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Mittwoch, 12. Oktober 2016

Keine Hoffnung für Aleppo: Bilder aus einer terrorisierten Stadt

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"Wenn ein kleines Kind in Aleppo in den Himmel blickt, sollte es von Hoffnung erfüllt sein", sagte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan kürzlich bei einem Treffen mit dem russischen Staatschef Wladimir Putin in Istanbul. (Foto: AP)

"Wenn ein kleines Kind in Aleppo in den Himmel blickt, sollte es von Hoffnung erfüllt sein", sagte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan kürzlich bei einem Treffen mit dem russischen Staatschef Wladimir Putin in Istanbul.

"Wenn ein kleines Kind in Aleppo in den Himmel blickt, sollte es von Hoffnung erfüllt sein", sagte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan kürzlich bei einem Treffen mit dem russischen Staatschef Wladimir Putin in Istanbul.

"Doch die Kinder, die heute in Aleppo in den Himmel blicken, sehen nur die Bomben der Helikopter und Flugzeuge, die auf sie zielen."

Dass viele der todbringenden Flugzeuge den roten Stern der russischen Luftwaffe tragen, ließ Erdogan unerwähnt.

Und doch wäre es natürlich falsch, allein die Russen für das Scheitern der Waffenruhe im September verantwortlich zu machen.

Russland sagt, die Waffenruhe sei gescheitert, weil die USA es nicht geschafft hätten, wie zugesagt die gemäßigte Opposition und Terroristen zu trennen.

Die Regierung in Moskau wirft den USA vor, die islamistische Al-Nusra-Front zu schonen, um einen Regimewechsel in Damaskus zu erreichen.

Vor allem aber hatte die US-Luftwaffe am 17. September bei einem Angriff mehr als 60 syrische Soldaten getötet. Die US-Regierung nannte diesen Angriff ein Versehen. Die Waffenruhe war damit nach nicht einmal einer Woche tot: Tags darauf wurden wieder Luftangriffe auf Aleppo geflogen.

Dagegen werfen die USA das Scheitern der Waffenruhe Russland und der Regierung des syrischen Diktators Baschar al-Assad vor.

Was für Russland und Syrien der US-Angriff vom 17. September ist, ist aus Sicht der westlichen Regierungen ein Luftangriff auf einen Hilfskonvoi am 19. September. Dabei kamen mehr als 20 Zivilisten ums Leben.

Nach Auffassung westlicher Staaten kann dieser Angriff nur von syrischen oder russischen Kampfjets geflogen worden sein – die politische Verantwortung für dieses Kriegsverbrechen sehen die USA, aber auch Deutschland und Frankreich, bei Russland.

Für die Menschen in Aleppo ist vermutlich zweitrangig, wer die Schuld am Scheitern der Waffenruhe trägt.

Eine Hälfte ihrer Stadt wird von russischen und syrischen Kampfflugzeugen bombardiert, ...

... die andere Hälfte von Scharfschützen aus dem anderen Teil unter Feuer genommen.

Nach Darstellung eines Journalisten, der für das russische Fernsehen aus Aleppo berichtet, lassen die Aufständischen die Zivilisten aus den von ihnen kontrollierten Teilen der Stadt nicht mehr in die Hälfte, die von den Assad-Truppen gehalten wird.

Nach dem Ende der Waffenruhe haben die russische und die syrische Armee ihre Angriffe noch verstärkt. Laut Al-Dschasira starben seither hunderte Kinder.

"Es ist wahrscheinlicher, dass man Kinder sieht, die aus dem Schutt gezogen oder auf dem Fußboden eines Krankenhauses behandelt werden, als Kinder, die an einem Schreibtisch in einer Schule sitzen", sagte Nick Finney von "Save the Children" dem arabischen Nachrichtensender.

Sollte das Bombardement in der aktuellen Stärke andauern, werde der östliche Teil von Aleppo bis Weihnachten komplett zerstört sein, warnt der UN-Sonderbotschafter für Syrien, Staffan de Mistura.

