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Freitag, 14. März 2014

"Ich habe es nicht für den Film gemacht": David Lama und das Abenteuer Cerro Torre

Von Martin Morcinek

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Der Cerro Torre ist in jeder Hinsicht ein herausragender Berg: steil, unnahbar und von magischer Anziehungskraft für Filmemacher und Alpinisten. (Foto: Corey Rich/Red Bull Content Pool)

Der Cerro Torre ist in jeder Hinsicht ein herausragender Berg: steil, unnahbar und von magischer Anziehungskraft für Filmemacher und Alpinisten.

Der Cerro Torre ist in jeder Hinsicht ein herausragender Berg: steil, unnahbar und von magischer Anziehungskraft für Filmemacher und Alpinisten.

"Dieser Berg hat Eigenschaften, wie sie sonst nur Menschen haben; er hat etwas Böses, etwas Mysteriöses, etwas Schreckenerregendes", beschreibt Werner Herzog seine Eindrücke.

Herzog muss es wissen: Er ist der Regisseur von "Schrei aus Stein". Das Bergdrama mit Mathilda May und Kletterprofi Stefan Glowacz in den Hauptrollen spielt am Cerro Torre und kam bereits 1991 in die Kinos.

Knapp 18 Jahre später bereitet sich eine ganz andere Seilschaft auf die Besteigung des Cerro Torre vor.

David Lama - ein junges Klettertalent aus Innsbruck - hat den rund 3130 Meter hohen Berg für sich entdeckt. Gerade einmal 19 Jahre ist er alt, als er der Kletterszene sein spektakuläres Vorhaben präsentiert.

Angefangen hat er mit dem Klettern sehr viel früher: 1995 wird der Everest-Bezwinger Peter Habeler auf die besonderen Fähigkeiten des damals Fünfjährigen aufmerksam. (Im Bild: David an seinem allerersten Klettertag)

Kurz darauf nimmt er an seinen ersten Kletterwettbewerben teil. Mit zehn Jahren gelingt ihm seine erste Route im UIAA-Schwierigkeitsgrad "10-".

Mit 14 ist er Jugendweltmeister. Mit 15 steigt er bei den Erwachsenen ins Wettkampfklettern ein.

Doch David will mehr. Nach seinen Erfolgen bei Europameisterschaften und Kletterweltcups sucht er neue Herausforderungen.

Und dafür geht er bis ans andere Ende der Welt.

Unter den unwirtlichen Bedingungen Patagoniens will er seine in Sportwettkämpfen bewiesenen Talente von den Plastikgriffen der Kletterhallen auf den kalten Granit des Cerro Torre übertragen.

Patagonien bietet besten Fels, heißt es - und ein sprichwörtlich unberechenbares Wetter.

Wie das Rückgrat eines urzeitlichen Drachens erheben sich die Ausläufer der Anden hier zwischen Pazifik und Atlantik in den Himmel.

Nichts bremst die über das Meer heranrauschenden Luftmassen: Ständig tosen die berüchtigten patagonischen Starkwinde um die Gipfel.

Binnen Stunden kann die feuchte Meeresluft die Granitflanken der Kammlagen mit einer meterdicken Eisschicht überziehen. Jederzeit kann das Wetter umschlagen.

David klettert nicht allein: Der Regisseur Thomas Dirnhofer will den Sohn einer Innsbrucker Krankenschwester und eines nepalesischen Sherpas mit einem Filmteam dabei begleiten und dokumentieren, wie ...

... sich das "Wunderkind der Sportkletterns" an eine alpinistische Herausforderung wagt, an der vor ihm eine ganze Reihe weltbekannter Bergsteiger gescheitert sind.

Das Vorhaben ist mehr als nur ehrgeizig. Es ist eine Provokation. (Im Bild: David Lama mit Reinhold Messner, r.)

(Im Bild, v. l.: Peter Ortner, Thomas Dirnhofer und David Lama beim San Sebastian Film Festival.)

David habe "a snowballs chance in hell", urteilt der Bigwall-Experte Jim Bridwell. (Hier im Bild: Der junge David mit seinem Vater Rinzi beim "richtigen Klettern" in den Bergen.)

Denn David plant nichts anderes als einen Angriff auf die legendäre Kompressorroute.

Als erster Mensch überhaupt will er diese Route, die bis auf den Gipfel des Cerro Torre führt, frei klettern: David plant die Besteigung des "Unmöglichen Berges" im sogenannten Rotpunktstil.

Im Kern geht es dabei darum, einen Berg nur mit der eigenen Muskelkraft und ohne technische Hilfsmittel zu erklimmen.

Seil, Kletterhaken und Klemmgeräte dienen ausschließlich zur Absicherung. Alles andere geschieht aus eigener Kraft.

