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Donnerstag, 11. Juli 2013

Vom Balkongärtner zum Samenbomber: "Urban Gardener" erobern die Städte

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Was macht der Städter, wenn er ein wenig Leben ... (Foto: AP)

Was macht der Städter, wenn er ein wenig Leben ...

Was macht der Städter, wenn er ein wenig Leben ...

... in seinen zubetonierten, asphaltierten, verglasten Alltag bringen will?

Wie bringt man Grün ins Grau?

Wer in einer vergleichsweise grünen Stadt wie etwa Berlin lebt oder einen Park vor dem Haus hat, ist im Vorteil.

Wenn nicht: Ein wenig Abhilfe schafft ein Balkon. (Appartement in Singapur)

Noch besser natürlich: eine Terrasse oder ein Dachgarten (wie hier in Tokio).

Oder gleich ein ganzer Hof. Sonst kann man auch den Platz vor dem Haus nutzen. (Blumenbeet in Beirut)

Nun gut: Wer gar nichts davon nutzen kann, muss sich mit seiner Fensterbank bescheiden. Und eine grüne Fassade ...

... hat gleich mehrere Vorteile: Sie verschönert eine hässliche Hauswand, ist gut für das Stadtklima und schützt die Wand vor Graffiti und vor Witterungseinflüssen. Die Fassadenbegrünung kann sogar die Lärmbelastung für die Mieter etwas dämpfen.

Viele Städter träumen vom "Häuschen im Grünen", das Gärtnern verliert mehr und mehr sein spießiges Image. Dennoch kann nicht jeder eine Parzelle mit Gartenlaube sein Eigen nennen.

Aber auch in den Innenstädten können Grünflächen ... (30 Meter hoher "vertikaler Garten" in einem Hotel in Paris)

... trotz starker baulicher Verdichtung gewonnen werden - in Form von "urbanen Gärten". (begrünte Dächer eines Regierungsgebäudes in Torshavn, Faröer)

Viele urbane Gärten sind eine Form der Wiedergewinnung ungenutzter Räume. (Feld in Wohngebiet in Havanna)

Das Land vor die eigene Haustür holen: "Urban Gardening" heißt der Trend, der die Menschen ins kleine Grüne auf dem Dach, im Hof oder in den Schrebergarten treibt. (Urbaner Gemüsegarten in Mexiko Stadt)

Ein "urbaner Garten" wächst auf der Fensterbank oder dem Dach ... (Dachgarten in London)

... in Innenhöfen, aber auch neben Bahngleisen, unter aufgebrochenem Asphalt oder in brachliegender Erde. (Innen-Garten in einem Bürogebäude in Tokio)

So ein "urbaner Garten" kann viele Gründe haben: umweltbezogene wie die Verbesserung der CO2-Bilanz ... (begrüntes Dach, California Academy of Sciences in San Francisco)

... und des Mikroklimas ... (begrüntes Dach auf dem Capitol Hill in Washington)

... aber auch verschönernde. (Fassadenbegrünung am Quai Branly-Museum in Paris)

Auch zur Traditionspflege werden urbane Gärten genutzt, wie hier die Reisernte in Roppongi, Japan.

Es finden sich auch politische Gründe für das "städtische Gärtnern": Künstler nutzen Pflanzen in der Stadt als Mittel des Protests. (Skulpturen des Künstlers Betsabee Romero in Mexico Stadt: "Not everything green is ecological" aus VW- Beetle-Autodächern)

Ein anderer Trend seit einigen Jahren ist das "Guerrilla Gardening", bei dem Umweltaktivisten und Künstler ...

... Verkehrsinseln und andere öde öffentliche Räume in Blumenoasen verwandeln. Natürlich heimlich, da ohne behördliche Erlaubnis - darum meist im Schutz der nächtlichen Dunkelheit. ("Guerrilla Gardener" in London)

Die Bewegung kam Ende des 20. Jahrhunderts in New York und London auf. In Deutschland fand sie ab Mitte der 1990er Jahre Nachahmer, vor allem in Berlin. ("Guerrilla Gardener" an einem Freeway in Hollywood)

Ziel der Aktivisten ist es, brachliegende städtische Flächen mit Pflanzen zu verschönern und die Stadt für die Bürger lebenswerter zu machen.

Vor allem in den Anfangsjahren war "Guerrilla Gardening" zudem ein Mittel des politischen Protests und zivilen Ungehorsams.

Auf Verkehrsinseln oder Straßenränder wurden sogenannte Samenbomben geworfen, aus Erde und Samen geformte Kugeln, aus denen dann später Pflanzen werden sollten. Symbolisch wurde so die Rückeroberung des öffentlichen Raumes durch die Bürger reklamiert.

Heute ist der abenteuerliche Charakter des "Guerrilla Gardenings" zumindest in Deutschland weitgehend verschwunden. Viele Kommunen sind vielleicht auch insgeheim froh, wenn ihnen in Zeiten der knappen Kassen jemand die Aufgabe des Stadtverschönerns abnimmt - und das auch noch freiwillig und unentgeltlich. (Blumenpflanzung auf einer Verkehrsinsel in Hamburg)

Im Sommer 2013 erregte allerdings eine Aktion in Göttingen Aufsehen: Seit Juni tauchten dort in öffentlichen Grünflächen und Blumenbeeten Hanfpflanzen auf. Laut Polizei hatte die Gruppe ...

