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Gier, Hass und Vernichtung: Die erweiterte Kampfzone

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Auch in Zeiten des Friedens bleibt einzigartiges Kulturerbe von der Vernichtung bedroht. (Foto: REUTERS)

Auch in Zeiten des Friedens bleibt einzigartiges Kulturerbe von der Vernichtung bedroht.

Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. In Mes Ainak, 50 Kilometer südlich von Kabul, legen Archäologen eine einzigartige buddhistische Siedlung aus dem vierten Jahrhundert frei, mit tausenden Statuen, Häusern und Tempeln.

"Das ist noch bedeutender als Pompeji, noch umfangreicher", glauben Archäologen wie die Italienerin Roberta Marziani.

Doch die Pracht wird nicht mehr lange ausgegraben werden können.

Ende 2013 muss die Fundstätte einer Mine weichen. Ein chinesisches Unternehmen will in dem Ort Kupfer abbauen.

Was bis dahin nicht ausgegraben und gesichert ist, wird der Suche nach Rohstoffen zum Opfer fallen.

Der afghanische Vizekulturminister Mossadek Chalili stellt es so dar: "Wir müssen die Wirtschaft entwickeln. Wir haben keine Wahl."

Mes Ainak ist kein Einzelfall. Weltweit stehen hunderte historische Kulturschätze, die Jahrhunderte überstanden haben, vor der Vernichtung oder sind bereits zerstört.

Die Gründe dafür sind höchst unterschiedlich: ...

... Mal ist es die Gier nach Rohstoffen, mal sind es gigantische Bauten wie Staudämme, ...

...die zu Überflutungen von einzigartigen Orten, wie der antiken Stadtfestung Hasankeyf in der Türkei, führen.

Mal ist es religiös bedingter Vandalismus, ...

... mal sind es Kriege, die jeden Winkel eines Landes zur Kampfzone machen.

Besonders deutlich wird dies zurzeit in Syrien.

Rebellen und Regierungstruppen verschanzen sich in Kirchen und Museen - und umkämpfen jeden Straßenzug.

Erst im September liefern sie sich heftige Kämpfe in der historischen Stadt Aleppo.

Dabei geht der Basar in Flammen auf.

Das Weltkulturerbe und größte überdachte alte Marktviertel der Welt ist zerstört.

Regierungstruppen verhindern das Löschen des Feuers.

Auch viele andere historische Orte in Syrien - einst wegen ihrer antiken Überreste ein Paradies für Archäologen - liegen in weiten Teilen in Trümmern.

Die Altstadt von Homs wird ebenso zum Kampfgebiet ...

... wie die antiken Ruinen von Almynia und Apameia.

Demonstrieren hier zunächst nur Aufständische gegen Syriens Machthaber Baschar al-Assad, ...

... sind andere Orte inzwischen längst von Kämpfern heimgesucht.

Panzer schießen über die Ruinenfelder, Bulldozer brechen Öffnungen in jahrtausendealte Mauern, um die Schussfelder zu erweitern.

Und wenn die Waffen schweigen, sind die Kunsträuber unterwegs: ...

... Sie brechen Museen auf und plündern die Ausgrabungsstätten.

Sie schaffen weg, was nur irgendwie wegzuschaffen ist.

Verhökert werden die teils jahrtausendealten Güter dann gerne ins Ausland.

"Wir haben Informationen einerseits, dass von Anbeginn des Bürgerkrieges Leute nach Syrien gekommen sind - es klingt absurd oder wie eine Verschwörungstheorie - mit Listen, was rausgebracht werden soll", meint der Berliner Archäologe Kay Kohlmeyer.

"Und ich glaube, dass diese Nachrichten durchaus ernst zu nehmen sind."

Bereits während des Krieges im Irak werden tausende Kunstschätze, die entweder aus Museen gestohlen worden waren oder bei wilden Ausgrabungen zutage kamen, später in alle Welt verkauft.

Auch in Ägypten kommt es während der Unruhen gegen Mubarak immer wieder zu Einbrüchen in Museen oder in die alten Pharaonenstädte.

Gerade in den Wirren des Aufstands sind viele Sicherheitskräfte überfordert, ...

... wenn es um die Sicherung der Kulturgüter geht.

