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Zerstörung, Leid und Hoffnung: Die Katastrophe in Japan

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FREITAG, 11. März 2011: Der Tag beginnt in Japan wie jeder andere. Nichts deutet in der Hauptstadt Tokio (Archivbild) auf die unmittelbar bevorstehende Katastrophe hin. Überall im Land freuen sich die Menschen auf das anstehende Wochenende. (Foto: REUTERS)

FREITAG, 11. März 2011: Der Tag beginnt in Japan wie jeder andere. Nichts deutet in der Hauptstadt Tokio (Archivbild) auf die unmittelbar bevorstehende Katastrophe hin. Überall im Land freuen sich die Menschen auf das anstehende Wochenende.

FREITAG, 11. März 2011: Der Tag beginnt in Japan wie jeder andere. Nichts deutet in der Hauptstadt Tokio (Archivbild) auf die unmittelbar bevorstehende Katastrophe hin. Überall im Land freuen sich die Menschen auf das anstehende Wochenende.

Bei einer Anhörung im Haushaltsausschuss muss sich Premierminister Naoto Kan mit dem politischen Alltag beschäftigen: Das Land ist hoch verschuldet, die Wirtschaft kränkelt, der starke Yen belastet den Export, der Ölpreis steigt. Schwere Zeiten für die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt. Kan steht unter Druck.

Das Erdbeben beginnt ohne Vorwarnung: Am frühen Nachmittag, um 14.46 Uhr Ortszeit, beginnt der Boden unter Japan zu zittern. In Deutschland ist es kurz vor 7 Uhr morgens. Ein Erdbeben der Stärke 9,0 erschüttert den Nordosten der Hauptinsel Honshu. Das Epizentrum liegt 400 Kilomter nordöstlich von Tokio vor der Küste im Meer. Rund um die Welt schlagen die Seismografen aus.

Die schweren Erdstöße sind fast überall in Japan zu spüren. Im Nordosten sind sie so stark, dass Betonpfeiler bersten, Stromkabel reißen, Hänge abrutschen und Häuser einstürzen. Im Parlament ächzen die Deckenträger, die schweren Kronleuchter geraten in Bewegung, im Finanzviertel schwanken die Wolkenkratzer. Die sorgenvollen Blicke von Premier Kan sprechen Bände.

Brücken, Straßen, Kabel und Stromleitungen: Die Infrastruktur im Katastrophengebiet nimmt schweren Schaden. Erdbeben-Sensoren bringen Hochgeschwindigkeitszüge aus voller Fahrt zum Stillstand, Kraftwerke werden automatisch heruntergefahren. In weiten Teilen des Landes fällt sofort der Strom aus.

Die Erschütterungen sind ungewöhnlich stark und halten für Minuten an. Im erdbebenerprobten Japan weiß jeder, was das bedeutet: Es ist eines der ganz großen Beben, vor denen Geologen und Katastrophenschützer seit Jahren warnen. An der Ostküste setzen die durchdringenden Heultöne der Sirenen ein: Sie geben Tsunami-Alarm, höchste Stufe.

Die ersten Wellen erreichen die Ostküste Japans gegen 16 Uhr Ortszeit, eine gute Stunde nach dem Beben. Eine bis zu zehn Meter hohe Wasserfront bricht über dem Ufer zusammen.

Gewaltige Wassermassen dringen ins Land und reißen auf mehreren Kilometern von der Küste bis tief ins Inland alles mit sich: Menschen, Bäume, Schiffe, Autos, Flugzeuge, Hallen und Häuser.

Welle auf Welle rauscht heran: Das Beben bringt unvorstellbare Wassermengen in Bewegung und verschiebt die Erdkruste unter der Hauptinsel um ganze zweieinhalb Meter.

Nichts hält den Wassermassen stand. Sie überfluten die Küstenstriche im gesamten Nordosten. Auf ihrem Rückweg reißen sie die Trümmer mit hinaus auf die hohe See.

Strommasten fallen, Gasleitungen knicken: Im Überflutungsgebiet brechen unzählige Brände aus. Schnell wird klar: Die Katastrophe kostet tausende Menschen das Leben. Die Zahl der Vermissten und Opfer steigt stündlich.

