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Olympia

Erst Bauchklatscher, dann Schädelfluten: Deutschland räumt nochmal ab

 
Erst Bauchklatscher, dann Schädelfluten: Deutschland räumt nochmal ab

Am vorletzten Tag der Winterspiele in Vancouver haben sich die deutschen Athleten im Kampf um Medaillen ...

... noch einmal schadlos gehalten, …

… fast zumindest.

Nebenbei sorgten sie auch noch für beste Unterhaltung, vor allem die Eisschnellläuferinnen. Im Richmond Olympic Oval spielte sich im Halbfinale zwischen Deutschland und den USA die verrückteste Szene der Winterspiele ab – sie sollte das Vorspiel zu einem goldenen Happy End für das deutsche Team sein.

Weniger Meter waren in der 3000-Meter-Teamverfolgung noch zu laufen, als Anni Friesinger-Postma entkräftet aufs Eis klatschte.

Dabei ruderte sie verzweifelt mit den Armen, …

… verrenkte den Körper, schleuderte ihr rechtes Bein mit dem Sensor für die Zeitmessung nach vorne …

… und trommelte, als sie die Ziellinie endlich rutschend überquert hatte, dennoch wütend auf die Bahn.

Das Halbfinale gegen die USA schien verloren, …

… Friesinger-Postma untröstlich: "Ich dachte, ich habe es verschissen und den Mädels alles kaputtgemacht."

Hatte sie aber nicht. Trotz ihres Fauxpas lagen die Deutschen 0,23 Sekunden vor den Amerikanerinnen. Zwei Stunden nach ihrer Slapstick-Einlage im Halbfinale kämpfte Friesinger deshalb mit der Goldmedaille um den Hals gegen Freudentränen an, …

… nachdem der letzte Akt des unglaublichen Eis-Schauspiels ohne sie über die Bühne gegangen war.

Die erschöpfte Friesinger-Postma fieberte im Innenraum des Richmond Oval mit, als Stephanie Beckert, Daniela Anschütz-Thoms und Katrin Mattscherodt nach einer grandiosen Aufholjagd ...

... in einem Wimpernschlag-Finale den Olympiasieg perfekt machten.

Die Winzigkeit von zwei Hundertstelsekunden lagen sie am Ende vor den Japanerinnen.

Die Jubelfeierlichkeiten in Schwarz, Rot und Gold konnten beginnen.

Nach dem Erfolg brach auch Daniela Anschütz-Thoms, auf den Einzelstrecken die ewige Vierte im Eisoval, in Tränen aus. Mit stockender Stimme bekannte sie: "Ich kann nicht mehr. Ich fange gerade an zu begreifen, was hier überhaupt passiert ist."

Passiert war, dass sich Anschütze-Thoms nach zweimal Blech über 3000 und 5000 Meter zwar ohne Einzelmedaille, aber dennoch als Siegerin von ihren letzten olympischen Spielen verabschiedete. Das gilt auch für Friesinger-Postma, die auf den Einzelstrecken nicht einmal in die Nähe der ersehnten Medaille gekommen war.

Nun war die Erleichterung riesig: "Ich habe viel Pech gehabt in dieser Saison, aber ich habe gewusst, dass diese Spiele etwas Besonderes sind und auch das Unmögliche wahr werden kann. Niemals aufgeben, auch wenn alle anderen auf einen draufdreschen."

Auch die sonst so coole Stephanie Beckert brauchte lange, um zu fassen, in was für einen Krimi sie geraten war. "Ich habe im Finale gesehen, dass wir schon 1,7 Sekunden zurücklagen - unglaublich, dass es doch noch gereicht hat", sagte die 21-Jährige.

Sie war es auch, die mit einem unglaublichen Endspurt über zwei Runden Anschütz-Thoms und Mattscherodt förmlich ins Ziel zog. 400 Meter vor Schluss hatte der Rückstand auf die Japanerinnen 1,14 Sekunden betragen, 200 Meter vor der Zielinie noch 0,74 Sekunden.

Mit zweimal Silber und einmal Gold ist Beckert nach Biathletin Magdalena Neuner und Skirennläuferin Maria Riesch die erfolgreichste deutsche Teilnehmerin in Vancouver.

Erfolgreich sein in Vancouver wollte auch Felix Neureuther, im Slalom galt der 25-jährige Skirennfahrer als ernsthafter Medaillenanwärter.

