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Lebenserwartung wie im Mittelalter: Die verseuchtesten Orte der Welt

 
Lebenserwartung wie im Mittelalter: Die verseuchtesten Orte der Welt

Die Umweltschutzorganisation Blacksmith Institute hat 2006 eine Liste der am meisten verschmutzten Orte der Welt veröffentlicht.

"Es gibt zahlreiche Plätze auf der Erde, an denen die Lebenserwartung ähnlich hoch ist wie im Mittelalter, ...

.... Erkrankungen bei der Geburt die Regel sind, 90 Prozent aller Kinder an Asthma leiden und mentale Störungen endemisch zu sein scheinen", heißt es in dem Bericht, an dem internationale Umwelt- und Gesundheitsexperten gearbeitet haben.

Mindestens zehn Millionen Menschen sind von den Umweltgefahren, die von diesen zehn Orten ausgehen, betroffen.

"Ein wesentlicher Teil der Bedrohung dieser zehn schlimmsten Plätze liegt darin, dass sich zum einen verschiedene Giftstoffe akkumulieren ...

... und dass die Menschen seit Jahren mit diesen Giften leben bzw. diesen dauernd ausgesetzt sind", so der Direktor des Blacksmith Institute, Richard Fuller.

Unter den zehn dreckigsten Orten befinden sich allein fünf auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion:

Die russischen Städte Norilsk, Rudnaya Pristan / Dalnegorsk, Dserschinsk, das ukrainische Tschernobyl und der kirgisische Ort Mailuu-Suu.

Sie alle leiden noch immer unter verheerenden Schlampereien und der gnadenlosen Ausbeutung der Natur.

In der russischen Stadt Dserschinsk im Verwaltungsbezirk Nischnij Nowgorod, benannt nach dem Tscheka-Gründer Felix Dserschinski, ist die Lebenserwartung mittelalterlich.

Männer werden im Schnitt 42, Frauen 47 Jahre alt.

Zu Zeiten des Kalten Krieges war Dserschinsk einer der wichtigsten Chemie-Industriestandorte der Sowjetunion.

Chemische Waffen und toxische Substanzen wurden hier hergestellt. Zwischen 1930 und 1998 wurden hier fast 300.000 Tonnen hochgiftige chemische Abfälle fahrlässig entsorgt.

Rund 190 Chemikalien drangen ins Grundwasser ein, unter anderem Senfgas, Blausäure, Phosgen, Dioxine, Arsentrioxid. Viele der Stoffe gelangten in den nahe gelegenen Fluss Oka. Dieser ist die Trinkwasserquelle für die Stadt Nischni Nowgorod. ...

Rund 300.000 Menschen wurden möglicherweise geschädigt.

In der Industriestadt Norilsk, ursprünglich Arbeitslager in Sibirien, ist die Luft erfüllt von Strontium-90, Caesium-137, Schwefeldioxid, Schwermetallen und diversen anderen giftigen Substanzen.

Die Stadt gilt als einer der am meisten verschmutzten Orte in Russland - die Luft schmeckt nach Schwefel, der Schnee ist schwarz, die Lebenserwartung von Fabrikarbeitern liegt zehn Jahre unter dem ohnehin niedrigen russischen Durchschnitt.

In der Stadt gibt es die weltweit größten Schwermetall-Hüttenwerke. Rund ein Drittel der Welt-Nickel-Vorräte werden hier kontrolliert, mehr als 4 Millionen Tonnen Cadmium, Nickel, Arsen, Kupfer, Blei und Selen in die Luft geblasen.

1999 wurden im Boden erhöhte Kupfer- und Nickelwerte noch in einem Radius von 60 Kilometern entdeckt, auch die Luft ist stark verseucht.

Viele Kinder leiden unter Atemwegserkranken. Frühgeburten sind hier wesentlich häufiger als in anderen Regionen.

Seit November 2001 herrscht in Norilsk - wie in 90 anderen "geschlossenen Städten" in Russland - Besuchsverbot für Ausländer.

