
| MO | -7° / 1° |
| DI | -5° / 1° |
Es ist der 12. Januar 2010, kurz vor 17 Uhr (Ortszeit). Über Port-au-Prince hängt eine riesige Staubwolke. Nichts ist mehr wie es war.
Auf den Straßen der Stadt herrscht das blanke Chaos: Umher irrende Menschen sind auf der Suche nach dem eigenen Haus und den darunter verschütteten Familienangehörigen.
Nur Minuten vorher hat ein Erdbeben die haitianische Hauptstadt erschüttert. Nach Messungen des seismologisch-geologischen Instituts der USA ist das Erdbeben mit einer Stärke von 7,0 das verheerendste in der Karibik seit 1770. Das Epizentrum lag rund 15 km westlich von Port-au-Prince, der Bebenherd lag in nur 10 Kilometern Tiefe.
So knapp unter der Erdoberfläche sind die Auswirkungen besonders heftig, denn die Stöße können fast ungebremst an die Oberfläche rasen.
Das Beben dauert nicht viel länger als eine Minute.
Schon die ersten Bilder, aufgenommen mit Videokameras, zeigen, welch dramatische Szenen sich überall in der Millionenmetropole abgespielt haben müssen.
Blutüberströmt und staubbedeckt irren die Menschen durch die völlig zerstörten Straßen der Stadt.
Überall liegen Tote.
Es sind erschütternde Bilder, ...
... Bilder, bei deren Anblick man die eigenen Tränen nicht zurückhalten kann, ...
... Bilder, bei denen man den Blick abwenden möchte. Es sind Bilder, ...
... die den Geruch des Todes transportieren.
Zu diesem Zeitpunkt kann niemand sagen, wie viele Menschen bei der Katastrophe gestorben sind. Von hunderten, vielleicht tausenden Opfern ist die Rede.
Am Tag eins nach dem Jahrhundertbeben wird das Ausmaß der Tragödie von Stunde zu Stunde deutlicher.
Überlebende suchen ihre Angehörigen.
Frauen suchen ihre Männer, Männer ihre Frauen, Eltern, Freunde, Kinder.
Viele Kinder stehen plötzlich ohne Eltern da.
Haiti versinkt im Elend.
Schon vor dem Beben war der Inselstaat das ärmste Land des gesamten amerikanischen Kontinents. Korruption, Misswirtschaft und unfähige Politiker sorgen dafür, dass Haiti als unregierbar gilt.
Die wenigen funktionierenden Strukturen werden am 12. Januar endgültig zerstört. Der Präsidentenpalast, einst ein schneeweißer Prachtbau, liegt in Trümmern. Die Mauern sind eingefallen, die mächtige Kuppel nach unten gesackt: Es ist wohl das symbolträchtigste Bild. Haiti ist in sich zusammengebrochen.
Mit jeder Stunde, jedem Tag wächst die traurige Gewissheit, dass das Beben als eine der schlimmsten Naturkatastrophen in die Geschichte Haitis eingehen wird.
Krankenhäuser, die Kathedrale, Ministerien, das UN-Hauptquartier, Schulen, Universitätsgebäude, Hotels sind eingestürzt oder schwer beschädigt.
Nicht hunderte, sondern viele tausend Menschen sind verschüttet, ...
... verletzt, ...
... traumatisiert.
Die Opferzahlen werden täglich nach oben korrigiert. Eine Woche nach der Katastrophe wagt das Rote Kreuz eine vorsichtige Schätzung:
Etwa drei Millionen der neun Millionen Einwohner seien in irgendeiner Form von den Auswirkungen des Bebens betroffen.
In der Hauptstadt selbst und in den Außenbezirken lebten vor der Katastrophe rund zwei Millionen Menschen - überwiegend in bitterer Armut. Ihre Hütten stürzen nach den heftigen Erdstößen wie Streichholzschachteln einfach um ...
... oder rutschen den Abhang hinab.
Tausende werden mit ihrem wenigen Hab und Gut unter den Trümmern begraben. Nicht nur Port-au-Prince ist weitestgehend zerstört, …
… auch große Teile des Südens und Westens des bitterarmen Karibikstaates sind verwüstet (im Bild die Küstenstadt Jacmel).
In Léogâne, westlich von Port-au-Prince, hat das Beben 90 Prozent der Häuser dem Erdboden gleichgemacht.
Reporter sprechen von apokalytischen Szenen.
Im gesamten Katastrophengebiet fehlt es an allem.
Die Menschen leiden große Not.
Sie warten vor allem auf Wasser, Lebensmittel und ...
... Medikamente.
Die internationale Hilfe läuft schleppend an.
Unter chaotischen Umständen verteilen die UNO und internationale Hilfsorganisationen Lebensmittel, Trinkwasser und andere Hilfsgüter.
Der Ansturm der Hungernden ist oft so groß, dass Soldaten und Polizisten nicht Herr der Lage werden.
