Bilderserie
Montag, 20. Juli 2009

Es wird heiß: Die Zeit wird knapp

Bild 3 von 81
Denn die Menschheit ist dabei, Geschichte zu schreiben: ... (Foto: picture-alliance/ dpa)

Denn die Menschheit ist dabei, Geschichte zu schreiben: ...

Inaction is inexcusable.

Das ist eine der Schlüsselbotschaften einer hochkarätig besetzten Konferenz von Klimaforschern, die im März 2009 in Kopenhagen tagte: Es gibt keine Entschuldigung dafür, nichts zu tun.

Denn die Menschheit ist dabei, Geschichte zu schreiben: ...

Wir wissen, was wir tun müssten, um den Klimawandel zu begrenzen. Doch wir tun es nicht.

Was passiert, ist schnell erklärt. Die Lufthülle unseres Planeten lässt das einfallende Sonnenlicht hinein und sorgt gleichzeitig dafür, dass ein Großteil der vom Erdboden abgestrahlten Wärme drinbleibt. Das ist der Treibhauseffekt.

Dank des Treibhauseffekts ist es auf der Erde zumindest im Durchschnitt nicht zu kalt und nicht zu warm - im Mittel etwa 15 Grad Celsius.

Ohne den sogenannten atmosphärischen Treibhauseffekt wäre die Erde mit einem Durchschnittswert von minus 18 Grad für den Menschen ein eher unangenehmer Lebensraum.

Die Atmosphäre funktioniert nach außen wie ein Sieb, nach innen wie ein Schirm: Für die kurzwelligen Sonnenstrahlen ist die Atmosphäre durchlässig, ...

... die von der Erde reflektierte langwellige Wärmestrahlung hingegen wird in der Atmosphäre vom Wasserdampf und den Treibhausgasen - Methan (CH4), Distickstoffoxid bzw. Lachgas (N2O) und Kohlendioxid (CO2) - geschluckt und zum Teil zurückgeworfen.

Dieser natürliche Effekt wird seit der Industriellen Revolution vom Menschen verstärkt. Man unterscheidet daher zwischen dem atmosphärischen und dem anthropogenen (also vom Menschen verursachten) Treibhauseffekt.

Seit den 1970er Jahren verstärkt sich der Treibhauseffekt zusehends. Immer mehr Treibhausgase in der Atmosphäre sorgen für eine immer stärkere atmosphärische Gegenstrahlung: Immer mehr Wärme wird von der Atmosphäre auf die Erde zurückgeworfen.

Die Folge: Die globale Durchschnittstemperatur steigt.

Seit den 1990er Jahren spricht auch die Politik verstärkt über den Klimaschutz. Ein erster Höhepunkt war das Abkommen von Kyoto, das 1997 beschlossen wurde und 2005 in Kraft trat. Es sollte den Ausstoß von Treibhausgasen begrenzen, ...

... wurde aber vom stärksten CO2-Produzenten nie ratifiziert: Ein Fehler, für den vor allem der frühere US-Präsident George W. Bush die Verantwortung trägt.

Doch auch der Rest der Welt versagte: Dem Kyoto-Protokoll zum Trotz ist der globale Ausstoß von CO2 nicht gesunken, sondern gestiegen. Und er steigt weiter.

Was wir bisher an Folgen des Klimawandels erlebt haben - Überschwemmungen, Waldbrände, Trockenheit - ist wenig im Vergleich zu dem, was die Welt noch erwarten dürfte.

Derzeit ist viel von "2 Grad" die Rede. Der Grund: Die globale Erwärmung muss im Vergleich zur vorindustriellen Zeit auf 2 Grad begrenzt werden, wenn der Klimawandel beherrschbar bleiben soll.

2 Grad sind viel. Seit den 1970er Jahren hatten wir eine globale Erwärmung von 0,6 Grad; in dieser Zeit hat sich die von starker Trockenheit betroffene Landfläche verdoppelt.

Mit den steigenden Temperaturen steigt die Gefahr von Waldbränden, zu beobachten ganz besonders im Mittelmeerraum, in Australien, Kalifornien und im südlichen Afrika. "Wenn man schon bei dieser geringen Erwärmung von 0,6 Grad diesen Effekt so deutlich sieht", ...

... sagte der Klimatologe Stefan Rahmstorf gegenüber n-tv.de, dann könne man sich ausmalen, "was eine Erwärmung um 2 Grad für Folgen haben wird".

