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Donnerstag, 11. August 2016

"Uns helfen keine Tränen mehr": Aleppo vor der nächsten Schlacht

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Es ist fast ein Wunder, dass hier noch Menschen wohnen: ... (Foto: AP)

Es ist fast ein Wunder, dass hier noch Menschen wohnen: ...

Es ist fast ein Wunder, dass hier noch Menschen wohnen: ...

... In Aleppo, der einst größten Stadt Syriens, tobt seit Langem der Bürgerkrieg.

Kaum ein Haus ist unversehrt, kaum ein Stein steht auf dem anderen. Trotzdem harren hier noch Hunderttausende Menschen aus - unter verzweifelten Bedingungen.

Den Ostteil der Stadt, in dem die Rebellen sich verschanzt haben, haben die Regierungstruppen von Machthaber Baschar al-Assad eingeschlossen.

Nahrungs- und Medizinvorräte gibt es hier kaum mehr.

Ebensowenig wie eine medizinische Versorgung. Gerade mal 35 Ärzte müssen sich um die 300.000 Menschen kümmern.

In einem verzweifelten Appell an US-Präsident Barack Obama fordern einige der Ärzte jetzt ein sofortiges Eingreifen der USA. "Uns helfen nun keine Tränen mehr, kein Mitleid und nicht einmal Gebete, wir benötigen Ihr Handeln", heißt es in einem Brief der Mediziner.

"Was uns als Ärzte am meisten schmerzt, ist, dass wir Entscheidungen darüber treffen müssen, wer weiterleben soll und wer stirbt", heißt es in dem Brief. "Manchmal werden kleine Kinder bei uns eingeliefert, die so schwere Verletzungen haben, dass wir jene vorziehen müssen, die bessere Überlebenschancen haben."

Als Ärzte hätten sie miterleben müssen, "wie zahllose Patienten, Freunde und Kollegen gewaltsame und qualvolle Tode starben", heißt es in dem Brief. Die Detonationswellen einer Explosion hätten vor zwei Wochen die Sauerstoffzufuhr zu einem Brutkasten gekappt, vier Neugeborene seien gestorben, "bevor ihr Leben richtig begonnen hatte".

8 von 10 Krankenhäusern und 13 von 28 Gesundheitsstützpunkten sind nur noch teilweise oder gar nicht mehr funktionsfähig. Allein im Juli gab es 10 Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen.

Zu Wochenanfang beklagte Unicef, dass es in der Stadt kein fließendes Wasser mehr gibt.

"Diese Einschränkungen kommen inmitten einer Hitzewelle, die Kinder einem großen Risiko wasserverursachter Krankheiten aussetzen", sagt die Unicef-Vertreterin für Syrien, Hanaa Singer. Die UN fordern eine "humanitäre Pause".

Es bleibe keine Zeit, um ein Ende der Kämpfe abzuwarten.

"Das Leben von Kindern ist in ernsthafter Gefahr."

Um Angriffe aus der Luft zu verhindern, entzünden Einwohner in dem belagerten Gebiet Autoreifen - der Qualm soll die Sicht behindern.

Seit dem Sommer 2012 ist die einstmals blühende Wirtschaftsmetropole Aleppo zwischen Rebellen und Regierung geteilt.

Ein "Verbrechen gegen die Menschlichkeit", so nannten die UN schon vor mehr als einem Jahr die Lage in der Stadt.

Und diese wird von Tag zu Tag schlimmer.

Seit Mitte Juli 2016 haben Assads Truppen das Rebellenviertel im Osten der Stadt komplett eingekesselt.

Angeblich können Zivilisten und Aufständische durch sogenannte humanitäre Korridore den belagerten Teil verlassen. Dies zumindest berichtet das staatliche Fernsehen.

Daran gibt es jedoch Zweifel. Wie der "Spiegel" berichtet, zeigen manche ausgestrahlten Ausnahmen zwar Flüchtlinge - allerdings sollen die Aufnahmen zwei Jahre alt sein.

Den islamistischen Aufständischen gelingt es zwar, den Belagerunsring wieder zu sprengen. Doch für die Bevölkerung ändert sich wenig.

Aber auch im von Regierungstruppen kontrollierten Westteil der Stadt, in dem bis zu 1,5 Millionen Menschen leben, ist die Situation kaum besser.

Zwar hält die Armee weiter eine Versorgungsroute im Norden offen, doch ist die humanitäre Lage der Bevölkerung hier ebenfalls katastrophal.

Wie im Osten gibt es nur gelegentlich Wasser und Strom, Nahrungsmittel und Medikamente.

Auch die nächsten Tage und Wochen werden für Aleppo kaum Hoffnung bringen.

In Erwartung der entscheidenden Schlacht um Aleppo haben inzwischen die syrischen Regierungstruppen ebenso wie die Rebellen weitere Kämpfer und Waffen in der einstigen Wirtschaftsmetropole zusammengezogen.

Assad verfügt offenbar über viermal so viele Kämpfer in der nordsyrischen Großstadt wie die Aufständischen, doch gilt die Kampfkraft beider Seiten als vergleichbar, auch weil der Durchhaltewille vieler syrischer Soldaten als schwach gilt.

Unter den Aufständischen sind mehrere Dschihadisten- und Rebellengruppen, die von Saudi-Arabien, Katar und der Türkei mit Geld und Waffen unterstützt werden. Die größten Gruppen sind die Fateh-al-Scham-Front, die bis zu ihrer Abspaltung vom Terrornetzwerk Al-Kaida Al-Nusra-Front hieß, und die islamistische Miliz Ahrar al-Scham.

Die Rebellen verfügen über Panzer, Artillerie und Truppentransporter, die sie zumeist von der Armee erbeutet haben, aber auch moderne Panzerabwehrraketen aus US-Produktion. Ihre effizienteste Waffe sind aber Autobomben und Selbstmordattentäter.

Auf der Seite der Regierung kämpfen neben den regulären Soldaten der Armee auch syrische Milizen sowie Kämpfer aus dem Iran, dem Irak und von der libanesischen Hisbollah-Miliz.

Sie werden von russischen Kampfflugzeugen unterstützt, die täglich die Stadt bombardieren - ...

... auch wenn Moskau nun eine tägliche Feuerpause von drei Stunden für Aleppo ankündigt. Was die Rebellen zu dem Kommentar veranlasst: "Was sind drei Stunden? In diesen drei Stunden werden sie nur Idlib bombardieren."

Insgesamt sollen die Regierungstruppen in Aleppo über 30.000 bis 40.000 Kämpfer mit mindestens 100 Panzern und 400 Truppentransportern verfügen.

Neben kampferprobten Einheiten sind darunter allerdings auch Wehrpflichtige, die wenig motiviert sind. Zumal kein Ende des Krieges in Sicht ist.

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