Marhaba
n-tv Reporter Constantin Schreiber hat für "Marhaba" gerade den Grimme-Preis gewonnen. Jetzt kommt sein gleichnamiges Buch heraus.
n-tv Reporter Constantin Schreiber hat für "Marhaba" gerade den Grimme-Preis gewonnen. Jetzt kommt sein gleichnamiges Buch heraus.

"Marhaba" als Buch: "Stimmung lässt sich nur schwer beruhigen"

Die Übergriffe in Köln zeigen: Für viele Zuwanderer ist es nicht nur eine Flucht in ein neues Land, sondern auch in eine neue Kultur. n-tv Reporter Constantin Schreiber versucht die Unterschiede in seinem neuen Buch zu erklären - auf Deutsch und Arabisch.

n-tv: "Marhaba - Ankommen in Deutschland" ist eine Erfolgsgeschichte: Gestartet als wöchentliche Webserie, wurde daraus schnell eine Talkshow im Fernsehen. Jetzt erscheint das Buch zur Serie. Warum?

Constantin Schreiber: Die Resonanz auf unsere Sendung war seit Beginn am 25. September 2015 gewaltig. Und das Interesse ist bis heute ungebrochen. In den 5-minütigen Online-Videos können wir viele der Themen nur ansprechen, um Impulse oder Ideen zu geben. Die TV-Ausgabe von "Marhaba" hat als Talkshow eine ganz andere programmliche Farbe. Mit dem Buch kann ich nun thematisch wesentlich mehr in die Tiefe gehen und mehr Hintergrund zu dem liefern, was wir Online nur in kürzerem Maße erläutern können.

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Das Buch ist sowohl auf Arabisch als auch auf Deutsch geschrieben. An wen richtet es sich genau?

Es richtet sich an beide, an Deutsche und Araber. Den arabischen Lesern möchte ich wie in der Sendung vermitteln, was unsere Grundsätze, aber auch unsere politischen Diskussionen und unsere Erwartungen an sie sind. Gleichzeitig bietet die Beschäftigung damit, was wir von anderen fordern, eine interessante Betrachtung auf sich selbst: Für die Deutschen ist es wichtiger denn je, sich zu fragen: Was heißt es eigentlich, heute "deutsch" zu sein? Welche Werte und Ideale machen uns aus.

Es heißt: "Marhaba, Flüchtling! Im Dialog mit arabischen Flüchtlingen". Wie steht es um den Dialog mit Flüchtlingen in Deutschland?

Ich glaube, da kann und muss noch eine ganze Menge mehr stattfinden, als das, was es im Moment gibt. Sicher, im Vergleich zum Beginn der Flüchtlingskrise, beziehungsweise der großen öffentlichen Diskussion darum, hat sich schon einiges getan: Es gibt verschiedene mediale Angebote, die seitdem initiiert wurden. Sie umfassen auch alle möglichen Verbreitungswege - also TV, Online, Radio, Print. Das ist gut. Aber meine Wahrnehmung ist, dass häufig eben noch kein Dialog stattfindet, sondern die Kommunikation recht einseitig von uns zu den Flüchtlingen erfolgt. Ich sehe aber an den vielen Zuschriften zu "Marhaba" von Flüchtlingen, dass bei ihnen ebenso ein großes Bedürfnis besteht, sich mitzuteilen. Nur die Plattformen gibt es dafür noch nicht so richtig.

Inwiefern kann das Buch helfen, die aufgeheizte Stimmung zu beruhigen?

Ich fürchte, wir sind im Moment an einem Punkt, an dem Beruhigung nur noch schwer gelingen kann. Die öffentliche Meinung in Deutschland polarisiert sich zunehmend. Das erfahre ich selber auch unmittelbar. Zwischen großem Lob und grundsätzlicher Ablehnung gibt es in den Reaktionen nicht viel. Ich versuche, mich in dieser Lage auf meine Arbeit als Journalist zu konzentrieren: So sachlich es geht, Informationen vermitteln und mit "Marhaba" eine Plattform zum Austausch zu bieten.

Man hat oft das Gefühl, dass Probleme aus Missverständnissen entstehen. Inwiefern ist es auch eine Art Handbuch zum gegenseitigen Verständnis?

Der Blick von außen ist wichtig, um auch das eigene Handeln kritisch zu hinterfragen. Das gilt in der derzeitigen Lage für Deutsche und arabische Zuwanderer gleichermaßen. Dafür möchte ich insofern einen Beitrag leisten, als ich in dem Buch zeige, wie die arabische Welt uns sieht, und wie wir die arabische Welt, ihre Kultur und Politik wahrnehmen. Das soll schonungslos in der Sache aber angemessen im Ton sein. Nur, wenn man Dinge klar anspricht, kann man konstruktiv miteinander umgehen.

Warum hapert es immer wieder im Zusammenleben mit der hiesigen Bevölkerung und den Menschen, die hier neu ankommen?

Ich glaube schon, dass Zahl und Geschwindigkeit der Veränderungen in der Flüchtlingskrise viele Menschen einfach überfordern. Und das kann ich sogar ein Stück weit verstehen. Für Menschen in Berlin, Hamburg oder München, die wie wir Journalisten einen guten Job haben und ein sehr internationales Umfeld gewohnt sind, ist es leichter, solche gesellschaftlichen Veränderungen als Teil eines normalen, globalen Prozesses anzunehmen. In anderen Gegenden für Menschen mit anderen Rahmenbedingungen sieht das ganz anders aus. Aber natürlich gibt es jenseits dessen noch viele Vorurteile und Ängste, die in der Tat überspitzt oder falsch sind.

Vor einem halben Jahr hat Angela Merkel gesagt: "Wir schaffen das". Schaffen wir das wirklich?

Meine Gegenfrage lautet immer "Wann haben wir es denn geschafft"? Mir fehlen da die Parameter, die Ziele, nach denen wir das beurteilen können. Ich glaube, alleine mit dieser laschen Formulierung drückt sich die Politik um ihre Verantwortung, Bürgern und Wählern in rechenschaftswürdiger Weise ein Programm für die Zukunft zu entwerfen.

Mit Constantin Schreiber sprach Malte Baumberger

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Quelle: n-tv.de