Bilderserie

"Für den Verbraucher besteht keine akute Gefahr": Dreck im Essen

Bild 1 von 44
Die Zahl der Lebensmittelskandale ist so unübersichtlich wie die Produktionswege zwischen Gewächshaus und Gemüsetheke ... (Foto: picture alliance / dpa)

Die Zahl der Lebensmittelskandale ist so unübersichtlich wie die Produktionswege zwischen Gewächshaus und Gemüsetheke ...

Die Zahl der Lebensmittelskandale ist so unübersichtlich wie die Produktionswege zwischen Gewächshaus und Gemüsetheke ...

... oder zwischen Schweinestall und Fleischregal. Schön, dass wenigstens die Reaktionen der zuständigen Behörden nahezu durchweg die gleichen sind.

Ob Dioxin oder Gammelfleisch: "Für die Verbraucher besteht keine akute Gesundheitsgefahr."

Natürlich nicht - in der Regel haben die Verbraucher einen Großteil der verseuchten, verkeimten oder vergammelten Lebensmittel längst aufgefuttert.

Zumindest für Deutschland ist die Mutter aller Lebensmittelskandale der mit Glykol gepanschte Wein aus dem Jahr 1985.

Das Frostschutzmittel soll den Wein süßer machen, denn süß kommt an beim Verbraucher. Betroffen ist vor allem Wein aus Österreich, aber auch Deutschland.

Es ist beileibe nicht der erste Lebensmittelskandal. In den 1970er Jahren finden sich vermehrt Salmonellen in Geflügelfleisch, ...

... bis in die 1980er Jahre hinein werden Wachstumshormone in Kalbfleisch nachgewiesen. 1992 ist es das Hormon Clenbuterol, 2002 sind es Antibiotika in niederländischem Kalbfleisch.

1987 berichtet das ARD-Magazin "Monitor" über Larven von Fadenwürmern in Fischen. Vor allem in den Eingeweiden von Seefischen tauchen die sogenannten Nematoden auf. Die Industrie gelobt Besserung.

Dennoch findet die Zeitschrift "Öko-Test" sieben Jahre später erneut Fadenwürmer in Fischstäbchen. Wirklich bedrohlich sind die Fadenwürmer allerdings nur, wenn befallener Fisch roh verzehrt wird.

Im Jahr 2000 erreicht die Rinderseuche BSE Deutschland. Die Krankheit war 1985 erstmals in England festgestellt worden. Der Rindfleischkonsum bricht - vorübergehend - drastisch ein.

Das alte Bundesministerium für "Ernährung, Landwirtschaft und Forsten" wird umgewandelt ins Ministerium für "Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft". Später benennt Horst Seehofer das Ministerium erneut um - und rückt den Verbraucherschutz an die letzte Stelle.

Die BSE-Krise beschert der Biobranche einen Boom. Im September 2001 führt Renate Künast das erste staatliche Bio-Siegel ein.

Ende 2001 taucht Fischmehl in Deutschland auf, das mit Antibiotika belastet ist. Ursprung sind offenbar 27 Tonnen Garnelen aus den Niederlanden, die mit einem Antibiotikum behandelt wurden. Das Zeug wird Fischmehl beigemengt, das unter anderem an Schweine und Geflügel verfüttert wird.

Der Nitrofen-Skandal bringt der Biobranche einen Rückschlag. 2002 wird das Unkrautvernichtungsmittel in Bio-Hühnern und Eiern gefunden.

Der Hintergrund des Skandals ist fast banal: Das Getreide für die Hühner lagerte in einer Halle, in der DDR-Restbestände von Nitrofen aufbewahrt worden waren.

Ebenfalls 2002 entdecken schwedische Wissenschaftler Acrylamid in Lebensmitteln. Die Verbindung ist krebserregend und entsteht beim Backen, Braten, Grillen und Frittieren von Kartoffeln und getreidehaltigen Lebensmitteln.

Betroffen sind Produkte wie Knäckebrot, Chips, Pommes frites, Spekulatius, Lebkuchen und Kaffee. Vergeblich fordern Verbraucherschützer eine Pflicht zur Kennzeichnung.

Schier endlos ist die Liste der Gammelfleisch-Skandale, die seit Jahren durch die zwar sensibilisierte, aber langfristig offenbar erstaunlich unempfindliche Öffentlichkeit geistert.

Den Auftakt macht die Stiftung Warentest im Novemberheft 2002. Von 34 Geflügelproben waren 5 ungenießbar. Diese Meldung passt noch in die Liste der kleineren Gammelfleisch-Skandale, die bereits in den 1990er Jahren aufgedeckt werden.

Ein Jahr später, im Dezember 2003, werden in einem Kühlhaus in Troisdorf bei Bonn 15 Tonnen Gammelfleisch beschlagnahmt.

Im April 2004 beginnt der Skandal um die bayerische Wildfleischfirma Berger. Es geht um 2600 Tonnen Gammelfleisch. Der Geschäftsführer erhält später eine Bewährungsstrafe.

2005 schafft "Gammelfleisch" es zwar nur auf Platz 5 der Liste "Wort des Jahres". Doch 2005 ist das Jahr der Gammelfleisch-Skandale. Im März wird bekannt, dass Mitarbeiter der Supermarktkette Real Hackfleisch vom Vortag regelmäßig neu etikettieren. Noch ein Einzelfall, so scheint es.

Im Oktober 2005 beginnt der Skandal um die Firma Deggendorf Frost. Sie soll Schlachtabfälle aus Italien, Österreich und der Schweiz umdeklariert haben. Die Firma muss Insolvenz anmelden, der Geschäftsführer wird zu vier Jahren und drei Monaten Haft verurteilt.

