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Dienstag, 17. Mai 2016

Alles nach Plan? Formgestaltung in der DDR: "Sozialistisch im Inhalt, national in der Form"

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Auch die Weltzeituhr auf dem Berliner Alexanderplatz hat mal klein angefangen: ... (Foto: imago/Westend61)

Auch die Weltzeituhr auf dem Berliner Alexanderplatz hat mal klein angefangen: ...

Auch die Weltzeituhr auf dem Berliner Alexanderplatz hat mal klein angefangen: ...

... Als Modell. Die Weltzeituhr wurde 1968 von Erich John entworfen und am 30. September 1969 auf dem Alexanderplatz aufgestellt. 1972 bekam Erich Honecker, damals SED-Chef, dieses Modell zum 60. Geburtstag von Mitarbeitern des VEB Narva geschenkt. Derzeit ist es ...

... in der Ausstellung "Alles nach Plan? Formgestaltung in der DDR" in der Kulturbrauerei in Berlin zu sehen. Sie zeigt viele Klassiker, Altbekanntes und auch mittlerweile Vergessenes und geht vor allem der Frage nach, ...

... wie die Arbeit der Formgestalter staatlichen Einflüssen, Zwängen und Kontrollen unterworfen war und wie Zeitgeschichte, politische und wirtschaftliche Lage sowie Kunstströmungen die Form der Produkte, ihr Design, bestimmten. Das Wort "Formgestaltung" im Titel deutet es bereits an: Der Begriff war in der DDR jahrzehntelang gebräuchlich - ...

... das westliche "Design" war lange verpönt und galt als Synonym für eine "kurzfristige trend- und marktgesteuerte Bedürfnisbefriedigung". Formgestaltung hingegen stand für die ansprechende, dauerhafte Verbindung von Form und Funktion in der Produktgestaltung im Interesse der Menschen. Erst ab den 70er-Jahren hielt auch "Design" Einzug in den DDR-Sprachgebrauch.

Diese elektrische Koffernähmaschine "Freia" des Gestalters Ernst Fischer aus Suhl aus der Zeit 1950-1955 ist noch ganz von der Nachkriegszeit geprägt: platzsparend in einem Koffer aus Bakelit, der auch als Arbeitsfläche nutzbar ist - und lebensnotwendig in einer Zeit, in der noch viel selber genäht, geflickt und geändert werden musste.

Ebenso praktisch ist das "Zweckgeschirr" der Gestalter Margarete Jahny und Mart Stam, entworfen in Dresden 1950-1952. Der Niederländer Mart Stam kam 1948 nach Ostdeutschland, ...

... der Aufbruchstimmung der Zeit und dem Glauben an die Zukunft des Sozialismus folgend. Er war erst Rektor der Dresdner Akademie der Künste und der Hochschule für Werkkunst und ab 1950 Rektor der Hochschule für angewandte Kunst Berlin-Weißensee. Stam stieß mit seinen Ideen ...

... bei linientreuen SED-Kollegen jedoch auf großen Widerstand und scheiterte letztendlich an der Formalismusdebatte. Er galt vielen als zu "kalt" und "schöngeistig" und zu wenig sozialistisch. Ende 1952 verließ Stam desillusioniert die DDR wieder. (Stahlrohr-Freischwinger "S43" von Mart Stam)

In der Aufbruchstimmung nach dem Zweiten Weltkrieg galten die Ideen des Bauhauses anfangs noch als Maßstab für die neue Formgestaltung, ... (Campinggeschirr, Kanne von Hans Merz, 1958)

... sogar das "Neue Deutschland" (ND), das Zentralorgan der SED, lobte das Bauhaus zuerst noch. Doch ab 1951 änderten sich die Maßstäbe Richtung "sozialistischem Realismus".

Staatsführer Walter Ulbricht (hier auf einem Plakat bei der Maidemonstration 1951) wetterte 1951, man müsse "den Bauhausstil als volksfeindliche Erscheinung klar erkennen. ... Eine Verhöhnung der Interessen der Werktätigen." Und er befand 1952: "Die Möbel, die im Bauhaus-Stil hergestellt wurden, entsprechen nicht dem Schönheitsempfinden der fortschrittlichen Menschen des neuen Deutschland."

