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Montag, 07. April 2014

Hundert Tage, Hunderttausende Täter: Der Völkermord in Ruanda

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Verstümmelte Zivilisten, ...

Verstümmelte Zivilisten, ...

Verstümmelte Zivilisten, ...

... zigtausende verwundete und ...

... kaltblütig ermordete Kinder:

Vor genau 20 Jahren, zwischen April und Juni 1994, wird Ruanda von einer Welle aus Hass und Gewalt überrollt. 100 Tage lang wütet ein grausamer Völkermord in dem zentralafrikanischen Staat.

Das "Land der tausend Hügel" wird vom Blut hunderttausender Menschen getränkt.

Noch nie zuvor waren so viele Menschen in so kurzer Zeit ermordet worden: Mindestens 800.000 Menschen fallen dem Genozid zum Opfer. Manche Schätzungen gehen von über einer Million Toten aus.

Im Schnitt sterben damit rund 8000 Menschen an einem Tag. Schätzungen zufolge werden rund zwei Drittel der Tutsi-Bevölkerung ermordet.

Auslöser des Bürgerkriegs ist der Tod des ruandischen Präsidenten Juvenal Habyarimana.

Sein Flugzeug wird am 6. April 1994 beim Landeanflug auf Kigali von einer Rakete abgeschossen.

Der aus dem Hutu-Volk stammende Staatschef kommt gerade aus dem Ausland von Verhandlungen mit Rebellen der von Tutsi dominierten "Front patriotique rwandais" (FPR) zurück.

Das Attentat ist bis heute nicht eindeutig aufgeklärt. Sicher ist: Nur Stunden nach dem Vorfall beginnen Mitglieder einer radikalen Hutu-Miliz mit der Jagd auf Angehörige der Tutsi, denen sie die Schuld am Tod des Hutu-Präsidenten geben.

Behörden auf allen Ebenen erstellen Todeslisten von "Inyenzi" (wörtlich "Kakerlaken"), Tutsi, die systematisch ermordet werden sollen.

Die Massaker überziehen das gesamte Land.

Männer, Frauen und Kinder werden durch ...

... Macheten, Schüsse oder Granaten getötet, ...

... auf den Straßen, in ihren Häusern und selbst in Kirchen oder ...

... Schulen, in denen sie sich sicher glaubten.

Die Uno beziffert die Zahl der Genozid-Opfer auf etwa 800.000 Menschen, ...

... ermordet von der Armee, Hutu-Milizen und durch über gezielte Medienhetze aufgestachelte Zivilisten.

Umgebracht wurden vor allem Tutsi, aber auch gemäßigte Hutu.

Zwischen Hutu und Tutsi war es seit der ruandischen Unabhängigkeit 1962 immer wieder zu gewalttätigen Übergriffen gekommen.

Vertreter der Bevölkerungsmehrheit der Hutu nahmen es den Tutsi übel, dass sie während der Kolonialzeit erst von deutschen und dann von belgischen Besatzern zur "überlegenen Rasse" erklärt worden waren und mit Privilegien ausgestattet wurden.

Die Differenzierung der beiden Volksgruppen geht noch auf die vorkoloniale Zeit im 19. Jahrhundert zurück und wurde durch die soziale Stellung, insbesondere den Vieh-Besitz definiert.

Als "Tutsi" galten die reichen Viehbesitzer, die Elite des Landes. "Hutu" waren die ärmeren Ackerbauern.

Doch die Kolonialherren interpretierten die körperlichen Unterschiede zwischen Bauern und Besitzenden als Rassenunterschiede und beförderten diese, um die Machtstrukturen der herrschenden Tutsi für sich zu nutzen.

Unter der Herrschaft der Belgier wurde schließlich die Zugehörigkeit in die Ausweisdokumente eingetragen. Aus Kasten waren "Rassen" geworden.

Als mit der Unabhängigkeit Ruandas die Hutus die Macht im Land übernehmen, setzen sich die seit Ende der 50er Jahre aufflammenden Übergriffe auf die Tutsi fort.

Tutsi werden von der regierenden Hutu-Partei als politische Sündenböcke missbraucht, Übergriffe teils staatlich gefördert und toleriert. Zehntausende von ihnen fliehen über die Jahre ins benachbarte Ausland.

Anfang der 90er Jahre leben Schätzungsweise 600.000 Tutsi-Flüchtlinge in Ruandas Nachbarstaaten. Ihre Rebellenarmee verübt seit den 60er Jahren immer wieder Angriffe auf Ruanda. Der Widerstand im Exil formiert sich.

Unter Führung von Paul Kagame (Bild) beginnt die Ruandische Patriotische Front (RPF) am 1. Oktober 1990 von Uganda aus den Einmarsch in Ruanda.

Die militärischen Erfolge der RPF zwingen Ruandas Präsidenten Juvenal Habyarimana 1993 zum Friedensvertrag von Arusha, der den Waffenstillstand unter UN-Beobachtung besiegeln und Tutsi in die Regierung einbinden soll.

Das allerdings lehnen radikale Hutus vehement ab. Seit Anfang der 90er Jahre wird in Ruanda unter ihrem Einfluss verstärkte rassistische Propaganda gegen die Tutsi betrieben und die Angst vor ihrer Rückkehr geschürt.

In den Monaten vor dem Anschlag auf Habyarimana nimmt die Hasspropaganda zu, in radikalen Rundfunksendern werden Tutsi immer wieder als "Inyenzi" (Kakerlaken) bezeichnet.

