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"Gasprinzessin" ein Jahr in Haft: Die zwei Gesichter der Julia Timoschenko

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Vor einem Jahr wird die ukrainische Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko verhaftet. "Ihre Haft ist ein Zeichen der Hilflosigkeit der Staatsführung", sagt ein Oppositioneller. (Foto: dapd)

Vor einem Jahr wird die ukrainische Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko verhaftet. "Ihre Haft ist ein Zeichen der Hilflosigkeit der Staatsführung", sagt ein Oppositioneller.

Vor einem Jahr wird die ukrainische Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko verhaftet. "Ihre Haft ist ein Zeichen der Hilflosigkeit der Staatsführung", sagt ein Oppositioneller.

Obwohl - "Marionette", "Ungeheuer", "Affe mit Handgranate" - Timoschenko ist selbst nicht zimperlich. Immer wieder bricht sie vor Gericht emotional aus im September 2011, als sie wegen angeblichen Amtsmissbrauchs angeklagt ist.

Wenn sie Richter Rodion Kirejew (l.) nicht beschimpft, ignoriert sie ihn, spricht nur in die Kameras.

Der junge Jurist ist sichtlich überfordert - und auch eine schlechte Wahl für einen bedeutenden Prozess. Er hat erst zwei Jahre Berufserfahrung. Etwa ein Kalkül der Regierung?

Draußen jedenfalls legen sich Timoschenkos Anhänger mit dem Staatsapparat an.

Die Stimmung ist aufgeheizt, vor allem in Kiew.

Am Ende jedenfalls gibt es ein Urteil. Timoschenko muss sieben Jahre ins Gefängnis. Vorläufiger Höhepunkt eines politischen Machtkampfes, der obendrein durch den Kampf um Milliardengewinne aus Gas-Verkäufen angeheizt wird.

Wird eine Heldin der Opposition brutal entsorgt oder tatsächlich eine gewissenlose Kriminelle bestraft?

Julia Timoschenko. Geboren 1960 in der Sowjetunion, genauer: in der flächenmäßig drittgrößten Teilrepublik Ukraine. Einfache Verhältnisse, ein Scheidungskind. Nach der Schule studiert sie Wirtschaftswissenschaften.

Mit 19 heiratet sie Oleksander Timoschenko, die Ehe hält bis heute.

Timoschenko betreibt zunächst einen Videoverleih, dann steigt sie gemeinsam mit ihrem Mann ins Energiegeschäft ein. Die Gelegenheit ist günstig, denn die Sowjetunion zerfällt. Wer clever ist, starke Nerven und gute Kontakte hat, kann schnell Erfolge verbuchen.

Das Konto der Timoschenkos füllt sich: Das Paar wird auf einige hundert Millionen Euro taxiert. Ihr Unternehmen ist lange Zeit Monopolist im Bereich landwirtschaftlicher Öl-Erzeugnisse. Mit dem Konzern EESU (Vereinte Energiesysteme der Ukraine) wird sie dank guter Beziehungen zu Russland eine Art Oligarchin.

Ihrem Macht-Instinkt lässt sie ab 1996 Freilauf. Sie wird Abgeordnete im ukrainischen Parlament. Kurze Zeit später gründet sie mit der "Batkiwschtschyna" (Vaterland) ihre eigene Partei. Auch auf dem noch ungeglätteten politischen Parkett ihrer Heimat legt sie eine steile Karriere hin.

Unter dem westlich orientierten Ministerpräsidenten Viktor Juschtschenko wird Timoschenko, die längst den Spitznamen "Gasprinzessin" hat, 1999 Energieministerin. Sie soll die Korruption bekämpfen.

Das Problem für die beiden Reformer: Präsident und damit mächtigster Mann der Ukraine ist Leonid Kutschma (l.), Kommunist mit guten Beziehungen nach Russland, getragen von ukrainischen Großindustriellen. Es entsteht ein hartnäckiger Dauerkonflikt.

Der gelernte Raketentechniker wird schließlich zum Angriffsziel einer Umsturzbewegung.

Weil er selbst nicht mehr antreten darf, will er Viktor Janukowitsch (r.) ins Amt hieven. Er lässt die Wahl fälschen, der eigentliche Sieger wäre Juschtschenko (l.) gewesen.

Darauf entbrennt die weltweit beachtete Orange Revolution. Zu Tausenden strömen reformwillige Ukrainer auf die Straßen, belagern wochenlang zentrale Plätze.

Das Duo Juschtschenko/Timoschenko wird zur Führungskraft - und gelangt schließlich an die Macht.