Bereits heute sind nach UN-Angaben etwa 90 Prozent der Naturkatastrophen wie Stürme, Überschwemmungen oder Dürre klimabedingt.

Etwa 315.000 Tote gehen einem Umweltschutzbericht zufolge alljährlich auf den Klimawandel zurück. Schätzungsweise 325 Millionen Menschen seien zudem durch die Erderwärmung ernsthaft bedroht, ...

... ermittelte das von Ex-UN-Generalsekretär Kofi Annan geleitete Global Humanitarian Forum. Diese Zahlen dürften sich bis 2030 voraussichtlich verdoppeln.

Wirtschaftswissenschaftler wie der Brite Nicholas Stern haben mehrfach dargelegt, dass Klimaschutz weitaus kostengünstiger ist als der Preis des Klimawandels.

Dem Annan-Forum zufolge macht der wirtschaftliche Schaden durch Dürre, Überschwemmungen, Stürme oder dem Anstieg des Meeresspiegels pro Jahr mehr als 125 Milliarden Dollar aus. In 20 Jahren könnten daraus 340 Milliarden Dollar werden.

Das Perfide: Die, die es als erstes und am schlimmsten trifft, sind die Ärmsten der Welt und haben am wenigsten Schuld am Klimawandel.

Veränderungen gibt es aber natürlich auch in Deutschland: Es regnet seltener, dafür häufiger stark - daher nehmen sowohl Trockenheiten als auch Überschwemmungen zu.

Auch Stürme wird es häufiger geben. Der Orkan "Kyrill" richtete im Januar 2007 europaweit großen Schaden an. 47 Menschen kamen ums Leben. Es entstand ein Sachschaden in Höhe von geschätzten 7,5 Milliarden Euro.

Noch höher waren die Schäden beim "Jahrhunderthochwasser" 2002 an der Elbe.

Vier Jahre nach diesem "Jahrhunderthochwasser" gab es denn auch ein weiteres, ähnlich schlimmes Hochwasser.

Die Hitzewelle im Sommer 2003 schließlich führte laut Umweltbundesamt zu vermutlich 7000 Todesfällen.

Weltweit schmelzen die Gletscher, in den Alpen haben sie seit Beginn der Industriellen Revolution mehr als die Hälfte ihrer Masse verloren. (Hier wird gerade der Gletscher der Zugspitze für den Sommer abgedeckt.) Das beeinträchtigt nicht nur den Tourismus;

... Gletscher sind Wasserspeicher, die Flüsse speisen. So ist die Wasserversorgung von Lima (Bild) von Gletschern abhängig.

Auch die biologische Vielfalt wird sich verändern. Pflanzen und Tiere können sich zwar anpassen, ...

... doch nicht in diesem Tempo. Die letzte mit der heutigen Situation vergleichbare globale Erwärmung gab es vor 15.000 Jahren, als die letzte Eiszeit zu Ende ging. Das Klima erwärmte sich damals um etwa 5 Grad.

Diese Erwärmung fand allerdings über einen Zeitraum von 5000 Jahren statt. Jetzt dauert es lediglich 100 Jahre.

Zahlreiche Arten werden aussterben, einige abwandern, andere neu zu uns kommen. Das kann in einigen Jahrzehnten auch die Malariamücke sein.

Bereits jetzt verbreiten sich die Zecken in Deutschland immer weiter nach Norden. Die Zahl der durch Zeckenbisse verursachten Infektionen mit FSME und Borreliose hat in den letzten Jahren stark zugenommen.

Auch für Allergiker werden die Zeiten schwerer. Es fliegen nicht nur deutlich mehr Pollen in der Luft, die Pollensaison beginnt auch immer früher und dauert wesentlich länger. Die Birke etwa blüht heute im Schnitt acht Tage länger als noch in den 1980er Jahren.

Stefan Rahmstorf erwartet bis zum Ende dieses Jahrhunderts einen Anstieg des Meeresspiegels um etwa einen Meter - "bei ungebremstem Anstieg der Emissionen könnten wir sogar deutlich darüber hinausgehen".

Schon ein Anstieg des Meeresspiegels um einen Meter bedroht zahlreiche Inseln und Küstenregionen. Bereits jetzt sind im Gangesdelta von Bangladesch viele Millionen Menschen ständig von Hochwasser bedroht.