Lange bevor das eigentliche Morden beginnt, wird den Hörern stets eingetrichtert, es gebe in Ruanda keinen Platz mehr für die Tutsi.

Zudem werden die Hutu aufgefordert, "große Bäume" und "Buschwerk" zu fällen - Chiffren für Tutsi. "Junge Triebe" - gemeint waren Kinder - dürften dabei keinesfalls geschont werden.

Spätestens Anfang 1994 existieren Listen von Tutsi und moderaten Hutu, es gibt Berichte über geheime Waffenlager - Hinweise auf den bevorstehenden Genozid.

Doch die vor Ort stationierten UN-Truppen dürfen diese nicht überprüfen, das New Yorker Hauptquartier untersagt es.

So kommt es zum Abschuss der Präsidentenmaschine mit Habyarimana und seinem burundischen Amtskollegen Cyprien Ntaryamira. Noch in der Nacht nach dem Anschlag beginnen die Übergriffe auf die Tutsi.

In den folgenden Tagen werden Tutsi und gemäßigte Hutu systematisch gejagt und getötet.

Bereits nach fünf Tagen sind nach Einschätzung des Internationalen Roten Kreuzes tausende Menschen ermordet. Nach nicht einmal zwei Wochen geht die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch von 100.000 Toten in Ruanda aus.

Roméo Dallaire, Kommandant der 5000 Mann starken UN-Friedenstruppen in Ruanda, erhält die Anordnung, bewaffnete Auseinandersetzungen zu vermeiden und sich nicht in den Konflikt einzumischen.

Nach der Ermordung von zehn belgischen Blauhelmsoldaten ziehen Belgien und Bangladesch ihre Soldaten aus Ruanda ab, es verbleiben 450 Mann.

Militärexperten schätzen heute, dass 5000 Soldaten gereicht hätten, den Völkermord zu verhindern.

Da die Täter in den wenigsten Fällen über Pistolen oder Gewehre verfügen - viele der Mörder sind Zivilisten -, werden die meisten Menschen mit Äxten, Keulen und Macheten ermordet; ...

... ... größere Menschenmengen werden verbrannt oder mit Handgranaten getötet.

An den allgegenwärtigen Straßensperren müssen auch Menschen um ihr Leben fürchten, die sich in ihren Papieren als Hutu ausweisen können, wenn sie groß und schlank sind, relativ hellhäutig oder eine schmale Nase haben - Merkmale, die als "typisch" für Tutsi gelten.

Die Verfolgten suchen Zuflucht in Kirchen und Klöstern, in Schulen oder in Gebäuden, in denen die UN-Friedenstruppen stationiert sind. Doch es gibt Priester und Bischöfe, die den Mördern die Kirchentüren öffnen.

Tausende werden in Gotteshäusern niedergemetzelt. "Sie schossen mit Maschinengewehren in die Menge", schildert ein Überlebender ein solches Kirchenmassaker später. ...

... "Es gab keine Einschlaglöcher in den Wänden, weil die Menge so dicht war, dass die Kugeln in den Körper einer Person eindrangen und dann den nächsten trafen."

Erst am 17. Mai 1994 stimmen die Vereinten Nationen der Bitte des UN-Generals Dallaire zu, die Friedenstruppen auf 5000 Soldaten zu erhöhen.

Erstmals ist einer Resolution von "Völkermord" die Rede. 300.000 Todesopfer sollen es zu diesem Zeitpunkt bereits sein.

"Die Geschichte von Ruanda 1994 ist eine Geschichte von Verrat, Versagen, Naivität, Gleichgültigkeit, Hass, Völkermord, Unmenschlichkeit und des Bösen", schreibt Dallaiere später in seinem Buch "Handschlag mit dem Teufel".

Frankreich erhält am 22. Juni schließlich vom UN-Sicherheitsrat das Mandat zur Intervention. In Südwestruanda sollen die Franzosen einen "sicheren Korridor" einrichten.

Doch das Morden geht auch dort weiter: Eine ruandische Untersuchungskommission wirft Frankreich später Komplizenschaft mit den Mördern vor.

Am Ende sind es nicht ausländische Truppen, die den Massenmord stoppen, sondern Ruander. Exil-Tutsi der RPF marschieren erneut von Uganda aus in Ruanda ein.

Viele von ihnen hatten beim Sturz des ugandischen Diktators Idi Amin mit den Ugandern gekämpft und bringen militärische Erfahrungen mit.

Genau 100 Tage nach Beginn des Völkermords ist das Massenmorden an den Tutsi am 17. Juli mit dem Einmarsch der RPF in Kigali beendet.

Doch nun sind es die Hutu, die in Massen fliehen, ...

... besonders nach Zaire (dem heutigen Kongo) und nach Tansania.

In Ruanda leben noch 300.000 Überlebende des Völkermords.

Präsident ist Paul Kagame, der ehemalige Anführer der Tutsi-Rebellen der RPF.

Die juristische Aufarbeitung der schrecklichen Verbrechen ...

... findet für die höchste politische Ebene durch den Internationalen Strafgerichtshof für Ruanda in Tansania ...

... und für Täter aus dem Volk in Ruanda in sogenannten Gacaca-Gerichten statt.

In Tansania wurde Ende 2008 Oberst Théoneste Bagosora, faktischer Chef der Militärregierung Ruandas während des Genozids, ...

... und damit einer der Hauptverantwortlichen des Völkermords, zu lebenslanger Haft verurteilt. (dsi/AFP)

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