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Eine unfassbare Welle der Gewalt erschüttert den Irak.
Hunderte Menschen sind in den letzten Wochen Opfer von Anschlägen geworden. Auf den Straßen herrscht Anarchie.
Der Konflikt zwischen den zahlreichen ethnischen und religiösen Gruppierungen erreicht vier Jahre nach dem Sturz Saddam Husseins einen erneuten Höhepunkt.
Der Irak ist soweit vom Frieden entfernt wie lange nicht.
Fast gewinnt man den Eindruck: es kämpfen alle gegen alle.
Denn auf allen Seiten gibt es Opfer. Vor allem aber unter Schiiten und Sunniten, den...
...Hauptakteuren des blutigen Konfliktes.
Doch auch die wenigen Christen im Irak sind betroffen.
Radikale Moslems sprechen Morddrohungen gegen sie aus, Frauen werden gezwungen, Kopftücher zu tragen.
Tausende Christen mussten schon nach Syrien fliehen.
Obwohl die irakische Armee gegen Extremisten...
...hart durchgreift, kommt das Land nicht zur Ruhe.
Und auch die britischen und...
...amerikanischen Truppen, die dem Irak Demokratie und Sicherheit bringen sollten, stehen mit dem Rücken zur Wand. Noch wollen die USA sich engagieren, aber die Forderungen nach einem kompletten Rückzug sind laut im eigenen Land.
Die irakische Regierung. In ihr spiegeln sich alle Ethnien des Landes wider.
Präsident Talabani ist Kurde, Ministerpräsiden Al Maliki ist ein Schiit und Parlamentspräsident Hasani ist ein Sunnit. Und dennoch bekommt die Regierung die Gewalt ihrer Landsleute nicht in den Griff.
Schlimmer noch: Politik im Irak ist ein gefährliches Geschäft. Zahlreiche Minister sind bereits getötet worden.
Der Irak: Ursprung der frühen Hochkulturen Vorderasiens. Er grenzt an Kuwait, Saudi-Arabien, Jordanien, Syrien, die Türkei und den Iran.
Bis heute haben die Nachbarländer großen Einfluss auf den Irak. Der Iran war Kriegsgegner, die Türkei operierte militärisch im Norden, aus Saudi-Arabien und Syrien kommen immer wieder Terror-Kämpfer ins Land.
Die Araber sind mit fast 80 Prozent die größte Ethnie im Irak. 15 Prozent der Bevölkerung sind Kurden.
95 Prozent der Iraker sind Muslime. Die Christen sind - neben einem Dutzend weiterer Religionen - in der Minderheit.
Unter den Muslimen wiederum sind etwa 65 Prozent Schiiten, 35 Prozent gehören zu den Sunniten.
Der Konflikt zwischen den beiden islamischen Glaubensrichtungen reicht zurück bis ins 7. Jahrhundert.
Die Schiiten betrachten Ali Ibn Abi Talibs, den Cousin und Schwiegersohn Mohammeds, als einzigen legitimierten Nachfolger des Propheten.
Die Sunniten hingegen sind der Überzeugung, dass der Frömmste und Konsensfähigste Khalif werden soll.
Im blutig ausgetragenen Glaubenskrieg spalten sich die Schiiten ab und entfalten neben neuen Glaubensdogmen auch eine neue Schule der Rechtsprechung.
Dieser Konflikt spielt im Laufe der irakischen Geschichte bis heute die größte Rolle.
Auch unter Diktator Saddam Hussein, einem Sunniten, ist das der Fall. Inzwischen ist Hussein hingerichtet worden für seine Gräueltaten.
Er unterdrückt, unterstützt von seinem Familien-Clan, allerdings nicht nur die Schiiten, sondern...
...auch die Kurden, die im Norden des Irak angesiedelt sind.
Husseins Schergen, hier der als "Chemie-Ali" bekannt gewordene Ali Hassan Majid, helfen dem Diktator...
...beim Völkermord im eigenen Land.
Mehrfach geht Hussein brutal gegen die Kurden vor, setzt Giftgas ein - auch gegen seine Landsleute.
Hunderte Massengräber sprechen eine deutliche Sprache.
Die Gräben zwischen den Gruppierungen im Irak sind tief. Misstrauen, Hass und...
...die schwierige Vergangenheitsbewältigung sind der Nährboden für die Situation im Zweistromland.
Nach dem Sturz Husseins durch den Einmarsch der amerikanischen Truppen...
...fühlen sich Schiiten und Kurden befreit. Sie drängen an die Macht. Es entsteht ein blutiger Kampf zwischen Schiiten und Sunniten. Sollte er nicht beendet werden, steht der Irak nach Ansicht diverser Experten vor einer Dreiteilung.
Im Norden des Landes haben die Kurden...
...mit ihrer Autonomen Region Kurdistan schon weitgehend eine Ablösung vom Irak erreicht.
Die Kurden sind jedoch in zwei politische Lager gespalten.
Zum einen gehören sie zur Kurdischen Demokratischen Partei (KDP) unter Masud Barzani, dem Präsidenten der Autonomen Region Kurdistan. Er ist traditionalistisch eingestellt.
