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"Helden, Freaks und Superrabbis": Superhelden kämpfen gegen Nazis

 
"Helden, Freaks und Superrabbis": Superhelden kämpfen gegen Nazis

Was ist nur im Jüdischen Museum Berlin los? Superman steckt kopfüber im Gehweg.

Drinnen grüßt "MAD"-Charakter Alfred E. Neuman mit seiner Zahnlücke in einer Porträtgalerie als Napoleon – und Adolf Neumann (gezeichnet 1971 von Bob Clarke).

Die Lösung: "Helden, Freaks und Superrabbis – Die jüdische Farbe des Comics" heißt eine (inzwischen beendete) Ausstellung in dem Museum.

Sie zeigt, welche Rolle jüdische Zeichner für die Comicwelt spielen und wie jüdische Themen in den Bildergeschichten verarbeitet sind. (Titel von "Der Jude von New York" von Ben Katchor)

In Deutschland ist die Ausstellung zum ersten Mal zu sehen. Sie präsentiert 40 Künstler und 400 Exponate, darunter 200 Originalzeichnungen.

Mit ihren Guckkästen und der Optik kommt sie wie eine Comicwelt daher, die der Besucher betreten kann.

Die Ausstellung beginnt mit der Entstehung der Comics Ende des 19. Jahrhunderts. Der Zeitungsausschnitt aus dem Jahr 1896 stammt von Richard Felton Outcault, dem Schöpfer von "The Yellow Kid", einem der ersten Zeitungsstrips. Die Titelfigur sieht man im Bild vorn in der Mitte – von ihr leitet sich der Begriff "Yellow Press" ab.

In einigen Zeitungscomics und Cartoons traten auch jüdisch geprägte Figuren auf, etwa die Figur des New Yorker Heiratsvermittlers Gimpl Beinisch um 1915. Der Zeitungsausschnitt von 1941 stammt von Milt Gross, der in seinen Comics eine Mischung aus Jiddischer und Englischer Sprache verwendete.

Die große Zeit der Zeitungsstrips wurde durch die Superhelden abgelöst, die seit den 30er Jahren entstanden. Batman und Superman waren Schöpfungen von Kindern jüdischer Einwanderer aus Osteuropa. Hulk - hier Heft 134 von 1970 mit einer Anspielung auf den Golem - entstand in den 60ern, erfunden wurde er von "Spiderman-Vater" Stan Lee und Jack Kirby.

Auf einem Strip aus den 40er Jahren ist Superman bei einem Besuch bei Hitler zu sehen, auf einem Cover von 1944 hat er Goebbels am Kragen. Doch diese Comics gegen den Nationalsozialismus hatten wohl mehr mit amerikanischem Patriotismus zu tun …

… als mit den jüdischen Wurzeln der Zeichner. Anspielungen auf das Judentum finden sich eher selten in den Comics. Unumstritten ist jedoch, dass jüdische Zeichner die Grundlage für Comic-Imperien wie Marvel legten. (Daredevil Nr. 1 von 1941)

Ganz anders das in den 50ern entstandene Satiremagazin "MAD", das in dem von einem jüdischen Verleger geführten EC-Verlag erschien. Das Magazin wurde nicht nur als Parodie auf die Superhelden-Comics gegründet, …

… sondern spielte von Anfang an mit jiddischen Begriffen. (Zeichnung des MAD-Mitgründers Will Elder von 1954)

In den 60er und 70er Jahren wurden die Comics biografischer und von der Hippie-Bewegung beeinflusst. Einer der bekanntesten Künstler dieser Zeit ist Robert Crumb, …

… der mit obszönen Comics von "Fritz the Cat" berühmt wurde – und zuletzt die Genesis der Bibel, das 1. Buch Mose, zeichnete. (Crumb-Zeichnung "The Jewish Cowgirl" aus "Big Ass Comix" Nr. 1 vom Juni 1969)

In den 70ern entstanden außerdem die Graphic Novels, Comicromane mit literarischem Anspruch. (Zeichnung von Ben Katchor)

In Deutschland wurden sie in den 90ern vor allem durch den Zeichner Art Spiegelman bekannt, der in der Holocaust-Geschichte "Maus" das Schicksal seiner Eltern in nationalsozialistischen Konzentrationslagern erzählt und weltweit Beachtung findet.

Geprägt hat den Begriff "Graphic Novel" Will Eisner, nach dem heute einer der wichtigsten Comicpreise weltweit benannt ist.

Der begnadete Zeichner erfand zunächst mit "The Spirit" einen ungewöhnlichen Superhelden.

Doch in den 70er Jahren entwickelte Eisner "Comic-Romane", deren Geschichten ausgefeilter und komplexer waren als die bis dahin üblichen Comichefte. Er verlieh dem Genre damit neue Impulse und prägte Generationen von Zeichnern.

In seinen "Graphic Novels" sprach er auch immer wieder jüdische Themen an – sein letztes Buch setzte sich etwa kritisch mit Entstehung und Rezeption der antisemitischen "Protokolle der Weisen von Zion" auseinander. (Bild aus "Vertrag mit Gott")

Auch zeitgenössische Künstler sind in der Berliner Schau vertreten: Diane Noomin parodiert mit "Didi Glitz" die sprichwörtliche jüdische Prinzessin und erzählt vom "Leben im Bagel-Gürtel".

Der vielfach ausgezeichnete Franzose Joann Sfar beschreibt mit seiner Comicserie "Die Katze des Rabbiners" das jüdische Leben im Maghreb.

Der Israeli Uri Fink schließlich schuf den Superhelden "Sabraman". Nachdem seine Eltern während des Holocaust ums Leben kommen, wandert die Titelgestalt nach Israel aus und erhält durch ein atomares Gehirn Superkräfte. Der Name "Sabra" steht für in Israel geborene Juden, ist aber auch der Name eines jüdischen Kampfpanzers.

Das Jüdische Museum beweist mit der Ausstellung wieder einmal, wie gut das Haus Themen anschaulich aufbereitet. (Ausschnitt aus "The Golem’s Mighty Swing" von James Sturm)

Dazu zählt auch, dass die Comics eine ganz andere Aufarbeitung von Holocaust und Nationalsozialismus bieten, als zum Beispiel der Schulunterricht. (Zeichnungen von Miriam Katin, die als Kind die NS-Zeit mit ihrer Mutter versteckt in Ungarn überlebte)

Erwachsene, die mit dem Genre nichts anfangen können, sind ebenfalls gut aufgehoben. Ihnen dürfte es so gehen wie Programmdirektorin Cilly Kugelmann: "Für mich war diese Ausstellung eine verblüffende Erfahrung, weil ich mich überhaupt nicht für Comics interessiere." Die Ausstellung läuft vom 30. April bis zum 8. August 2010. (Text: Markus Lippold, mit dpa)

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