Dieser Kletterstil hat seinen Ursprung in den deutschen Mittelgebirgen. Es ist eine Antwort auf das vor allem in den 1970ern populäre technische Klettern mit Haken und Leitern. Für viele Kletterer ist es der eleganteste, schönste und alles in allem auch der vernünftigste Stil.

Unter Alpinisten in aller Welt genießt diese Art der Begehung, gerade wegen der damit verbundenen Schwierigkeiten, höchstes Ansehen - und das aus gutem Grund.

Im Jahr 1970 hatte sich der italienische Spitzenbergsteiger Cesare Maestri mit Hilfe eines Kompressors durch die Gipfelwand des Cerro Torre gebohrt - und damit eine Jahrzehnte andauernde Kontroverse ausgelöst. Das rund 70 Kilo schwere Gerät hängt noch immer am Berg.

Maestris Aufstieg über eine sogenannte Bohrhakenleiter gilt heute noch als "brutalste Art und Weise, auf einen Berg zu kommen". Bergsteiger-Legende Reinhold Messner sprach in diesem Zusammenhang sogar von einem "Mord am Unmöglichen".

David Lama weiß: Damit der kühne Plan gelingen kann, braucht es sehr viel mehr als Hallenklettern auf Weltcupniveau. Zusammen mit seinem Seilpartner Peter Ortner (vorne) beginnt er, wie hier in den Lienzer Dolomiten, im alpinen Gelände zu trainieren.

Was David anfangs noch nicht weiß: Aus dem geplanten Durchstieg im ersten Anlauf wird nichts.

Im ersten Jahr sind nicht nur die Wetterbedingungen eisig. David findet sich plötzlich inmitten eines ausgewachsenen Online-Streits rund um die Bohrhaken und Fixseile für das Filmteam wieder.

"Es ist immer leichter, wenn man sich nach niemandem richten muss außer nach sich selbst", wird David später sagen. "Aber in dem Filmprojekt sah ich eine Chance, die sich nur einmal im Leben ergibt. Mir war klar, dass etwas Außergewöhnliches entstehen könnte."

"Es waren einige Momente, in denen es wirklich einfach schwer war", gesteht er im Rückblick auf seine Versuche am Cerro Torre. "Vor allem in der Zeit, in der dieser Shitstorm über mich hereingebrochen ist, das waren schon harte Zeiten."

"Natürlich kannte ich den Cerro Torre und die Geschichte der Kompressorroute", erzählt er. "Zufällig habe ich ein Foto der Headwall gesehen, auf dem man Strukturen rechts von der Originalroute erkennen konnte, die kletterbar aussahen."

"Ich suchte ein Projekt, von dem ich nicht wusste, wie es ausgehen würde."

"Denn ich habe für mich herausgefunden, dass es mir schwerfällt, mich für kleinere Projekte zu motivieren, von denen ich schon weiß, dass sie unmöglich sind."

Wie schwer es dann tatsächlich werden sollte, würde David Lama erst in Patagonien erfahren.

"Für mich gab es einfach diese Idee, die ich für mich persönlich überprüfen wollte", beschreibt er seine Motivation. " Ich wollte es sicher nicht den anderen beweisen. Ich habe es auch nicht für den Film gemacht. Es ging mir um diese Idee, diese Vision. Und das ist dann irgendwie fast zu meiner Mission geworden, wenn man so will."

Die Frage, was für ihn der wichtigste Moment seiner Expeditionen zum Cerro Torre gewesen sei, stimmt David nachdenklich.

"Das ganze Abenteuer auf einen Moment zu reduzieren, wird der ganzen Erfahrung nicht gerecht", sagt er. "Aber, wenn ich es jetzt machen müsste, dann würde ich das Gipfelerlebnis 2011 erwähnen, als wir oben stehen ...

... im allerletzten Licht, die Sonne ist schon hinter dem Inlandeis untergangen, der Fitz-Roy ist in der Dunkelheit gewesen, und unter uns das ganze Tal war finster. Und der Peter und ich steigen da hinauf und stehen dann am Gipfel oben, das allererste Mal am Gipfel vom Torre."

"Wir waren die einzige Seilschaft, die es in dieser Saison geschafft hat, auf den Gipfel raufzukommen, auch in technischer Kletterei, und das war einer der schönsten Momente für mich überhaupt."

Wie David Lamas Abenteuer am Cerro Torre ausging, können Bergfilmfans und andere interessierte Zuschauer derzeit auf der großen Leinwand sehen.

Der Film "Cerro Torre - Nicht den Hauch einer Chance" läuft seit 13. März 2014 deutschlandweit im Kino.

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