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Tibet im Frühjahr 2008: Drama auf dem Dach der Welt

 
Tibet im Frühjahr 2008: Drama auf dem Dach der Welt

Tibet - das "Dach der Welt" - steht wieder im Zentrum der Weltöffentlichkeit.

Buddhistische Mönche und Zivilisten protestieren gegen die chinesische Besatzung und die Zerstörung der tibetischen Kultur.

Die chinesische Regierung geht mit militärischen Mitteln gegen die Aufstände in verschiedenen Städten vor.

Dutzende Menschen sterben bei den Auseinandersetzungen. Exiltibetische Organisationen beziffern die Anzahl der Toten auf über 100.

Hunderte werden inhaftiert.

Erst nach Tagen gibt die chinesische Regierung zu, dass auch Schusswaffen eingesetzt wurden. Und dass die Unruhen auf benachbarte Provinzen übergegangen sind.

Weltweit demonstrieren Menschen gegen die Gewalt und für ein Ende der tibetischen Unterdrückung.

Vor allem in angrenzenden Ländern wie Indien und Nepal kommt es zu Demonstrationen ...

... und, wie hier in Nepal, zu Auseinanderstzungen mit der Polizei.

Die Demonstranten fordern Freiheit und Souveränität für Tibet und einen Boykott der Olympischen Spiele 2008 in Peking.

Doch die meisten Staaten lehnen einen Boykott ab - einige drohen aber damit, der Eröffnungsfeier fern zu bleiben.

Selbst bei der Entzündung des olympischen Feuers an historischer Stätte in Griechenland kommt es zu einem pro-tibetischen Protest.

Die internationale Gemeinschaft fordert China auf, der Gewalt in Tibet ein Ende zu setzen.

Vor allem jedoch fordert sie Klarheit über die Lage in Tibet.

Denn nach der Ausweisung ausländischer Touristen und Journalisten wird nur wenig über die wirkliche Lage auf dem Hochplateau bekannt.

Organisationen im Exil sprechen nach dem Aufmarsch chinesischer Truppen von einer zugespitzten Lage.

Die Regierung in Peking beschuldigt unterdessen wiederholt den Dalai Lama, für die Proteste verantwortlich zu sein und Olympia als Druckmittel zu missbrauchen. (Im Bild: Chinas Premier Wen Jiabao)

Dabei kündigt das spirituelle und politische Oberhaupt der Tibeter sogar seinen Rücktritt an, sollte die Gewalt weiterhin eskalieren.

Stattdessen ruft er zu friedfertigen Protesten auf.

Unterstützt wird er von ausländischen Politikern, wie hier der Sprecherin des US-Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi. Auch andere Politiker kündigen Treffen mit ihm an.

Doch China lehnt jegliche Verhandlungen mit dem Dalai Lama und auch eine Einmischung des Westens ab.

Kurz zuvor hatte das tibetische Oberhaupt im Exil von einem "kulturellen Völkermord" in Tibet gesprochen.

Denn seit über 50 Jahren ist das Hochplateau im Himalaya, einer der abgeschiedensten Orte der Erde, von China besetzt.

Die Regierung in Peking sieht das Land als Teil seines Reiches. Doch diese Auffassung ist umstritten.

Bis in das 18. Jahrhundert hat das Hochplateau keine festen Grenzen. Die widrigen Umweltbedingungen, die dünne Besiedlung, die Armut an Rohstoffen und Waren bieten wenig Anreize, das Land zu besuchen oder gar zu erobern.

Nach dem Ende des Königtums im 10. Jahrhundert entwickelt sich Tibet zu einem Feudalsystem unter Herrschaft der Lamas. Der Dalai Lama wird als Gottkönig verehrt.

Der inneren Autonomie steht immer wieder eine äußere Schutzbedürftigkeit gegenüber, die im Laufe der Geschichte durch Mongolen, Chinesen oder Briten gewährleistet wird. (Im Bild: die Stadt Lhasa 1927)

Anfang des 20. Jahrhunderts wird Tibet unter die Vorherrschaft des chinesischen Kaisertums gestellt. Erst nach dessen Ende kehrt der nach Indien geflohene Dalai Lama zurück und ruft 1913 die Unabhängigkeit aus, die China nie anerkennt.

Doch erst nach der Machtübernahme durch die Kommunisten 1949 versucht China, seinen Anspruch mit Gewalt durchzusetzen. Offiziell wollen die Chinesen das tibetische Volk von der feudalen Herrschaft des Dalai Lamas befreien.

Nach dem Einmarsch der Chinesen wird Tibet 1951 annektiert. Teile des Hochlandes werden bestehenden chinesischen Provinzen angegliedert, das damals bestehende Tibet wird damit zerrissen.

Das 1,2 Quadratkilometer große Kerngebiet mit der Hauptstadt Lhasa wird zum Autonomen Gebiet Tibet erklärt und ebenfalls in die Verwaltungsstruktur Chinas eingegliedert. (Lhasa 1939)

Nach Besetzung und Annexion muss der Dalai Lama ein 17-Punkte-Abkommen unterzeichnen. Darin wird Tibet zunächst religiöse, kulturelle und politische Autonomie zugebilligt. (Der Dalai Lama und Mao Zedong 1954 in Peking.)