In Krisenregionen wie Pakistan und Afghanistan haben die Kunsträuber ebenfalls leichtes Spiel.

Apathie von Behörden, Korruption oder auch unübersichtliches Gelände kommen ihnen bei ihren Plünderungszügen zugute.

Ebenso die katastrophale Sicherheitslage in vielen Landesteilen.

Das Geschäft mit den antiken Kulturgütern lohnt sich für die Diebe und Schmuggler.

Im Ausland sind die Preise für antike Fundstücke zum Teil gigantisch.

Eine gerade mal acht Zentimeter große Statue aus mesopotamischer Zeit erzielt vor wenigen Jahren bei einer Auktion bei Sotheby's allein 57 Millionen Dollar.

Nach Schätzungen des FBI werden pro Jahr sechs Milliarden US-Dollar beim Handel mit gestohlenen Kulturgütern umgesetzt.

"Es ist, als würde man Geschichte stehlen", heißt es bei der US-Ermittlungsbehörde.

Noch verheerender als die Hehlerei mit Kulturgütern ist deren bewusste Zerstörung im Namen der Religion oder Ideologie.

Besonders deutlich zeigt sich dies bei den weltweit größten stehenden Buddhas von Bamian.

Trotz internationaler Proteste zerstören die Taliban im März 2001 auf Anordnung von Mullah Mohammed Omar die einzigartigen Statuen, die zum Weltkulturerbe gehörten - ein Status, der die Extremisten wohl noch eher in ihrer Bilderstürmerei ermutigt.

Vier Tage brauchen sie, um die gigantischen Buddhas aus dem sechsten Jahrhundert zu zerstören.

Die Wut von Islamisten richtet sich aber nicht nur gegen Andersgläubige.

Schon im Irak-Krieg zerstören islamistische Extremisten bewusst die teils jahrhundertealten Heiligtümer ihrer Gegner.

So wird im Jahr 2006 die Goldene Moschee von Samarra, eines der wichtigsten schiitischen Heiligtümer im Irak, angegriffen und zerstört.

Der Kampf gegen kulturelle Errungenschaften des Gegners wird zum Teil der Kriegsführung.

Im Sommer dieses Jahres wüten Kämpfer von Ansar Dine, einer Al-Kaida nahestehenden Extremistengruppe, in der "Perle der Wüste" in Mali.

Gezielt attackieren sie das Unesco-Weltkulturerbe in Timbuktu und zerstören mit Spitzhacken und Kalaschnikows jahrhundertealte Mausoleen für Sufi-Heilige.

Der Sprecher der islamistischen Gruppe nennt die Tat einen Auftrag "im Namen Gottes". "Wir sind alle Muslime. Was ist die Unesco?"

Die Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofs, Fatou Bensouda, spricht von "Kriegsverbrechen", der stellvertretende Unesco-Generalsekretär Dieter Offenhäußer von einem "barbarischen Akt" der Islamisten.

"Sie zerstören nicht nur ein Welterbe, ...

... sie zerstören auch einen Teil des Gedächtnisses Afrikas. ...

... Diese Gräber, Heiligengräber – wohlgemerkt muslimischer Heiliger – sind wichtigste Zeugnisse der afrikanischen Geschichte", so Offenhäußer.

Nicht nur in Mali löschen Islamisten ihnen nicht genehmes kulturelles Erbe aus.

Auch im Libyen nach der Ära von Muammar a-Gaddafi wüten Salafisten. Immer wieder richtet sich ihr Zorn gegen die Gräber von Sufi-Mystikern, allein in diesem Jahr schänden sie etliche Mausoleen und Moscheen.

So machen salafistische Terroristen im August mit Bulldozern eine Moschee der Sufis in Tripolis dem Erdboden gleich. Die Sicherheitskräfte lassen die Extremisten gewähren.

In einem verzweifelten Brief fordern daraufhin libysche Organisationen und Verbände von der Regierung, nicht mehr tatenlos zuzuschauen: ...

... "Die fanatischen Bilderstürmer haben in den vergangenen 72 Stunden mehr Schaden an unserem nationalen Erbe angerichtet, als es in den sechs Monaten der militärischen Auseinandersetzungen der Fall war."

Auch in Zeiten des Friedens bleibt einzigartiges Kulturerbe von der Vernichtung bedroht.

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