In Ichihara in der Bucht von Tokio geht eine Raffinerie in Flammen auf: Die Gastanks halten dem Erdbeben nicht stand.

Kurz vor Handelsschluss in Tokio erreicht eine erste Regierungserklärung den Markt: Japan ruft den Katastrophenfall aus, die Lage in den Kernkraftwerken sei normal, erklärt Premierminister Kan.

Die japanische Notenbank stellt in einer Sofortreaktion Milliarden an Finanzliquidität bereit, um eine Kettenreaktion am Aktienmarkt zu verhindern. Ein Krisenstab wird gebildet, der die ökonomischen Auswirkungen des Bebens beobachten soll. Japans Leitindex beendet den Handel am ersten Tag der Katastrophe 1,7 Prozent im Minus.

In Tokio machen sich Pendler auf einen langen Heimweg gefasst: Das Nahverkehrssytem ist zu weiten Teilen lahmgelegt. Flächendeckende Stromausfälle treffen auch die Hauptstadt.

Hochbahnzüge bleiben auf offener Strecke liegen. Die Fahrgäste gehen zu Fuß zur nächsten Haltestelle. Wenig später, um 18.30 Uhr Ortszeit, tauchen erste Berichte über Probleme in den am schlimmsten betroffenen Kernkraftwerken auf.

Am Standort Fukushima 1 (hier ein Archivbild), rund 270 Kilometer nordöstlich Tokios, betreibt der Energieversorger Tokyo Electric Power Company (Tepco) insgesamt sechs Reaktorblöcke. Das Erdbeben löst eine automatische Notabschaltung aus. In Betrieb sind zu diesem Zeitpunkt die Blöcke 1 bis 3, die Blöcke 4 bis 6 sind wegen Wartungsarbeiten heruntergefahren.

Nach dem Beben starten zwar die Notstromdieselaggregate, doch die Flutwellen des Tsunamis zerstören die Dieseltanks. Die Motoren fallen aus. Damit tickt für die sechs Siedewasserreaktoren von Fukushima 1 - einer der größten kerntechnischen Anlagen Japans - die Uhr: Atomexperten aus aller Welt werden hellhörig.

Ein batteriebetriebenes Notkühlsystem wird aktiviert. Noch am Abend ist von erhöhter Radioaktivität die Rede. In einem Radius von 20 Kilometern rund um das Kraftwerk werden Anwohner in Sicherheit gebracht. Die Regierung ruft - sicherheitshalber, wie es heißt - den atomaren Notfall aus.

In Tokio gehen die Menschen unterdessen quer durch das Verkehrschaos einem ungewissen Abend entgegen: Ihre Sorgen gelten der Familie, den Freunden und Bekannten in den am schwersten getroffenen Regionen. Das Mobilfunknetz fällt streckenweise aus. Viele wissen nicht, wie es ihren Angehörigen geht und ob sie die Katastrophe überlebt haben.

SAMSTAG, 12. März 2011: Ein Land erwacht in einem Alptraum. Rettungskräfte schwärmen aus, um unter Hochdruck nach Überlebenden zu suchen. Ihre Chancen schwinden von Stunde zu Stunde. Aus dem ganzen Land laufen schwere Schadensmeldungen ein. Mit Nachbeben ist zu rechnen.

Premierminister Kan ruft das Militär zu Hilfe. Soldaten sollen die schwer verwüsteten Regionen unterstützen. Unterdessen wird klar: Auch die Wirtschaft ist empfindlich getroffen. Stromausfälle behindern die Produktion. Mehrere Autobauer und Teile der Elektroindustrie stellen den Betrieb an mehreren Standorten vorübergehend ein.

Doch die ungleich größere Katastrophe bahnt sich in Fukushima an: Am Tag nach dem Beben verliert der Reaktorblock 1 (hier von der Seeseite aus dargestellt) immer mehr Kühlwasser, Teile der Brennstäbe liegen offenbar bereits im Trockenen. Die Temperatur steigt. Druck wird in den Sicherheitsbehälter abgelassen. Aus diesem wird schließlich Dampf nach draußen geleitet. Radioaktivität entweicht.

