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Generation A-Team zieht in den Krieg: Die wilden Waffen der Syrer

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Seit mehr als zwei Jahren wird in Syrien schon gekämpft: Die Frontlinien wechseln und verlaufen oft kreuz und quer durch dicht bebaute Wohngebiete. Gekämpft wird mit verbissener Härte, großer Verzweiflung und immer mehr auch mit erbarmungsloser Brutalität. (Foto: REUTERS)

Seit mehr als zwei Jahren wird in Syrien schon gekämpft: Die Frontlinien wechseln und verlaufen oft kreuz und quer durch dicht bebaute Wohngebiete. Gekämpft wird mit verbissener Härte, großer Verzweiflung und immer mehr auch mit erbarmungsloser Brutalität.

Seit mehr als zwei Jahren wird in Syrien schon gekämpft: Die Frontlinien wechseln und verlaufen oft kreuz und quer durch dicht bebaute Wohngebiete. Gekämpft wird mit verbissener Härte, großer Verzweiflung und immer mehr auch mit erbarmungsloser Brutalität.

Auf der einen Seite steht ein bunt zusammengewürfelter Haufen Aufständischer - schlecht ausgerüstet, lose organisiert und lediglich zusammengehalten von ihrem einzigen Ziel: Dem Sturz des Regimes.

Auf der anderen Seite stehen die Anhänger von Staatspräsident Baschar al-Assad, dem mit brutaler Hand regierenden Herrscher in Damaskus - und hinter ihm eine der kampfstärksten Streitkräfte des Nahen Ostens.

Die Kräfte sind höchst ungleich verteilt: Assad verfügt über eine Luftwaffe, Kampfhubschrauber, Panzer, Geschütze, ein dichtes Netz konkurrierender Geheimdienste und eine Armee von einst mehr als 200.000 Mann. Deren Feuerkraft haben die Rebellen wenig entgegenzusetzen.

Rücksichtslos lässt der bedrängte Diktator echte oder vermeintliche Widerstandsnester mit großkalibrigen Waffen beschießen: Auf Syriens Städte hageln Artilleriegranaten, schwere Raketen und immer wieder auch Schläge aus der Luft.

Für die Bevölkerung ist es der blanke Horror: Im Kreuzfeuer der Konfliktparteien gibt es für sie nur die Wahl zwischen dem tägliche Überleben ohne absehbarem Ende, dem bewaffneten Kampf oder dem Weg in die Ungewissheit der Flucht.

Gegen die militärische Übermacht der regimetreuen Kräfte haben die verschiedenen, teils zerstrittenen Bewegungen des Aufstands nicht viel in der Hand: Ihr Arsenal besteht hauptsächlich aus erbeuteten oder zusammengekauften Handfeuerwaffen - und aus dem Mut der Verzweiflung.

Gegen Assads Panzer lässt sich damit nicht viel ausrichten: Die Kugeln einfacher Sturmgewehre können der stählernen Außenhaut der scheinbar unaufhaltsamen Ungetüme wenig anhaben.

Selbst mit den weit verbreiteten Granatwerfern russischer Bauart braucht es Glück und eine gehörige Portion Mut, um einen von ihnen zu beschädigen oder gar zu zerstören.

Und Assads Panzer wagen sich nur selten allein in gefährliche Gebiete vor. Für die Aufständischen sind die feuerspeienden Kolosse in jedem Fall ein furchterregender Gegner.

Aus allen Richtungen rufen die Kämpfer nach schweren Waffen, um sich gegen regimetreue Truppen zur Wehr setzen zu können. An allen Enden fehlt es an Nachschub - nicht jedoch an Ideen.

Im Untergrund blüht der Bau von Selfmade-Waffen, die begabte Tüftler aus allem schmieden, was sich auf dem Schwarzmarkt auftreiben lässt.

Das beginnt bei dem selbstgeschweißten Schutzschild für die Flugabwehrkanone und deren Verankerung auf der Ladefläche eines Pickups, ...

... geht über die Produktion von Munition bis hin zum ...

... zum selbstgebauten Schützenpanzer aus unförmigen Stahlplatten. Das Gefährt trägt den Namen "Sham 2" und erinnert zusammen mit seinem Vorgängermodell schwer an den zielstrebigen und stets erfolgreichen Aktionismus der legendären TV Helden aus dem "A-Team".

Die gleichnamige US-Serie läuft seit Jahrzehnten auf unzähligen Satellitenkanälen, die auch im Nahen Osten gut zu empfangen sind. "Sham 1" hat seinen aktiven Dienst dagegen bereits überstanden. Trotzdem zeigen die Anti-Assad-Kämpfer ihn noch gerne vor.

Denn für die oppositionellen Kräfte sind die Waffenschmieden in Kellern und Hinterhöfen ein Zeichen der Hoffnung: ...

