Das Fundstück der Woche"The Woman": Mutter Natur beißt zurück

Was würdest du tun, wenn Du eine wilde Frau finden würdest, die mitten im Wald in einer Höhle lebt? Nur beobachten? Oder sie vielleicht einfangen, mit nach Hause nehmen, im Keller anketten und sie deiner Familie vorstellen? Letzteres ist keine gute Idee, wie "The Woman" eindrucksvoll zeigt.
Irgendwo in einem Wald. Ein Mann ist mit seinem Hund unterwegs. Das Tier bellt - wie am Spieß. Plötzlich verstummt er. Als ob er Angst vor etwas hätte. Etwas, das im Wald lebt. Etwas, das ihn zu Tode erschreckt hat. Der Mann geht der Sache wenig später auf den Grund - und findet eine halbnackte Frau badend in einem Bach. Verwahrlost und wild fischt sie mit ihren bloßen Händen, fängt einen Fisch und verspeist ihn völlig roh: Sie ist ein Kind von Mutter Natur, lebt in einer Höhle und hat noch nie eine Menschenseele gesehen. Der Mann beobachtet sie weiter, völlig hingerissen - aber irgendwann schlägt er zu. Oder besser: Er schießt auf sie, landet einen Volltreffer mit einer Betäubungspatrone und schleppt seine "Beute" mit nach Hause.
Dort steckt er, der erfolgreiche Rechtsanwalt Chris (Sean Bridgers; "Nell", "True Blood"), die wehrlose Frau (Pollyanna McIntosh; "Bats - Blutige Ernte") in den Keller. Der glücklich verheiratete Vater dreier Kinder, der ein völlig normales Leben zu führen scheint, legt sie in Ketten. Er hat eine Idee, ein verrücktes Ziel: Die Frau soll durch ihn zu einem nützlichen Mitglied der Gesellschaft werden. Resozialisierung in einem glücklichen Familienumfeld - mit einem schwierigen Beginn.
Sagt "Hallo" ...
Chris verliert, als er der wilden Frau zu nahe kommt, seinen Ringfinger mitsamt dem goldenen Ehering, den die Wilde ihm, nachdem sie genüsslich auf dem Finger herumgekaut hat, abfällig vor die Füße spuckt. "Das ist kein zivilisiertes Benehmen", lautet Chris‘ lapidare Antwort. Er greift zur Pistole und schießt direkt neben ihrem linken Ohr in die Wand. "Sei brav, das kann ich dir nur raten", flüstert er. "Ungehorsam dulde ich nicht." Sagt’s und geht seine Familie holen: Frau Belle (Angela Bettis; "Scar" "Carrie"), Sohn Brian (Zach Rand) und die beiden Töchter Peggy (Lauren Ashley Carter; "Rising Stars") und Darlin' (Shyla Molhusen). Sie alle sollen ihm bei seiner "Mission" helfen. Professor Higgins aus "My Fair Lady" lässt grüßen.
Seine Familie glaubt nicht, was sie da sieht. Vor allem seine Frau und seine Tochter schauen sich ungläubig an: Was soll das? Wie kommt diese Frau in unseren Keller und warum eigentlich das Ganze? Sein Sohn steht der Sache schon offener gegenüber. Er ist halt ganz der Vater, Feuer und Flamme für die Mission - und hey, welcher Teenie kann schon von sich behaupten, eine halbnackte, wilde Frau im Keller seines Wohnhauses in Ketten gefesselt hängen zu haben? "Und die dürfen wir echt hier behalten?", fragt er mit einem süffisanten Grinsen. "Na klar!", sagt sein Vater. "Wir erziehen sie!" Und schon beginnt das Ganze aus dem Ruder zu laufen.
Nicht anfassen!
Brian schleicht sich heimlich in den Keller. Keine gute Idee - die Frau bekommt es zu spüren. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm und so verfügt der Junge über die sadistische Ader seines Vaters. Während er in der Schule aber vergleichsweise harmlos vorgeht - er rächt sich nach einem verlorenen Basketball-Duell an seiner langhaarigen Kontrahentin mit einem Kaugummi in den Haaren - dreht er bei der Haus-Gefangenen richtig auf. Das Wortspiel "dieser kleine Racker" scheint eine ganz neue Bedeutung zu bekommen.
Neben der wilden Frau im Keller tun sich aber weitere Abgründe im nach außen so heilen Familienglück auf: Peggy ist offenbar schwanger, wie ihre Lehrerin vermutet, denn sie trägt immer weite Sachen - als ob sie etwas zu verbergen hat. Und dann gibt Belle ihrem Ehemann Chris auch noch Widerworte. Dem Kontrollfreak, dessen Wort Gesetz in der Familie ist, gefällt das gar nicht. Er schlägt zu. Mehrmals.
Ein Ende, das aus der Reihe fällt
Innerhalb der Familie brodelt es gewaltig und die wilde Frau ist es am Ende, die das berühmte Fass zum Überlaufen bringt und die Zahl der Familienmitglieder drastisch reduziert - um die männlichen Mitglieder nämlich. Am Ende zieht sie von dannen, zurück in den Wald. Als wäre nichts gewesen. Aber sie hat nun eine eigene "kleine Familie" im Schlepptau - oder sind es ihre Gefangenen?
"The Woman" von Regisseur Lucky McKee ist ein grandioser Film, der neben den Darstellern - Pollyanna McIntosh erinnert an die junge Milla Jovovich - und der immerwährenden Auseinandersetzung Mann gegen Frau vor allem von der musikalischen Untermalung lebt. Bei dem Score weiß der Zuschauer nie, ob er wegen der Szenen auf der Leinwand die Fäuste ballen oder wegen der dazu gespielten Musik lachen soll. "Complicated Woman" von Sean Spillane ertönt da beispielsweise.
Dass "The Woman" eine an sich bitterböse Geschichte erzählt, gerät - vielleicht sogar durchaus gewollt - auch durch die humoristisch anmutenden und fast schon surrealistisch wirkenden Dialoge in den Hintergrund. Aber mal ehrlich: Was würdest du tun, wenn du eine wilde Frau finden würdest, die mitten im Wald lebt?
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