Am 12. März kommt es im Gebäude von Reaktor 1 zu einer Explosion, den Betreiber-Angaben zufolge durch eine Verpuffung von Wasserstoff zwischen Reaktorkern und Außenhülle, bei der das Dach der Anlage aufgesprengt wird. Die Katastrophe bekommt eine neue, nukleare Dimension.

Um den Reaktor zu kühlen, leiten Tepco-Mitarbeiter mit Borsäure versetztes Meerwasser ein. Die Kontrolle über den Reaktor haben sie da bereits verloren. Jetzt kämpfen sie nur noch gegen die Zeit: Sie müssen versuchen, die drohende Kernschmelze aufzuhalten.

Das dem Meerwasser zugesetzte Bor soll die bei einer Kettenreaktion freiwerdenden Neutronen binden, um das nukleare Feuer im Inneren des Reaktors zu ersticken. Das Wasser soll die erhitzten Brennstäbe kühlen. Es sind verzweifelte Maßnahmen.

Der Vorfall wird von den japanischen Behörden als INES-Stufe 4 eingestuft. INES ist die internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse. Zum Vergleich: Tschernobyl wurde mit der höchsten Stufe 7 als katastrophaler Unfall bewertet.

Der Evakuierungsradius rund um Fukushima 1 wird auf 20 Kilometer ausgeweitet.

Die Welt beginnt zu begreifen, dass es die Menschen in Japan nun nicht mehr nur mit einer Naturkatastrophe zu tun haben. Auch in Deutschland entbrennt eine Debatte um die Sicherheit der deutschen Kernkraftwerke.

Nach einem Krisentreffen im Kanzleramt tritt die Bundeskanzlerin und der Außenminister vor die Presse: "Die Geschehnisse in Japan sind ein Einschnitt für die Welt", sagt Angela Merkel.

Die Nutzung der Atomenergie als Brückentechnologie hält die Bundeskanzlerin trotz der Ereignisse in Japan "für verantwortbar und für vertretbar". Sie kündigt eine Sicherheitsüberprüfung aller 17 deutschen Meiler an - und verhängt ein Moratorium über die umstrittene Verlängerung der Kraftwerkslaufzeiten.

SONNTAG, 13. März 2011: Die Menschen im Katastrophengebiet bahnen sich ihren Weg durch die Trümmer. Noch immer gelten Tausende Japaner als vermisst. Hunderttausende warten ohne Strom und Obdach auf Hilfe. Die Lebensmittel werden knapp.

In den am schlimmsten betroffenen Regionen bilden sich an der Trinkwasserausgabe lange Schlangen.

Mit langen Stangen stochern Soldaten in den Schutthalden der zerstörten Küstenstädte nach Opfern und Überlebenden.

Auf öffentlich aushängenden Vermisstenlisten suchen die Menschen nach den Namen von Angehörigen.

Für die Helfer bleibt die Rettung Überlebender die Ausnahme: 48 Stunden nach dem Beben finden sie in der Tsunami-Zone fast nur noch Tote.

Im Kernkraftwerk Fukushima 1 spitzt sich die Lage unterdessen weiter zu: Zwei Tage nach dem Beben und einen Tag nach der Explosion in Reaktor 1 versagt auch im Reaktorblock Nr. 3 die Notkühlung.

Tepco öffnet die Drucksicherheitsventile, um Dampf abzulassen. Daraufhin wird der Reaktordruckbehälter ebenfalls mit einer Bor-Meerwasser-Lösung geflutet. Mehrere Mitarbeiter werden verstrahlt.

International wächst die Kritik der offiziellen japanischen Informationspolitik: Die Regierung, die Atomaufsicht und der AKW-Betreiber Tepco informieren zögerlich, bruchstückhaft und zum Teil widersprüchlich.

MONTAG, 14. März: Die neue Woche beginnt mit einem schweren Nachbeben der Stärke 6,2.

Im Internet informiert Tepco die Öffentlichkeit über die unmittelbaren Auswirkungen des Erdbebens auf die Stromversorgung. Unter der Überschrift "Achtung" ruft der Versorger zum Stromsparen auf und spricht angesichts der Schäden von "extremen Herausforderungen".