Ministerpräsident Otto Grotewohl gab 1951 die sowjetisch geprägte Linie vor: "Die Idee der Kunst muss der Marschrichtung des politischen Kampfes folgen." Die ästhetischen Kriterien des sozialistischen Realismus ...

... sollten der Maßstab sein für alle Kunstsparten, aber auch für Möbel, Gebrauchsgegenstände und Häuser: Volksverbundenheit, Parteilichkeit und eben Realismus.

"Sozialistisch im Inhalt, national in der Form", so lautete die Forderung von Kurt Liebknecht, Präsident der Bauakademie der DDR, im Jahr 1951. Traditionelle Muster und Volkskunst waren gefragt.

So entstanden zwar noch schlichte, funktionale Klassiker wie die Isolierkanne "Typ 750" von Margarete Jahny (Fischbach, 1959-1962) oder ...

... die Zylindervasen von Hubert Petras (1963), Letztere wurden aber von SED-Oberen als "funktionalistisch" kritisiert, als "abgeschnittene Porzellanröhren" verspottet und mussten verziert werden.

Etwa so, mit dem Motiv "Tierpark Berlin", oder ...

... mit Blumen oder Stadtansichten. Für die Industrie war die Verzierung eine willkommene Möglichkeit, Produktionsfehler zu überdecken.

Schlicht, einfach und praktisch war vieles dennoch: etwa die Geschirrserie "Rationell" von Margarete Jahny und Erich Müller (Colditz 1969-1990). Das Geschirr war gut geeignet für die Gastronomie, ...

... stabil, stapelbar und geschirrspülertauglich. Margarete Jahny und Erich Müller entwarfen zunächst ein einfaches Banddekor, ...

... später kamen nach Vorgaben des Amtes für industrielle Formgestaltung (AiF) noch Dekorvarianten hinzu, wie hier die Blumen.

Ein Erfolgsprodukt - bis heute: Eierbecher in Huhnform von Josef Böhm (seit Ende der 1960er-Jahre). Die Firma Willibald Böhm KG etablierte schon Ende der 1940er-Jahre die Marke Sonja-Plastik, die sie auch nach ihrer Verstaatlichung weiter herstellte. Den Eierbecher "Huhn" gibt es immer noch zu kaufen - heute von der Firma Reifra neu produziert für 1 Euro pro Stück; auf Flohmärkten und in "Ostalgie"-Trödelläden meist teurer.

Auch ein "Eierträger", mit Salzstreuer und zwei Eierlöffeln, wird bei Reifra noch hergestellt, sehr ähnlich diesem im Bild. Der praktische Eierbehälter für unterwegs (Gestalter unbekannt) entstand ursprünglich in der DDR in den 1970er- bis 1980er-Jahren. Eierbecher und -behälter deuten es schon an: ...

... ab den 1960er-Jahren hielt Kunststoff in der DDR verstärkt Einzug. Viele Ostdeutsche standen Plasterzeugnissen anfangs skeptisch gegenüber, einige Formgestalter sahen das Material und seine Verwendungsmöglichkeiten aber positiv. Zudem sollte die eigene Herstellung in den erdölverarbeitenden Betrieben die DDR unabhängiger von Importen machen. So wird die schöne neue Plastikwelt in den Medien verstärkt beworben, wie hier im "Mosaik".

Ab den 1970er-Jahren wurde die Exportsteigerung immer wichtiger, um das wirtschaftliche Überleben der DDR zu sichern. Die Versorgung der Menschen war da nachrangig - Engpässe nehmen zu, das Angebot verlor an Vielfalt. Auch diese "Luftdusche LD 64" von Jürgen Peters und Hubert Petras (Bad Blankenburg, 1970er-Jahre) fand sich in sehr vielen DDR-Haushalten - die Modellauswahl war ja auch nicht besonders groß.

