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Montag, 13. Juni 2016

Botschafter der "neuen Türkei": Die Mega-Bauprojekte des Recep Tayyip Erdoğan

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Die Bauindustrie in der Türkei boomt. Insbesondere in der Millionenmetropole Istanbul schießen neue moderne Gebäude wie Pilze aus dem Boden. (Foto: REUTERS)

Die Bauindustrie in der Türkei boomt. Insbesondere in der Millionenmetropole Istanbul schießen neue moderne Gebäude wie Pilze aus dem Boden.

Die Bauindustrie in der Türkei boomt. Insbesondere in der Millionenmetropole Istanbul schießen neue moderne Gebäude wie Pilze aus dem Boden.

Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan hat ein ambitioniertes Ziel herausgegeben: …

… Bis zum 100. Gründungsjubiläum der Türkei im Jahr 2023 soll die Republik zu den zehn größten Volkswirtschaften der Welt zählen ...

... und in neuem Glanz erstrahlen.

Damit dieses Vorhaben glückt, kümmert sich der Präsident persönlich um den Fortschritt bei den Bauprojekten. Diese sollen schließlich …

… nichts Geringeres als architektonische Botschafter von Erdoğans "neuer Türkei" sein.

Klotzen statt kleckern heißt deshalb die Devise in dem Land auf zwei Kontinenten.

Welche Dimensionen die Kosten für seine Bauvorhaben erreichen, lässt Erdoğan allenfalls erahnen. Nur so viel verrät er: "Man spart nicht, wenn es ums Prestige einer Nation geht."

Was das heißt, haben die Türken unter anderem beim Bau des Präsidentenpalastes erfahren dürfen.

Die Errichtung des protzigen Gebäudes, …

… das seit 2014 in der Hauptstadt Ankara steht, …

… soll 1,37 Milliarden Türkische Lira (rund 491 Millionen Euro) verschlungen haben.

Ursprünglich sind für den "Ak Saray" (Weißer Palast) Kosten in Höhe von fast einer Milliarde Lira (rund 300 Millionen Euro) veranschlagt gewesen.

Doch dann sind noch ein paar Zimmer mehr hinzugekommen als zunächst geplant: "Lassen Sie mich Ihnen sagen, er beherbergt mindestens 1150 Zimmer, nicht nur 1000", sagte Erdogan vor Geschäftsleuten in Anspielung auf die Kritik, dass der Palast 1000 Räume habe.

Gigantisch ist der "Weiße Palast" mit einer Grundfläche von 200.000 Quadratmetern allemal.

Er ist auf einem Waldgrundstück bei Ankara entstanden, das Staatsgründer Kemal Atatürk einst für einen Bauernhof vorgesehen hatte.

Der Palast ist fertiggestellt worden, obwohl Umweltschützer bei den Behörden einen Baustopp erwirkt hatten.

Wenn das türkische Staatsoberhaupt einen Plan hat, dann wird dieser auch umgesetzt - koste es, was es wolle. Die immensen Baukosten empfindet der Hausherr als gerechtfertigt, …

… schließlich habe man ein repräsentatives Bauwerk schaffen wollen, "von dem die künftigen Generationen sagen: 'Von dort aus wurde die neue Türkei regiert'."

Mit "neuer Türkei" meint Erdogan die Türkei unter seiner Ägide.

Kritiker des langjährigen Regierungschefs sehen in dem Palast ein Symbol für Erdoğans Größenwahn.

Er selbst betont, dass das Gebäude "nicht mein Palast" sei, sondern dem türkischen Volk gehöre.

Weitaus mehr als von dem Prunkpalast dürfte ebenjenes Volk von der gewaltigen Moschee haben, die auf demselben Gelände wie der Amtssitz Erdogans steht.

Die "Moschee des Volkes von Beştepe", …

… benannt nach dem Stadtteil, in dem der Präsidentenpalast liegt, …

… hat vier Minarette …

… und eine Grundfläche von 5175 Quadratmetern.

Das im Juli 2015 fertiggestellte Gotteshaus sei eine Synthese aus der Architektur der Osmanen und der Seldschuken, sagte Erdogan. Die Seldschuken sind eine Herrscherdynastie, die vor fast 1000 Jahren ein Reich unter Einbeziehung von großen Teilen der heutigen Türkei gründete. Die osmanische Herrschaft ging der modernen Türkei voraus.

