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Regierungschef in einem "Scheißland": Berlusconi sagt "Ciao"

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Der Cavaliere ist zurückgetreten. (Foto: dpa)

Der Cavaliere ist zurückgetreten.

Der Cavaliere ist zurückgetreten.

Das Land feiert. Es ist seinen - wie die Italiener selbst sagen - "Hanswurst" los.

Silvio Berlusconi stellte, wie er betonte, von sich aus sein Amt zur Verfügung. Dabei hatte er in den dreieinhalb Jahren seines vierten Kabinetts mehr als 50 Vertrauensfragen überstanden.

Selbst der ständige Druck von der Straße konnte den Premierminister nicht aus dem Amt drängen.

Doch die Dauerkrise in Italien ist selbst für den erfolgsverwöhnten Berlusconi zu viel. In den letzten Monaten leitete er das "Scheißland" - wie er Italien in einem abgehörten Telefonat angeblich genannt haben soll - zwischen Resignation, Wut und wachsenden Selbstzweifeln.

Die wirtschaftliche Lage im Land ist fatal. Sparpakete zwingen vor allem untere Schichten, mit noch weniger Geld auszukommen.

Trotz der Sparpakete stuft die Ratingagentur Standard & Poor's das höchst verschuldete Italien wegen "mangelnder Handlungsfähigkeit" herab.

Regionalwahlen hat er verloren, dazu ein wichtiges Referendum zur Atomkraft, und auch die Bunga-Bunga-Sexgeschichten in seinen Villen kommen in schöner Regelmäßigkeit immer wieder auf. Der Glanz des erfolgreichen Wahlkämpfers ist damit arg verblasst, da helfen auch keine Durchhalteparolen mehr.

Verbale Prügel für das unmoralische Bild der italienischen Politik bezieht er auch von den Bischöfen des Landes - und dezent selbst von Papst Benedikt XVI. Dabei ist doch jeder konservative Politiker in Italien auf die Kirche angewiesen.

Was Italien aber vor allem nachgesagt wird, ist fehlende Glaubwürdigkeit. Gemeint ist Berlusconi. Dem auch umstrittene Männerfreundschaften beileibe nicht nur Glück gebracht haben - Libyens Muammar al-Gaddafi ist dafür das allerbeste Beispiel.

Italien wirkt wie gelähmt, die Regierungspolitik kreist um sich selbst - also um Berlusconi -, und in der Außenpolitik gilt der wichtige NATO-Verbündete offensichtlich immer weniger.

Die linke Opposition verlangt praktisch täglich Berlusconis Rücktritt, um zu retten, was nun noch zu retten ist. Der Koalitionspartner Umberto Bossi (r.) von der rechtspopulistischen Lega Nord schießt ständig quer und fordert schließlich auch Berlusconis Rücktritt.

Während Berlusconi immer mal wieder sagt, im Frühjahr 2013 aufhören zu wollen, hat er für das Weitermachen bis dahin nur ein Argument: Ein Regierungswechsel in tiefster Krise würde sein Land nur noch tiefer ins Chaos stürzen.

"Mit mir kann sich keiner vergleichen, nicht in Europa und nicht in der Welt." Wie wahr, was Berlusconi da einmal gesagt hat, obwohl er das nicht so meinte, wie es heute aussieht.

Gern prahlt er damit, sich als Privatier auf eine Jacht zurückziehen zu können. Doch welches Parlament schützt ihn dann mit maßgeschneiderten Gesetzen vor seinen Prozessen und den von ihm gehassten Richtern?

Lange konnte der vor 17 Jahren vom Geschäftsmann zum Politiker mutierte Berlusconi darauf setzen, dass die Opposition in schlechter italienischer Tradition zerstritten ist und er mit dem Verteilen von Pfründen seine Leute bei der Stange halten kann.

Doch mit der europäischen Schuldenkrise erreicht die italienische Misere ein neues Niveau.

Der Schuldenberg von 1,9 Billionen Euro drückt, neue Kredite werden immer teurer: Berlusconi ist angeschlagen (im Bild: Berlusconi nach einem tätlichen Angriff im Dezember 2009).