Ebenso dieser Radiokassettenrecorder, der erste in der DDR produzierte: der "Stern-Recorder R 160" vom RFT VEB Kombinat Stern Radio Berlin stand in vielen Wohnzimmern. Er wurde zwischen 1972 und 1980 in verschiedenen Varianten, aber technisch fast unverändert gebaut, anfangs noch mit einem Gehäuse aus Sperrholz oder Holzfurnier, später dann (wie im Bild) aus Pressspan mit Holzmusterfolie. Der "R 160" wog stattliche 4,5 Kilogramm.

Wegen seines (für die damalige Zeit) sportlichen Aussehens war die S 50, Nachfolger der Vogelserie-Modelle Star und Habicht, bei Jugendlichen sehr beliebt. Das "Kleinkraftrad Simson Mokick S 50" (hier Variante B1) der Gestalter Karl Clauss Dietel und Lutz Rudolph wurde zwischen 1975 und 1980 produziert. Ab 1978 bekamen alle S 50 den im Bild zu sehenden flacheren Tank, den "Bananentank".

Karl Clauss Dietel, einer der Formgestalter der "S 50", erhielt 2014 den Bundesdesignpreis für sein Lebenswerk. Er wird vom Bundeswirtschaftsministerium als höchste offizielle deutsche Auszeichnung im Bereich Design verliehen. Dietel habe die ostdeutsche Designentwicklung ...

... bis zur Jahrtausendwende maßgeblich mitgeprägt, so die Jury in ihrer Begründung. Er hatte unter anderem auch die bekannte Schreibmaschine "Erika" entworfen.

Formschön, in fröhlichem Orange, vielseitig verwendbar und auch in vielen DDR-Haushalten zu finden: das ab 1979 im VEB Elektrowerke Suhl hergestellte "Handrühr- und Mixgerät RG 28". Es wurde von Kurt Boeser entworfen und unter dem Warenzeichen "AKA Elektric" verkauft - "AKA" steht für den sperrigen Leitspruch "Aktiv auf dem Markt - Konzentriert in der Handelstätigkeit - Aktuell im Angebot".

Das Taschenradio "TR 2021" von Gestalter Andy Bartsch gab es in Rot, Hellgelb, Schwarz und Weiß. Es wurde im VEB Mikroelektronik "Anna Seghers" Neuhaus am Rennweg ab 1986 hergestellt und hatte in der Bevölkerung den Spitznamen "Ziegelstein". Das Gerät besaß eine Schlummerfunktion und bekam sogar eine Auszeichnung: das Prädikat für "ausgezeichnete Formgebung".

Im letzten Jahr vor dem Ende der DDR entstand das Kinderfahrzeug "Mops". Der Entwurf stammt von Hans-Dieter Pankewitz. Der "Mops" wurde vom "VEB Plasticart Annaberg-Buchholz" hergestellt, der rund 700 Spielzeugartikel für den ost- und westeuropäischen Markt produzierte. Dadurch ...

... blieb oft wenig für die DDR-Kundschaft übrig. Im Jahr 1989 wurden 47.000 Spielautos hergestellt, nur 1000 blieben in der DDR.

Die meisten Objekte in der Ausstellung stammen aus der Sammlung, die das 1972 gegründete Amt für industrielle Formgestaltung (AiF) der DDR zusammengetragen hatte. Diese staatliche Aufsichtsbehörde ...

... entschied darüber, ob ein Entwurf "industriell umsetzbar, finanzierbar und nutzbar" war. Mit dem Ende der DDR wurde auch das AiF aufgelöst, die Sammlung bestand unter wechselnden Zuständigkeiten weiter. Seit 2005 ...

... hat die Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland die Verantwortung für die Sammlung. Mehr als 160.000 Gegenstände, Fotos, Dokumente und Bücher wurden seitdem gesichert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Die Ausstellung "Alles nach Plan? Formgestaltung in der DDR" läuft in Berlin noch bis zum 19. März 2017. Danach ...

... wird sie erweitert und ab 2018 im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig der Stiftung Haus der Geschichte zu sehen sein. Ein genauer Termin dafür steht noch nicht fest.

Zur Ausstellung ist ein Begleitbuch erschienen. 75 Seiten, viele Abbildungen, Preis: 9,80 Euro. (abe)

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