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Samstag, 27. Februar 2010

"Gewalt und bedingungsloser Gehorsam": Der Missbrauch an Kindersoldaten

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"In fast allen aktuellen bewaffneten Konflikten weltweit werden Kinder als Soldaten eingesetzt, … (Foto: ASSOCIATED PRESS)

"In fast allen aktuellen bewaffneten Konflikten weltweit werden Kinder als Soldaten eingesetzt, …

"In fast allen aktuellen bewaffneten Konflikten weltweit werden Kinder als Soldaten eingesetzt, …

… unter anderem, weil sie billiger und leichter manipulierbar sind als Erwachsene."

So lautet das traurige Fazit von Ralf Willinger, Experte der Kinderhilfsorganisation Terre des Hommes. "Der Wille der internationalen Staatengemeinschaft, den Missbrauch von Kindern als Soldaten zu beenden, ist da, und es gibt einzelne Fortschritte", so Willinger. "Doch die bisherigen Anstrengungen reichen bei weitem nicht aus."

Noch immer werden in den Kriegs- und Krisengebieten der Welt über 250.000 Kinder und Jugendliche als Soldaten missbraucht.

In derzeit 14 Ländern versuchen Arbeitsgruppen der Vereinten Nationen, die Rekrutierung von Kindern als Kämpfer zu verhindern oder sie aus dem Einsatz als Soldaten zu befreien: ...

Afghanistan, Birma, Burundi, Demokratische Republik Kongo, Elfenbeinküste, Kolumbien, Nepal, Somalia, Sri Lanka, …

… Sudan, Tschad, Philippinen, Uganda und die Zentralafrikanische Republik.

Allein in Birma gibt es nach Angaben der Kindernothilfe bei Armee und nichtstaatlichen bewaffneten Gruppen Zehntausende von Kindersoldaten. "Damit ist Birma vermutlich das Land mit den meisten Kindersoldaten weltweit", erklärt die Hilfsorganisation.

Schätzungen gehen von 80.000 Kindersoldaten in Birma aus. "Die Gewalt, mit der die Militärregierung schon Neunjährige rekrutiert und anschließend gegen die eigenen Leute kämpfen lässt, ist unvorstellbar."

Zu den positiven Entwicklungen der letzten Jahre gehöre aber, dass die Zahl der Konflikte, in denen Kinder eingesetzt werden, von 27 auf 17 gesunken ist.

Vor allem in Afrika endeten mehrere Konflikte und viele Kindersoldaten wurden demobilisiert.

Gemeinsam mit anderen Organisationen hat Unicef zudem nach eigenen Angaben seit 2008 die Freilassung von mehr als 12.600 Kindern aus verschiedenen Armeen und bewaffneten Gruppen in neun Ländern erreicht. Unter den Freigelassenen waren auch 1648 Mädchen.

120 Staaten haben das Zusatzprotokoll zur UN-Kinderrechtskonvention unterzeichnet, das den Einsatz von Minderjährigen im Krieg verbietet.

Trotzdem halten sich nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks Unicef vor allem viele nicht-staatliche militärische Gruppen nicht an diese Grundsätze.

Dazu gehören die FARC-Rebellen in Kolumbien, die tamilischen Rebellen in Sri Lanka und verschiedene Milizengruppen im Sudan und im Gebiet um die Großen Seen in Afrika, vor allem im Osten der Demokratischen Republik Kongo.

Allein in Kolumbien sollen es Schätzungen zufolge bis zu 14.000 Kinder sein, die bei FARC-Rebellen, Paramilitärs und ELN dienen.

Doch auch Großbritannien schickte Unter-18-Jährige als Soldaten in den Irak.

Und Länder wie Israel, Indonesien oder Indien missbrauchen Kinder als Spione, Informanten oder Boten.

Der Einsatz von Kindersoldaten ist für Unicef eine "zynische Menschenrechtsverletzung".

Der Missbrauch von Minderjährigen als Kämpfer ist vielfältig: Sie lernen zu töten, zu plündern, müssen an die Front, werden durch Minenfelder getrieben oder zur Spionage eingesetzt.

"Ihr Alltag ist geprägt durch Gewalt, ihre Erziehung basiert auf bedingungslosem Gehorsam", erklärt Terre des Hommes.

Mädchen und Jungen mutieren aus verschiedenen Gründen zu bewaffneten Kämpfern. Manche werden zwangsrekrutiert und entführt.

Andere werden mit falschen Versprechungen und einem (geringen) Sold gelockt.

Nach Angaben von Terre des Hommes gibt es nur wenige Kindersoldaten, die aus religiöser oder politischer Überzeugung mitkämpfen. Die große Masse habe andere Motive: ...