Am späten Montagvormittag (Ortszeit, 3 Uhr MEZ) ereignet sich in Fukushima eine weitere Wasserstoffexplosion: Das Gebäude von Reaktor 3 fliegt in die Luft.

Es ist der Reaktor mit den Plutionium-Brennstäben. Dach und Fassade sind zertrümmert. Der Reaktorbehälter sei unversehrt, teilt Tepco mit.

Dann fällt auch noch das Kühlsystem im Reaktordruckbehälter von Block 2 aus. Es kommt zu einem fast vollständigen Verlust des Kühlwassers im Reaktor. Tepco versucht, Meerwasser zuzuführen. Der Versuch schlägt fehl.

Die Gefahr, dass sich radioaktive Substanzen massenhaft verbreiten, sei gering, heißt es in Tokio. Kurz darauf ändert der US-Flugzeugträger "USS Ronald Reagan" unvermittelt den Kurs.

Das Schiff kreuzt vor der Ostküste Japans und unterstützt die Hilfsaktionen mit seinen Hubschraubern. Nun muss es plötzlich einer Wolke radioaktiver Strahlung ausweichen. Ungewollt bestätigt die US-Marine damit die schlimmsten Befürchtungen von Atomexperten in aller Welt.

Insgesamt 17 Crew-Mitglieder sollen bei Hubschrauberflügen ungewöhnlich hohen Strahlenwerten ausgesetzt gewesen sein. Binnen einer Stunde hätten sie eine ganze Monatsdosis Strahlung abbekommen. Am Abend beginnt der Wind zu drehen. Nun gerät auch Tokio in Gefahr.

DIENSTAG, 15. März: In Fukushima ereignet sich am frühen Morgen Ortszeit eine weitere Explosion. Diesmal trifft es Reaktorgebäude Nr. 2. Das Dach des Gebäudes scheint kaum beschädigt, doch der Druck im Reaktor fällt. Experten zufolge lässt das nur einen Schluss zu: Die innere Schutzhülle des Reaktors ist beschädigt. Düstere Schwaden ziehen landeinwärts.

Experten diskutieren ernsthaft die Gefahr radioaktiver Niederschläge im Großraum Tokio. Hier leben mehr als 35 Millionen Menschen. Die Beschwichtigungsversuche der offiziellen Stellen verlieren Wirkung. Immer mehr ausländische Firmen ziehen ihre Mitarbeiter ab.

Am vierten Tag nach dem Erdbeben erlebt der japanische Aktienmarkt den größten Kurssturz seit dem Höhepunkt der Finanzkrise. Zwischenzeitlich liegt der Leitindex Nikkei mehr als 14 Prozent im Minus. Das Ausmaß der Katastrophe wächst von Tag zu Tag.

Beinahe wäre es an diesem Dienstag in Japan zum größten Verlust seit dem Börsencrash 1987 gekommen - und das trotz der umfangreichen Stützungsaktionen der japanischen Notenbank. Sie weitet ihre Krisenprogramme immer weiter aus und pumpt Tag für Tag Milliardenkredite in die japanische Wirtschaft.

In Block 4 bricht Feuer aus. Der Betreiber Tepco evakuiert seine Mitarbeiter. Nur 50 Mann verbleiben in den Kontrollräumen der riesigen Anlage. Sie sollen Japan und die Welt vor der atomaren Katastrophe retten.

Die Regierung in Tokio bestätigt: Bei der dritten Explosion in Fukushima wurde auch das innere Reaktorgehäuse von Block 2 beschädigt. Der Evakuierungsradius wird auf 30 Kilometer ausgeweitet. In Tokio zeigen die Messgeräte erstmals leicht erhöhte Strahlenwerte an.

MITTWOCH, 16. März 2011: Zum ersten Mal überhaupt in der Geschichte wendet sich der Kaiser von Japan in einer TV-Ansprache an die Bevölkerung - ein absolut außergewöhnliches Ereignis, das den tiefen Umbruch anzeigt, in dem das Land sich angesichts der Katastrophe befindet.

