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Politik

Protest gegen Sowjet-Panzer: Die Selbstverbrennung Jan Palachs

 
Er wurde zu einem Symbol für die Demokratiebewegung in der ehemaligen Tschechoslowakei:

Er wurde zu einem Symbol für die Demokratiebewegung in der ehemaligen Tschechoslowakei:

Der Student Jan Palach, der sich am 16. Januar 1969 auf dem Prager Wenzelsplatz selbst verbrannte.

Mit seiner Tat wollte er seine Landsleute dazu aufrufen, die blutige Niederschlagung des "Prager Frühlings" nicht hinzunehmen.

"Da unser Land davor steht, der Hoffnungslosigkeit zu erliegen", begründete der 20-Jährige seinen Selbstmord in einem Abschiedsbrief.

Nach Palachs Selbstverbrennung versammelten sich hunderttausende Anhänger des "Prager Frühlings" im Zentrum Prags zu einer Trauerkundgebung vor den Augen sowjetischer Soldaten.

"Palachs Tod wurde von der Gesellschaft sofort verstanden", meint Vaclav Havel, einst Dissident und späterer Präsident des Landes.

"Jeder hatte das Bedürfnis, etwas verzweifelt Äußerstes zu tun, wenn alles Übrige so erfolglos blieb", so Havel.

"In seiner Hilflosigkeit bot er das einzige an, was er hatte - sein Leben", sagte der evangelische Pfarrer Jakub Trojan, der an Palachs Beerdigung beteiligt war.

Die Hilflosigkeit Palachs teilten viele, die noch eine Jahr zuvor voller Enthusiasmus den "Prager Frühling" miterlebt hatten.

Staunend waren sie 1968 Zeuge geworden, wie ein sozialistisches System mit der Einführung eines Mehrparteiensystems, der Aufhebung der Zensur und marktwirtschaftlichen Reformen demokratische Züge annahm.

Begonnen hatte das Tauwetter im Januar 1968, als der Slowake Alexander Dubcek zum Nachfolger des unbeliebten Stalinisten Antonin Nowotny an die Spitze der Kommunistischen Partei gewählt wurde (im Bild mit Walter Ulbricht).

Auf vorsichtige Wirtschaftsreformen folgten bald weitgehende Lockerungen für Medien und Kultur.

Ehemalige politische Häftlinge, Intellektuelle und Regimekritiker trauten sich erstmals, offiziell nicht-kommunistische Organisationen zu gründen - ein Schritt auf dem Weg zur Gründung einer Opposition.

Doch die Hoffnung von Millionen auf eine bessere Zukunft währte nicht lange.

Der "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" ließ in Moskau die Alarmglocken schrillen.

Anfang August 1968 erläuterte der sowjetische Parteichef Leonid Breschnew vor den Führern der sozialistischen "Bruderstaaten" in Bratislava seine Doktrin von der "begrenzten Souveränität".

Für die orthodoxen Kommunisten in Prag war das die Gelegenheit, den Kreml um Hilfe zu bitten.

In der Nacht zum 21. August 1968 rückten Truppen des Warschauer Paktes in die CSSR ein und beendeten den "Prager Frühling" gewaltsam.

Weniger als drei Wochen später rückten 30 sowjetische Divisionen, unterstützt von Einheiten aus Bulgarien, Ungarn und Polen, in der Tschechoslowakei ein.

Die Militärflugzeuge, Panzer und Soldaten der eigentlich verbündeten Warschauer-Pakt-Staaten erteilten der Vision eines menschlichen Sozialismus in Prag eine brutale Absage.

Die Moldau-Metropole wurde besetzt, die Zentrale des staatlichen Rundfunks gestürmt, ?

? der Flughafen für Zivilmaschinen geschlossen, auf dem zentralen Wenzelsplatz fielen Schüsse.

Allein bis Ende Dezember 1968 wurden nach Angaben tschechischer Historiker 108 Menschen getötet und rund 500 weitere schwer verletzt.