Ein Anstieg des Meeresspiegels um einen Meter würde voraussichtlich 17 Prozent der Fläche von Bangladesch vernichten.

Der niederländische Klimaforscher Pavel Kabat meint, dass seine Heimat in den kommenden 50 bis 100 Jahren zu einer "Hydrometrople" werde, die auf dem Wasser treibt.

Das Motto heißt "Nederlande leeft met water" - die Niederlande leben mit dem Wasser. Auf der gleichnamigen Website heißt es, das Wasser sei mal Freund, mal Feind.

Um die Freundschaft des Wassers werden viele Küstenregionen kämpfen müssen.

Für New York etwa wurde berechnet, dass bei einem ein Meter höheren Meeresspiegel statistisch gesehen alle drei Jahre eine "Jahrhundertflut" auftreten würde.

Vollständig bedroht sind Inseln wie Tuvalu, die nur wenige Meter aus dem Pazifik ragen. Sie werden erst versalzen, dann verschwinden. Vielleicht nicht in diesem Jahrhundert, voraussichtlich jedoch im nächsten.

Denn bei einem Meter wird es nicht bleiben: Der Meeresspiegel reagiert eher träge auf den Klimawandel. Das heißt aber auch, dass er noch jahrhundertelang weitergehen wird, wenn der Klimawandel längst gestoppt ist.

Die Beispiele Tuvalu und Bangladesch verweisen auf eine sehr konkrete Folge des Klimawandels: Klimaflüchtlinge. Die 325 Millionen Menschen, die vom Klimawandel bedroht sind, werden nicht zuhause bleiben und ertrinken.

Die Menschen verlassen überschwemmte oder verwüstete Gebiete. Derzeit versucht Europa, sich als Festung gegen Flüchtlinge aus Afrika auszubauen. Das ist unmenschlich und löst die Probleme nicht.

Was passiert, wenn die 2 Grad nicht gehalten werden? Dann drohen Rückkopplungseffekte, die allerdings kaum zu kalkulieren sind. Wissenschaftler sprechen von "tipping points", Kipp-Punkten im Klimasystem.

Zum Beispiel die Meeresströmungen: Bei einer Erwärmung bis 2 Grad gilt das Risiko eines Umkippens der Meeresströme als relativ gering. Bei stärkerer Erwärmung steigt auch das Risiko, dass die Meeresströme erschlaffen oder gebremst werden.

Zum Beispiel der grönländische Eisschild. Je niedriger die Oberfläche des Eises sinkt, in umso wärmere Regionen kommt sie: Pro Kilometer nach unten wird die Luft im Schnitt 6,5 Grad wärmer. Derzeit ist der Eisschild noch 3000 Meter dick.

Zum Beispiel die Farbe der Welt: Eis ist weiß, Meerwasser ist dunkel. Weniger Eis bedeutet weniger Reflektion und mehr Absorbierung von Wärme. Kurz gesagt: Je weniger Eisoberfläche die Pole haben, desto schneller geht die Erwärmung voran.

Zum Beispiel Permafrost: Die dauerhaft gefrorenen Böden in der Arktis binden eine große Menge an Methan. Tauen sie auf, wird ein sehr starkes Klimagas freigesetzt.

Zudem wird der Boden dadurch instabil: Im Gebirge kommt es bereits vermehrt zu Bergstürzen und Murenabgängen, ...

... in der Arktis (hier das Dorf Newtok in Alaska) versinken Straßen, Pipelines und Häuser im Boden.

Noch eine Zahl: 2015. In diesem Jahr muss der "CO2-Peak" erreicht sein; ab dann müssen die globalen Kohlendioxid-Emissionen kontinuierlich sinken. "Es ist ganz einfache Arithmetik", sagt Stefan Rahmstorf: "Wenn wir jetzt noch mal 10 Jahre warten, ...

... dann müssen wir viel steiler und viel weiter runter, um innerhalb des Kontingents von 700 Gigatonnen zu bleiben. Wenn wir jetzt anfangen würden zu reduzieren, müssten wir jährlich etwa 2 Prozent schaffen (bezogen auf die Emissionen von 1990). Das ist eine machbare Menge. ...

... Wenn wir erst in 10 Jahren anfangen, müssen wir jährlich 6 Prozent reduzieren. Das ist dann kaum noch zu schaffen. Wenn wir also nicht sehr schnell umschwenken, werden wir gegen die Wand laufen."