Doch die Erfolge des Zweckbündnisses bleiben aus. Immerhin wandeln die beiden das Land in eine Demokratie um - wenn sie auch labil ist.

Der eher sozialdemokratische Kurs der Regierungschefin Timoschenko strapaziert aber die Nerven des liberalen Präsidenten Juschtschenko. Zudem gibt es immer noch viele Anhänger der alten Garde. Die Ukraine mit ihrem autokratischen Erbe ist in der Praxis schwer zu regieren.

Nach mehrmaligem Hin und Her und vielen Streitereien zerbricht Ende 2009, kurz vor neuen Präsidentschaftswahlen, das fragile Bündnis zwischen Timoschenko und dem durch eine Dioxin-Vergiftung schwer gezeichneten Juschtschenko endgültig.

Es ist die Siegesstunde des Viktor Janukowitsch, bulliger Machtpolitiker mit umfassendem Herrschaftsanspruch. Einst wegen eines Raubüberfalls, einer wie er sagt "Jugendsünde" im Gefängnis, nun von Oligarchen unterstützter Staatschef.

Zahlreiche politische Beobachter bezeichnen sein Verhalten inzwischen als "Rachefeldzug gegen Timoschenko" und als Versuch, die hartnäckige Kontrahentin endgültig loszuwerden.

Und: Die Ukraine ist ein heißes Pflaster. Immer wieder gab es Anschläge und fragwürdige Selbstmorde in den Reihen der Mächtigen und Ex-Mächtigen.

Doch was spricht eigentlich für und was gegen die wandelbare Ukrainerin?

Die unabhängige Organisation Human Rights Watch, die den Umgang mit ihr beobachtet, attestiert ihr eine "umstrittene Vergangenheit" - und meint das durchaus kritisch.

Fakt ist: Immer wieder rasselte Timoschenko mit der Justiz zusammen. Russland prozessierte gegen sie wegen Bestechung. Kurze Zeit nach ihrem ersten Einsatz als Energieministerin gibt es Vorwürfe wegen Steuerhinterziehung und Urkundenfälschung. Sie sitzt einige Wochen in U-Haft.

Ihr Vermögen macht sie auf dem in den 90er-Jahren völlig intransparenten Energiemarkt der Ukraine.

Und zwar mit Hilfe des damaligen Regierungschefs Pawel Lasarenko, der Timoschenko protegiert. Und der seit 2006 wegen Geldwäsche während seiner Amtszeit verurteilt und inhaftiert ist - von und in den USA. Eine mehr als dubiose Verbindung.

Nach der Wahl 2010 erhebt die weit gereiste Selfmade-Frau schwere Vorwürfe gegen Janukowitsch. Er soll seine Wahl zum Präsidenten massiv gefälscht haben.

Sie verbreitet die Vorwürfe in der ganzen Welt. Am Ende aber bleibt sie jeden Beweis für ihre Behauptungen schuldig.

Und auch die internationalen Beobachter bestätigen: Der Sieg ist sauber.

Die ukrainische Staatsanwaltschaft leitet weitere Verfahren gegen sie ein: wegen der Zweckentfremdung von Geld aus dem Emissionshandel.

Zudem ist ein Verfahren wegen eines möglichen Mordkomplotts anhängig. Timoschenko soll gemeinsam mit ihrem Ex-Mentor Lasarenko vor mehr als 15 Jahren einen unliebsamen Geschäftsmann mit Hilfe von Auftragskillern losgeworden sein. Die Vorwürfe stehen jedoch, heißt es höchst brisant aus Ermittlerkreisen, auf tönernen Füßen.

Und außerdem: Wie gehaltvoll sind Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, auf die der Erzfeind direkten Zugriff hat? Darüber streitet die Welt, vor allem aber Ost und West.

Ein riesiges Fragezeichen hat Timoschenko jedenfalls hinterlassen. Es geht um den russisch- ukrainischen Gasstreit, der im Winter 2008/09 halb Europa in Mitleidenschaft zieht.

Timoschenko übernimmt irgendwann das Heft des Handelns und unterschreibt neue Verträge mit dem Lieferanten Russland. Die Überraschung: Der 1000-Kubikmeter-Preis ist immens hoch, liegt mit rund 420 Dollar fast 170 Dollar über dem bisherigen Preis.

Warum, weshalb - das bleibt weitgehend unklar. Ist Erpressung im Spiel? Bereicherung? Irgendeine Vorteilsnahme? Timoschenko sagt: Die Lieferengpässe seien eine Notsituation gewesen, in der sie habe handeln müssen.

