Suche
hier klicken, um den Ort für die Startseite festzulegen
Berlin
17
FR 8° / 23°
SA 9° / 23°
Olympia

Abfahrt zu wild? Eiskunstlauf zu öde? : Fünf Gründe, Curling zu lieben

 
Abfahrt zu wild? Eiskunstlauf zu öde? : Fünf Gründe, Curling zu lieben

Sie wissen nicht, was Pebbles sind? Skip erinnert Sie an ein Baukastensystem-Waschpulver? Und das "Recht des letzten Steins" klingt für Sie wie ein dramatischer Romantitel? Dann sind Sie wohl kein Curling-Fan.

Zugegeben, der Sport mutet schon etwas bizarr an.

Auf einer Eisbahn wird mit einer langgestreckten Bewegung ein Stein mit Griff ins Gleiten gebracht - mit dem Ziel, ihn näher an den Mittelpunkt eines Zielkreises zu bekommen als der Gegner. Vom Grundprinzip her ähnelt es dem Boule.

Doch dann das: Ausgerüstet mit einem Spezialbesen und Spezialschuhen ...

... schrubben zwei Personen wie wild mit dem Besen vor dem gleitenden Stein her. Da kann man sich eines Schmunzelns nicht erwehren.

Zumal noch dazu laute und für Außenstehende kryptische Kommandos die Intensität des Wischens steuern sollen.

Ganz schön schräge Vögel, diese Curler. Oder doch nicht?

Nur weil in Deutschland gerade einmal 700 Menschen diesen Sport betreiben, heißt das noch lange nicht, dass das alles Verrückte sind.

In Kanada, aber auch in Skandinavien oder Schottland erfreut sich Curling großer Beliebtheit und begeistert die Massen.

Grund genug, sich diese Gleitarbeit und Schrubberei einmal näher anzusehen und festzustellen: Curling ist alles andere als langweilig.

Fünf Gründe, warum Sie Curling lieben könnten.

Grund eins: Curling hat eine lange Tradition.

Curling, nicht zu verwechseln mit dem Eisstockschießen, ist ein uralter Sport mit schottischen Wurzeln.

Der erste datierte Curlingstein, wegen einer Inschrift auch Stirlingstein genannt, stammt aus dem Jahre 1511. Die erste schriftliche Erwähnung eines Curlingspiels stammt von 1541 aus einer Abtei nahe Glasgow. Der älteste, heute noch existierende Curling-Club wurde 1668 in Kinross in Schottland gegründet.

Seit den Winterspielen in Nagano 1998 ist Curling olympisch. Zwar wurde bereits 1924 in Chamonix ein Turnier ausgetragen, erst 2006 jedoch erklärte das IOC diesen Wettbewerb zu einem offiziellen und Großbritannien nachträglich zum Sieger.

1932, 1988 und 1992 war Curling bei den Olympischen Spielen lediglich ein Demonstrationswettbewerb.

Grund zwei: Curling ist ein sehr taktisches Spiel und eine Präzisionssportart.

Nicht umsonst wird Curling auch "Schach auf dem Eis" genannt. Es ist ein Higtech-Sport mit einer Vielzahl an Regeln, die Außenstehenden kaum verständlich sind. Zwei Mannschaften mit je vier Spielern treten gegeneinander an. Immer abwechselnd in einer festgelegten Reihenfolge spielen sie je zwei Steine über die 44,5 Meter lange Bahn.

Bei einem Spielabschnitt, End genannt, werden pro Mannschaft acht Steine gespielt. Die Steine sind aus Granit und etwa 20 Kilo schwer. Die Aufgabe besteht darin, möglichst viele Steine näher an den Mittelpunkt des Zielkreises zu bringen als der Gegner. Diese werden als Punkte gezählt.

In der Regel werden zehn Ends gespielt. Die Mannschaft mit den meisten Punkten gewinnt am Ende die Partie.

Derjenige, der einen Stein abspielt, versetzt ihn in eine langsame Drehbewegung und muss darauf achten, dass er Geschwindigkeit und Drehimpuls des Steins möglichst genau abpasst, um sein Ziel zu erreichen und zum Beispiel andere Steine zu umspielen.

Durch das Wischen des Eises vor einem Stein und die dadurch entstehende Wärme wird ein dünner Wasserfilm erzeugt. Damit kann der Lauf beeinflusst und die Laufweite verlängert werden.

Aber Vorsicht ist geboten: Der Stein darf nicht berührt werden, sonst "verbrennt" er und wird aus dem Spiel genommen.

Jedes Team wird durch den Skip geleitet, der die Taktik bestimmt, zeigt, wohin gezielt werden soll und in der Regel die letzten beiden Steine eines Ends spielt.

