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"Iron Dome" gegen Hamas-Raketen: Der Hightech-Schutzschirm über Israel

Von Martin Morcinek

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Im Gelobten Land herrscht rohe Gewalt: In der bitteren Logik des Nahostkonflikts muss auf jeden Angriff ein harter Schlag der Vergeltung folgen. Die Aussichten auf einen stabilen Frieden im Nahen Osten liegen in weiter Ferne. (Foto: picture alliance / dpa)

Im Gelobten Land herrscht rohe Gewalt: In der bitteren Logik des Nahostkonflikts muss auf jeden Angriff ein harter Schlag der Vergeltung folgen. Die Aussichten auf einen stabilen Frieden im Nahen Osten liegen in weiter Ferne.

Im Gelobten Land herrscht rohe Gewalt: In der bitteren Logik des Nahostkonflikts muss auf jeden Angriff ein harter Schlag der Vergeltung folgen. Die Aussichten auf einen stabilen Frieden im Nahen Osten liegen in weiter Ferne.

Beide Seiten rüsten nach Kräften auf, um ihre militärische Schlagkraft zu erweitern. Die Palästinenserorganisation Hamas setzt auf neue Raketen. Israel installiert ein hochtechnologisches Abwehrsystem.

Die Bedrohung ist real: Die Raketen aus dem Gazastreifen enthalten Sprengstoff. Dort, wo die Projektile einschlagen, folgt ein Hagel tödlicher Splitter.

Niemand kann genau vorhersagen, wo die ungelenkten Sprengkörper niedergehen. Das macht die Raketen der Hamas zu einer besonders tückischen Waffe.

Viel stärker als ihre physische Sprengkraft wirkt die psychologische Bedrohung: Die Hamas-Geschosse zerreißen den friedlichen Alltag. Niemand kann sich sicher fühlen. Sie schlagen mitten im öffentlichen Leben Israels ein.

Um die Bevölkerung vor "Terrorangriffen" aus der Luft zu schützen, sieht sich Israel zum Handeln gezwungen.

Denn die Hamas-Attacken mit ballistischen Raketen haben in den letzten Jahren dramatisch zugenommen.

Nach Schätzungen israelischer Militärs sollen sich im Gazastreifen noch bis zu 10.000 Raketen befinden - gut versteckt in Tunneln, Olivenbäumen oder unter öffentlichen Gebäuden inmitten des nur wenige Kilometer breiten Küstenstreifens.

Um gegen diese Gefahr vorzugehen, hat das israelische Militär - zusammen mit der forschungsstarken Rüstungsindustrie des Landes und tatkräftiger Hilfe der USA - ein System entwickelt, das die Bevölkerung vor feindlichen Luftschlägen schützen soll.

Seit 2011 überwacht ein Hightech-Abwehrsystem namens "Iron Dome" (deutsch etwa: Eiserne Kuppel) das hoch industrialisierte Land: ...

... Ein Netzwerk aus mobilen Radarstationen warnt vor anfliegenden Sprengsätzen und jagt der Bedrohung bei Bedarf überschallschnelle Abfangraketen entgegen.

Das Iron-Dome-System soll die Gefahren am Himmel ausschalten und die anfliegenden Geschosse noch in der Luft zerstören.

Unterhalb der eisernen Kuppel kann das Leben - so die Theorie - ungestört weitergehen. Ein einzelner Startbehälter reicht aus, um eine Stadt mittlerer Größe zu schützen, heißt es beim Hersteller Rafael: "Der Iron Dome kann auch mit mehrfachen Bedrohungen simultan und effektiv umgehen."

In der Praxis setzt sich der Hightech-Schutzschirm aus mehreren Raketen-Batterien zusammen, die mit Radarstationen vernetzt ganze Regionen oder Korridore vor anfliegenden Raketen bewahren sollen.

Die Israel Defense Force (IDF) positioniert die Start-Behälter nicht nur rund um dicht besiedelte Gebiete und entlang des Gazastreifens, ...

... sondern schützt auch wirtschaftlich bedeutsame Anlagen wie dieses Kraftwerk bei Haifa.

