte vom schwarzen Schwan.

Malham: Und in unserer kleinen Welt, der kleinen Blase, in der wir in Beirut leben, werden die Dinge auch wirklich besser. Nicht von einem politischen Standpunkt aus betrachtet, aber von einem sozialen und künstlerischen. Europäer denken vielleicht: "Ah, gestern wart ihr also auf Kamelen und heute fahrt ihr Auto." Nein! Es wird in vieler Hinsicht auf dem gleichen Level wie hier besser.

Wie meinst du das?

Das Album "Distant Rendezvous" ist ab sofort erhältlich.
Das Album "Distant Rendezvous" ist ab sofort erhältlich.(Foto: Netmusiczone Records / Rough Trade)

Malham: Nimm zum Beispiel die elektronische Musikszene. Da sind wir auf einer Stufe mit Berlin. Schau dir den Tourplan von egal welchem DJ oder Elektro-Musiker auf der Welt an: Beirut gehört immer dazu. Auch die Rockszene ist nicht unterentwickelt, weil wir als Menschen unterentwickelt wären. Viele wirklich gute und talentierte Künstler sind in den vergangenen 20, 30 Jahren auf der Bildfläche erschienen, aber sie hatten extreme Probleme mit ihren Papieren. Sie konnten nie touren und ihre Kunst exportieren. Für die Regierung war das auch kein wichtiges Thema. Und sie war so korrupt, dass sie das auch nie unterstützt hat.

Hier hat man euch zum Beispiel mit einem Auftritt in der Show "Circus Halligalli" unterstützt. Die beiden Moderatoren Joko und Klaas zelebrieren gern das Chaos. Wie war der Auftritt dort für euch?

Malham: Es gab viele Bananen in der Show. (lacht) Klaas hat uns später außerdem zu einem Auftritt mit seiner Band Gloria eingeladen. Das hat Spaß gemacht.

Wisst ihr, was Halligalli bedeutet?

Malham: Nein, nicht wirklich.

So etwas wie "ausschweifende Party". Ihr geht jetzt selbst in Deutschland auf Tour. Wie viel Halligalli kann man da von euch erwarten?

Malham: Oh, jede Menge Halligalli! (lacht)

Mit Wassim Bou Malham und Malek Rizkallah sprach Volker Probst

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Who killed Bruce Lee sind in den kommenden Wochen in Deutschland auf Tournee: Berlin (26.2.), Hamburg (27.2.), Mannheim (3.3.), Lauda-Königshofen (5.3.), Köln (11.3.), Dortmund (12.3.), Düsseldorf (13.3.), Hameln (17.3. und 18.3.), Münster (19.3.), Nürnberg (31.3.), Stuttgart (1.4.), Biberach (2.4.), Bamberg (4.4.), München (7.4.), Immenstadt (8.4.), Lörrach (9.4.), Gießen (14.4.), Saarbrücken (15.4.), Reutlingen (16.4.), Bayreuth (22.4.), Aalen (23.4.), Hannover (28.4.), Flensburg (29.4.), Bremen (30.4.), Lübeck (1.5.), Würzburg (6.5.), Oldenburg (21.5.)

Quelle: n-tv.de

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