Bilderserie
Mittwoch, 29. April 2015

"Ich habe in die Hölle gesehen": Die Todeslager der Nazis

Bild 1 von 72
Der Jubel ist unbeschreiblich an jenem 29. April 1945. (Foto: imago/Leemage)

Der Jubel ist unbeschreiblich an jenem 29. April 1945.

Der Jubel ist unbeschreiblich an jenem 29. April 1945.

Stürmisch begrüßen Tausende Gefangene die US-Soldaten, als diese das Konzentrationslager Dachau befreien.

"In einem einzigen, brüllenden, jubelnden, langanhaltenden Schrei entlud sich die aufgespeicherte Spannung der letzten Stunden, und Tausende stürzten auf die Amerikaner zu: lachend, weinend, rufend", erinnert sich der ehemalige Häftling Nico Rost.

Ein anderer, Otto Schiftan, drückt es so aus: "Wir zählten wieder zur menschlichen Gesellschaft."

Den US-Soldaten bietet sich ein Bild, das sie noch Jahre verfolgen wird.

Die Befreiten gleichen lebenden Toten, ...

... für viele kommt die Rettung zu spät.

In den mehr als zwölf Jahren seines Bestehens kommen rund 32.000 Menschen in Dachau ums Leben - durch Entkräftung, tödliche Experimente, Terror.

Auch wenn Dachau kein Vernichtungslager ist, gibt es hier doch so viele politische Morde wie in keinem anderen KZ.

Noch in den letzten Kriegsmonaten sterben Tausende an Typhus, Fleckfieber, Kälte und Hunger.

Dachau ist eines der letzten Lager, das die Alliierten befreien. Und es ist das älteste Lager der Nationalsozialisten.

Bereits kurz nach ihrer Machtübernahme, am 22. März 1933, hatten es die Nationalsozialisten gegründet.

Der Münchner Polizeipräsident und Reichsführer SS, Heinrich Himmler, lässt es rund 20 Kilometer nordwestlich von München auf dem Gelände einer alten Munitionsfabrik errichten.

Zunächst soll es zur Inhaftierung und Abschreckung Andersdenkender dienen, aber schon früh sperrt die SS hier auch Tausende Juden ein.

Weil die Kapazitäten nicht ausreichen, lässt Himmler das Lager bald vergrößern. Schnell avanciert es zum "Vorzeigelager" des Regimes und wird zum Ausbildungsort für SS- Wachmannschaften und Führungspersonal, bevor diese in anderen Lagern arbeiten.

Diese folgen schon bald: Auf deutschem Boden errichtet die SS in den nächsten Jahren unter anderem die KZs Sachsenhausen, Buchenwald, Neuengamme und das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück.

Nach dem Anschluss Österreichs kommt Mauthausen hinzu.

Mit dem Zweiten Weltkrieg wird das System der Lager zu einem wesentlichen Bestandteil der nationalsozialistischen Herrschaft.

Schätzungen gehen von 24 Hauptlagern mit weit über 1000 Außenlagern aus. Hinzu kommen sieben Vernichtungslager.

Rechnet man alle Außen-, Kriegsgefangenen- und Zwangsarbeiterlager, Zwangsbordelle, Heime für Euthanasieopfer sowie Ghettos, die letztlich auch nur als Durchgangslager dienten, hinzu, fällt die Zahl noch horrender aus.

Experten des Holocaust Memorial Museums in Washington gehen von insgesamt 42.500 NS-Lagern in ganz Europa aus.

Vor allem Osteuropa ist übersät von ihnen.

Auch die berüchtigsten Vernichtungslager errichten die Nationalsozialisten hier: Auschwitz, Sobibor, Treblinka, Chelmno, Belzec.

Die Lager sind eine Welt für sich. Es herrscht meist eine buchhalterische Ordnung, ...

... zugleich regieren Terror und Willkür.

"Was in den Lagern geschah, ist so fürchterlich, dass man darüber nicht schweigen darf und nicht sprechen kann", konstatiert der Schriftsteller Erich Kästner im Februar 1946.

Das Ziel der Lager: Abschreckung, Internierung, Vernichtung.

Dabei gibt es eine klare Lagerhierarchie. Ganz unten stehen Juden, Roma und Sinti, sowjetische Kriegsgefangene.

Sie werden als Arbeitssklaven ausgebeutet, es gilt das Prinzip "Vernichtung durch Arbeit".

Wer kann, soll noch in kriegswichtigen deutschen Produktionsstätten arbeiten.

Da allerdings die Bedingungen in den Lagern katastrophal sind, hält kaum ein Häftling lange durch.

Was SS-Hauptsturmführer Karl Fritsch auch klarmacht, wenn er den Neuankömmlingen in Auschwitz zubrüllt: "Das hier ist kein Sanatorium, das hier ist ein deutsches Konzentrationslager. …

... Hier überlebt ein Jude zwei Wochen, ein Pfaffe überlebt hier drei Wochen und ein gewöhnlicher Häftling darf hier drei Monate leben! ...

... Die einzige Möglichkeit, dem Konzentrationslager zu entkommen, ist die durch den Schornstein!"

Während es in den Konzentrationslagern noch eine gewisse Überlebenschance gibt, tendiert diese in den Vernichtungslagern gen Null.

Hier ist das Ziel ganz klar: der Massenmord an Europas Juden.