Das Zentrum der Erdoğan'schen Bauvisionen ist jedoch nicht die Hauptstadt Ankara, ...

… sondern Istanbul.

Die größte türkische Stadt ist eine riesige Baustelle, …

… ganze Viertel werden abgerissen oder saniert.

2004 initiiert Erdoğans islamisch-konservative AKP ein gigantisches Abriss- und Erneuerungsprojekt, das seither in Kooperation zwischen öffentlicher Hand und Privatinvestoren stattfindet.

An dem sogenannten "urbanen Transformationsprojekt" gibt es regelmäßig Kritik. Am prominentesten sind die Gezi-Proteste, …

… die im Sommer 2013 gegen ein am zentralen Taksim-Platz geplantes Einkaufszentrum begonnen haben.

Die Gezi-Proteste hatten sich zu landesweiten Demonstrationen ...

... gegen die regierende AKP ausgeweitet.

Bis heute ist das Bauprojekt rund um den Istanbuler Gezi-Park nicht umgesetzt worden.

Allerdings bietet die Metropole am Bosporus noch weitere Orte, an denen Erdoğan seine Bau-Visionen verwirklichen lassen kann.

Als eines der ehrgeizigsten Bauprojekte Erdoğans gilt der neuen Flughafen im Norden, der einer der größten weltweit werden soll. Bis zu 150 Millionen Passagiere sollen dort einmal jährlich abgefertigt werden.

Mit einem Gebot von mehr als 22 Milliarden Euro hat ein Konsortium türkischer Firmen die Ausschreibung für Bau und Betrieb des "Istanbul Yeni Havalimani" für sich entschieden. Bis Ende 2018 soll er fertiggestellt sein und den Atatürk International Airport als größten Istanbuler Flughafen ablösen.

Dann soll der Flughafen als Heimatbasis für die größte türkische Fluggesellschaft Turkish Airlines dienen.

Der Lufthansa-Rivale gehört zu 49 Prozent dem türkischen Staat.

Wie für seinen Palast in Ankara soll auch für den Istanbuler Flughafen an der Schwarzmeerküste ein riesiges Waldgebiet abgeforstet werden.

Von Umweltschutz hält Erdoğan wenig, …

… wie er die Öffentlichkeit unlängst wissen ließ. Anlässlich von Protesten gegen ein Straßenbauprojekt in Ankara sagte, dass Straßen ein Zeichen von Zivilisation seien. Protestierende Umweltschützer schmetterte er ein "Geht und lebt im Wald!" entgegen.

Auch für die dritte Bosporus-Brücke mussten Waldgebiete weichen.

Der im März 2016 fertiggestellte Bau soll im August eröffnet werden …

… und ist ein Projekt der Superlative: Die Pfeiler der Yavuz-Sultan-Selim-Brücke gehören mit 322 Metern Höhe zu den höchsten weltweit.

Zwei Schienen- und acht Autospuren sollen über die 59 Meter breite Hängebrücke zwischen Asien und Europa führen.

Mit 1408 Metern Länge ist es die Eisenbahnbrücke mit der längsten Spannweite der Welt.

Gegner des Projekts kritisieren, durch die mit dem Bau einhergehende Verstädterung werde der Verkehr zu- und nicht abnehmen.

Doch nicht nur über und am Bosporus, sondern auch unter dem Fluss lässt Erdoğan seine Architekten zur Tat schreiten.

Im Dezember 2016 wird nach mehr als fünfjähriger Bauzeit ...

... der 5,4 Kilometer lange Eurasien-Tunnel fertig gestellt. Das umgerechnet 1,2 Milliarden Euro teure Projekt ...

... ist der erste Straßentunnel unter dem Bosporus.

Bereits im Oktober 2013 ist unter dem Fluss der "Marmaray"-Bahntunnel eröffnet worden - rechtzeitig zum 90. Geburtstag der Republik. "Marmaray" ist ein Kunstwort aus Marmara, dem in den Bosporus übergehenden Binnenmeer, und "ray", dem türkischen Wort für Gleis.

