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Als Helmut Schmidt zum Helden wurde: Die große Sturmflut von 1962

 
Als Helmut Schmidt zum Helden wurde: Die große Sturmflut von 1962

Die Katastrophe kommt über Nacht - und sie trifft Hamburg vollkommen unvorbereitet. Sturm und Hochwasser kennt man hier, die Deiche scheinen hoch genug, die Nordsee ist 100 Kilometer weit weg.

Und so wähnen sich die Menschen sicher und liegen im Schlaf, als die schwerste Naturkatastrophe der Nachkriegszeit in Deutschland über sie hereinbricht. Die verheerende Sturmflut in der Nacht vom 16. zum 17. Februar 1962 kostet allein in Hamburg 315 Menschen das Leben.

Es sind dramatische Stunden, in denen Kinder ihre Eltern im Wasser ertrinken sehen, sich Verzweifelte mit letzter Kraft an Bäume und Dächer klammern, Retter und Helfer über sich hinauswachsen ...

... und Helmut Schmidt als damaliger Hamburger Polizeisenator zum Volkshelden wird.

In der Nacht, in der die Flut kommt, rast der Orkan mit 130 Kilometern je Stunde über Norddeutschland.

Der Sturm presst das Wasser der Nordsee in die Trichtermündungen von Elbe und Weser.

Viele Küstenbewohner an der Nordsee in Schleswig-Holstein und in Niedersachsen können sich in Sicherheit bringen. Auch dort sterben Menschen in dieser Unwetter-Nacht - am schmerzlichsten aber trifft es Hamburg, wo die letzte katastrophale Sturmflut 137 Jahre zurückliegt.

Mit unvorstellbarer Gewalt zermalmt die Flut Deiche, sie erreicht eine Rekordhöhe von rund 5,70 Metern über Normalnull. Binnen kurzer Zeit steht etwa ein Sechstel der Hansestadt unter rund 220 Millionen Kubikmetern Wasser.

An rund 60 Stellen zerbersten unter der gewaltigen Wucht der Flut die Deiche allein auf Hamburger Gebiet, an vielen weiteren Stellen richtet das Wasser schwere Schäden an.

Die Elbinseln der Stadt erwischt es am schlimmsten: Von allen Seiten werden Häuser, Straßen, Plätze und die Lauben in den Kleingärten überflutet.

Es trifft die Ärmsten der Armen in Wilhelmsburg, wo viele in Behelfsheimsiedlungen leben, in einfachen Häusern - eingeschlossen von Deichen. Allein hier sterben 200 Menschen.

Menschen ertrinken in ihren Betten, andere klettern in Schlafanzügen auf Bäume und Dächer, hoffen durchnässt in der kalten Winternacht auf Rettung, Kinder schreien nach ihren Eltern. In den Tagen danach sind allein dort Zehntausende in den Wassermassen gefangen.

Niemand hat mit einer solchen Flut gerechnet. Die elfjährige Savina Draack (hier mit einer Aufnahme ihres Vaters Felix Kuzlak) schläft nach einem Fernsehabend mit den Eltern im Häuschen hinterm Elbdeich in Hamburg in ihrem Bett ein. Es ist etwa 1 Uhr nachts, als jemand wild an ihr Fenster klopft und schreit: "Das Wasser, das Wasser!"

Der Feuerwehrmann Harry Braun, der einen dienstfreien Tag hat, wird auf der Rückfahrt vom Garten der Schwiegereltern in Quickborn nach Langenhorn mehrmals vom Fahrrad geweht. Und doch: ...

An der Sturmflutwarnung im Radio findet er im Winter "nix Ungewöhnliches".

Erst am nächsten Morgen auf dem Weg zum Dienst erlebt er das Chaos. In den folgenden Tagen birgt er Leichen und bringt Menschen in Sicherheit. Geehrt werden will er heute dafür nicht. "Ein echter Hanseat nimmt eben keinen Orden an."

Die Schlauchboote von damals stehen heute im Museum.

Zum 50. Jahrestag der Sturmflut erinnert eine Sonderausstellung in der Hamburger Ballin-Stadt an die Katastrophe.

Siegfried Baudewig von der Hallig Hooge, der in jener Nacht mittendrin im tosenden Wasser um das Leben seiner Familie bangt, wird die Sturmflut nie vergessen. Mit seiner Frau und den drei kleinen Kindern - zwei, vier und sechs Jahre alt - sucht der damals 35-Jährige auf dem Heuboden seines Hauses Schutz vor den Nordseefluten.

"Auf dem Dach kann man bei solchem Sturm nicht sein. Deswegen haben wir uns unter dem Dach mit Tauen an den Schornstein gebunden", berichtet Baudewig. Heute kann er schmunzeln, wenn er daran denkt, dass sich eines seiner Kinder Sorgen um den Fernseher machte. Damals denkt er nur: "Wenn wir diese Nacht bloß überleben!"