Unter den europäischen Spitzenpolitiker gilt Berlusconi nicht mehr als exzentrischer Partner, sondern als Ärgernis. Beim Krisengipfel in Brüssel drängt die EU Berlusconi zum Sparen.

Als die Finanzmärkte und Europa das Vertrauen in Berlusconi und sein Italien verlieren, schwimmen dem Ministerpräsidenten auch in Rom die Felle davon.

Der stets kraftstrotzende Berlusconi wirkt angeschlagen und amtsmüde. Seinen politischen Zenit, das spürt man, hat er längst überschritten.

Im Zentrum einer stattlichen Reihe von Korruptions- und Sex-Skandalen, während sein Italien in tiefster Schuldenkrise versinkt, versucht er dennoch mit einer lädierten Mitte-Rechts-Koalition das Land noch zu regieren. (Im Bild: Nachtclubtänzerin Ruby Rubacuori, die noch minderjährig war, als sie für Berlusconi "Bunga-Bunga" tanzte)

Rücktrittsgerüchte dementiert er entschieden, der Premierminister will es noch regulär bis zum Ende der Legislaturperiode 2013 schaffen. Doch seine Umfragewerte sind im Keller, viele Italiener blicken pessimistisch in die Zukunft.

Bei der Abstimmung über einen Rechenschaftsbericht wird klar: Berlusconis Regierung verfügt im Parlament nicht mehr über die Mehrheit.

Berlusconi gesteht seine Niederlage ein und kündigt Staatspräsident Napolitano seinen Rückzug an. Damit endet vorläufig eine Ära in Italien.

Seit fast zwei Jahrzehnten bestimmt Berlusconi das politische Geschick Italiens.

Sein Name ist verbunden mit skrupelloser Machtpolitik, mit Populismus - und mit Bunga Bunga.

Der Mailänder hatte seine Karriere als Entertainer auf Kreuzfahrtschiffen begonnen und schien jede Krise überstehen zu können. Sein Durchhaltevermögen war gerade für italienische Verhältnisse legendär.

So führte er von 2001 bis 2005 die am längsten amtierende Nachkriegsregierung und will das jetzt am liebsten noch mal übertreffen. Facelifting und Haarimplantat sollten dem "Cavaliere" lange ein jugendliches Aussehen sichern. (Bilder: Berlusconi am 13. Dezember 2003 (l.) und am 23. Januar 2004. Zwischendurch war er für ein paar Wochen verschwunden.)

Als Bauunternehmer hat der am 29. September 1936 geborene Berlusconi sein erstes großes Geld verdient, stieg dann zum Herren über die größten TV-Sender des Landes auf, wurde seit seinem Gang in die Niederungen der Politik dreimal Regierungschef.

Immer umstritten, im Ausland argwöhnisch beäugt oder abgelehnt, entpuppte sich seine so große Schwäche für schöne, junge Frauen als eine Achillesferse. Noemi Letizia etwa wurde von ihm umworben. Sie nannte ihn "Papi", er machte ihr teure Geschenke.

Und eine ehemalige Prostituierte namens Nadia Macrì erzählte der Staatsanwaltschaft von einer dreitägigen Party des Ministerpräsidenten, auf der ausführlich gekifft worden sei. Sie selbst habe zweimal Sex mit Berlusconi gehabt.

Wie gewohnt ging Berlusconi zum Gegenangriff über: "Es ist besser, schöne Frauen anzuhimmeln, als schwul zu sein." Immerhin war Nadia Macrì schon 28.

Früher mochten viele Italiener die Idee, dass ein kraftvoller Unternehmer-Politiker, der auch ein bisschen Macho ist, sein Land wirtschaftlich nach vorne bringt.

Heute teilt diese Einschätzung so gut wie niemand mehr.

Stattdessen kursieren schlimme Witze des Regierungschefs und schwere diplomatische Ausrutscher des "Cavaliere".

Zuletzt soll er sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel äußerst unflätig beschrieben haben.

... bei großen Teilen der Bevölkerung verhasst ...

... international desavouiert, ...

... und von den eigenen Leuten verlassen, setzt Berlusconi nun einen Schlussstrich unter seine politische Karriere.

Noch ein letztes Sparpaket brachte er durch das Parlament, dann war Feierabend.

Arrivederci, Cavaliere!

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