Der 77-jährige Tenno, für viele Japaner das nahezu gottähnliche Oberhaupt des alten Japan, zeigt sich tief erschüttert. Er bete um schnelle Hilfe, gesteht er seinen Landsleuten. "Meine Hoffnung ist, dass so viele Menschen wie möglich lebend gerettet werden."

In Fukushima bricht am Block 4 ein neues Feuer aus. Das Gebäude ist so schwer beschädigt, dass Hubschrauberpiloten bis ins Innere des Kraftwerks blicken können.

DONNERSTAG, 17. März 2011: Die Zahl der offiziell registrierten Todesopfer steigt weiter, ebenso wie die Zahl der Vermissten. Insgesamt verzeichnet die Polizei inzwischen 4377 Tote. Zusammen mit den Vermissten ergibt sich eine Zahl von 13.400 Opfern. Groteske Bilder der Zerstörung sickern in den Alltag.

In Fukushima kämpfen die Techniker weiter gegen den Super-GAU: Die Strahlenwerte rund um das Kraftwerk erreichen neue Spitzenwerte. Neben Reaktor 3 beunruhigt vor allem Nr. 4 die Experten: Der Betreiber spricht von einer potenziell kritischen Situation im Abklingbecken.

Die Zahl der Toten und Vermissten steigt bis zum Donnerstag offiziell auf 14.650. Die Polizei in Tokio bestätigt 5321 Todesopfer.

Die Zahl der Verletzten bleibt bemerkenswert niedrig: Die Behörden sprechen von 2400 Menschen. Die Bauvorschriften und das Tsunami-Warnsystem haben offenbar Schlimmeres verhindert.

Am Abend bereiten sich mehr als 400.000 Japaner auf ihre siebte Nacht in den Notunterkünften vor.

FREITAG, 18. März 2011: Am siebten Tag nach dem großen Erdbeben kämpfen Feuerwehrleute und Ingenieure gegen die Kernschmelze. Die Grenzwerte für die maximal zulässige Strahlenbelastung wird von der Regierung in Tokio eigens für den Einsatz in mehreren Stufen angehoben.

Um 14.46 Uhr gedenken die Menschen in einem Moment der Stille der Opfer des Erdbebens vor genau einer Woche.

18. bis 31. MÄRZ 2011: Gemüse aus der Region Fukushima ist radioaktiv belastet. Das Gesundheitsministerium verhängt einen Verkaufsstopp.

Panik breitet sich bis nach Tokio aus, junge Mütter wissen nicht, was sie ihren Babys zu essen geben sollen.

Die Supermärkte sind nach Hamsterkäufen gähnend leer.

Die Zahl der Toten steigt auf über 10.000. Mehr als 17.000 Menschen werden vermisst.

Der zulässige Grenzwert für Jod-131 im Meer vor Fukushima wird um mehr als das 4300-Fache überschritten. Das Grundwasser bei Block 1 ist nach Tepco-Angaben stark verstrahlt. 10.000-fach erhöhte Werte von Jod-131 seien entdeckt worden. Wegen der erhöhten Strahlengefahr empfiehlt die Regierung, die Zone bis 30 Kilometer um das AKW freiwillig zu verlassen.

APRIL 2011: Anfang April machen neue Opferzahlen die Runde. Fast 28.000 Menschen wurden getötet oder gelten als vermisst.

Der erste Überblick über die Schäden ergibt eine Summe von 300 Milliarden Dollar, die für den Wiederaufbau aufgewendet werden muss.

Erstmals gibt Tepco zu, dass es in Fukushima zu einer Kernschmelze gekommen ist.

Bilder aus der Mitte des Monats zeigen ein völlig zerstörtes AKW.

Die japanische Regierung hält die Fortsetzung der Kernschmelze zwar für gebannt, ...

... weil eine Art Kühlung funktioniert, ...

... doch es werde weiterhin schwere Probleme geben, heißt es.

Zu sehr zerstört sind die empfindlichen Anlagen.

Menschen sollen sich in der Ruine nicht aufhalten - die Strahlung ist einfach zu hoch.

Ein Roboter, der von Tepco-Ingenieuren gesteuert wird, liefert die Aufnahmen.

Die Offiziellen der Betreiber des AKW Fukushima gedenken am 11. April der Opfer der Katastrophe. Einige Tage später zwingt die Regierung das Unternehmen zur Zahlung von Entschädigungen.