Spätestens seit dem Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 und der Wannseekonferenz am 20. Januar 1942 ist die Vernichtung der Juden für die nationalsozialistische Führung beschlossene Sache.

Im Gegensatz zu bereits erfolgten sporadischen Massenerschießungen, an denen auch Wehrmachtssoldaten teilnahmen, soll der nun geplante Massenmord so effektiv und unauffällig wie möglich ablaufen.

In den Vernichtungslagern gibt es keine Selektionen mehr. Wer hier ankommt, wird auch in den Tod geschickt.

Schon am 8. Dezember 1941 beginnen die Deutschen in Chelmno, rund 130 Kilometer östlich von Posen, systematisch vor allem Juden aus dem Ghetto Lodz zu ermorden.

Diese müssen einen Lastwagen besteigen, dessen Auspuff mit dem abgedichtet Laderaum verbunden ist. Durch die Abgase ersticken sie innerhalb von zehn Minuten.

In gerade mal drei Lastwagen ermorden die Deutschen insgesamt 300.000 Juden und etwa 5000 Sinti und Roma. Nur drei Juden überleben das Vernichtungslager.

Auch in den drei 1942 gegründeten Lagern der "Aktion Reinhardt", in Sobibor, Treblinka und Belzec, sind die Überlebenschancen minimal.

Allein in Treblinka werden in 17 Monaten zwischen 700.000 bis zu 1,1 Millionen Menschen ermordet.

In Sobibor töten die Deutschen 250.000 Menschen, in Belzec rund 436.000.

Ähnlich wie in Chelmno vergiften die SS-Männer und ihre Gehilfen die Opfer mit Kohlenmonoxid. Dieses leiten sie aus großen Dieselmotoren in abgedichtete Kammern, in die sie die Opfer nackt eingepfercht haben.

In Majdanek, einem Vorort von Lublin, gründet die Waffen-SS zunächst ein Konzentrationslager für sowjetische Kriegsgefangene.

Später werden hier auch rund 78.000 Menschen ums Leben kommen, mehr als die Hälfte von ihnen durch Zwangsarbeit, schlechte Behandlung und Krankheiten.

Es gibt auch Massenhinrichtungen und vermutlich drei Gaskammern, in denen vor allem Juden aus Warschau und Bialystok ermordet werden.

Das berüchtigste aller Lager und Synonym für den Holocaust schlechthin ist das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz.

Wie Majdanek wird auch Auschwitz im April 1940 zunächst als Konzentrationslager (Auschwitz I) geplant.

Später befiehlt Himmler den Ausbau des Lagers. Es entsteht Auschwitz II, das Vernichtungslager Birkenau.

Im September 1941 ordnet Lagerkommandant Rudolf Höß erstmals an, Häftlinge mit dem Giftgas Zyklon B zu ermorden.

900 sowjetische Kriegsgefangene sind die ersten Opfer.

Insgesamt werden rund 1,1 Millionen Menschen - von ihnen eine Millionen Juden - in den nächsten drei Jahren in Auschwitz ermordet.

"Ich kann einfach nicht beschreiben, wie diese Menschen geschrien haben", erinnert sich der ehemalige SS-Unterscharführer Richard Böck später an die Vergasungen.

Propagandaminister Goebbels, sonst nie um Worte verlegen, beschreibt die Vergasungen in seinem Tagebuch nur kryptisch: ...

... "Es wird hier ein ziemlich barbarisches, nicht näher zu beschreibendes Verfahren angewandt, und von den Juden selbst bleibt nicht mehr viel übrig."

Als vom Westen die alliierten Truppen und vom Osten die Rote Armee immer näher rücken, bemühen sich die SS-Mannschaften panisch darum, die Spuren des Massenmordes zu verwischen.

Belastende Dokumente und Fotos ihrer Untaten, zu denen auch Experimente an Menschen gehören, versuchen sie zu vernichten oder beiseite zu schaffen, ...

... Gaskammern werden gesprengt, Leichen verbrannt und hastig verscharrt.

Am 14. April befiehlt Himmler zudem: Kein KZ-Häftling darf lebend in die Hände des Feindes fallen.

Zehntausende Häftlinge schickt die SS noch auf Todesmärsche.

Allein in den letzten vier Kriegsmonaten kommen vermutlich noch 240.000 Lagerinsassen ums Leben.

Insgesamt ist die Bilanz des Massenmordens in den Lagern unfassbar: ...

... Mehr als sechs Millionen Juden sind ermordet, die jüdische Zivilisation in Europa vernichtet.

Auch rund 500.000 Sinti und Roma sowie Millionen sowjetische Kriegsgefangene und Zivilisten kommen in den Lagern um.

Bei der Befreiung der Lager können die Soldaten den Anblick des Massenmordes kaum ertragen. Benjamin Ferencz, damals Soldat der US-Armee und später Chefankläger im Einsatzgruppen-Prozess, beschreibt die Befreiung Dachaus so: ...

... "Der Geruch der Lager, das Krematorium lief noch. ...

... Die toten Körper wie Holzscheite übereinander gestapelt. ...

... Es ist schwer vorstellbar, mit normalem menschlichen Verstand. Ich habe in die Hölle gesehen."

Eine Hölle, die die Überlebenden der Lager ein Leben lang mit sich tragen.

weitere Bilderserien