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Montag, 18. September 2017

"Rote Bilder" und die Mao-Bibel: China von der Kulturrevolution bis heute

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Mao Zedong, der Vorsitzende der Kommunistischen Partei Chinas, setzte 1966 die "Große Proletarische Kulturrevolution" in Gang ... (Foto: picture alliance)

Mao Zedong, der Vorsitzende der Kommunistischen Partei Chinas, setzte 1966 die "Große Proletarische Kulturrevolution" in Gang ...

Mao Zedong, der Vorsitzende der Kommunistischen Partei Chinas, setzte 1966 die "Große Proletarische Kulturrevolution" in Gang ...

... und löste damit eine chaotische Massenbewegung aus, die bis 1976 andauerte. Die politische Kampagne führte zu Gewaltexzessen und brachte Hunderttausenden Menschen den Tod. Millionen wurden gefoltert, misshandelt, umgesiedelt.

Diktator Mao, bis heute verehrt und gehasst, wurde dennoch zur Kultfigur ...

... und sogar von Andy Warhol porträtiert. Wie die chinesische Kulturrevolution damals ins Bild gesetzt wurde und wie Fotografen heute mit diesem Erbe umgehen, ...

... zeigt die Ausstellung "Zeitgenössische chinesische Fotografie und die Kulturrevolution" ... ("Rot", 1985, Mo Yi)

... im Berliner Museum für Fotografie am Bahnhof Zoo.

Zu sehen sind historische Bilder der Kulturrevolution, die Film, Fotografie und Wandzeitungen ganz gezielt für ihre Massenkampagnen nutzte. ("Studenten vor einem Porträt Maos", Aufnahme zwischen 1966 und 1976, Fotograf unbekannt)

Ebenso Plakate mit Bildnissen Maos ...

... und Propaganda-Parolen: "Es leben die unbesiegbaren Mao-Zedong-Ideen. Es lebe unser großer Führer Mao", 1965.

Etwa ein Drittel der Ausstellung zeigt historische Bilder der Kulturrevolution. ("Peking, Tien'anmen-Platz" 1966, Fotograf unbekannt)

Dem gegenüber stehen zeitgenössische Arbeiten von Künstlern, die sich mit Manipulationstechniken von damals und den Hinterlassenschaften der Zeit auseinandersetzen. (Ausschnitt aus "Schießübung", 2016, Cai Dongdong)

Die Fotografien werden ergänzt durch eine Videoinstallation, in der Popstars der Endsechziger - von Che Guevara über John Lennon bis Martin Luther King - mit Bildern der ihnen begeistert zujubelnden Massen überblendet werden, untermalt von Bryan Adams Song "Summer of 69". (Videostill aus "Summer of 1969", 2001/2002, Cao Kai)

Das berühmte Buch "Worte des Vorsitzenden Mao Zedong", auch bekannt als "Mao-Bibel" oder "Das kleine Rote Buch", ist ebenso ausgestellt. Hier ein undatierter Nachdruck der Ausgabe von 1976.

Zhang Kechun zeigt in seiner Bilderserie zum Gelben Fluss das Foto einer merkwürdigen Schwimmprozession, die in Erinnerung an Maos Durchquerung des Jangtse im Sommer 1966 sein Porträt mitführt. ("Menschen queren den Gelben Fluss mit einem Foto von Mao Zedong, Henan", 2012)

Während der Kulturrevolution war Maos sportliche Leistung Thema vieler Fotografien; ein beliebtes Motiv wurde bereits 1966 als Poster verbreitet, das in der Ausstellung zu sehen ist: Mao im Bademantel, darunter das Gedicht "Schwimmen" aus seiner Feder in feiner Kalligrafie. ("Mao Zedong nach dem Durchqueren des Jangtse", 1966)

Als Leiter der Fotoabteilung der Illustrierten "China im Bild" war der Fotograf Weng Naiqiang 1966 bei allen wichtigen Ereignissen der Kulturrevolution dabei. Dieses farbstarke Bild heißt: "Der Vorsitzende Mao auf dem Tian'anmen-Platz", 1966.

Bei der ersten Kundgebung der Roten Garden am 18. August in Peking stand Weng Naiqiang inmitten der jubelnden und mit dem "Kleinen Roten Buch" winkenden Teilnehmer und fotografierte hinauf zum Tor des Himmlischen Friedens, dem zentralen Eingang zum Kaiserpalast, ...

... über dem heute immer noch Maos Porträt hängt.

Die Arbeit "450 Kulturrevolution" (2011-2013) von Mo Yi ist Teil der Serie "Trügerische Erinnerungen". Dafür zerlegte Mo Yi klassische, bekannte Fotografien aus der Kulturrevolution und setzte sie, reproduziert auf Keramikblocks ...

... und unterteilt durch rote Fäden, zu großen Mosaiken zusammen. "Schon durch die schiere Masse der politischen Bilder wird eine kritische Deutung des Gebrauchs der Fotografie in der Vergangenheit angeboten", so die Ausstellungsmacher.

Ergänzt wird es durch zwei Fotos, die durch ihr knalliges Rot auffallen - links "Die rote Steppdecke" (2006), rechts "Rot" (1985). Eine in China sofort verständliche Anspielung auf die blutigen Jahre der Kulturrevolution: Pressefotos aus dieser Zeit werden in der chinesischen Kunst- und Fotografiegeschichte als "rote Bilder" bezeichnet.

