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Freude und Leid liegen in Haiti derzeit dicht beieinander.
Während Helfer auch nach dem offiziellen Ende der Suche nach Überlebenden noch immer Menschen lebendig aus den Trümmern befreien, …
… liegen unter vielen Gebäuden Leichen, die niemand bergen will oder kann, so wie die Leichen von 300 Kindern unter einem völlig zerstörten Kinderkrankenhaus.
130 Personen konnten seit Beginn der Rettungsmaßnahmen lebend aus den Trümmern gezogen werden.
So wie eine 16-Jährige Haitianerin, die 15 Tage in einem Hohlraum unter einem eingestürzten Wohnhaus auf Rettung wartete.
Doch diesen glücklichen Einzelschicksalen stehen die unzähligen Toten gegenüber, die bisher gezählt wurden.
170.000 sind es bereits, 200.000 könnten es werden, befürchtet die haitianische Regierung, die bei dem katastrophalen Erdbeben vor mehr als zwei Wochen starben.
Doch Haiti hat derzeit kaum Kraft und Zeit für Trauerarbeit.
Denn die Menschen in den zerstörten Gebieten müssen ihr eigenes Überleben sichern.
Die Verteilung von Lebensmitteln und Wasser läuft laut einem UN-Sprecher zwar den Umständen entsprechend gut, jedoch kann von einer Entspannung der Lage noch nicht die Rede sein.
Die Verzweiflung der Haitianer äußert sich immer wieder in Tumulten, die die Zuteilung der Hilfsgüter schwierig macht.
Der Ansturm der Hungrigen ist oft so groß, dass Soldaten und Polizisten nicht Herr der Lage werden.
Und überall sind Schilder zu sehen, auf denen Menschen um Essen, Wasser und Hilfe bitten.
Von Helfern sollen Planen verteilt werden, mit denen Häuser, die noch halbwegs stehen, notdürftig repariert werden können.
Doch viele Menschen, deren Häuser noch bewohnbar sind, ziehen es vor, die Nächte unter freiem Himmel zu verbringen und schleppen ihre Matratzen auf die Straße.
Sie fürchten die Nachbeben, von denen nach dem großen Erdstoß bisher über 50 für neue Panik gesorgt hatten.
Vor allem die Lage der Obdachlosen wird immer dramatischer.
Fast eine Million Haitianer hausen derzeit ohne ein festes Dach über dem Kopf in Hunderten wilden Camps in Parks, auf Freiflächen und in Ruinen.
Auch im zerstörten Präsidentenpalast, den Frankreich originalgetreu wieder aufbauen will, sollen sie Zuflucht gesucht haben.
In den behelfsmäßigen Schlafstätten ohne sanitäre Anlagen sind sie den Witterungsbedingungen hilflos ausgeliefert und richten sich auf ein Leben zwischen Trümmern ein.
Bisher wurden aus den Lagern noch keine Seuchen und ansteckenden Krankheiten gemeldet, die Gefahr sei jedoch nach wie vor hoch, so ein Sprecher der Weltgesundheitsorganisation WHO.
In den kommenden Wochen sollen 600.000 Kinder vorsorglich gegen Masern geimpft werden.
Vor allem fehlt es an Zelten und schützenden Unterkünften. Nach Angaben der Regierung sind etwa 200.000 Großzelte nötig, um die Obdachlosen unterzubringen.
Die Vereinten Nationen planen zehn große Camps außerhalb der Stadt, in denen Hunderttausende Zuflucht finden sollen.
Haitis Regierung erwägt sogar, das Zentrum von Port-au-Prince vorübergehend abzuriegeln, um den Wiederaufbau der Stadt bewerkstelligen zu können.
Durch die Verbesserung der Lebensbedingungen in der Provinz müssten die Menschen dazu bewegt werden, die Stadt zu verlassen. So könne der Einwanderungsdruck auf Port-au-Prince langfristig gemindert werden, meint Jean Baleme Mathurin, Wirtschaftsberater des haitianischen Regierungschefs Jean-Max Bellerive.
Denn ursprünglich sei die Stadt nur für 300.000 Einwohner geplant gewesen.
"Wir haben jetzt die Möglichkeit Bedingungen zu schaffen, damit die Menschen in Würde in ihrem eigenen Land leben können", so der Wirtschaftsprofessor. "Das Land kann jedem die Möglichkeit zum Leben geben, wenn wir es schaffen, Schulen, Krankenhäuser und andere soziale Einrichtungen auf dem Lande zur Verfügung zu stellen."
Auch Bellerive stellt Überlegungen zu einer Dezentralisierung an, denn in 30 Sekunden habe Haiti durch die Ballung im Raum Port-au-Prince 60 Prozent seines Bruttoinlandsproduktes verloren.
Inzwischen erwägt Präsident Rene Preval die Verschiebung der Parlamentswahlen.
Zwischen Müll und Schutt versuchen die Menschen, sich ein Stück Alltag schaffen.
Auf Straßen und Plätze geht es lebhaft zu: Menschen räumen auf oder gehen alltäglichen Dingen nach.
Viele haben ihre Arbeit wieder aufgenommen.
Geschäfte haben wieder geöffnet. Händler bieten ihre Waren an.
Busse fahren wieder und drängen sich durch die Massen.
Haitis Regierung glaubt, dass das Land fünf bis zehn Jahre lang Hilfe beim Wiederaufbau brauchen werde.
Das Volk sei "ausgeblutet, gemartert und ruiniert", sagte Bellerive bei der Geberkonferenz in Montreal, auf der unter anderem eine internationale Konferenz im März in New York beschlossen wurde.
Wichtig sei dabei, den Menschen die Möglichkeit zu geben, sich am Wiederaufbau aktiv zu beteiligen.
Viele befürchten jedoch, dass die Gelder für den Neuaufbau wieder in den Händen korrupter Beamter landet.
Nach Ansicht des Welternährungsprogramms WFP müssen die Überlebenden des Erdbebens wesentlich länger versorgt werden als bisher angenommen. Mindestens ein Jahr seien zwei Millionen Menschen auf Lebensmittelspenden angewiesen. Das WFP spricht von einer der größten Herausforderung der vergangenen 40 Jahre.
Es fordert unter anderem die Armeen dieser Welt auf, entbehrliche Fertigmahlzeiten zur Verfügung zu stellen.
Das Internationale Rote Kreuz berichtet vom größten Hilfseinsatz, den es je für einen Einzelstaat gegeben hat. Es ist mit 20 Katastrophen-Hilfe-Einheiten vor Ort, drei mehr als beim Tsunami 2004.
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