... Mit jeder Waffe, die hier in mühsamer Handarbeit entsteht, gewinnt der Widerstand gegen das verhasste Regime an Kraft. Und die Unabhängkeit von außen wächst.

Der Bürgerkrieg bringt es mit sich: In den Reihen der Rebellen finden sich Vertreter aus allen Handwerksberufen, aller Professionen und unterschiedlichsten Bildungsschichten.

Je länger der Krieg dauert, desto professioneller läuft die Rüstungsprodukton der Aufständischen. In Kleinserie entstehen nach und nach auch schwere Waffen.

Die heimliche Aufrüstung ist ein gefährliches Geschäft: Lange Experimentierphasen können sich die Waffenbauer nicht leisten. Ihre Produkte kommen sofort in den Einsatz und müssen dort unter Gefechtsbedingungen unbedingt funktionieren.

Dazu kommt das Risiko für Leib und Leben: Wer an Assads Spitzel verraten wird, muss mit dem Schlimmsten rechnen.

Bitter ist auch der Verwendungszweck: Diese improvisierten Sprengkörper sollen eigene Landsleute töten.

Doch es gibt weder Skrupel, noch Sicherheitsbedenken: Wem tagsüber Kugeln um die Ohren fliegen, der kommt auch am Abend in der Werkstatt nicht auf die Idee, beim Flexen eine Schutzbrille aufzusetzen.

Was an technischem Wissen fehlt, wird durch Felderfahrung und Improvisationskunst ausgeglichen.

Berührungsängste im Umgang mit Blindgängern, Fundware und anderen hochexplosiven Sprengmitteln gibt es kaum.

Fehlt nur noch der Zünder für die Treibladung: Fertig ist die Mösergranate. Probleme bereitet allerdings die Abschussvorrichtung. Zum Tragen über weite Strecken ist sie viel zu schwer.

Der Zweitwagen ist die Lösung: Eine Anhängerkupplung verwandelt den kleinen Geely in ein bestens getarntes Rebellenfahrzeug. Der unauffällig-auffällige Cityflitzer wird zur Zugmaschine mit abkoppelbarem Steilfeuergeschütz.

Damit lassen sich Granaten und Mörserrohr leicht von A nach B verlegen - und zwischendurch in jeder Garage verstecken. Geländegängig oder gar gepanzert ist das Gespann zwar nicht, doch immerhin, es erfüllt seinen Zweck.

Der syrische Pragmatismus kennt kein Halten: Diese kastenförmige Konstruktion verschießt ungelenkte Raketen.

Grob gefalzte Eisenschienen dienen als Führungsschiene. Ausgerichtet wird nach Gefühl und Himmelsrichtung.

Aus der Sicht des Assad-Regimes rächt es sich nun, dass die Armee über Jahre hinweg Wehrpflichtige zum Dienst an der Waffe einberufen hat.

Denn im Rahmen des allgemeinen Wehrdienstes musste sich fast jeder männliche Syrer über 18 Jahren einer militärischen Grundausbildung unterziehen.

Taktische Begriffe und waffentechnische Grundkenntnisse sind damit in der Bevölkerung weit verbreitet.

Und die Anwohner wissen, wo die Kasernen der Assad-treuen Streitkräfte mit ihren empfindlichen Treibstofflagern und Materialdepots liegen.

In den Reihen der Rebellen tauchen allerdings immer wieder auch diskrete Spezialisten auf, die im Umgang mit den Mitteln des Guerillakrieges auffallend vertraut wirken.

Mehr als Nadelstiche können diese Attacken jedoch sicher nicht bewirken. Es ist ein LowTech-Angriff auf eine immer noch vergleichsweise gut organisierte Armee.

Bei weitem nicht jede Rakete erreicht ihr Ziel. Und das ist die andere Seite einer blutigen Wahrheit: Zufällige Opfer unter der Zivilbevölkerung nehmen auch die Aufständischen in Kauf.

Es ist ein Krieg der Irrläufer, Zufallstreffer und Querschläger, der jeden Tag neue unglückliche Opfer findet.

Einzelne Fernwaffen der Aufständischen bewegen sich noch auf ganz anderem, sehr viel abenteuerlicherem Niveau.

Mittelalterliche Belagerungstechnik erwacht in den Straßenschluchten des modernen Aleppo zu neuem Leben.

Mit teils waghalsigen, teils kunstvollen Katapulten schleudern die Rebellen selbstgebastelte Bomben in Richtung ihrer Feinde. Benutzt wird, was funktioniert. Der Krieg heiligt die Mittel.

Doch was wie ein Spiel mit einer überdimensionierten Schleuder aussieht, ist in Wahrheit tödlicher Ernst. Gespannt werden die Gummistränge mit dem Körpergewicht der Kämpfer.