Mit Schwermetallen verseucht sind auch die beiden Städte Rudnaja Pristan / Dalnegorsk im Osten Russlands.

Die Bewohner leiden hier vor allem unter den Belastungen einer Bleimine und einer Bleihütte, die seit 1930 betrieben wurde.

Im Blut der Kinder wurden die US-Grenzwerte für Blei acht bis 20 Mal überschritten. Ob Trinkwasser, Staub oder im Gartenunkraut - fast alles ist bleiverseucht.

Auch zwanzig Jahre nach dem Reaktorunglück nimmt das Blacksmith Institute das ukrainische Tschernobyl in die Top Ten der am meisten verschmutzten Orte auf.

Bei dem Gau am 26. April 1986 wurde 100 Mal mehr Radioaktivität freigesetzt als nach den Atombomben von Hiroshima und Nagasaki.

135.000 Menschen wurden evakuiert, Tausende starben.

Bis heute gibt es eine unbewohnbare 19-Meilen-Zone rund um den Reaktor.

Trotz des Beton-Sarkophags rund um den Reaktor befürchten Experten, dass durch Lecks Radioaktivität austritt und das Grundwasser verseucht.

Schildrüsenkrebs ist bei Kindern in der Gegend ein häufig auftretendes Gesundheitsproblem.

Seit 2002 wurden 2000 Fälle diagnostiziert - die großteils auf den Genuss von verseuchter Milch zurückgeführt werden.

Insgesamt bewohnen noch rund fünf Millionen Menschen in Weißrussland, Russland und der Ukraine die Gegend, die seit der Reaktorkatastrophe als "nuklear verseucht" klassifiziert ist.

Auch die kirgisische Stadt Mailuu-Suu leidet noch immer unter den Hinterlassenschaften der Sowjetunion.

Hier wurde jahrelang Uranerz abgebaut - für die Produktion der ersten sowjetischen Atombombe. "Was bis jetzt zurückgeblieben ist, ist nicht eine Atombombe, sondern 1,96 Millionen Kubikmeter radioaktiver Bergwerksmüll", so das Blacksmith-Institut.

Dieser Nuklearmüll bedroht nun das gesamte Ferghana-Tal, eine der fruchtbarsten und am dichtesten besiedelten Gegenden in Zentralasien. Da es in der Gegend immer wieder zu Erdbeben kommt, sind potenziell Millionen Menschen bedroht.

Bereits jetzt ist die Strahlenbelastung in Mailuu-Suu außergewöhnlich hoch. Eine Studie von 1999 zeigt, dass doppelt so viele Menschen wie im Rest des Landes an Krebs erkrankt sind.

In anderen Teilen der Welt sind es vor allem Schwermetalle, die extrem die Umwelt belasten.

So ist die Region Bajos de Haina in der Dominikanischen Republik, die zu der am dichtest besiedelten Region des karibischen Staates zählt, stark bleiverseucht.

Hier hat eine Autobatterie-Recyclingfabrik dazu geführt, ...

... dass die Blei-Grenzwerte im Blut um ein Vielfaches überschritten wurden.

Das Unternehmen hat in der Zwischenzeit den Standort geschlossen (und verseucht nun eine andere Gegend), ...

... aber das Gift in Haina blieb.

Fast jedes dritte Kind braucht sofort medizinische Behandlung, ...

... bei neun Prozent der Kinder werden schwere neurologische Krankheiten erwartet.

Geburtsfehler, Augenkrankheiten, Lern- und Persönlichkeitsstörungen sowie plötzliche Todesfälle treten hier überdurchschnittlich oft auf.

Auch im afrikanischen Kabwe, der zweitgrößten Stadt Sambias, bot sich den Umweltschützern ein katastrophales Bild.