Angst vor Übergriffen des Gegners, Angst vor Strafen und Misshandlungen durch eine Kriegspartei.

"Ein weiteres Motiv ist die Hoffnung auf Schutz, Sicherheit und Versorgung oder das Verdienen des Lebensunterhaltes in Form eines geringen Soldes", so die Hilfsorganisation. Manche Kinder wollten sich auch für die Ermordung der Eltern oder anderer Familienangehöriger rächen.

Und nicht selten gehe es auch darum, mit der Waffe Macht ausüben, rauben und plündern zu können.

Der Einsatz von Kindersoldaten bietet ihren skrupellosen Dienstherren einige Vorteile: "Sie sind leichter manipulierbar, gehorsamer und furchtloser als Erwachsene. Zudem ist wegen der Vorbildfunktion ihrer Ausbilder und ihres jungen Alters ihr Unrechtsbewusstsein nicht so ausgeprägt."

Doch bleiben die Kinder Opfer, "die von skrupellosen Erwachsenen zu Tätern gemacht werden", wie Unicef es beschreibt.

Sie werden von ihren Vorgesetzten oft auch als "weniger wertvolle" Soldaten angesehen und an besonders gefährlichen Stellen der Front eingesetzt: als Spione, Vorhut oder Minensucher.

Ob die Minderjährigen durch Drogen, Geld oder Misshandlungen gefügig gemacht werden – die Folgen ihres Einsatzes als Soldaten sind katastrophal: ...

Die systematische Entmenschlichung löst laut Terre des Hommes das Selbstbewusstsein auf, erzwingt absoluten Gehorsam und stumpft sie gegenüber Grausamkeiten ab.

"Dieses Klima der Angst wird durch sexuelle Übergriffe noch verstärkt."

Besonders Mädchen werden von männlichen Soldaten sexuell missbraucht. Etwa jeder dritte Kindersoldat ist weiblich.

Erfahrungen von Gewalt und Missbrauch hinterlassen auch auf lange Sicht tiefe Spuren in den Seelen der Kinder. Die Wiedereingliederung ehemaliger Kindersoldaten ist äußerst schwierig, da die Mädchen und Jungen häufig traumatisiert sind.

Zudem haben sie meist keinerlei Ausbildung genossen oder eine Schule besucht, können deshalb weder lesen noch schreiben. Ein friedliches, ziviles Leben ist für sie damit noch schwerer zu erreichen.

Die Kinder brauchen Unterstützung, "um in ein normales Leben zurückzufinden", erklärt Unicef.

In Nepal unterstützt Unicef die Wiedereingliederung von 3000 früheren Kindersoldaten. Nach einem Abkommen zwischen den maoistischen Rebellen und den Vereinten Nationen im Dezember 2009 werden die früheren Kämpfer derzeit entwaffnet.

So sehr die Opfer leiden – so sehr gehen die meisten der Täter noch straffrei aus. "Ein Grund für das Rekrutieren von Kindern ist die verbreitete Straffreiheit. Die Verantwortlichen müssen für dieses Kriegsverbrechen endlich vor internationale und nationale Gerichte kommen", fordert Terre des Hommes.

Die Organisation kritisiert die Bundesregierung dafür, dass Kindersoldaten vom Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge als "Fahnenflüchtige ohne politische Verfolgung" gehandelt würden.

Ehemalige Kindersoldaten hätten im deutschen Asylverfahren daher kaum eine Chance.

Dabei unterzeichnete Außenminister Guido Westerwelle zum "Red Hand Day" mit seinem Handabdruck die Erklärung: "Keine Kindersoldaten! Nirgendwo!"

Der "Red Hand Day" erinnert an das Inkrafttreten des Zusatzprotokolls zur Beteiligung von Kindern an bewaffneten Konflikten, das das UN-Übereinkommen über die Rechte des Kindes seit 2004 ergänzt.

Einen Hoffnungsschimmer bei der Verfolgung der Täter gibt es seit Anfang 2009 aber: Vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag muss sich erstmals ein ehemaliger Milizenführer aus dem Ost-Kongo verantworten.

Thomas Lubanga soll tausende Kindersoldaten eingesetzt haben. Die zum Teil erst elfjährigen Kinder wurden laut Anklage entführt, geschlagen, unter Drogen gesetzt und Mädchen wurden als Sexsklavinnen missbraucht.

Der Prozess ist nach Einschätzung von Unicef ein wichtiges Signal, dass Täter, die Kinder als Soldaten missbrauchen, nicht länger damit rechnen können, dafür niemals zur Verantwortung gezogen zu werden. (Text: tis/AFP/dpa)

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