Das Prinzip ist simpel: Je härter die Gummis gedehnt werden, desto weiter fliegt die Bombe - sofern vorher nichts reißt oder gar umkippt.

Wenn alles bereit ist, tritt ein mehr oder weniger gut ausgebildeter Sprengmeister heran und legt die Granate in den Korb.

Dann brennt er die Lunte an. Jetzt darf nichts mehr schiefgehen.

Katapulte kommen längst nicht mehr nur in Aleppo, sondern mittlerweile auch in der Haupstadt Damaskus zum Einsatz: Die Bedienung ist in jedem Fall in höchstem Maße lebensgefährlich.

Genau vorhersagen lässt sich der Einschlagsort nicht: Der Schütze kann nur grob in eine ungefähre Richtung zielen. Explodieren wird das Geschoss, wo immer es auch landen mag.

Nach jedem Schuss kann sich die Gruppe beglückwünschen, dass Werferstütze und Gummistränge durchgehalten haben.

Der Mangel an militärischem Nachschub macht erfinderisch: Verschossen wird alles, was den Rebellen an Kriegsmaterial in die Hände fällt.

Mitunter werden sogar Jagdwaffen einem neuen Verwendungszweck zugeführt: Findige Büchsenmacher haben zum Beispiel diese Schrotflinte zu einem Granatwerfer umfunktioniert.

Details der Abschussvorrichtung dürfte europäischen Feuerwerkern und anderen Waffenexperten allerdings eiskalten Angstschweiß auf die Stirn treiben: Denn die Dose, an der hier gerade gezündelt wird, enthält hochbrisanten Militärsprengstoff.

Wenn die Lunte erst einmal brennt, bleiben bestenfalls nur wenige Sekunden Zeit bis zum Schuss.

Wenn die Waffe versagt - oder die Lunte ungleichmäßig abbrennt -, ist mindestens das Schicksal des mutigen Schützen besiegelt. Auf gut Glück drückt er ab.

Die improvisierten Gewehrgranaten scheinen recht zuverlässig zu funktionieren. Allerdings sind sie nur bedingt einsatztauglich. Sie benötigen zwei Mann Bedienung, starke Nerven und ...

... reichlich Glück und Gottvertrauen, dass der Explosivkopf nicht vorzeitig losgeht - von Wirkungstreffern beim Gegner ganz abgesehen.

Die Kämpfer der syrischen Opposition befinden sich in einer schwierigen Lage: Ausgemacht ist ihr militärischer Sieg noch lange nicht.

Trotz einzelner Erfolge: Noch kann Assad die wachsende Zahl seiner Gegner mit seinen weitreichende Waffen in die Deckung zwingen.

Um den Panzern des Diktators zu entgehen, müssen die Aufständischen versuchen, offenes Terrain so gut es geht zu meiden, und ...

... möglichst aus dem Hinterhalt zuzuschlagen.

Im Straßengewirr der Städte und Dörfer sehen die Kämpfer ihre einzige Chance: Sie suchen den Nahkampf im unübersichtlichem Gelände dicht besiedelter Gebiete.

Für die Zivilbevölkerung sind die Folgen katastrophal: In blinden Gegenschlägen treffen Assads Truppen immer wieder auch unschuldige Zivilisten. Der Krieg verlagert sich mehr und mehr in Syriens Metropolen.

In den umkämpften Vierteln führen brachial geschlagene Verbindungswege durch Mauern, Geschäfte und Privatwohnungen abseits der offenen Straße nach vorn.

Manche gehen dort mit dem konzentrierten Eifer eines Jägers ans Werk.

Andere feuern auf alles, was sich auf der anderen Seite bewegt.

Je länger der Krieg dauert, desto stärker drohen die Kombattanten zu verrohen.

Schon jetzt reißt der Krieg mit jedem Schuss immer tiefere Wunden in die syrische Gesellschaft.

International ist Assad zwar weitgehend isoliert: Doch ohne schwere Waffen auf Seiten seiner Gegner, kann er theoretisch noch Jahre militärisch die Oberhand behalten.

"Beide Seiten wähnen sich in einem Überlebenskampf, der keinen Raum für Kompromisse lässt", heißt es in einer Syrien-Analyse der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP).

Sowohl das Regime in Damaskus als auch die Aufständischen erhalten Unterstützung von außen: diplomatisch, finanziell oder sogar militärisch.

Doch die Hilfen aus so unterschiedlichen Richtungen wie Russland, USA, Iran, Israel oder Katar stärken nach Ansicht der SWP-Experten hier wie dort nur die Position der Hardliner.

Stärkere Waffen, so fürchten sie, drohen den Konflikt nur weiter anzufachen.