Zu einer einsatzfähigen Iron-Dome-Batterie gehören - neben den kastenförmigen Behältern mit den Abfangraketen - noch die in einigem Abstand aufgestellten Radargeräte, Strom-Generatoren, die Steuerungseinheiten und ...

... die Stellungen der Wach- und Bedienmannschaften. Je nach Einsatzdauer graben sich die Soldaten kleine Splitterschutzlöcher oder überwachen die Anlagen aus besser geschützten Stellungen heraus.

Das System sei effektiv, intelligent und vergleichsweise kostengünstig in der Anwendung, behauptet der Hersteller. Rafael bewirbt den Iron Dome als "kampferprobt".

Der Iron Dome baut in Teilen auf dem US-amerikanischen Abwehrsystem "Patriot" auf und ist sozusagen eine kleinere und verbesserte Version davon.

Angeblich kann die Iron-Dome-Elektronik nicht nur die Art der anfliegenden Bedrohung erkennen, sondern auch selbstständig entscheiden, ob das Geschoss über bewohntem oder unbewohntem Gebiet niedergehen wird.

Zeit bleibt der kritische Faktor: Ein Angriff mit Kurzstreckenraketen spielt sich binnen weniger Sekunden ab. Das Abwehrsystem kann jedoch erst aktiv werden, sobald die Flugkörper in den Suchbereich der Radarsensoren eindringen.

Dann muss es sehr schnell gehen: Die Elektronik berechnet die voraussichtliche Flugbahn, gleicht das Radarsignal mit einer Datenbank registrierter Flugbewegungen ab und entscheidet innerhalb von Sekundenbruchteilen über das Ausmaß der Bedrohung.

Im taktischen Kontrollzentrum fernab der besiedelten Gebiete fällt die Entscheidung, ob die Rakete abgefangen werden soll oder nicht.

Droht das Geschoss ins Schutzgebiet einzudringen, erwacht die Eiserne Kuppel zum Leben: Eine Abfangrakete - das Kernstück der Anlage - steigt auf, zum Stückpreis von etwa 50.000 Dollar.

Noch während der Annäherung wird die Abfangrakete mit aktualisierten Daten aus dem Kontrollzentrum versorgt, umgelenkt und schließlich auf Kollisionskurs gebracht.

Kurz vor dem Ziel zündet der Gefechtskopf der Abfangeinheit: Das anfliegende Geschoss rast in eine Splitterwolke - und wird dadurch im Idealfall vollständig zerstört.

Das Iron-Dome-System kann tags, nachts und angeblich auch bei jedem Wetter operieren. Die Trefferquote liegt israelischen Militärs zufolge bei etwa 87 Prozent.

Das heißt: Gut jede zehnte Hamas-Rakete kommt durch.

Und bei bislang mehr als 1000 abgefeuerten Raketen kostet der Iron-Dome-Einsatz der letzten Wochen Israel bereits rund 50 Millionen Dollar. Und das sind nur die reinen Materialkosten.

Der Iron Dome ist alles andere als eine dicht schließende Kuppel: Nicht immer gelingt es dem System, die anfliegenden Raketen vollständig zu zerstören. (Im Bild: Schäden durch herabfallende Trümmerteile an einem Auto in Tel Aviv.)

Mitunter regnen nach einem Treffer potenziell tödliche Metallsplitter und andere Wrackteile vom Himmel. "Whatever goes up, must come down", beschreibt einer der Entwickler das nicht unerhebliche Restrisiko nach einem Iron-Dome-Einsatz.

In der Praxis wachsen die Zweifel, ob das Abwehrsystem den Anforderungen des Nahostkonflikts wirklich gewachsen ist.

Denn ausgelegt ist das System eigentlich nur auf die Nahbereichsabwehr von Flugzeugen, Hubschraubern, Mörsergranaten, Marschflugkörpern, und ballistischen Raketen mit einer Reichweite von bis zu 70 Kilometern.

Damit gelangt der Iron Dome, der nur einen Teil des israelischen Konzepts umfassender Raketenabwehrsysteme darstellt, schnell an seine Grenzen.