Zum anderen gibt es die Patriotische Union Kurdistans (PUK) unter Dschalal Talabani.
Beide Parteien verfügen über eigene Milizen, die in der Vergangenheit öfter gegeneinander kämpften.
Zurzeit jedoch gibt es ein Zweckbündnis zwischen den beiden Parteien. Mit dessen Hilfe ist Talabani bei der letzten Wahl im Irak...
...auch ins Amt des irakischen Staatspräsidenten gekommen.
Der Süden des Irak ist traditionell schiitisches Gebiet.
Zu den wichtigsten Gruppierungen hier gehört die 1950 gegründete und unter Saddam Hussein verbotene Dawa-Partei. Sie stellt mit Nuri Al Maliki den Ministerpräsidenten des Irak.
Der Vater dreier Töchter und eines Sohnes gilt als Kopf der "Entbaathifizierung", der Auflösung der Strukturen von Saddam Husseins Baath-Partei.
Von der Basis der Dawa-Partei gibt es allerdings auch immer wieder heftige Forderungen nach dem Rückzug der Amerikaner aus dem Land.
Ein weiterer wichtiger Schiite im Irak: Aziz Al Hakim, Führer der SCIRI (Supreme Council for the Islamic Revolution in Iraq).
Viele Anhänger der SCIRI-Partei möchten, anders als die Dawa-Partei, einen Gottesstaat auf irakischem Boden. Hakim unterhält gute Kontakte in den Iran.
Außerdem verfügt er mit der "Badr-Organization" über einen etwa 10.000 Mann starken bewaffneten Arm.
Einer der wichtigsten schiitischen Anführer ist der 75-jährige Ali Al Sistani, der den Amerikanern recht positiv gegenübersteht. Sistani befürwortet die Trennung zwischen Staat und Religion und...
...lehnt den Einsatz von Waffen ab. Nach Aussagen vieler Beobachter nimmt er eine eher abwartende Haltung ein, bis die Amerikaner aus dem Irak abgezogen sind.
Ganz anders agiert Schiiten-Führer Muktada Al Sadr, dessen Vater von der Baath-Partei während der Hussein-Diktatur getötet wurde. Sadr lehnt die traditionellen schiitischen Führer ab und kämpft gegen die "amerikanischen Besatzer".
Er fordert in seinen Ansprachen stets...
...islamische Gesetze und appelliert an den irakischen Nationalstolz.
Sadr herrscht über etwa 10.000 Milizionäre vor allem im schiitischen Stadtviertel Bagdads, das nach seinem Vater Sadr-City genannt wird.
Er gilt als Drahtzieher vieler Anschläge auf Sunniten und Koalitionstruppen. Und immerhin sitzen im irakischen Kabinett drei seiner Anhänger.
Sofern der Irak in drei Teile zerfällt, kommt für die Sunniten noch am ehesten der Mittel- und Ost-Irak als Rückzugsraum in Betracht.
Unter den Sunniten, die nach dem Sturz Husseins deutlich weniger organisiert sind, hat sich der Theologe Mushin Al Hamid hervorgetan. Er führt die - recht kleine - Irakisch Islamische Partei und vertritt gemäßigte Positionen.
Anders als Harith Dhari. Dem Anführer der "Association of Muslim Scholars" (AMS) wirft die irakische Regierung Anstiftung zur Gewalt gegen Schiiten und Amerikaner vor. Shari bestreitet dies, jedoch gibt es Gerüchte um einen möglichen Haftbefehl. Dhari hält sich allerdings zurzeit in Jordanien auf.
Etwa 20.000 Kämpfer sind Teil dreier Milizen, die für Anschläge auf schiitische Moscheen und Einrichtungen verantwortlich gemacht werden.
Ihre Namen: "Armee Mohammeds", "El Haq Armee" und die "Islamische Armee des Irak".
Sie opponieren vor allem gegen die Koalitionäre um die USA.
Osama bin Laden, Sunnit und Kopf der El Kaida. Auch er mischt mit im Irak. Das Ziel: eine Stabilisierung der politischen Verhältnisse soll verhindert werden. Dazu hetzt der Terror-Fürst immer wieder Sunniten und Schiiten gegeneinander auf.
Bestes Beispiel: Abu Musab Al Sarkawi. Die Anschläge des El Kaida-Terroristen gehören zu den brutalsten im Irak. Und sie stiften immer wieder Verwirrung zwischen den Akteuren, weil oft unklar bleibt, wer genau verantwortlich ist.
Zwar wird Sarkawi im Juni 2006 getötet, jedoch steht schnell...
...ein neuer Anführer bereit, so bin Laden in einer Botschaft.
Die Lage im Irak scheint ausweglos. Zuviele politische Akteure, zuviele Milizen, zuviel Hass und zuviele historische Wirrungen. Doch die Zeit drängt.
Denn gemeinsame Gebete von Sunniten und Schiiten, also gemeinsame Gebete von Irakern, werden immer weniger. (Text: Jochen Müter)
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