Bilderserie
Freitag, 04. November 2016

Beklemmende Bilder: "Blutiger Boden" - die Tatorte des NSU

Bild 1 von 25
Auf den ersten Blick wirken die Fotos unspektakulär. Aber sie zeigen Orte brutaler Verbrechen. (Foto: Regina Schmeken, 9. September 2000, Enver Şimşek, Nürnberg)

Auf den ersten Blick wirken die Fotos unspektakulär. Aber sie zeigen Orte brutaler Verbrechen.

Auf den ersten Blick wirken die Fotos unspektakulär. Aber sie zeigen Orte brutaler Verbrechen.

Auf diesem Parkplatz in Nürnberg wurde der 38 Jahre alte türkische Blumenhändler Enver Şimşek am 9. September 2000 durch acht Kugeln aus zwei Pistolen getötet.

Er ist das erste Opfer des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). Bis 2007 ermordete der NSU neun weitere Menschen und verübte zwei Sprengstoffattentate.

In den vergangenen drei Jahren ist die Fotografin Regina Schmeken mehrmals an die 12 Tatorte gereist und hat sie aus ungewöhnlichen Perspektiven aufgenommen.

Entstanden sind eindrückliche Schwarz-Weiß-Bilder, denen Voyeurismus gänzlich fremd ist.

Spuren von Gewalt sind auf ihnen nicht zu erkennen. Die Fotos zeigen eine beklemmende Normalität an Schauplätzen von Hass und Gewalt mitten in deutschen Städten.

Der Titel des Fotozyklus' "Blutiger Boden" bezieht sich zum einen auf diese Orte. Zum anderen verweist er auf die NS-Propagandaformel "Blut und Boden" und damit auf die Überzeugung der Nationalsozialisten, dass ein "gesunder Staat" auf der Einheit von "eigenem Volk und Boden" gründet.

Auch der NSU mordete vor dem Hintergrund dieser kruden Ideologie. Nach Enver Şimşek wurde der 49-jährige türkischstämmige Abdurrahim Özüdoğru das zweite Opfer der Rechtsterroristen. Er starb am 13. Juni 2001 in seiner Änderungsschneiderei in Nürnberg durch zwei Schüsse in den Kopf.

Drei Kopfschüsse trafen nur wenige Tage später, am 27. Juni 2001, Süleyman Taşköprü in Hamburg-Bahrenfeld. Der 31-jährige türkische Gemüsehändler hielt sich gerade im Laden seines Vaters auf.

Auch Habil Kılıç, 38 Jahre alt, war türkischer Gemüsehändler. Er wurde am 29. August 2001 in seinem Münchener Geschäft ermordet.

Anfang desselben Jahres, am 19. Januar, explodierte in der Kölner Probsteigasse ein Sprengsatz. Eine 19-jährige Deutsch-Iranerin wurde schwer verletzt.

Drei Jahre später geht die Mordserie weiter: Am 25. Februar 2004 tötete der NSU in Rostock Mehmet Turgut. Drei Kugeln trafen den 25-jährigen Türken, als er den Döner-Imbiss eines Freundes im Ortsteil Toitenwinkel betreute. Die Imbissbude steht heute nicht mehr.

In der Keupstraße, einer belebten Einkaufsstraße in Köln-Mülheim mit vorrangig türkischen Geschäften, detonierte am 9. Juni 2004 eine Nagelbombe. 22 Menschen erlitten teils schwere Verletzungen.

An İsmail Yaşar verübte der NSU den sechsten Mord. Der 50-Jährige türkischer Abstammung kam am 9. Juni 2005 durch mehrere Kugeln in Kopf und Oberkörper in seinem Döner-Kebab-Imbiss in Nürnberg ums Leben.

Theodoros Boulgarides wurde am 15. Juni 2005 in seinem Münchner Schlüsselgeschäft erschossen, das der 41-jährige Grieche erst zwei Wochen zuvor eröffnet hatte.

Am 4. April 2006 fand eine Kundin Mehmet Kubaşık tot hinter dem Tresen seines Dortmunder Kiosks. Auch der 39-Jährige türkischer Herkunft wurde durch gezielte Schüsse getötet.

Den 21 Jahre alten türkischstämmigen Halit Yozgat ermordeten die Täter am 6. April 2006 in seinem Internetcafé in Kassel.

Das letzte Opfer der rechtsterroristischen Gruppe wurde die Polizistin Michèle Kiesewetter. Sie ist das einzige Opfer ohne Migrationshintergrund. Die 22-Jährige starb am 25. April 2007 auf der Theresienwiese in Heilbronn durch einen gezielten Kopfschuss. Auch ihren 24 Jahre alten Kollegen trafen Schüsse in den Kopf. Er wurde lebensgefährlich verletzt und lag mehrere Wochen im Koma.

Bis heute sind die Verbrechen nicht aufgeklärt. Die mutmaßlichen Täter, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, begingen nach einem Raubüberfall am 4. November 2011 vermutlich Selbstmord. Beate Zschäpe steht seit drei Jahren vor Gericht und schweigt.

Es existiert zwar eine Art Bekenner-DVD. Aber Fragen zu Ablauf, Beteiligung und Planung der Morde sowie zur tatsächlichen Größe des NSU sind offen.

Ebenfalls ungeklärt sind die vielen Ermittlungspannen und Vertuschungsversuche vonseiten der Behörden, die erst mit dem Auffliegen des NSU von der Existenz der rechtsterroristischen Gruppe erfuhren.

Zuvor hatte eine "Soko Bosporus" ermittelt, die ihren Fokus auf die Organisierte Kriminalität richtete und die Motive für alle Morde im Drogen- und Rotlichtmilieu vermutete. Jahrelang waren die Angehörigen falschen Verdächtigungen ausgesetzt.

Mit ihren Fotos vergegenwärtigt Schmeken die Ungeheuerlichkeit der NSU-Verbrechen und die immer noch unfassbare Tatsache, dass Rechtsterroristen sich über Jahre ungehindert durch Deutschland morden konnten.

Vor allem aber möchte die Fotografin mit ihren Bildern eins: an die Opfer erinnern.

Der Bildband "Blutiger Boden. Die Tatorte des NSU" ist bei Hatje Cantz erschienen (144 Seiten, 35 Euro). Eine Ausstellung der Bilder ist bis zum 7. Mai 2017 im Militärhistorischen Museum in Dresden zu sehen. (kse)

weitere Bilderserien