Ebenfalls im Oktober 2005 wird bekannt, dass ein Fleisch-Großhändler aus Gelsenkirchen Rind- und Putenfleisch umdeklariert hatte. Nachgewiesenermaßen hatte er rund 400 Tonnen Gammelfleisch in Umlauf gebracht.

Die Politik überbietet sich mit Ankündigungen. Und doch sind Gammelfleisch-Skandale mittlerweile so häufig geworden, dass sie es kaum noch auf die Titelseiten schaffen.

Im August 2006 werden rund 100 Tonnen Gammelfleisch in München sichergestellt. Eine sehr viel größere Menge war zuvor bereits verkauft und vermutlich auch verspeist worden. Das Fleisch war zum Teil bis zu vier Jahre alt.

Im August 2007 wird bekannt, dass ein Fleischhändler aus Wertingen in Bayern rund 200 Tonnen Gammelfleisch umetikettiert hatte.

Angeblich war das Fleisch zwischen Juni 2006 und August 2007 vor allem in Berlin als Döner verkauft worden.

Im Juli 2010 warnt das Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel vor einer Häufung von bakterienverseuchtem Rindfleisch, Lamm und Wild. Das vakuumverpackte Fleisch sei mit dem kälteliebenden Keim Clostridium estertheticum kontaminiert und verderbe innerhalb der Haltbarkeitszeit.

Das Fleisch sei zwar nicht mehr zum Essen geeignet, eine Gesundheitsgefahr sei aber unwahrscheinlich, erklärt das Bundesinstitut für Risikobewertung dazu. Typische Anzeichen für das verseuchte Fleisch sind eine aufgeblähte Verpackung und übler Geruch.

Nicht nur Gammelfleisch, auch Gammeleier schaffen es in die Medien. Im Dezember 2006 wird bei einer Durchsuchung in einem Eier verarbeitenden Betrieb umfangreiches Beweismaterial sichergestellt. Die Firma soll verschmutzte oder verdorbene Eier als Flüssigei an Nudelhersteller und Großbäckereien verkauft haben.

Angeschlagene Eier wurden selbst dann verarbeitet, wenn bereits Maden darin saßen. Das bayerische Umweltministerium weist darauf hin, dass eine Gesundheitsgefahr ausgeschlossen werden können. Schließlich seien die Gammeleier vor der Weiterverarbeitung pasteurisiert worden.

Rund 11.000 Tonnen Gammel-Mozzarella, verunreinigt mit Würmern und Mäusekot, sollen in ganz Europa von Verbrauchern gegessen worden sein. Dieser Fall wird 2008 publik. Das Verbraucherministerium hat keinen Hinweis, dass eine Gesundheitsgefahr droht.

Im Sommer 2009 veröffentlicht die Verbraucherzentrale Hamburg eine Liste mit "gefälschten" Lebensmitteln - Garnelen aus Pressfleisch, Wasabi ohne Meerrettich. Besondere Berühmtheit erlangt "Analogkäse".

Ende 2010 wird bekannt, dass der Fetthändler Harles und Jentzsch mindestens 3000 Tonnen dioxinbelastetes Fett als Futterfett verkauft hat. Das verseuchte Futterfett wurde verdünnt - insgesamt ging es offenbar in 150.000 Tonnen Futtermittel auf ...

... und landet so auch in Eiern. Im Januar 2011 präsentiert Verbraucherministerin Ilse Aigner einen Zehn-Punkte-Plan für mehr Sicherheit in Lebensmitteln.

Und das Bundesinstitut für Risikobewertung weist - natürlich! - darauf hin, dass bei kurzfristigem Verzehr von Eiern, die den festgelegten Höchstgehalt von Dioxinen überschreiten, keine unmittelbare gesundheitliche Beeinträchtigung zu erwarten sei.

Im April 2011 findet das staatliche Johann-Heinrich-von-Thünen-Institut heraus, dass Fische aus der Ostsee deutlich stärker radioaktiv belastet sind als Fische aus der Nordsee. Natürlich bestehe keine Gesundheitsgefahr.

Das ist beim EHEC-Erreger O104:H4 anders. Doch auch hier stoßen die Behörden schnell an die Grenzen ihrer Möglichkeiten: Denn längst sind die Produktions- und Verteilungswege viel zu unübersichtlich, um Lebensmittelskandale rasch aufzuklären.

"Wenn dann der Staat nachweisen soll, was die Quelle eines Problems ist, steht er meist dumm da", sagt der Autor Hans-Ulrich Grimm im Interview mit n-tv.de. Er kritisiert die globalisierte Lebensmittelproduktion, die dafür sorgt, dass kleine Fehler große Folgen haben können.

Und er kritisiert die industriemäßige Massentierhaltung. "Nach amerikanischen Regierungsstudien werden bei Grasfütterung die EHEC-Bakterien im Verdauungstrakt der Rinder zu 99,99 Prozent abgetötet", sagt Grimm.

Nur: Rinder bekommen heute kaum noch Gras zu fressen, sondern Mais und Kraftfutter. So würden EHEC-Bakterien "förmlich gezüchtet", so werden sie auch "widerstandsfähiger gegen Säure, auch gegen die menschliche Magensäure".

Hans-Ulrich Grimm plädiert für Öko- und regionale Lebensmittel. Machbar wäre es. "Die Frage ist, ob das jemand will. Vom jetzigen System profitieren halt unglaublich viele." (Text: Hubertus Volmer)

weitere Bilderserien