Donnerstag, 17. November 2011
Andreas Dresens großes Drama: Leben gegen alle Naturgewalten
von Solveig Bach
Ein Arzt verkündet eine Diagnose und nichts ist mehr, wie es war. Ein Mann wird sterben, sehr bald. Seine Familie muss damit klarkommen. In "Halt auf freier Strecke" erzählt Andreas Dresen eine extreme Geschichte als wunderbare Utopie und mutet dem Zuschauer eine Menge zu.Nach den ersten acht Minuten von Andreas Dresens Film "Halt auf freier Strecke" weiß man, warum er einen Preis in Cannes gewonnen hat, und trotzdem möchte man am liebsten aus dem Kino rennen. So intensiv hat wohl selten ein Film begonnen. In einem kargen Krankenhausbüro sitzen ein Arzt und ein Ehepaar. Mit freundlichen, aber zugleich unglaublich gnadenlosen Worten teilt der Arzt dem Mann mit, dass er einen inoperablen Hirntumor hat und bald daran sterben wird.
Frank Lange (Milan Peschel) und seine Frau Simone (Steffi Kühnert) erfahren die Diagnose: Hirntumor.
(Foto: Pandora Film)
"Das war eigentlich für den Papierkorb gedreht", erzählt Dresen n-tv.de. "Ich hatte auf diese Szene keine Lust, weil ich das Gefühl hatte, die habe ich im Kino schon tausendmal gesehen." Das zumindest stimmt nicht, so ergreifend und gleichzeitig bedrohlich hat man das noch nie gesehen. Das liegt wohl vor allem daran, dass Dr. Uwe Träger, der Chefarzt für Neurochirurgie am Klinikum Ernst-von-Bergmann in Potsdam, so unglaublich echt ist. Und es liegt daran, dass Dresen auch in diesem Film wieder auf seine inzwischen zum Markenzeichen gewordene Mischung aus Laiendarstellern, Improvisation und die Filmidee im Kopf setzt.
Ungeheuerliche Erschütterung
Träger war der einzige Arzt, der zu den Dreharbeiten überhaupt bereit war, aber für Dresen erweist er sich als Glücksfall. "Diese Mischung aus Sachlichkeit und Empathie fand ich ungeheuerlich und sehr anrührend. Ich habe ihn hinterher auch gefragt, warum er so lange Pausen gelassen hat. Da hat er dann zu mir gesagt, die Leute brauchen Raum zu begreifen, was ich ihnen sage." Schon bei den Dreharbeiten haut die Szene den Regisseur um, ihm laufen die Tränen, so wie dann auch bei Steffi Kühnert, die die Ehefrau Simone Lange spielt.
Diese Erschütterung trifft den Zuschauer, der damit "expositionslos in ein großes Lebensdrama" hineingeworfen wird. Frank Lange (Milan Peschel), ein Familienvater mit zwei Kindern, einer glücklichen Ehe und einem hübschen Häuschen am Stadtrand, wird sterben. Nicht hochbetagt im Kreis seiner Nachkommen, sondern ganz bald. Es ist Oktober und wahrscheinlich wird er den Frühling nicht mehr erleben.
Wer bringt die Kinder zum Training?
"Halt auf freier Strecke" ist ein Film über das Sterben. Doch für Dresen ist es auch "eine Hymne, eine große Liebeserklärung an Familie". Er zeigt eine Familie, die in einem guten Leben plötzlich vom Schicksal getroffen und damit aufs Äußerste gefordert wird. Wie kann Frank sterben, wenn Simone zur Arbeit muss, die Kinder zur Schule und zum Training gehen, das Haus nicht abbezahlt ist? Die Fragen sind existenziell und unausweichlich, zumal der Sterbeprozess mit Franks zunehmender Pflegebedürftigkeit die ganze Familie an ihre Belastungsgrenze führt.
Die Veränderungen im Alltag sind radikal. Zunächst kann Frank nicht mehr arbeiten, er wird immer schwächer, verliert die Sprache. Irgendwann kommt ein Pflegebett ins Haus. "Da wollten wir auch nichts beschönigen, da gehört auch das Windeln dazu und die Persönlichkeitsveränderungen. Die Situation ist nicht idyllisch." Dresen zeigt das alles, aber immer ein wenig anders als erwartet.