Denn die militanten Kräfte im Gazastreifen verfügen mittlerweile über sehr viel leistungsstärkere Raketen.

Das Rückgrat der palästinensischen Raketenartillerie bilden bislang noch vergleichsweise einfache Projektile vom Typ Kassam oder Grad.

Bei der Kassam-Baureihe handelt es sich um eine Eigenentwicklung aus palästinensischer Produktion, die meist nur notdürftig in geheimen Waffenschmieden zusammengeschweißt und mit Sprengstoff befüllt werden.

Die von einem Feststoff-Treibsatz beschleunigten Kurzstreckenraketen sind ungelenkt, das heißt, ihre Flugbahn beschreibt nach dem Abbrennen des Treibstoffs einen ballistischen Bogen. Mit dem Startgestell richten die Hamas-Kämpfer die Spitzen grob auf ihre Ziele aus.

Gezündet werden die Raketentreibsätze entweder per Zündschnur oder mittels elektrischer Schalter (Screenshot Hamas-Video).

Volltreffer sind unwahrscheinlich. Der Erfolg hängt mehr oder weniger vom Zufall ab: Als Startrampe dienen eilig zusammengeschweißte Stahlschienen, die mit einfachen Metalldornen im Boden verankert werden (Archivaufnahme sichergestellter Kassam-Gestelle aus dem Jahr 2007).

Technisch gesehen unterscheiden sich die einfacheren Kassam-Bausätze eigentlich kaum von einer überdimensionierten Silvesterrakete aus Metall - nur dass hier ein echter Sprengkopf startet und die Rakete auf bewohnte Gebiete gerichtet ist (Screenshot Hamas-Video).

Die Schubkraft der Kassam-Raketen reicht je nach Bauart aus, um zwischen 500 Gramm bis 15 Kilogramm Sprengstoff ins Nachbarland zu tragen.

Zum Vergleich: Eine Standardhandgranate der Bundeswehr enthält weniger als 60 Gramm Sprengstoff.

Militärexperten stufen die effektive Zerstörungskraft der Kassam-Raketen und der deutlich stärkeren Grad-Raketen insgesamt als eher gering ein.

Doch selbst die einfachen Geschosse der Hamas führen noch genügend explosives Material mit sich, um ...

... am Einschlagsort Leib und Leben unbeteiligter Zivilisten zu bedrohen - und damit einen sehr viel teureren Iron-Dome-Start zu provozieren.

Nach dem Abschuss bleiben bis zum Einschlag oft nur wenige Sekunden. In dieser Zeitspanne müssen die Rechner der "Eisenkuppel" die richtige Entscheidung treffen.

Sobald die Sirenen aufheulen, gehen die Menschen in den bedrohten Gebieten in Deckung.

Sind die Kassams oder Grads erst einmal in der Luft, lässt sich nur ungefähr vermuten, wo die Geschosse niedergehen werden.

Weil die Vorwarnzeiten so kurz sind, stehen in den Siedlungen nördlich und östlich des Gazastreifens vielerorts einfache Bunker aus Beton, in denen sich Passanten in Sicherheit bringen können.

Meist feuert die Hamas gleiche ganze Salven von einem Standort ab. Für die Schützen selbst besteht ebenfalls akute Lebensgefahr: Unter den Augen eines technologisch hochgerüsteten Gegners muss der Angriff schnell gehen.

Denn mit dem Start verrät die Hamas die Position der Abschussrampen. Einmal entdeckt, müssen die Kämpfer mit einem sofortigen Gegenschlag der Israelis rechnen.

Für Experten ist klar: Mit Kassam-Raketen hat die Hamas keinerlei Aussichten, Israel militärisch zu besiegen. Allerdings fügt der andauernde Raketenbeschuss der Wirtschaft des Landes und seinen Bewohnern empfindlichen Schaden zu.

Und mittlerweile bedrohen die Angriffe längst nicht mehr nur die grenznahen Gebiete im Umfeld des Gazastreifens. In den letzten Jahren haben die Raketen-Spezialisten der Hamas ihr Arsenal aufgerüstet.