Der Bau des von Erdoğan als "Jahrhundertprojekt" bezeichneten Tunnels dauerte neun Jahre …

… und kostete umgerechnet mehr als 2,5 Milliarden Euro. Bei den Bauarbeiten …

… sind viele archäologische Funde gemacht worden, die die Arbeiten verkomplizierten.

"Marmaray" ist der erste transkontinentale Tunnel der Welt.

Er durchquert die Meerenge in 56 Metern Tiefe ...

... und auf einer Länge von 1,4 Kilometern. Dieser Teil der Interkontinental-Fahrt dauert nur vier Minuten. Doch insgesamt ist das Bauwerk …

… 13,6 Kilometer lang. Wie die Bosporus-Brücken soll der Tunnel dazu beitragen, den Verkehrsinfarkt in Istanbul abzuwenden. Die im Zweiminutentakt verkehrenden Züge befördern bis zu 75.000 Menschen durch den Tunnel.

Bei der feierlichen Eröffnung sagt Erdoğan, ...

… dass mit "Marmaray" ein 150 Jahre alter Traum Wirklichkeit werde.

Doch er hat noch weitere Träume. Einer davon ist der Bau des "Kanal Istanbul", den Erdoğan selbst als "verrücktes Projekt" bezeichnet.

Der "Kanal Istanbul" soll eine 145 Meter breite und 25 Meter tiefe künstliche Wasserstraße sein, die parallel zum Bosporus verläuft.

Der neue Kanal würde die Türkei militärisch zu einem zentralen Akteur im Schwarzen Meer und im Mittelmeer machen. Der seit 1936 geltende Vertrag von Montreux begrenzt die Durchfahrt internationaler Kriegsschiffe durch den Bosporus.

Ein neuer, nicht vom Vertrag gedeckter Kanal würde die Türkei in die Lage versetzen, entscheidend auf militärische Konflikte Einfluss zu nehmen.

Noch ist der "Kanal Istanbul" eine Vision, die spätestens 2023 verwirklicht worden sein soll.

Ein weiteres Mega-Bauvorhaben Erdoğans soll bereits im Spätsommer 2016 umgesetzt sein: die gigantische Moschee auf dem höchsten Hügel der Stadt, dem Camlica-Berg auf der asiatischen Seite.

Der Bau verspricht eine Moschee der Superlative werden: Sie soll mehr als 30.000 Betenden Raum bieten und die höchsten Minarette der Welt haben.

Kritik von Baugegnern, dass die Moschee Ausdruck der weiteren Untergrabung des türkischen Laizismus sei, wiegelt Erdoğan ab. Schließlich ist das gigantische Bauvorhaben sein erklärtes Lieblingsprojekt.

Doch selbst die Bauprojekte, die ihm nicht allzu sehr am Herzen liegen, weiß Erdoğan für seine Zwecke zu instrumentalisieren. So verlegt er zum Beispiel im April 2016 die Eröffnungsfeier der Istanbuler "Vodafone Arena" kurzfristig von einem Montag auf einen Sonntag vor …

… und weiht das Stadion von Beşiktaş im Beisein einiger handverlesener Politiker und anderer Prominenter vor nahezu leeren Rängen ein.

Mit dieser Aktion erzürnt er einmal mehr die Fans von Beşiktaş. Es ist aber auch eine Racheaktion: Viele von ihnen, …

… darunter die Ultra-Gruppierung Çarşı, spielten bei den Gezi-Demonstrationen im Sommer 2013 eine führende Rolle.

Die Einweihung des 125 Millionen Euro teuren Stadions an der Bosporus-Küste oberhalb des ehemaligen Sultanspalasts Dolmabahce nutzte Erdoğan einmal mehr zur Demonstration seiner Macht.

Ein "eigenes" Stadion hat Erdogan aber natürlich auch. Im Istanbuler Stadtteil Beyoğlu steht das Recep Tayyip Erdoğan Stadı.

Die Arena ist Heimstätte von Kasımpaşa Istanbul - dem lokalen Klub aus dem Stadtviertel Kasımpaşa, …

… in dem der bauwütige Recep Tayyip Erdoğan am 26. Februar 1954 geboren wurde. (cri)

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