Im Prozess-Urteil jedenfalls wird ihr neben der Haftstrafe ein Schaden von mehr als 120 Millionen Dollar angekreidet, die sie zurückzuzahlen hat. (Im Bild links: Timoschenkos Anwälte)

Die andere Seite der Medaille: Timoschenko drängte bei dem Deal mit Russland den Zwischenhändler "RosUkrEnergo" aus dem Geschäft. Teile des Unternehmens gehören einem Geschäftsmann, der den ukrainischen Geheimdienstchef, den Energieminister und den Präsidialamtschef zu seinen engsten Freunden zählt.

Muss Timoschenko also büßen, weil sie gegen Korruption vorgegangen ist? Oder braucht die Regierung Janukowitsch, wie einige Beobachter vermuten, ihre Verurteilung, um eine Annullierung des Vertrages mit Russland zu erreichen?

Vor allem in der westlichen Welt wird die Unabhängigkeit des Verfahrens stark angezweifelt.

Und viele Akteure legen sich, wie hier im Europaparlament, ins Zeug für Julia Timoschenko.

Die hat erkannt, dass die Gelegenheit extrem günstig ist, um nicht in Vergessenheit zu geraten.

Denn alle Welt schaut wegen der Fußball-Europameisterschaft in die Ukraine. Menschenrechtsorganisationen und europäische Staatschefs weisen auf eklatante Demokratiemängel hin. Die Jalta-Konferenz wird wegen Absagen ganz gekippt, manche Staatschefs erwägen einen Boykott.

Miserable Bedingungen in Gefängnissen, eine alarmierende Aids-Entwicklung, rassistische Gewalttaten, Zwangsprostitution - so steht die Ukraine inzwischen da.

Timoschenko versorgt die Welt mit anklagenden Bildern. Sie will geschlagen worden sein von Gefängniswärtern - das ist schwer zu beweisen und schwer zu widerlegen.

Tochter Jewgenia reist um die Welt, um auf das Schicksal ihrer Mutter aufmerksam zu machen. "Bitte rettet sie", fleht die junge Frau.

Ärzte der Berliner Charité reisen mehrfach zu Timoschenko und bestätigen eine schwere Erkrankung, einen Bandscheibenvorfall, der permanente Schmerzen verursacht. Die Umstände, unter denen Timoschenko lebt und behandelt wird, bezeichnen sie als "problematisch".

Timoschenko geht zeitweise in einen Hungerstreik, der sie zusätzlich schwächt.

Damit ruft sie vor allem ihre Freunde auf den Plan. Hier die litauische Präsidentin Dalia Grybauskaite.

Unmittelbar vor dem zweiten Prozess wegen der angeblichen Steuerhinterziehung und Veruntreuung in den 90er-Jahren sagt Timoschenko nun ihre Teilnahme ab. Sie beruft sich auf ein Gutachten des Berliner Charité-Neurologen Prof. Karl Max Einhäupl, der von einem Transport zum Gericht abriet.

Timoschenko, die bei einer weiteren Verurteilung bis zu zwölf Jahre Haft erwartet, ist klar: Die Wahrnehmung der meisten Menschen funktioniert in Schwarz und Weiß, in Gut und Böse.

Ihre Selbstdarstellung als "Jeanne d'Arc der Ukraine", als gegen das Böse kämpfende Frau, folgt schon lange dieser Idee.

Die Auftritte in unschuldigem Weiß, traditionell bezopft und streng-attraktiv, zeigen das.

Die weltweite Einschätzung, dass sie eine politische Gefangene ist, käme ihr entgegen - und wäre ein Schritt Richtung Freiheit.

Autokrat Janukowitsch jedenfalls hat die fragile Demokratie in der Ukraine zurückgebaut, das steht fest. Und der nebulöse, an den Kalten Krieg erinnernde Umgang mit Timoschenko isoliert das Land zunehmend.

Der einfache Mann in der Ukraine ist unterdessen längst desillusioniert. Die politische Klasse sei kriminell und verkommen, heißt es bitter. Und zwar hoffnungslos. Die meisten Ukrainer verharren in Armut.

Zu der verkommenen Klasse gehöre auch Timoschenko. Viele Fürsprecher im Volk hat auch sie nicht mehr.

Timoschenko habe doch alles, sagen die Menschen in Kiew: Essen, Medikamente, ausländische Ärzte, eine Heizung. Bei ihnen selbst gehe die ganze Rente schon für die Miete drauf.

Seit dem 5. August 2011 ist sie in Haft.

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