Doch der Schein trügt: Autonomie genießen die Tibeter nicht. Die zugesicherten Freiheiten werden bereits in den 50er Jahren von der Unterdrückung der tibetischen Kultur abgelöst.

Auch das Land wird wirtschaftlich ausgebeutet. Durch eine Landreform und Zwangskollektivierungen wird die gesellschaftliche und wirtschaftliche Grundlage Tibets zerstört.

Gerüchte über die Entführung des Dalai Lama nach Peking führen 1959 zu einem Volksaufstand.

Die Revolte wird blutig niedergeschlagen. Politischen Säuberungen fallen tausende Tibeter zum Opfer.

Der Dalai Lama und mit ihm tausende Anhänger fliehen auf einem beschwerlichen Weg über die Pässe des Himalaya ...

... nach Indien, Nepal und Bhutan.

In Indien erhält der Dalai Lama Asyl ...

... und bildet eine Exilregierung, die seither für die Interessen Tibets eintritt.

Die Chinesen verstärken unterdessen die Unterdrückung der tibetischen Kultur. Der Buddhismus wird behindert. Verheerend wirkt sich die chinesische Kulturrevolution der 60er Jahre aus. Tausende Klöster werden geplündert und zerstört.

Mönche und Nonnen werden gefoltert und getötet. Über eine Million Tibeter fallen der Kulturrevolution Maos zum Opfer.

Erst in den 70er Jahren kommt es zu einer wirtschaftlichen Liberalisierung. Von der langsamen Öffnung Chinas profitiert auch Tibet.

Einzelne Klöster werden für den Massentourismus wieder aufgebaut und restauriert. Doch das sind Ausnahmen.

Denn die Unterdrückung hält an. So kommt es in den 80er Jahren erneut zu Protesten gegen die chinesischen Besatzer, die mit Waffengewalt niedergeschlagen werden.

Die Tibeter befürchten den schleichenden Verlust der eigenen Kultur ...

... und vor allem der religiösen Traditionen des tibetischen Buddhismus.

Mit gezielten Umsiedlungsprogrammen versucht die chinesische Regierung, den Einfluss der Tibeter im eigenen Land zurückzudrängen, indem Chinesen langfristig die Bevölkerungsmehrheit bilden.

Für die Exil-Tibeter ist dies ein schleichender Völkermord. Die Zugezogenen verfügen meist über eine bessere Bildung und besetzen Schlüsselpositionen in Tibet. Die Tibeter selbst sind oft verarmt.

Der Zerfall der tibetischen Kultur schreitet voran. Vor allem die Religionsausübung wird streng überwacht und reglementiert.

Die Anzahl der Mönche und Nonnen wird von der Regierung in Peking bestimmt.

Als der in Tibet verbliebene Panchen Lama (hier 1964), ein weiterer hoher Vertreter des tibetischen Buddhismus, 1989 stirbt, beginnt die Suche nach einem Nachfolger.

Der vom Dalai Lama anerkannte Panchen Lama verschwindet jedoch spurlos. Die chinesische Regierung präsentiert dagegen einen anderen Nachfolger.

Seine Anerkennung ist bis heute umstritten und wird von Exil-Tibetern abgelehnt.

Doch ein weiteres Problem bedroht die Traditionen: Indem der Kommunismus zur Staatsdoktrin wird, weitet sich der Säkularismus aus. Kinder und Jugendliche lernen die tibetische Kultur und ihre Vertreter kaum noch kennen.

Denn der Dalai Lama lebt seit fast 50 Jahren im indischen Exil. Seine Portraits sind, wie auch die Flagge der Exil-Tibeter, strengstens verboten.

Nur international ist der Dalai Lama ein anerkannter Kämpfer für den Frieden, erhält 1989 den Friedensnobelpreis.

Die chinesische Regierung versucht indes nach Jahrzehnten der Vernachlässigung, Tibet stärker an den Staat zu binden.

Zum Beispiel durch den Bau der Lhasa-Bahn soll der Austausch von Waren, aber auch der Zuzug von Chinesen verstärkt werden.

Die subtile Methode der Pekinger Regierung: Tibet soll langsam chinesisch werden.

Doch obwohl die Zerstörung der tibetischen Kultur und die Unterdrückung der tibetischen Bevölkerung international immer wieder bemängelt und angeklagt werden, wird die Besatzung nicht als solche angesehen.

Meist bleibt es bei Protesten von Exil-Tibetern, Menschenrechtlern ...

... oder engagierten Prominenten wie Richard Gere.

Konzerte für die Freiheit Tibets (hier die Beastie Boys) erregen zwar Aufmerksamkeit, der politische Nutzen ist aber begrenzt.

Tibet und seine bedrohte Kultur bleiben somit weitestgehend auf sich selbst gestellt - auf dem "Dach der Welt". (Text: Markus Lippold / Alle Bilder: AP, dpa)

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