Doch im ersten Lauf machte er deutlich, warum die Wörter Sturz und Pech gern kombiniert werden. 27 Sekunden nach dem Start geriet Neureuther, …

… in der Zwischenzeit nur knapp hinter dem späteren Sieger Giuliano Razzoli aus Italien liegend, …

… aus dem Gleichgewicht und stürzte. Ein Happy End wie bei den Eisschnellläuferinnen konnte es nicht geben, die Medaille war dahin.

DSV-Alpindirektor Wolfgang Maier nahm anschließend ein ausgiebiges Bad in Selbstmitleid und klagte nach den drei Goldmedaillen bei den Damen: "Man hofft immer, dass man das Gleichgewicht zwischen Männern und Frauen herstellen kann und dann passiert wieder so eine Scheiße."

Das war nicht nur deshalb angebracht, weil Neureuther keinesfalls absichtlich ausgeschieden war, wie er anschließend betonte: "Ich habe mir mit Slalom nunmal eine Disziplin ausgesucht, die nicht den kleinsten Fehler verzeiht. Aber ich gehöre dennoch zu den Besten der Welt."

Es war vor allem deshalb unangebracht, weil die eigentlichen Verlierer des Tages aus Österreich kamen. Die Alpin-Herren der stolzen Skination verpassten auch im Slalom einen Podestplatz, obwohl sie gleich vier Sieganwärter ins Rennen geschickt hatten.

Damit blieben die österreichischen Herren bei den Winterspielen in Vancouver ohne Edelmetall – und waren damit medaillentechnisch genauso erfolgreich wie die gescholtenen deutschen Herren.

Medaillen blieben den österreichischen Herren in Vancouver aber nicht gänzlich versagt, wie dieser bissfreudige junge Herr beweist. Benjamin Karl heißt er, ...

... seine Medaille gewann er im Parallel-Riesenslalom der Herren.

Schneller als Karl war nur der 34-jährige Kanadier Jasey Jay Anderson, der dem zehn Jahre jüngeren Konkurrenten Gold mit einem famosen zweiten Lauf noch entriss.

Karl nahm die Niederlage äußerst sportlich: "Dass ich gegen ihn verloren habe, macht die Niederlage einfacher. Ich gönne ihm Gold, er ist einer der Größten aller Zeiten."

Der derart Gelobte bekannte anschließend mit Tränen in den Augen: "Gold bei Heimspielen zu gewinnen, ist unglaublich. Aber den Titel im Beisein meiner Töchter zu holen, ist das Größte."

Mit zweimal Edelmetall verabschiedete sich Bobpilot Andre Lange aus den Eiskanälen dieser Welt ...

... und wurde auch von seiner Crew mit einem Abschiedsgruß bedacht.

"Da sind die Emotionen hochgekocht", beschrieb Lange den Moment, als feststand, dass er im letzten Lauf die Kanadier doch noch abgefangen und Silber gewonnen hatte.

Vier Olympiasiege, acht WM-Titel, achtmal EM-Gold - die Bilanz des André Lange liest sich beeindruckend.

Nach der Siegerverehrung sagte er sichtlich bewegt: "Mir ist durch den Kopf gegangen, dass es das letzte Mal war. Ich werde diese Momente vermissen."

Dabei störte es ihn auch nicht, dass er erstmals bei Olympia nicht ganz oben auf dem Podium stand und kündigte fröhlich ein feucht-fröhliches "Schädelfluten" an: "Ich werde jetzt erstmal nur Bier trinken."

Ganz oben auf dem Treppchen stand der Amerikaner Steven Holcomb mit seiner Crew.

Und die hatte sich zur Feier des Tages richtig schick gemacht.

Mit gewohnt ansprechenden Beinkleidern waren auch die norwegischen Curler im Finale gegen Kanada aufs Eis gegangen.

Vom Eis gingen sie als Gewinner der Silbermedaille.

Denn die Kanadier um Skip Kevin Martin taten auch im elften Turnierspiel, was sie schon in den zehn Partien zuvor getan hatten: sie gewannen.

Ebenfalls goldig endeten die Winterspiele für Skilangläuferin Justyna Kowalczyk, die über 30 Kilometer im klassischen Stil siegte.

Mit einem starken Schlussspurt gegen die dreifache Vancouver-Siegerin Marit Björgen aus Norwegen, der sie am Freitag noch Doping unterstellt hatte, ...

... fuhr Kowalczyk am vorletzten Tag die erste Goldmedaille für Polen bei den XXI. Winterspielen ein.

Damit kann Polen die Kanadier im Medaillenspiegel natürlich nicht mehr einholen. Die haben mit 13 ersten Plätzen die Spitzenposition schon vor dem Finaltag sicher. Verrückt, diese Kanadier!

Und wie man das richtig feiert, wissen die Kanadier auch.

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