Schlimm war auch die Zeit danach. "Wir hatten ja kein Wasser. Um uns herum die Nordsee - und wir nur mit einer Dreiviertelliter-Flasche Trinkwasser", sagt er. Als die Hubschrauber kommen, winkt er verzweifelt mit Bettlaken. "Ich werde mein Lebtag nicht vergessen, wie der Pilot dann gelandet und ausgestiegen ist", erzählt er. Brot und fünf Liter Wasser hat er dabei.

Polizeisenator Schmidt ist erst am späten Abend des 16. Februar von einer Innenminister-Konferenz aus Berlin zurückgekehrt. Auch er ist zunächst ahnungslos. "Dass gleichzeitig in Hamburg eine Katastrophe passierte, habe ich nicht gemerkt."

In Hamburg erfassen die Behörden den Ernst der Lage erst spät.

Es wird die große Stunde des Helmut Schmidt, der gerade mal seit zwei Monaten Senator der Polizeibehörde ist.

Erst am nächsten Morgen wird Schmidt alarmiert. "Ich bin wie ein Verrückter unter Verletzung sämtlicher Verkehrsregeln in die Stadt gefahren", erinnert er sich. Nach nur wenigen Minuten sei er gegen 6.40 Uhr im Lagezentrum eingetroffen. Dort trifft er "lauter aufgeregte Hühner". Ein Gesamtlagebild fehlt, Pläne gibt es nicht.

"Sie haben auch selber die Katastrophe eigentlich erst begriffen, als sie schon passiert war", sagt Schmidt später über den Lagedienst. Der SPD-Politiker und spätere Bundeskanzler reißt die Zügel an sich und leitet eine groß angelegte Hilfe ein.

Schmidt koordiniert Hubschraubereinsätze und Rettungsaktionen auf dem Wasser und dirigiert zehntausende Helfer.

Unterstützung holt Schmidt sich nicht nur aus der Zivilbevölkerung, sondern auch vom Militär - ...

... damals ein Politikum, denn laut Verfassung darf die Bundeswehr nicht an zivilen Aufgaben teilhaben.

"Ich hab das Grundgesetz nicht angeguckt in jenen Tagen", sagt er später.

Zwei Tage nach der Katastrophe besucht Bundespräsident Heinrich Lübke (2.v.r.) die Stadt.

Als Konsequenz aus Schmidts damals umstrittenen Vorgehen, das für viele verzweifelte Menschen in Hamburg lebensrettend ist, werden später nicht nur die Deiche erneuert und erhöht. Auch der Bundeswehreinsatz bei zivilen Katastrophen wird in der Verfassung festgeschrieben.

Einer der Soldaten, die in Hamburg helfen, ist Uwe Sommer. Als Held sieht er sich nicht. "Wir waren junge Kerle, für uns war das ein Auftrag - von Heldentum haben wir gar nicht geträumt."

"Beim Dienstantritt am nächsten Morgen fragte man uns dann schon mal, ob wir helfen können, aber offiziell zum Auftrag wurde das erst nachher, als es Helmut Schmidt geschafft hatte, über alle Paragrafen zu hüpfen."

Gemeinsam mit zwei Kameraden ist er tagelang im Unimog unterwegs und bringt Überlebende in Auffanglager.

Das Bild zeigt den Hamburger Bürgermeister Paul Nevermann beim Besuch in einem Evakuiertenlagers auf der Veddel in Hamburg.

Der Katastrophenalarm wird bereits nach einer Woche wieder aufgehoben.

Nach der Katastrophe von 1962 werden die erneuerten Deiche 14 Jahre später auf die Probe gestellt: Am 3. Januar 1976 bedroht eine Sturmflut mit 6,45 Metern über Normalnull die Stadt - diesmal halten die Deiche.

Auch in den Jahrzehnten danach baut Hamburg den Hochwasserschutz kontinuierlich aus. Heute sind die Deiche bis zu 9,25 Meter über NN hoch - und ganz anders konstruiert als damals.

Auch wegen des Klimawandels gehe die Arbeit an den Deichen immer weiter, sagt Olaf Müller vom Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer. "Ich denke, dass der Schutz vor Sturmfluten eine generationenübergreifende Daueraufgabe ist."

Schließlich kann eine Sturmflut wie im Jahr 1962 jederzeit wieder passieren, sagt der Klimaforscher Hans von Storch. Im Vergleich zu Anfang der 60er Jahre laufe eine Sturmflut in Hamburg inzwischen etwa 70 Zentimeter höher auf - und sie erreiche die Hansestadt von Cuxhaven aus auch eine Stunde früher, erklärt der Direktor des Instituts für Küstenforschung am Helmholtz-Zentrum Geesthacht.

Unter anderem liege das an den zahlreichen bisherigen Elbvertiefungen: "Die neueren Vertiefungen machen in diesem Punkt nichts mehr aus, aber die am Anfang waren ganz erheblich." Nach Storchs Ansicht reichen die bisherigen Sicherheitsstandards bis zm Jahr 2030 aus: "Aber danach kann es sein, dass sich die Lage deutlich verschärft."

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