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Poldek (Robert Wieckiewicz) und der Soldat Bortnik (Michal Zurawski), der nach Juden in den Kanälen sucht. (Foto: Jasmin M. Dichant / SCHMIDTz KATZE FILMKOLLEKTIV/ NFP)
Samstag, 11. Februar 20122012-02-11 11:56:25
von Gudula Hörr
Es ist die Zeit des großen Plünderns und Mordens, die Deutschen verwandeln Osteuropa in ein Schlachthaus. In Lemberg gelingt einem Häuflein Juden die Flucht in die Dunkelheit, in die stinkende Kloake der Stadt. Der für einen Oscar nominierte Film "In Darkness" erzählt nun ihre Geschichte - eine wahre Geschichte von Verzweiflung, Liebe und Heldentum wider Willen.Poldek ist ein kleiner Gauner. Einer, der jeden Vorteil nutzt, einer, der sich auskennt in den Gassen seiner Stadt, in den dunklen Röhren der Kanalisation. Seine schwarze Ledertasche, schwer von Diebesgut, trägt er mit sich, wohin er auch geht. Keine Frage, Poldek gehört zu denjenigen, die sich immer irgendwie durchschlagen.
Doch die Zeiten, in denen Agnieszka Hollands für den Auslands-Oscar nominierter Film "In Darkness" spielt, sind speziell. Das große Plündern und Morden ist ausgebrochen, Wehrmachtssoldaten und SS-Männer verwüsten Europa, besonders Polen und die Sowjetunion. In Lemberg, jener einstmals prächtigen Stadt im Osten Polens, lassen sie Juden auf Fässern tanzen und auf Knien das Kopfsteinpflaster ihres Ghettos schrubben. Poldek sieht es und sieht es doch nicht, wenn er Wohnungen ausplündert, um sich auch seinen Anteil zu sichern.
Blinzeln im Angesicht des Lichts: Poldek hebt Krzysia (Milla Bankowicz) in die Höhe. (Foto: Jasmin M. Dichant / SCHMIDTz KATZE FILMKOLLEKTIV/ NFP)
Als er eines Tages sein Diebesgut in den Kanälen der Stadt versteckt, stößt er auf ein Häuflein Juden aus dem Ghetto. Das gefundene Fressen. Bekäme er doch von den Nazis für jeden Juden eine üppige Belohnung. Doch jetzt hält er sich erstmal an den Juden schadlos, Geld verlangt er, viel Geld, für jeden Tag, an dem er sie nicht verrät und in den feuchten Eingeweiden der Stadt mit dem Notwendigsten versorgt. Die Hilfe für seine Juden ist kein selbstloses Geschäft, das ist von Anfang an klar. Poldek schachert, er feilscht. Altruismus in Zeiten des Krieges ist ein riskanter Luxus. Nicht nur ihm, sondern auch seiner Frau und Tochter könnte er das Leben kosten.
In den folgenden Monaten, - seine Tasche ist inzwischen mit Kartoffeln und Zwiebeln gefüllt - wird ihm das mehr und mehr bewusst. Doch da hat Poldek, der pragmatische Dieb und Kanalarbeiter, schon die in den Kanälen versteckten Judenkinder, Krzysia und Pawel, in sein Herz geschlossen und halb verwundert festgestellt, dass auch Juden mutig sein können. Dass sie nicht nur Jesus ans Kreuz geschlagen haben, sondern dass auch Jesus und die heilige Jungfrau Maria Juden waren. Fast gegen seinen Willen, selbst als sich die Sache nicht mehr lohnt und nur noch ein Geschäft mit dem Tod ist, das ihm dazu beträchtlichen Ärger mit seinem blonden Prachtweib einbringt, kann er doch nicht anders. Poldek muss helfen. Er hat sich hoffnungslos verstrickt.
Paulina Chiger (Maria Schrader) flieht vor einer Razzia im Ghetto.
Agnieszka Hollands Film, der auf einer wahren Begebenheit beruht, macht deutlich, wie ein Zufall einen Lebensweg bestimmen kann, wie eng Gut und Böse miteinander verwoben sind. Die Kategorien, die doch so klar das Leben vereinfachen und die Welt erklären sollen, greifen nicht. Dunkelheit herrscht überall, in den von Ratten beherrschten Kanälen wie in den Helden.
Doch auch das Licht, das im flackernden Strahl von Taschenlampen die feuchten Röhren der Kanalisation erhellt, dringt immer wieder durch. Weder ist Poldek, großartig dargestellt von Robert Wieckiewicz, der reine Lebensretter, noch werden die durch das Ghetto gehetzten Juden (unter anderem gespielt von Maria Schrader, Herbert Knaup und Benno Fürmann) zu besseren Menschen. Auch sie huren, betrügen und kämpfen mit aller Gewalt ums Leben, selbst wenn es das der anderen kostet. Auch sie laden Schuld auf sich.
Holland, selbst Kind einer polnischen Mutter und eines jüdischen Holocaustüberlebenden, beschönigt nicht und klagt nicht an. Weder die Deutschen, die nur die Kulisse des Grauen liefern, noch die auftrumpfenden Ukrainer oder Polen, die aus dem Leid der Juden Profit schlagen. Dabei dreht Holland nach "Hitlerjunge Salomon" und "Bittere Ernte" nun nicht nur einen weiteren, gleichermaßen erschreckenden wie anrührenden Film zur Judenvernichtung. Das kann Holland, die Schülerin des polnischen Regisseurs Andrzej Wajda, ohne Zweifel, mit unpathetischen Dialogen und beklemmend klaustrophobischen Bilder, die nicht das große Grauen zeigen müssen, um nachhaltig zu verstören.
Holland gelingt mehr, denn noch etwas verstört in ihrem Film, in dem Licht und Schatten so nah beieinander liegen. Es sind die ewigen Fragen, die er aufwirft und auf die eine Antwort so schwer fällt: Wie reagiert man im Angesicht des Grauen, wenn keine Maßstäbe mehr gelten und jeder sich selbst der nächste ist? Was macht einen Menschen zum Menschen?
Quelle: n-tv.de