Seit Anfang des vergangen Jahrhunderts bis 1995 wurde hier Blei abgebaut. Die Hüttenwerke ließen unkontrolliert schwermetallverseuchte Partikel in die Luft, die sich in der Umgebung niedersetzten. "In dem Bergwerk und dem Schmelzwerk wird zwar nicht mehr gearbeitet, ...

... aber zurückgeblieben ist eine Stadt, die vergiftet ist durch lähmende Bleikonzentrationen in Boden und Wasser", so das Blacksmith Institute. Blutuntersuchungen zeigen: Die Einwohner haben mindestens doppelt so viel Gift in ihren Adern als normal wäre.

Südamerikas verseuchteste Stadt heißt La Oroya und liegt in den peruanischen Anden.

Neben den Schwermetallen Blei, Kupfer und Zink wurden hier Schwefeldioxid-Werte gemessen, die zehn Mal höher waren als die zulässigen Grenzwerte der Weltgesundheitsorganisation WHO.

99 Prozent der Kinder in und um La Oroya haben Blutwerte, die nach einer Studie nicht mehr im akzeptablen Bereich liegen.

Die Vegetation der Umgebung ist durch sauren Regen zerstört, Pläne zur Reduzierung der Emissionen wurden bislang nicht umgesetzt.

Die indische Stadt Ranipet ist der am stärksten verschmutzte Ort Südasiens. Hier hat eine inzwischen geschlossene Fabrik, die Chemikalien für das Gerben von Leder herstellte, 1,5 Millionen Tonnen Abfall schlampig deponiert.

Grundwasser und Boden sind verseucht, viele Bauern glauben, dass wegen der toxischen Abfälle nur noch eine von fünf Ernten gut ausfällt. Das Wasser rieche faul, und, so die Beschwerde weiter: "Wenn wir in Kontakt mit dem Wasser kommen, bekommen wir Geschwüre auf der Haut und es juckt wie ein Insektenbiss."

Die chinesische Stadt Linfen wurde ebenfalls in die Top-Ten Liste der schmutzigsten Orte aufgenommen ...

....als ein Beispiel für zahlreiche andere, stark verschmutze Städte in dem Riesenreich.

16 der 20 Städte mit der weltweit größten Luftverschmutzung befinden sich der Weltbank zufolge in China, wobei Linfen alle chinesischen Städte übertrifft.

Linfen in der Provin Shanxi gilt als das Zentrum von Chinas boomender Kohleindustrie.

Die Luftqualität ist im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubend.

"Wenn Du einen Groll auf jemanden hast, lass ihn Einwohner von Linfen werden. Warum? Zur Strafe!", zitiert das Blacksmith Institute einen Umweltexperten.

Örtliche Krankenhäuser beobachten zunehmend Fälle von Bronchitis, Lungenentzündung und und Lungenkrebs. "Ich fühle, dass meine Kehle sehr trocken ist, und der Stoff, der aus meiner Lunge kommt, ist schwarz", berichtet ein Einwohner dem Fernsehsender BBC.

Der Gehalt von Schwefeldioxid und anderen Schadstoffen in der Luft überschreitet um ein Vielfaches die Standards der WHO.

Eine zunehmende Zahl von Todesfällen der letzten Jahre wird direkt auf die starke Verschmutzung zurückgeführt. Auch Arsen belastet die Umwelt stark und führt zur Arsenvergiftung vieler Einwohner.

In der Provinz sind einer Studie zufolge 52 Prozent des Quellwassers verseucht.

Chinas dringender Bedarf an Kohle hat zu hunderten, oftmals illegalen und unkontrollierten Kohleminen, Stahlfabriken und Teer-Raffinerien geführt.

Diese verschmutzen nun das Wasser und machen den Anbau des Landes in der Provinz fast unmöglich.

Wasser ist so stark rationiert, dass sogar die Hauptstadt der Provinz Shanxi Wasser nur für ein paar Stunden am Tag erhält. (Alle Fotos: AP, dpa, Blacksmith-Institute; Text: Gudula Hörr)

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