Aus der üblichen Szene, wenn Krebskranken die Haare ausgehen, wird bei ihm ein fröhliches Happening. Franks Schwiegermutter (Ursula Werner) nutzt einen Ausflug der Familie zum Weihnachtsmarkt, um sich mit ihrem Schwiegersohn fröhlich zu betrinken und ihm dabei einen Irokesenschnitt zu verpassen. Bei ihrer Heimkehr ist Ehefrau Simone entsetzt, aber die Ausgelassenheit und der Übermut des Dezembernachmittags tragen Frank wieder durch eine Sterbephase.
Echte Sterbebegleiter und ein personifizierter Tumor
Eine Palliativmedizinerin kommt ins Haus, auch sie ist "echt" und ermutigt die Familie, das Sterben daheim zuzulassen. Eine Pflegerin wickelt Frank, ganz ohne jede Peinlichkeit. Zu Weihnachten wird der Baum an Sterbebett geschafft, nachdem alle zunächst dachten, der Papa bekommt davon sowieso nichts mit. Franks Mutter (Christine Schorn) hält das Sterben nicht aus und kommt nicht mit, als der Vater (Otto Mellies) den Sohn ein letztes Mal besucht. Eine frühere Liebste (Inka Friedrich) kommt, um sich zu verabschieden. Sohn Mika (Mika Nilson Seidel) fragt Frank, ob er sein iPhone haben kann, der Papa braucht es doch bald nicht mehr.
Überhaupt das iPhone - kurz vor den Dreharbeiten ging Dresens altes Handy kaputt und er kaufte sich ein neues. Frank nutzt es zur Kommunikation mit sich selbst und dem Tumor, auch als er längst nicht mehr sprechen kann. Dresen rettet sich damit über das dramaturgische Dilemma, dass ihm langsam die Hauptfigur abhanden kommt. Frank bleibt auf diese Weise bis zuletzt lebendig, sein Tumor (Thorsten Merten) tritt in der "Harald Schmidt Show" auf, kommt in den Nachrichten vor und liegt am Ende bei ihm.
Dresen zeigt all dies mit sehr großer Zärtlichkeit und mit Humor. Gerade rinnen dem Zuschauer noch die Tränen herunter, im nächsten Moment muss man einfach lachen, beispielsweise wenn Frank in das Zimmer seiner Tochter pinkelt, weil er das Klo nicht mehr findet. Daraufhin bekommen alle Räume Klebezettel verpasst, dann die Gegenstände darin - Sohn Mika schreibt "fernser" - und schließlich auch die Menschen. Das ist ein ganz starker Moment des Films. Dresen hat bewusst nach Stellen für Humor gesucht. "Das Leben ist einfach so. Wir wollten befreiende Momente und haben danach geschaut, um dem Film auch die Schwere zu nehmen."
Ein grandioser Film
Am Ende stirbt Frank, den grandiosen Blick aus seinem Haus vor Augen. Das ist furchtbar und erlösend. Tochter Lilli (Talisa Lilli Lemke) ist dabei und sagt dann: "Ich muss jetzt zum Training." Das Leben geht weiter.
Der Regisseur beschreibt sich selbst als eher "distanzierten und professionellen Typ", aber auch er habe in den Rohschnittvorführungen geheult. "Wir erleben eine Gruppe von Menschen, die ihre Würde über eine qualvolle Zeit hinweg verteidigt. Das rührt mich. Entgegen allen Naturgewalten schaffen sie das. Das finde ich dann auch eine schöne Nachricht, dass ihnen das gelingt."
Dresens Film ist grandios, aber er ist keine leichte Kost. Immer wieder wird man von der unglaublichen Leistung der Schauspieler, überwältigenden Bildern und der tiefen Wahrheit des Films geschüttelt. Ohne Taschentuch sollte man ihn besser nicht ansehen, er berührt den Zuschauer, setzt ihn seiner eigenen Sterblichkeit aus und zeigt gleichzeitig eine positive Utopie. "Sterben ist sicher schrecklich", sagt Dresen, "aber der Tod nicht unbedingt. Das ist für uns alle Teil unserer Lebensreise."
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