Kaum jemand glaubt noch an eine friedliche Lösung. Der Konflikt, so heißt es in der Analyse, sei längst ein Nullsummenspiel, das die eine oder andere Kriegspartei verlieren muss. Eine gütliche Einigung scheint ausgeschlossen.

Stattdessen muss es zunächst nur darum gehen, den Bürgerkrieg in Syrien nicht weiter eskalieren zu lassen.

Doch woher kommt das Kriegsmaterial, das auf Seiten der syrischen Opposition derzeit schon massenhaft im Einsatz ist?

Ein Großteil der bisher in Umlauf befindlichen Handfeuerwaffen stammt mit großer Sicherheit aus syrischen Armeebeständen.

Leicht erkennbar ist zum Beispiel die charakteristische Form der Kalaschnikow AK-47, einst das Standardgewehr der syrischen Streitkräfte.

In den Jahren ihrer Herrschaft hat die Dynastie Assad die syrischen Streitkräfte im großen Stil mit Militärmaterial aus Moskau ausgerüstet und große Mengen an Waffen eingekauft.

Die Kalaschnikow ist massenhaft im Land verbreitet, doch erscheint es zweifelhaft, ob alle Waffen aus denselben Quellen stammen: Für Instrumente einer Wehrpflichtigenarmee wirken diese Gewehre hier zum Beispiel erstaunlich gut erhalten.

Tatsächlich tauchen bei den Rebellen immer wieder auch modernere Sturmgewehre auf, die wohl kaum auf Plünderungen staatlich-syrischer Waffenlager zurückgehen.

Diese Kämpfer in Homs zum Beispiel verteidigen ihre Position zum Beispiel zum Teil mit Sturmgewehren US-amerikanischer Bauart: Die speziell getarnten M-16 müssen wohl über Schmuggelrouten, den Schwarzmarkt oder ganz andere dunkle Kanälen ins Land gekommen sein.

Der Waffenmix ist für die Aufständischen sicher kein Vorteil: Ausreichend Munition ist in Syrien eigentlich nur für die russischen Kaliber aus Heeresbeständen leicht aufzutreiben.

Neben der Kalaschnikow ist das vor allem das Maschinengewehr vom Typ PK. Entweder bringen Überläufer sie aus den Depots der syrischen Armee mit auf die andere Seite oder die mehr als zehn Kilo schweren Tötungsmaschinen fallen den Rebellen bei Überfällen auf Armeekonvois und Kasernen in die Hände.

Dritte, in Syrien weit verbreitete Standardwaffe russischer Bauart ist das Scharfschützengewehr Dragunov.

Ein einzelner Schütze mit einem solchen Gewehr genügt, um ein ganzes Stadtviertel unsicher zu machen: Fast überall können sich die als "Sniper" eingeteilten Kämpfer mit diesem berüchtigten Präzisionsgewehr auf die Lauer legen.

Wenn es darum geht, damit eine bestimmte Straßenflucht zu überwachen, wechseln sich die Kämpfer bei der eintönigen Wache ab.

Die Anspannung hinterlässt ihre Spuren: Hier graben sich Erfahrungen ein, die Syrien noch nach Jahrzehnten verfolgen werden.

Geschossen wird zur Not mit allem, was greifbar ist. Wo die Waffen im Einzelfall herkommen, ist den Rebellen im Grunde genommen egal.

Der Krieg ist ohnehin längst international: Der Schütze links trägt sein Dragunov in die Gefechtspause. Sein Kollege rechts visiert unterdessen bereits durch das Okular eines Präzisionsgewehrs der Marke Steyr über den Treppenabsatz nach draußen.

Die Gewehre von Steyr sind leichter und besser zu handhaben als ihr russisches Gegenstück.

Die Sturmgewehre Steyr AUG des Schusswaffenherstellers Steyr Mannlicher können ihre Herkunft ebenfalls nicht verbergen: Sie sind schon von Weitem zu erkennen. Das ungewöhnliche Design verrät die Waffe.

Wer jenes österreichische "Armee Universal Gewehr" (AUG) ins Land gebracht hat, liegt vollkommen im Dunkeln.

Denkbar wäre, dass es aus tunesischen Beständen stammt. Das Land ist offiziell Kunde bei Steyr.

Diese Waffe hier sieht dagegen einem G3 des deutschen Herstellers Heckler & Koch zumindest zum Verwechseln ähnlich.

Die Herkunft ist allerdings auch hier mehr als unklar: Lizenznachbauten des deutschen "Erfolgsmodells" werden unter anderem in der Türkei und auch im Iran gefertigt.

Sicher ist dagegen, was der Region blüht, wenn Syrien nicht bald zu einer dauerhaften Lösung kommt: Dann wächst eine Generation heran, für die das gegenseitige Töten selbstverständlich ist.

(Text: Martin Morcinek / Stand: März 2013 / Quellen: AFP, dpa, IISS, SWP)

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