Allein im ersten Halbjahr des Jahres - vor Ausbruch der aktuellen Bodenoffensive - gehen mehr als 450 Raketen aus dem Gazastreifen auf Israel nieder.

Aus dem dicht besiedelten Gazastreifen steigen nicht mehr nur die vergleichsweise schlanken Eigenbau-Raketen auf.

Die Sprengköpfe werden immer größer. Die Einschlagsorte liegen immer weiter vom Gazastreifen entfernt.

Nach übereinstimmenden Darstellungen feuert die Hamas mittlerweile auch iranische Fadschr-5-Raketen (Typ M75) ab, die Ziele bis weit in den Norden Israels erreichen können.

Bei einer Razzia an Bord eines Frachtschiffs im Roten Meer stoßen israelische Kommandosoldaten im März 2014 auf eine brisante Ladung aus Syrien.

Die unter Zementladungen verborgene Schmuggelware war angeblich für militante Palästinenser bestimmt.

Im Laderaum des Schiffes "Klos C" lagern Dutzende Boden-Boden-Raketen vom Typ M-302, die einen Gefechtskopf mit mehr als 150 Kilogramm Sprengstoff bis zu 150 Kilometer weit tragen können.

Geheimdienstexperten vermuten, dass weitere Ladungen ihre Empfänger im Gazastreifen erreicht haben dürften.

Damit liegt ein Großteil des israelischen Staatsgebiets in Reichweite palästinensischer Raketen - Küstenstädte wie Aschkelon, Aschdod oder Tel Aviv sind ebenso bedroht wie das multikulturelle Zentrum der Region, Jerusalem, und die israelischen Nuklearanlagen bei Dimona.

Mit jedem Einschlag steigt der Druck auf die israelische Regierung: Am 11. Juli setzt ein Zufallstreffer eine Tankstelle in Aschdod in Brand. Der Einschlagsort liegt 30 Kilometer vom Gazastreifen entfernt.

Selbst vom Strand in Tel Aviv aus lassen sich die Explosionen der Iron-Dome-Raketen beobachten.

Die Metropole am Ufer des Mittelmeers liegt gut 70 Kilometer vom Nordrand des Gazastreifens entfernt.

Die Situation ist auf Dauer unhaltbar: Beinahe täglich heulen in israelischen Städten die Luftschutzsirenen.

Auf der anderen Seite im Gazastreifen fordert der Raketenkrieg sehr viel mehr Opfer.

Sobald die militärische Aufklärung einen Raketenstandort in den Palästinensergebieten entdeckt, ...

... schlägt Israel mit aller Macht zu.

Es ist das bekannter Muster asymmetrischer Konflikte: ...

... Auf der einen Seite eine hochgerüstete Militärmacht, ...

... auf der anderen Seite gewaltbereite Kämpfer, die alles einsetzen, was sie besitzen und dabei nicht viel zu verlieren haben.

Dazwischen steht die Zivilbevölkerung, die vor allem im Gazastreifen einen hohen Blutzoll zahlen muss.

Um der Bedrohung durch die ziellos abgefeuerte Raketen aus dem Gazastreifen Herr zu werden, gehen die israelischen Streitkräfte mit einer massiven Bodenoffensive gegen die Hamas vor.

Kann die Eiserne Kuppel Israel dauerhaft schützen?

Experten bezweifeln das - und verweisen auf unbeabsichtigte Nebenwirkungen des Systems: "Durch den Iron Dome hat sich das politische Kalkül verändert", zitiert der "Economist" einen früheren Regierungsfachmann.

"Der Schutzschirm ermöglicht es der israelischen Regierung, den Forderungen aus den Reihen der israelischen Öffentlichkeit und der Militärs nach einer schnellen Beilegung des Konflikts zu widerstehen."

Indirekt könnte der Iron Dome den Nahostkonflikt damit sogar verlängern: Schon die Aussicht auf eine weitgehende Immunität gegenüber Raketenüberfällen aus dem arabischen Ausland lässt einen dauerhaften Frieden aus der Sicht israelischer Hardliner weniger wichtiger erscheinen.

(Stand: 29. Juli 2014)

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