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"Entartete Kunst" nannten die Nazis Werke der bildenden Kunst, die ihnen "undeutsch" erschienen. "Entartet" ist dabei praktisch identisch mit "modern".
Im Visier der Nazis waren Expressionismus, Dadaismus, Surrealismus, Kubismus und Fauvismus.
Die Verfolgung "undeutscher" Künstler beginnt in Thüringen. Schon 1930 veröffentlicht der dortige Volksbildungsminister Wilhelm Frick - der erste Nazi, der Minister wurde, auf dem Bild links neben Hitler - einen Erlass "Wider die Negerkultur, für deutsches Volkstum".
Im Weimarer Schlossmuseum werden Werke von Ernst Barlach, Charles Crodel, Otto Dix, Erich Heckel, Oskar Kokoschka, Franz Marc, Emil Nolde, Karl Schmidt-Rottluff (Bild) und anderen abgehängt.
Nach der Machtergreifung verhängen die Nazis Berufsverbote für moderne Künstler. Museumsmitarbeiter, die für den Ankauf von moderner Kunst verantwortlich sind, werden entlassen.
1936 wird die Neue Abteilung der Berliner Nationalgalerie im Kronprinzenpalais Unter den Linden geschlossen.
Im folgenden Jahr wird Reichskunstkammerpräsident Adolf Ziegler - hier ein Akt von ihm - ermächtigt, alle "Werke deutscher Verfallskunst seit 1910 auf dem Gebiete der Malerei und der Bildhauerei zum Zwecke einer Ausstellung auszuwählen und sicherzustellen".
Ziegler beginnt mit der "Säuberung" der deutschen Kunstsammlungen. Für eine Propagandaschau lässt er 650 Kunstwerke konfiszieren. Am 19. Juli 1937 wird in den Münchner Hofgarten-Arkaden die Ausstellung "Entartete Kunst" eröffnet. In einem Flugblatt heißt es, ...
... die Ausstellung zeige Bilder "geisteskranke(r) Nichtskönner", die "von Judencliquen preisgekrönt" worden seien und für "gewissenlos Millionenbeträge deutschen Volksvermögens" verschleudert worden seien. (Bild: "Der Strand" von Max Beckmann)
Die 650 Kunstwerke der Ausstellung sind nicht die einzigen, die Ziegler beschlagnahmen lässt. 16.000 Werke moderner Kunst (darunter zwei dieser drei Munch-Bilder) werden ins Ausland verkauft oder zerstört.
Parallel zur Ausstellung "Entartete Kunst" wird in München eine "Große Deutsche Kunstausstellung" gezeigt. Hier feiern die Nazis ihren eigenen Kunstbegriff. ("Die vier Elemente" von Adolf Ziegler)
Die Ausstellung "Entartete Kunst" versammelt praktisch die gesamte klassische Moderne: Max Beckmann ("Kreuzabnahme", 1917)
Marc Chagall ("Die Prise", 1912)
Lovis Corinth ("Ecce Homo", 1925)
Otto Dix ("Bildnis des Malers Franz Radziwill", 1928)
Lyonel Feininger ("Hopfgarten", 1920)
George Grosz ("Maul halten und weiter dienen", 1927)
Wassily Kandinsky ("Improvisation Nr. 10", 1910)
Hanns Katz ("Männliches Bildnis", 1919/29)
Ernst Ludwig Kirchner ("Selbstbildnis als Soldat", 1915)
Paul Klee ("Der Angler", 1921)
Oskar Kokoschka ("Die Windsbraut", 1913)
Otto Mueller ("Zwei Mädchen im Grünen")
Emil Nolde ("Kreuzigung", 1912)
Max Pechstein ("Vater unser, der du bist im Himmel", 1921)
Christian Rohlfs ("Elias wird vom Raben gespeist", 1921)
Oskar Schlemmer ("Frauentreppe", 1925)
Karl Schmidt-Rottluff ("Emybildnis", 1919)
Von Franz Marc werden insgesamt fünf Bilder gezeigt. "Der Turm der blauen Pferde" (1913/14) wird nach einer Intervention des "Deutschen Offiziersbundes" aus der Schau entfernt - Marc war 1916 bei der Schlacht bei Verdun gefallen. Das Bild ist heute verschollen.
Eine Diffamierungsstrategie der Ausstellung ist es, Zeichnungen von geistig Behinderten neben die Werke der "entarteten Kunst" zu hängen. Porträtbilder werden neben Fotos von entstellten Behinderten platziert.
"Für die Künstler waren die Ausstellung, die Beschlagnahme ihrer Bilder und vor allem auch die Malverbote natürlich verheerend", sagt Meike Hoffmann von der Forschungsstelle "Entartete Kunst" der FU Berlin gegenüber n-tv.de.
So habe die Diffamierung den sich ohnehin verkannt fühlenden Ernst Ludwig Kirchner in eine Lebenskrise getrieben, die 1938 zu seinem Selbstmord führte.
"Zugleich hat gerade der Verkauf der Bilder ins Ausland dazu beigetragen, dass einige Künstler der klassischen Moderne international bekannt wurden", so Hoffmann. Klee hatte zwischen 1937 und 1940 zehn Ausstellungen in den USA.
Die von Propagandaminister Goebbels initiierte Schau wanderte vier Jahre lang durch das Reich und lockte mehr als drei Millionen Besucher an. Warum gingen all diese Leute in die Ausstellung? War es die von den Nazis bezweckte Lust am Grusel oder Interesse an der Kunst?
"Sowohl als auch", sagt Hoffmann. Bernhard Sprengel, dessen Sammlung den Grundstock des Sprengel-Museums in Hannover bildete, sei durch die Ausstellung erst auf die Idee gekommen, Werke der klassischen Moderne zu sammeln.
Auch in zeitgenössischen Briefen und Tagebuchaufzeichnungen gebe es klare Hinweise, dass viele Besucher als Kunstfreunde in die Ausstellung kamen.
Emil Nolde (hier: "Mulattin", 1913) versuchte übrigens vergeblich, seine Bilder aus der Ausstellung nehmen zu lassen. Er war Mitglied der NSDAP und hielt seine Kunst für "germanisch". 1941 erteilten die Nazis auch ihm ein Malverbot.
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