... "Einige Autonome Blumenkinder" (im Bild: ihr Sprecher) die Hanfsamen ausgesät und damit die Legalisierung von Cannabis eingefordert.

Die Pflanzen wurden danach vom Grünflächenamt wieder entfernt und kompostiert. Sie waren aber eh nichts wert und taugten nicht für den großen Rausch, so die Polizei.

Auch sonst geht es beim Stadtgrün nicht nur ums Verschönern: Auch wenn man heutzutage in der Stadt nicht auf Selbstversorgung angewiesen ist, sondern jederzeit kaufen kann, was man braucht, ... (New York Rooftop Farm in Brooklyn)

... gibt es auch eine Bewegung, z.B. in US-amerikanischen Städten wie Detroit, ...

... ausgestorbene Gegenden mit leerstehenden Häusern (vor allem in Folge der Immobilienkrise) wiederzubeleben, indem man die Brachen in Gemüsegärten umwandelt.

Anders als in Europa etwa gibt es in den USA die Tradition des Stadtteilmarktes, auf dem man frisches Obst, Gemüse und Blumen aus der näheren Umgebung kaufen kann, kaum. (New York Rooftop Farm, Brooklyn)

Die meisten US-Bürger kennen Gemüse und Obst nur aus dem Supermarkt - Projekte wie die "New York Rooftop Farm" wollen das ändern.

Hier findet man Öko-Tomaten, frische Kräuter oder Kartoffeln aus eigener Züchtung.

Und weil es in der Acht-Millionen-Metropole New York nicht so viel Platz gibt, weichen die urbanen Bauern eben aufs Dach aus.

3700 Quadratmeter misst das Dach-Anbaugebiet in Brooklyn.

Damit dort alles gut gedeihen kann, musste Gartenerde per Kran in die sechste Etage geholt werden.

Die Mitarbeiter jäten jetzt Unkraut mit Blick auf die Skyline von Manhattan.

Die Erzeugnisse der Dach-Farm werden zum Beispiel an Restaurants in der Stadt verkauft.

Die Vorteile liegen auf der Hand: die Transportwege sind kurz, die Waren sind frisch und Platz auf den Dächern ist auch genug.

Ein vergleichbares Projekt gibt es im Berliner Stadtteil Kreuzberg. Seit Sommer 2009 wird dort am Moritzplatz der "Prinzessinnengarten" betrieben, benannt nach der nahegelegenen Prinzenstraße. (im Bild: der Initiator des Projekts, Marco Clausen)

Nach Angaben der Betreiber handelt es sich "um eine soziale, ökologische und partizipative Landwirtschaft in der Stadt". Sie bauen auf einer 6000 Quadratmeter großen Fläche "Gemüse in Bioqualität" an.

Eins der Ziele des Prinzessinnengartens ist es, durch die Kultivierung alter und seltener Sorten die biologische Vielfalt zu fördern. Zudem verstehen sie ihr "alternatives städtisches Grün ...

... als einen Bildungsgarten und als Instrument, um die Nachbarschaft in dem sozial schwachen Quartier zu stärken und zu aktivieren". Das ist auch Integrationsförderung: Im Prinzessinnengarten treffen verschiedene Generationen und Nationalitäten aufeinander. Hier zum Beispiel setzen Frauen vom arabisch-türkischen Umweltzentrum Mini-Kräuter in Milchtüten ein.

Der Verkauf dieser Kräuter und von Ölen, Honig und Pflanzen trägt zur Finanzierung der Oase in Kreuzberg bei, einem der sozial schwächsten Stadtteile in ganz Berlin. Das Projekt wurde sogar auf der Expo in Schanghai 2010 vorgestellt.

Die Zukunft des Prinzessinnengartens ist vorerst gesichert. Im Dezember 2012 verkündete der städtische Liegenschaftsfonds, dass der Prinzessinnengarten am selben Ort noch weitere fünf Jahre bestehen darf.

Ein besonders spektakuläres Stadtgrün-Projekt in Singapur wurde Ende Juni 2012 fertiggestellt: die "Marina South Gardens", ...

... der größte Park des Stadtstaates mit 25 bis 50 Meter hohen "Supertrees".

Die Superbäume sind vertikale Gärten mit tropischen Kletterpflanzen, Farnen und Epiphyten.

Sie sammeln zudem Regenwasser und Solarenergie für die Versorgung und Beleuchtung des Parks.

Der Park ist Teil eines Projekts, des 32 Hektar großen "Bay East", mit dem Singapur mehr Grün ins Stadtzentrum bringen will.

Ob Gemüsegärten, begrünte Wände, Dachgärten (wie hier in Hongkong) ...

... oder anderes städtisches Grün an ungewöhnlichen Orten: ... (Reeds Wharf in London)

... Der Traum von der technisierten, allein auf das Funktionale und den Autoverkehr ausgerichteten Stadt (wie die Ende der 50er Jahre erbaute brasilianische Hauptstadt Brasilia) ist ausgeträumt.

Es lebe die grüne Stadt! (Text: Andrea Beu)

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