Dann würden tausende Zivilisten, die keine Terroristen seien, getötet, so de Mistura. Tausende Menschen würden zu Flüchtlingen.

Dem syrischen Regime wirft die Organisation Ärzte ohne Grenzen vor, die eigene Bevölkerung gezielt zu terrorisieren.

"Seit Ausbruch des Kriegs in Syrien hat das Regime eine Terrorpolitik gegen die Bevölkerung angewendet", sagte der Chef der französischen Sektion von Ärzte ohne Grenzen, Mego Terzian, Al-Dschasira.

"Zivilisten wurden rücksichtslos bombardiert, auch Krankenhäuser. Die Krankenhäuser sind Teil des Terror-Plans, den das Regime seit Ausbruch des Krieges verfolgt."

Das Problem für Aleppo ist die militärische Bedeutung der Stadt: Wer Aleppo beherrscht, kontrolliert den strategisch wichtigen Punkt zwischen Mittelmeer und Euphrat und damit den Nordwesten Syriens.

Dass die syrischen Truppen Aleppo mit russischer Unterstützung sowie mit Hilfe der libanesischen Hisbollah und den iranischen Revolutionsgarden vollständig erobern werden, ist wohl nur eine Frage der Zeit.

Insofern haben weder das syrische Regime noch die russische Regierung ein echtes Interesse an einer Waffenruhe. Der Westen wiederum hat weder Druck- noch Lockmittel, um Russland zu drängen, Druck auf Assad auszuüben; in der Ukraine hatten die Sanktionen bislang ja auch keinen durchschlagenden Erfolg.

"Aleppo wird langsam fallen, vielleicht in einem Jahr", sagt der ehemalige US-Botschafter in Syrien, Robert Ford. Den Krieg in Syrien werde das jedoch nicht beenden, weil die Opposition weiter kämpfen werde.

Genau das ist das syrische Dilemma: Alle Kriegsteilnehmer werden von außen so stark unterstützt, dass eine Niederlage unwahrscheinlich ist.

Der arabische Journalist Sarkis Naoum rechnet mit einer Spaltung Syriens. Er verweist auf die Golfstaaten, die hinter den Rebellen stehen und in den nächsten Jahren verhindern werden, dass sich der Krieg zu Assads Gunsten wendet.

"Für die Golfstaaten ist das der Krieg des Jahrhunderts. Sie sind bereit für ein zweites Afghanistan", sagt Naoum. Er meint den Krieg der afghanischen Mudschaheddin gegen die sowjetische Armee in den 1980er Jahren.

Ford zufolge wendet Russland in Aleppo eine Strategie an, die sich schon im tschetschenischen Grosny bewährt habe. Mit heftigen Bombardements hatte Russland 1999 bis 2000 den Kampf gegen islamistische Separatisten zwar gewonnen, die Hauptstadt der einstigen Sowjetrepublik dabei jedoch dem Erdboden gleichgemacht.

Anwohnern zufolge waren die jüngsten Bombardements auf Aleppo schwerer als je zuvor. Assad und seine Verbündeten werfen offenbar bunkerbrechende Waffen über den Rebellengebieten ab.

Bilder aus Aleppo zeigen mehrere Meter tiefe Krater, ...

... die sogar auf Satellitenbildern zu sehen sind. Bewohner berichten nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters von einer Zerstörungskraft, die ganze Gebäude in sich zusammenfallen lasse.

Die Hoffnung für die Kinder von Aleppo, über die Erdogan in Anwesenheit des russischen Präsidenten sprach, wird noch für sehr lange Zeit ein frommer Wunsch bleiben. Sie sind den Staaten und Herrschern, die im Syrien-Krieg mitmischen, offenbar nicht wichtig genug.

n-tv widmet sich heute, am 12. Oktober, in einem Thementag der Lage in Syrien. Den ganzen Tag über sehen Sie Berichte, Analysen, Interviews und Reportagen über den anhaltenden Krieg, die Zerstörungen des Landes und die möglichen Wege aus dem Konflikt.

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