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Wieder einmal sorgte im Dezember 2007 die tönerne Armee des ersten Kaisers von China für Aufregung. Alles drehte sich um die Frage:
Echt oder unecht? Alles schöner Schein?
Weil die im Hamburger Völkerkundemuseum aufgebauten Terrakotta-Krieger eben keine Originale sind, hat das Museum nun den Vertrag mit der Ausstellungsfirma Center of Chinese Arts and Culture (CCAC) gekündigt.
Die Ausstellung mit angeblich acht Original-Figuren, zwei Original-Pferden und zahlreichen Nachbildungen wird geschlossen. "Wichtig ist die Glaubwürdigkeit des Museums", erklärt der Museumsdirektor Wulf Köpke.
Als die Zweifel an den ausgestellten Terrakotta-Kriegern in den Vitrinen bekannt wurden, informierte man die Besucher mit Hinweisschildern:
"Es gibt von dritter Seite Hinweise darauf, dass es sich bei einigen oder allen der in der Ausstellung als authentisch ausgewiesenen Objekten um Kopien handeln könnte."
"Von dritter Seite" meinte in diesem Fall, dass der Leipziger Kulturmanager Roland Freyer Anzeige erstattet hatte. Er selbst hatte 2004 erstmals Originalfiguren nach Markkleeberg bei Leipzig geholt (Bild) und sie auch wieder abreisen sehen.
Die chinesische Behörden geben Freyer Recht und erklären, es gebe keine echten Krieger-Figuren in Hamburg.
Dabei hatte das Unternehmen CCAC dem Museum "Echtheitszertifikate vorgelegt, aber keine Transportpapiere", so Direktor Köpke. Die Unterlagen seien jedoch unübersichtlich gewesen.
Also kann man jetzt in Deutschland nur noch Fotos oder Nachbildungen der echten Krieger bewundern.
Die Figuren haben die Proportionen echter Menschen - egal ob Original-Terrakotta oder zertifizierte, authentische Reproduktionen wie in Hamburg.
Im Völkerkundemuseum hätte man eigentlich schon misstrauisch werden müssen, als die wertvollen Figuren ohne ihren chinesischen Begleitschutz eintrafen, ...
... dass Museumsmitarbeiter sie aufbauen durften und dass sie nicht wie geplant eingeflogen, sondern verschifft wurden.
Schließlich gelten die weltberühmten, 2200 Jahre alten Krieger als das achte Weltwunder.
Und Weltwunder verschifft man nicht. Weltwunder besucht man vor Ort. So sieht es auch Jaques Chirac, der den Originalschauplatz in China besuchte und eigenhändig ins Gästebuch schrieb:
"Es gibt sieben Weltwunder. Wer die Pyramiden nicht gesehen hat, kennt Ägypten nicht ...
... und wer das 'achte Weltwunder' nicht sah, dem ist das Reich der Mitte verloren. Die Terrakotta-Armee ist das achte."
Die faszinierenden Krieger wurden 1974 in einem chinesischen Dorf nahe der alten Kaiserstadt Xi'an in der Provinz Shaanxi entdeckt. Bauern wollten einen Brunnen graben und stießen auf eine der größten archäologischen Sensationen des 20. Jahrhunderts.
Auf dem riesigen Gelände der Grabanlagen des Kaisers Qín Shángdìs (259 bis 210 vor Christus) fand man mehrere Gruben ...
... mit bronzenen und hölzernen Streitwagen, ...
... Hunderten von tönernen Pferdeskulpturen, ...
... und Tausenden lebensgroßen Terrakotta-Soldaten, die sich in Reih und Glied zur Armee gruppieren, teilweise auf Flächen von der doppelten Größe eines Fußballfeldes.
Noch ist nicht das gesamte Areal erschlossen. Der Grabhügel des Herrschers, der hier seit 210 v. Chr. ruht, ist bis heute ungeöffnet.
Der erste Kaiser des Reiches der Mitte bestieg mit 13 Jahren als König Zheng von Qin den Thron. Ab 230 v. Chr. unterwarf er die Nachbarstaaten und einigte das Reich. 221 v. Chr. ernannte er sich selbst zum "Ersten Erhabenen Gottkaiser von Qin".
Elf Jahre lang regierte er sein Kaiserreich, er führte eine einheitliche Währung und Schrift ein, ließ Infrastruktur und eine Vorform der chinesischen Mauer errichten.
Doch der Kaiser führte sein Reich auch mit harter Hand. Dieben wurden die Hände abgehackt, politische Widersacher zerstückelt oder lebendig begraben. Die mächtige Armee sollte den großen Kaiser ins Jenseits geleiten. Die enorme Grabanlage sollte ihn unsterblich machen.
Von Chinas großem Historiker Sima Qian ist überliefert, dass 700.000 Arbeiter über 30 Jahre lang mit dem Bau der Grabanlagen beschäftigt waren. Von der Terrakotta-Armee ist in seinen Aufzeichnungen allerdings nichts zu finden.
Die Unsterblichkeit ist dem König der Könige inzwischen jedenfalls sicher: 1987 erklärte die UNESCO das Areal zum Weltkulturerbe.
Seitdem pilgern Scharen von Besuchern zum Mausoleum des Königs und seinem Museum in der Stadt Xi'an, um seine faszinierende Armee zu sehen.
Seit die Menschenmassen kommen, kennt die Terrakotta-Armee einen reellen Feind: Die atemfeuchte Luft in den Gruben hat einem Angriff der Schimmelpilze Tür und Tor geöffnet.
Während die Körper der Krieger in Formen gegossen wurden, sind ihre Gesichter individuell geformt und weisen Spuren von Farbe auf. Sie sollten möglichst echt aussehen.
Zumindest der deutschen Kunststudent Pablo Wendel fühlte sich von den originalgetreuen menschlichen Proportionen der Krieger herausgefordert.
Im September 2006 sorgte er für Aufsehen, als er sich in täuschend echter Terrakotta-Montur im Museum zwischen den Kriegern postierte und stillhielt.
Prompt wurde der Student von der Polizei festgenommen, mehrere Stunden befragt und schließlich nicht ohne Ermahnung doch wieder freigelassen - denn schließlich hatte er nichts zerstört, sondern im Gegenteil die Sammlung erweitert.
Vollrad Kutscher hatte eine andere originelle Idee: Er formte ein Heer aus Terrakotta-Köpfen, die allesamt seine Züge tragen.
Inzwischen gibt es auch weibliche Terrakotta-Kriegerinnen.
Die Künstlerin Marian Heyerdahl hat die Damen gestaltet. Manche von ihnen sind sogar schwanger.
Das Spiel mit der Originalität treiben auch die unzähligen Souvenirshops, nur eben auf die altbewährte Art und Weise: Wie vor 2200 Jahren produzieren Manufakturen die lebensgroßen Krieger. Zertifikate bürgen für die Echtheit der Nachbildung.
Besonders Amerikaner, Australier und Afrikaner lassen sich die Figuren gern in ihre Heimat liefern.
In Deutschland sorgte eine Wanderausstellung für einen Großauftrag. 180 Figuren wurden für die Schau nach alter Rezeptur und Herstellungsweise nachgebaut. Die neuen Terrakotta-Krieger waren in elf deutschen Städten auf Tour, zum Beispiel in Berlin.
Und immer wieder reizen die Reihen bewegungsloser Krieger die Menschen, es mit ihnen aufzunehmen.
Doch original bleibt original.
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