Weltweit müssen wir bis 2050 mindestens 50 Prozent der Treibhausgase einsparen - besser wären 80 Prozent -, um die 2 Grad zu halten.

Rahmstorf will die Hoffnung noch nicht aufgeben.

Sein Chef Hans Joachim Schellnhuber (hier mit Frau, Sohn und Prince of Wales) ist offenbar skeptisch geworden: "Ich bin ein Innovationsoptimist, aber ein Implementationspessimist", sagte er der "Zeit".

Mit anderen Worten: Technisch wäre es kein Problem, den Klimawandel zu begrenzen.

Aber die Vernunft wird sich nicht durchsetzen. "Zunehmend setzte ich meine letzte Hoffnung nicht auf die plötzliche Einsicht der politischen Welt, sondern auf eine ganz andere", so Schellnhuber.

Nämlich auf die Hoffnung, "dass sich die Wissenschaftsgemeinschaft in der Klimafrage kollektiv geirrt hat". Das sei sein "dickster Strohhalm". Aber wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass es diesen Irrtum auch gibt?

Schellnhubers Antwort: "Nun, die Chance, dass das gesamte Wissenschaftssystem hier irrt, liegt wohl unter einem Prozent. Aber beim Lotto sind die Gewinnaussichten noch geringer."

Beunruhigende Perspektiven. Noch bis 2008 hatte es so ausgesehen, als gäbe es zumindest Grund zur Hoffnung. Dann kam die Finanzkrise, und alles Gerede vom Klimaschutz war Schnee von gestern.

"Wir werden keine Beschlüsse zum Klimaschutz fassen, die in Deutschland Arbeitsplätze oder Investitionen gefährden. Dafür werde ich sorgen", sagte etwa Angela Merkel im Vorfeld des EU-Klimagipfels im Dezember 2008 in Brüssel.

Das Problem ist: Wenn sich viel ändern muss, gibt es viele, die ihre Interessen gefährdet sehen. Dass beispielsweise der Bundesverband Braunkohle zur Lobby der Leugner gehört, wird niemanden überraschen.

"CO2 ist ein natürlicher Bestandteil der Atmosphäre", heißt es auf der Website des Verbands. "Zusammen mit anderen Treibhausgasen (z.B. Methan) verhindert es, dass zu viel Wärme in den Weltraum zurückstrahlt, und sorgt somit für die zum Leben notwendigen Temperaturen auf der Erde."

Im Dezember dieses Jahres will die Welt in Kopenhagen den Nachfolgevertrag für das Kyoto-Protokoll aushandeln. Ein Ergebnis, das auch nur den geringsten Anlass zur Hoffnung lässt, wäre eine Überraschung. Ein Ergebnis, das der Herausforderung angemessen begegnet, wäre ein Wunder.

Die EU will 20 Prozent Treibhausgase bis 2020 einsparen, wenn Asien und Amerika mitmachen, sogar 30 Prozent. Das klingt gut und ist doch viel zu wenig - vor allem deshalb, weil schon die Festlegung solch abstrakter Ziele immer schwierig ist; ...

... unmöglich wird es, wenn dann über den Weg zu diesen Zielen verhandelt wird.

Wie gering der Spielraum etwa der USA ist, hat Präsident Barack Obama bereits vor Augen geführt bekommen: Mit nur 219 zu 212 Stimmen hat das Repräsentantenhaus ein Klimaschutzgesetz beschlossen, das nur unerschütterliche Optimisten "ambitioniert" nennen können.

Für die USA mag das Gesetz ein großer Schritt sein, mit Blick auf die Herausforderungen ist es nicht genug. Zugleich zeigt das knappe Ergebnis, welchen Spielraum Obama in Kopenhagen haben wird.

Es wird nicht mehr lange dauern, bis die ersten Politiker Eingriffe in Klimaprozesse vorschlagen, um die Erderwärmung zu begrenzen. In der Wissenschaft gibt es entsprechende Diskussionen bereits.

Was für Laien sinnvoll klingen mag, ist gefährlich: Für einfache Manipulationen ist das Klima ein viel zu komplexes System.

Was getan werden muss, ist klar: Der CO2-Aussstoß muss drastisch runtergefahren werden. Es kann nicht weitergehen wie bisher.

Allerdings - eine Alternative gibt es:

Nichtstun. (Text: Hubertus Volmer)

weitere Bilderserien