Vereinzelt kommt es zu Plünderungen und Gewalt.
Die Berichte der Retter sind erschütternd.
Manchen Verletzten würden zerquetschte Gliedmaßen auf offener Straße amputiert, erzählt ein Mitarbeiter der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen".
Während Helfer auch nach dem offiziellen Ende der Suche nach Überlebenden noch immer Menschen lebendig aus den Trümmern befreien, …
… liegen unter vielen Gebäuden Leichen, die niemand bergen will oder kann - wie die Leichen von 300 Kindern unter einem völlig zerstörten Kinderkrankenhaus.
Mindestens 130 Personen werden während der Rettungsmaßnahmen lebend aus den Trümmern gezogen.
So wie eine 16-Jährige Haitianerin, die 15 Tage in einem Hohlraum unter einem eingestürzten Wohnhaus auf Rettung wartete.
Doch diesen glücklichen Einzelschicksalen stehen die unzähligen Toten gegenüber.
Gut drei Wochen nach der Katastrophe ist die Zahl der Erdbebentoten offiziell auf mehr als 200.000 gestiegen - Tendenz steigend. Rund 70.000 Tote sind beigesetzt.
Die Regierung in Port-au-Prince geht davon aus, dass mehr als 300.000 Menschen verletzt wurden.
Etwa 4000 von ihnen seien Gliedmaßen amputiert worden.
Die tatsächliche Zahl der Toten und Verletzten wird sich nach Meinung von Experten nie ermitteln lassen.
Für Trauerarbeit fehlt es in Haiti an Kraft und Zeit.
Die Menschen müssen ihr eigenes Überleben sichern.
Zwar kommt die Hilfe mittlerweile schneller an und ...
... auch die Verteilung der Lebensmittel gelingt immer besser, ...
... doch bleibt die Lage der Obdachlosen weiter dramatisch.
Angesichts der Tatsache, dass schon vor dem Erdbeben in Haiti zahlreiche Menschen obdachlos waren, ist davon auszugehen, dass etwa zwei Millionen Haitianer kein festes Dach über dem Kopf haben.
Sie sind den Witterungsbedingungen hilflos ausgeliefert.
Temperaturen um die 30 Grad beschleunigen die Verwesung der in den Straßen liegenden Leichen und erhöhen die Seuchengefahr.
Da die Regen-Saison in der Region bald einsetzt, werden dringend Notunterkünfte gebraucht.
Hilfsorganisationen fürchten derweil, dass sich neben Malaria auch Cholera und Denguefieber verbreiten. Ärzte der Weltgesundheitsorganisation WHO versuchen mit Massenimpfungen, den Ausbruch schwerer Krankheiten zu verhindern.
Besonders um die Kinder sorgen sich die internationalen Hilfsorganisationen und warnen vor Entführungen.
Fast 40 Prozent aller Haitianer sind unter 14 Jahre alt, und schon vor dem Erdbeben lebten 300.000 Kinder in Waisenhäusern. Das Kinderhilfswerk UNICEF steht vor seiner bislang größten Herausforderung in Sachen Kinderschutz.
Trotzdem raten internationale Hilfsorganisationen dringend von Adoptionen ab. Viel wichtiger sei es, den Kindern in ihrem Land Sicherheit, Kleidung und ...
... einen einigermaßen geregelten Alltag zu bieten.
Zwischen Müll und Schutt versuchen die Menschen, sich ein Stück Alltag schaffen.
Auf Straßen und Plätzen geht es lebhaft zu.
Händler bieten ihre Waren an.
In manchen Gegenden herrscht bereits buntes Treiben.
Doch es wird noch sehr lange dauern, bis sich Haiti von dem Schock erholt. Der Wiederaufbau soll über zwei Milliarden Euro kosten und wird viele Jahre dauern.
Allein für den Abriss und die Entfernung der Trümmer veranschlagt Haitis Regierung Kosten in Höhe von umgerechnet 750 Millionen Euro.
Das Volk sei "ausgeblutet, gemartert und ruiniert", so Haitis Präsident Bellerive.
Wichtig sei dabei, den Menschen die Möglichkeit zu geben, sich am Wiederaufbau aktiv zu beteiligen.
Viele befürchten jedoch, dass die Gelder für den Neuaufbau wieder in den Händen korrupter Beamter landet.
Nach Ansicht des Welternährungsprogramms der UNO müssen die Überlebenden des Erdbebens wesentlich länger versorgt werden als bisher angenommen. Mindestens ein Jahr seien zwei Millionen Menschen auf Lebensmittelspenden angewiesen.
Das Projekt Haiti sei eine der größten, wenn nicht die größte Herausforderung, vor der das Ernährungsprogramm in 40 Jahren gestanden habe. (Text: Diana Sierpinski)
Die Daten werden nur zum Versenden der Nachricht benutzt und nicht gespeichert.
Bitte überprüfen Sie Ihre Angaben.