Der Bilderzyklus "Eine zweite Geschichte" gehört zu den großen Kunstwerken, die einen Wendepunkt in der Auseinandersetzung mit der politischen Geschichte Chinas darstellen. In 130 Tafeln untersucht Zhang Dali die Manipulation von Fotos durch Retusche, Collage und Übermalung zu Propagandazwecken. ("Eine zweite Geschichte 9: 1952 Das erste Sportfest der Nationalarmee", 2005)

Für die Serie "Sie" suchte Hai Bo mit oft großem Aufwand die auf Fotos aus der Zeit der Kulturrevolution abgebildeten Personen ... ("Sie Nr. 3", 2000)

... und fotografierte sie erneut. Er arrangierte die Menschen in der gleichen Position - verstorbene oder nicht auffindbare Personen sind als Leerstellen sichtbar. ("Sie Nr. 5", 2000, Hai Bo)

Für seine Bildserie "Eine alternde Bevölkerung" reiste He Chongyue durch ganz China, besonders in abgelegene Dörfer, als Teil einer großen Recherche zu den Folgen von Urbanisierung, Landflucht und der Ein-Kind-Politik der Regierung. ("Das Ende 01 - Eine alternde Bevölkerung: Die Familienplanungs-Serie", 2010)

Für seine Serie "Weiß auf Weiß" von 2010 sammelte Maleonn auf Flohmärkten und Müllhaufen in China Privataufnahmen, legte sie in Entwicklerschalen und kombinierte sie mit Federn, Knochen und Steinen. So sind sie "in eine komplexe Symbolik über das Werden und Vergehen von Bildern eingebettet", heißt es im Begleittext.

Cai Dongdong nutzt die Fotos der Kulturrevolution für trickreiche Installationen - wie hier bei "Schießübung" von 2016. Aus der inszenierten Lehrstunde eines Soldaten für eine Schülerin wird durch die Spiegelung ein Sinnbild der Bedrohung.

In seiner Serie "Räume der Macht" widmet sich Qu Yan den eher unscheinbaren dieser Orte. Er nahm in Dörfern und kleinen Städten die Büros der Kommunistischen Partei auf - stets menschenleer. Hier vermischen sich persönliche und öffentliche Nutzung, Zeichen der Macht und Gebrauchsspuren des Alltags. ("Hauptquartier im Dorf Wuzhuang, Stadt Tushan, Kreis Pizhou, Provinz Jiangshu", 2005)

Die Fotoserie "Versammlungshallen" des Künstlerduos Shao Yinong und MuChen zeigt ehemalige Versammlungssäle in kleinen Dörfern und Städten, die während der Kulturrevolution als Orte für Propagandaveranstaltungen und Schauprozesse dienten.

Sie sind stets menschenleer aufgenommen. Manche der Hallen werden heute als Fabrik oder für religiöse Zwecke genutzt. ("Die Versammlungshallen-Serie - Yangzheng", 2003, Shao Yinong und MuChen)

In sich selbst versunken wirken die Menschen in der Serie "Einige Tage" von Wang Ningde aus den Jahren 2001 bis 2009. Auf altmodisch erscheinenden Fahrrädern, ... ("Einige Tage Nr. 30", 2005)

... in altmodisch-unförmige Arbeitsanzüge gekleidet und mit Ballonmützen erinnern sie an die jungen Mitglieder der Roten Garden aus der Zeit der Kulturevolution und wirken so aus der Zeit gefallen. ("Einige Tage Nr. 49", l., und "Einige Tage Nr. 33", 2005, Wang Ningde)

Song Yong Ping begleitet mit eigenwilligen Porträts die letzten Lebensjahre seiner Eltern und stellt sie einer Studioaufnahme aus den 1960er-Jahren gegenüber. ("Neues Leben", 1999)

Wang Qingsong, der bei der Ausstellungseröffnung anwesend war, rief für die Arbeit ...

... "Wettbewerb" von 2004 in einer monumentalen Bildinszenierung die Erinnerung an Presseaufnahmen aus der Zeit der Kulturrevolution wach - doch es geht ihm nicht um politische Parolen und Mahnungen für das Volk. Sein Team von Plakatmalern ...

... hat Werbebotschaften für Firmen und Produkte aus vielen Ländern hergestellt. Es steht nun nicht im Dienst der politischen Propaganda, sondern im Dienst der Vermarktung von Waren. Der Effekt ist der gleiche: Die Botschaft geht in der Masse unter, die Flut der Plakate führt zu Überreizung, sie werden schnell zu Abfall.

Die Installation "Waschen" von Wang Youshen ist eine für das Museum für Fotografie konzipierte Neuinszenierung.

Chinesische Presse- und Privataufnahmen sowie deutsche historische Pressebilder liegen in wassergefüllten Entwicklerschalen. Darin ...

... werden die Bilder gewaschen und weiterentwickelt; so verschwinden sie langsam.

Die Ausstellung im Museum für Fotografie läuft noch bis zum 7. Januar 2018. ("In Tibet herrscht das 'Kleine Rote Buch' Maos", 1971) (abe)

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