Aus dem Westen kamen nur symbolische Protestnoten gegen die gewaltsame Niederschlagung der Reformbestrebungen, zu sehr waren die USA und ihre Verbündeten mit dem Vietnamkrieg und den eigenen Protestbewegungen beschäftigt (im Bild US-Präsident Johnson).

Das Protokoll, das Dubcek eine Woche nach dem sowjetischen Einmarsch als Gefangener in Moskau unterzeichnete, besiegelte das Ende aller Hoffnungen in der Tschechoslowakei (im Bild: Prager hören die offizielle Stellungnahme).

"Als Dubcek aus Moskau zurückkam, ging unser Widerstand zu Ende", erinnert sich Havel.

"Die Gesellschaft verlor jede Zuversicht."

Manche gingen ins Exil, andere blieben Dissidenten - so wie Havel, der seine Entscheidung mit fünf Jahren Gefängnis bezahlte.

Mit dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei reagierten auch in der DDR viele Menschen schockiert. (Sowjetsoldaten entfernen Pro-Dubcek-Plakate in Prag)

Das SED-Regime erstickte allerdings alle Demonstrationen gegen den Einmarsch schon im Keim.

Die Liberalisierungen in der CSSR seit dem Frühjahr 1968 waren dem SED-Regime von Anfang an ein Dorn im Auge gewesen.

Mit Argwohn registrierte die DDR-Staatssicherheit, dass sich die eigene Bevölkerung in zunehmendem Maße für die Vorgänge in der benachbarten CSSR interessierte.

Als im August 1968 im Grenzgebiet der DDR die zumeist sowjetischen Panzer auffuhren, überquerten dabei zwar keine Fahrzeuge der Nationalen Volksarmee die Grenze zur Tschechoslowakei.

Doch eine mögliche Beteiligung der DDR-Streitkräfte war nach Überzeugung von Historikern fest in die Planung der sowjetischen Militärs verankert.

DDR-Staatschef Walter Ulbricht zeigte sich erleichtert, als die "drohende Konterrevolution" abgewendet war.

Für fortschrittlichere SED-Mitglieder wie auch Regimegegner zerplatzten dagegen die Hoffnungen auf Lockerungen innerhalb des bestehenden Systems.

"Man kann sagen, dass damit endgültig das Nachkriegs-Märchen einer strahlenden sozialistischen Zukunft und eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz begraben wurde", meint etwa der tschechische Senatspräsident Premysl Sobotka, Jahrgang 1944.

Für die kommenden zwei Jahrzehnte herrschte in Mittelosteuropa wieder durchgehend ein System Moskauer Prägung, das Tauwetter war beendet.

Doch so sehr sich die Besatzung und Geheimpolizei in der CSSR auch um eine Befriedung bemühten, ...

... die Selbstverbrennung Palachs hatten sie nicht verhindern können, ebensowenig wie weitere Selbstverbrennungen in den folgenden Monaten.

In den folgenden Jahren waren die Sicherheitskräfte rund um den Todestag Palachs regelmäßig in Alarmbereitschaft. Polizisten überwachten zeitweise das Grab Palachs in Prag, um zu verhindern, dass dort Menschen Blumen niederlegten und Kerzen anzündeten.

Als das sozialistische Regime beobachten musste, wie täglich mehr Besucher ans Grab kamen, bettete man den Sarg in Palachs Heimatstadt Vsetaty um - doch auch dorthin pilgerten dutzende Menschen.

Nicht zuletzt läutete der 20. Jahrestag von Palachs Selbstverbrennung im Januar 1989 eine Welle von Protestkundgebungen ein.

Auch wenn die Polizei diese brutal niederschlug und unter anderem auch Vaclav Havel verhaftete und zu neun Monaten verschärfter Haft verurteilte, war doch der Anfang vom Ende des Regimes eingeläutet.

Die "Samtene Revolution" war erfolgreich, nach der Wende von 1989 wurden landesweit dutzende Plätze und Straßen nach Palach benannt. Gleich zwei Denkmäler mahnen allein am Wenzelsplatz.

Palach gilt noch immer als Symbol des Widerstands und "verzweifelter Held".

Zum 40. Jahrestag seines Selbstopfers erinnern viele Gedenkveranstaltungen an seine Tat.

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