Das "Recht des letzten Steins" spielt eine besondere Bedeutung. Die Mannschaft, die dieses Recht besitzt, ist im Vorteil und versucht offensiv zu spielen und mindestens zwei Steine zu schreiben. Vor dem Spiel wird für das erste End ausgelost oder festgelegt, welche Mannschaft beginnt. Danach hat immer die Mannschaft das Recht, die das vorige End verloren hat.

Holt keine Mannschaft einen Punkt, wird das Recht des letzten Steins nicht gewechselt. Diese "Nuller-Ends" sind sehr häufig Strategie. Wenn man das Recht des letzten Steins schon verliert, dann mit möglichst vielen Punkten. Kann man nur einen holen, wird lieber versucht, das Haus leer zu machen, um das Recht zu behalten.

Grund drei: Curling ist ein äußerst fairer Sport.

Sich über einen Fehler der Gegner zu freuen, wird beim Curling missbilligt. Selbst auf internationaler Ebene wird erwartet, dass eigene Verstöße gegen das Reglement selbst angezeigt und dem Gegner mitgeteilt werden.

Und es ist Brauch, dass die Sieger die unterlegene Mannschaft zu einem Getränk einladen.

Grund vier: Curler sind die von nebenan.

Curling hat keinen leichten Stand - auch bei den Spielen in Vancouver nicht. Das weiß auch Andrea Schöpp, Deutschlands erfolgreichste Curlerin und Skip der Frauenmannschaft: ...

"Da prallen zwei Welten aufeinander. Amateur-Heinis wie wir treffen auf Vollblutprofis. Viele nehmen dich als Curler nicht für ganz voll."

Man werde von den anderen Athleten schon mal schräg angeschaut - nach dem Motto: Was wollen die denn hier?

Tatsächlich gibt es bestenfalls semi-professionelle Curler. In Kanada sind sie zwar Medienstars, ganz auf den Sport konzentrieren kann sich aber auch hier kaum einer.

Fast alle gehen einem anderen Beruf nach oder sind Hausfrauen oder Studenten.

Das deutsche Männer-Team um Andreas Kapp besteht aus einem Architekten, einem Optiker, einem Maschinenbauingenieur, einem Banker. Kapp selbst ist Großhändler für Tiefkühlkost.

Da Fähigkeiten wie Genauigkeit, taktisches Geschick, spielerisches Können und Erfahrungen beim Curling wichtiger sind als Geschwindigkeit, Kraft oder Ausdauer müssen die Spielern nicht unbedingt die physische Konstitution eines Topathleten haben und können durchaus auch älter sein als andere Spitzensportler.

Sowohl international mit Carolyn McRorie (46) aus Kanada, als auch national mit Andrea Schöpp (bald 45) und Andreas Kempf (42) stellt Curling bei Olympia die ältesten Athleten und Athletinnen. Aber auch sehr junge.

Stella Heiss (links) ist gerade 17 geworden und ist das Nesthäkchen bei den deutschen Frauen.

Grund fünf: Curling begeistert.

Zumindest die Kanadier, Schweden, Norweger und Briten. In Kanada gehört die "Eis-Schrubberei" nach Eishockey zum zweiten Volkssport. Eine Million Aktive gibt es hier.

Die Stimmung bei den Turnieren ist ausgelassen. Es wird angefeuert oder ausgebuht. Für das olympische Turnier im Vancouver Olympic Centre, bei dem zehn Frauen- und zehn Männermannschaften gegeneinander antreten, gab es einen wahren Ansturm auf die Tickets.

"6000 Zuschauer passen in die Halle. Doch sie hätten das Ding auch leicht mit 25.000 Menschen füllen und für die zwei Wochen 200.000 Karten verkaufen können", sagt der deutsche Skip Andreas Kapp und lässt sich von der Begeisterung anstecken.

Sein unbescheidenes Ziel nach zwei Olympia-Teilnahmen mit zwei achten Plätzen 1998 und 2006: "Das beste Curling meines Lebens" hinlegen. Er sieht auch Medaillenchancen für die deutschen Männer.

Die Topfavoriten bei den Männern und Frauen sind die Eismeister aus Kanada.

So viele Kanadier und eine Handvoll Deutsche können nicht irren!

Geben Sie Curling eine Chance!

Ach ja: Pebbles sind die kleinen Wassertropfen, mit denen der Eismeister die Fläche besprüht, damit der Stein "curlt". (Text: Nadin Härtwig)

Bilderserie versenden
Empfänger
Ihre Informationen
Persönliche Mitteilung

Die Daten werden nur zum Versenden der Nachricht benutzt und nicht gespeichert.

Bitte überprüfen Sie Ihre Angaben.