Daniel Barenboim und Musica AntiquaNicht nur Beethoven für alle

Daniel Barenboims West-Eastern Divan Orchestra macht einen Traum wahr: Juden, Moslems und Christen verkünden einmütig die Botschaft von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Was gibt es da Besseres als Beethoven? Weniger bekannt sind die Komponisten des Frühbarocks, die meisterhaft von Musica Antiqua gespielt werden. Hörenswert ist beides.
Daniel Barenboim hat recht, wenn er "Beethovens Musik … universell" nennt. Und: Die Werte der Großen Französischen Revolution "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" fänden "ihren tiefsten Ausdruck in Beethovens Musik". So ist auch der Titel der Doppel-CD als Botschaft zu verstehen. "Beethoven für alle"- und alle, das schließt die Fans von Lady Gaga und Wolfgang Petry ein.
Schön wäre es, wenn auch eben diese zu dieser Edition griffen, die populäre Stücke des Meisters vom Rhein vereint. Ohne einem Publikumsgeschmack das Wort reden zu wollen: Aber der berühmte Schlusssatz aus der 5. Sinfonie und das Klavierstück "Für Elise" hätten der vorliegenden Edition mit Blick auf "alle" gut zu Gesicht gestanden. Sei’s drum. Das "Allegro con brio" aus der Fünften tut es auch. Kraftvoll das "Allegro scherzando" aus dem Klavierkonzert Nr. 1. Gefühlvoll das "Adagio cantabile", dem wohl eingängigsten Abschnitt des Klavierkonzerts Nr. 8.
Wahre Glanzleistungen
Es ist eine Freude, dem West-Eastern Divan Orchestra zuzuhören. Nicht nur, weil es unter dem Taktstock des Meisters zu wahren Glanzleistungen aufläuft, sondern weil Juden, Moslems und Christen eine Botschaft verkünden. Insofern ist das 1999 in Weimar - damals Europäische Kulturhauptstadt - gegründete Ensemble selbst Inkarnation von "Liberté, égalité, fraternité" (Freiheit, Einheit, Brüderlichkeit). Einen besseren Komponisten als Beethoven hätte man nicht finden können, wenn Liberté, égalité, fraternité sich an "alle" wenden.
Gehörte die Wiener Klassik und mit ihr die Musik Beethovens bereits seit Langem, wenn nicht allen, dann aber immer mehr Menschen, und wurde die Musik des Hochbarocks mit ihren Bachs und Vivaldis von einem stets wachsenden Publikum angenommen, so hat es mit der Popularität des Frühbarock doch recht lange gedauert. Bis heute sind Komponisten wie Johann Rosenmüller, den man auch Giovanni Rosenmiller nannte, David Pohle, Johann Heinrich Schmelzer und Johann Michael Nicolai weitgehend unbekannt.
Mit einer Re-Edition der erstmals 1977 veröffentlichte Langspielplatte "Virtuose deutsche Violinmusik des 17. Jahrhunderts" wird nun abermals versucht, der Unbekanntheit dieser musikalischen Größen gegenzusteuern. Eingespielt wurde die CD von der renommierten Musica Antiqua Köln, welcher der Violinist Reinhard Goebel als Ensembleleiter vorsteht. Goebel feiert am 31. Juli seinen 60. Geburtstag.
Komplexe und anspruchsvolle Musik schon vor Bach
Wie dem beigefügten Büchlein zu entnehmen ist, stammen die Stücke der CD aus der Sammlung von Franz Rost (um 1640-1688), der Kantor des Markgrafen von Baden-Baden war. Thematisch sind die Lieder unterschiedlicher Natur. Die "Bataille in D-Dur" von Clamor Heinrich Abel empfindet eine Schlacht nach. Es mag dem Zeitgeist geschuldet sein, dass die Musik stellenweise recht fröhlich daherkommt.
Johann Heinrich Schmelzers "Lamento sopra la morte Ferdinandi III" ist ergreifende Trauermusik, die sich hinter Mozarts "Requiem in d-Moll" nicht zu verstecken braucht. Spätestens nach dieser CD weiß man, dass es auch vor Johann Sebastian Bachs opulenten Werken komplexe und anspruchsvolle Musik gab. Die, auch wenn sie nicht ganz so universell ist wie die des Mannes aus Eisenach und des Mannes aus Bonn, gleichwohl für alle da sein sollte.
Daniel Barenboim/East-Western Divan Orchestra: "Beethoven für alle".
Musica Antiqua Köln/ Nigel Rogers: "Rediscoveries - Virtuose deutsche Violinmusik des 17. Jahrhunderts.