Einen Tag nach dem Gedenken stuft Japan den GAU von Stufe 5 auf Stufe 7 der Bewertungsskala für nukleare Zwischenfälle hoch - auch Tschernobyl war ein Stufe-7-Unfall.

Die Gefahr einer vollständigen Kernschmelze sehen Experten aber nicht mehr gegeben - allerdings, so räumt Tepco am 21. April ein, könne in Reaktor 1 eine Kernschmelze stattfinden.

Am 22. April verhängt die Regierung eine 20-Kilometer-Sperrzone um den Reaktor 1 des AKW Fukushima. Nur noch Spezialkräfte dürfen sich in der Region aufhalten.

Wer sich widersetzt, muss mit empfindlichen Strafen rechnen.

MAI 2011: Vor der Katastrophe war eine solche Demonstration fast undenkbar, doch Anfang des Monats gehen in Japan Tausende zu Protesten gegen Atomkraft auf die Straße.

Am 10. Mai dürfen ehemalige Einwohner der Sperrzone einige Habseligkeiten retten. Für gerade mal zwei Stunden ...

... kehren knapp hundert Menschen ...

... in ihre Häuser zurück.

Dabei dürfen sie eine kleine Plastiktüte mit persönlichen Dingen mitnehmen, ...

... wie Fotos, Geld oder Bankunterlagen.

Haustiere und Nahrungsmittel müssen in der Todeszone bleiben.

Der umstrittene Tepco-Chef Masataka Shimizu nimmt am 20. Mai seinen Hut - zu spät, wie viele Japaner meinen.

JUNI 2011: Mitte Juni stellt Tepco die Pläne zur Verhüllung des Reaktors 1 vor.

JULI 2011: Wegen der im Sommer erwarteten Versorgunsengpässe müssen Großverbraucher Strom sparen. Die Autoindustrie Japans trifft die Vorgabe hart.

Ein Erdbeben der Stärke 7,3 am 10. Juli erinnert die Japaner an die Gefahr aus dem Erdinneren. Arbeiter im AKW Fukushima werden vorsorglich evakuiert.

Die Bewohner der östlichen Küstenregion sollen das Gebiet verlassen, doch nach zwei Stunden kann die Tsunamiwarnung aufgehoben werden.

AUGUST 2011: Am 2. August misst Tepco die höchste Strahlenbelastung im AKW Fukushima seit dem 3. Juni.

Die Dosis sprengt das Messgerät von Tepco, das nur den ohnehin sehr gefährlichen Wert von zehn Sievert messen kann.

Am 26. August tritt Nato Kan als Ministerpräsident zurück.

Das Krisenmanagement und die Informationspolitik seiner Regierung stand stets in der Kritik, die Umfragewerte sanken ins Bodenlose.

SEPTEMBER 2011: Japans Regierung ist um Besänftigung bemüht. Der für die Bewältigung der Atomkatastrophe zuständige Minister Goshi Hosono hebt am 30. September die Evakuierungsempfehlung für den Umkreis zwischen 20 und 30 Kilometern um Fukushima auf.

OKTOBER 2011: Wenige Tage später, am 3. Oktober, wird deutlich, wie teuer Stilllegung und Abbau der Atomreaktoren wird. Eine Regierungskommission geht von umgerechnet 10,6 Milliarden Euro Kosten aus.

NOVEMBER 2011: Immer wieder schrecken Berichte über radioaktiv verseuchte Lebensmittel die Japaner auf. Ende November wird bekannt, dass Reis aus der Region Fukushima überhöhte Werte an Cäsium aufweist.

Der Reis soll aber nicht in den Handel gegangen sein. Die Regierung versucht, den Fall herunterzuspielen. Sprecher Fujimura sagt: "Ich habe gehört, dass das kein ernstes Problem wird." Dennoch: Der Verkauf von Reis aus der Region wird fortan untersagt.

DEZEMBER 2011: Rund neun Monate nach der Katastrophe erklärt Premierminister Yoshihiko Noda am 16. Dezember, Fukushima Daiichi sei wieder unter Kontrolle. (jog/mmo/cba/dsi)

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