Musik

Neruda und TheodorakisGroße Poesie, große Musik

14.01.2012, 11:00 Uhr
imagevon Manfred Bleskin

Ein Album voller Widersprüche: Äußerlich einer CD mit Urlaubsmusik nicht unähnlich, enthält die vom renommierten Londoner Weltmusikverlag "ARC Music" herausgegebene Scheibe "Canto General" unvergleichliche musikalische Poesie.

Man kommt als Plattenkäufer schon ein wenig durcheinander, wenn man am Stand "Weltmusik" eine CD mit kitschigen mediterranen Urlaubsmotiven herauszieht, ein auffälliges "Music of Greece" darauf liest und darüber ein unauffälliges "Canto General". Doch der geneigte Musikfreund möge sich nicht von der lieblosen Aufmachung der Scheibe verwirren lassen. Was drauf zu hören ist, gehört zu dem Wertvollsten, was die Weltmusik zu bieten hat. Mikis Theodorakis, der Altmeister der griechischen Komponisten, hat das im Deutschen unter dem Namen "Der große Gesang" bekannte Werk von Pablo Neruda, dem Altmeister der chilenischen Poesie, Mitte der 1970er-Jahre vertont. Bekanntermaßen ist Theodorakis auch Autor des weltberühmten Sirtaki aus dem Film "Alexis Sorbas", in dem der ewige Anthony Quinn die Hauptrolle spielt.

Wann die vorliegende Aufnahme entstand, wusste der herausgebende Verlag auf Nachfrage nicht zu sagen. Das aber tut der Liebe keinen Abbruch. The Athenians, eine – wie schon der Name vermuten lässt - Instrumentalformation aus der griechischen Hauptstadt, verbinden die ursprünglichen Andenflöten mit den heimischen Bousoukis. Heraus kommt eine musikalische Symbiose, wie man sie bei der Unterschiedlichkeit der Kulturkreise kaum vermutet hätte. Der "Canto" ist nicht vollständig verarbeitet. Aber es sind einige der schönsten instrumentalen Gesängen herausgepickt worden: "Tupamaros", einst eine uruguayische Guerillabewegung, die heute mit José Mujica den Präsidenten des südamerikanischen Landes stellt, "Pueblo en lucha" ("Kämpfendes Volk"), die politische Gefangene "Paola 11099", "Libertadores" ("Befreier"), gewidmet Simón Bolívar und den anderen Generälen der hispanoamerikanischen Befreiungskriege gegen die spanische Krone und "América Insurrecta" ("Amerika im Aufstand"), den Kämpfen gegen die Diktaturen vom Río Grande bis Feuerland gewidmet.

Es spricht nicht gerade für verlegerische Sorgfalt, dass auf der "Canto General" getitelten CD auch die Filmmusik aus dem Film "Z" von Theodorakis’ Landsmann Constantin Costa-Gavras enthalten ist, die nun rein gar nichts mit Lateinamerika zu tun hat. Gleichwohl: Der Film des großen Regisseurs handelt vom Widerstand gegen eine autoritäre Regierung. Und da mag sich der Kreis wieder schließen. Und, bittschön, Costa-Gavras ist auch der Regisseur des Films "Der unsichtbare Aufstand", der von den Tupamaros handelt und in dem der unvergessliche Yves Montand die Hauptrolle spielt.

Ein Album, das Freude macht

Weiter gibt es auf der Scheibe den Mitschnitt eines Konzerts der Athenians, aufgenommen in Hamburg, so mutmaßt zumindest der Herausgeber in London. Lieder aus der Feder von Theodorakis, dazu eine sympathische Improvisation auf der Bousouki.

Fazit: Trotz der schlamperten Edition ein Album, das einfach Freude macht. Bleibt die Frage an die Kanzlerin, wie Griechen das schaffen konnten. Menschen, die mit 20 in Rente gehen und 365 Tage im Jahr Urlaub haben.