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Die Revolution von 1989: Ein Volk sprengt seine Mauern

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Die Revolution in der DDR ... (Foto: AP)

Die Revolution in der DDR ...

Die Revolution in der DDR ...

... hat eine lange Vorgeschichte:

Die deutsche Teilung 1945, ...

... der niedergeschlagene Aufstand vom 17. Juni 1953, ...

... der Bau der Mauer am 13. August 1961 ...

... und die enttäuschten Hoffnungen, als spätestens mit der Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann 1976 deutlich wird, dass der neue Staats- und Parteichef Erich Honecker nicht mit dem Stalinismus seines Vorgängers Walter Ulbricht brechen wird.

In der DDR formiert sich in den achtziger Jahren - zum größten Teil unter dem Dach der Kirche - in den Friedens- und Umweltgruppen eine neuartige Opposition. Die Bürgerrechtler wollen die DDR nicht verlassen, sondern verändern.

Die Gruppen geben eigene Zeitschriften heraus - etwa die "Umweltblätter" oder den "Grenzfall".

Auch im Ausland tut sich was. Am 11. März 1985 wird Michail Gorbatschow Generalsekretär der KPdSU - bald zeigt sich, dass die SED ihren Schutzpatron verloren hat.

In Polen gibt es bereits seit 1980 die unabhängige Gewerkschaft Solidarnosc. Während in der DDR noch die SED Oppositionelle verhaften lässt, sitzt Solidarnosc bereits mit der polnischen Regierung am Runden Tisch. Am 4. Juni 1989 finden in Polen halbfreie Wahlen statt, die Kommunisten müssen erstmals im Ostblock ihre Macht abgeben.

Die SED bleibt stur. Im April 1987 zitiert Politbüromitglied Kurt Hager im "Stern" den Aufruf des Zentralkomitees der KPD vom 15. Juni 1945. Darin heißt es: "Wir sind der Auffassung, daß der Weg, Deutschland das Sowjetsystem aufzuzwingen, falsch wäre, denn dieser Weg entspricht nicht den gegenwärtigen Entwicklungsbedingungen in Deutschland." Ausgerechnet das Wort "gegenwärtig" ließ Hager allerdings weg.

Weiter sagte Hager, und dieser Satz gewann eine gewisse Berühmtheit: "Würden Sie, wenn Ihr Nachbar seine Wohnung neu tapeziert, sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren?"

Doch die Jugend hat die alten Tapeten satt. Vom 6. bis zum 8. Juni 1987 finden am Reichstag in Westberlin, also unweit des Brandenburger Tores, mehrere Konzerte statt. Auf der Ostseite der Grenze, Unter den Linden, versammeln sich am dritten Abend bis zu 4000 Jugendliche, um die Musik zu hören. Polizei und Stasi-Leute drängen sie ab, teils mit Schlagstöcken. Die Menge skandiert "Gorbi, Gorbi" und "Die Mauer muss weg". Hunderte werden festgenommen.

"Ost-Berlin und die DDR kannten nach diesen Pfingstunruhen an der Berliner Mauer tagelang kein anderes Thema", schreibt Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem Buch "Endspiel". "Und mitten in dieser emotional aufgewühlten Situation besuchte US-Präsident Ronald Reagan am 12. Juni 1987 West-Berlin und forderte Gorbatschow auf 'open this gate!' und 'tear down this wall!'"

In der Nacht vom 24. auf den 25. November 1987 überfallen rund 20 Stasi-Leute die Räume der Berliner Zionsgemeinde, in denen die oppositionelle Umweltbibliothek untergebracht ist. Sieben Menschen werden festgenommen.

Eine Mahnwache sowie die professionelle Öffentlichkeitsarbeit der Ostberliner Opposition, die sofort die West-Medien einschaltet, erzwingen die Freilassung der Verhafteten.

Wenige Wochen später, am 17. Januar 1988, kommt es bei der alljährlichen Gedenkdemonstration der SED für die kommunistischen Ikonen Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zu Protesten von Oppositionellen. Sie demonstrieren ausgerechnet unter der Losung eines Luxemburg-Zitats:

"Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden". Vor laufenden Kameras westlicher Journalisten nehmen die Sicherheitskräfte zahlreiche Demonstranten fest; auch in den darauf folgenden Tagen werden Oppositionelle verhaftet.

1988 ist das Jahr, in dem Gorbatschow die Breschnew-Doktrin aufgibt. Darin hatte die Sowjetunion sich das Recht genommen, in die Souveränität von Staaten einzugreifen, wenn dort der Sozialismus bedroht würde.

In der DDR bleiben Glasnost und Perestroika eine Illusion. Das führt zu der grotesken Situation, dass selbst sowjetische Medien in der DDR zensiert werden. Am 19. November 1988 findet sich im "Neuen Deutschland" die Nachricht, dass die deutschsprachige Zeitschrift "Sputnik" nicht mehr ausgeliefert werde, weil sie "verzerrende Beiträge zur Geschichte" bringe.

Am 19. Januar 1989 versichert Erich Honecker, die Mauer werde noch "in 50 und 100 Jahren" stehen. (Aufnahme von der Westberliner Seite vom 11. August 1988.)

In der Nacht vom 5. auf den 6. Februar wird der Ostberliner Chris Gueffroy an der Grenze zwischen Treptow und Neukölln erschossen. Er ist der vorletzte Mauertote und das letzte Opfer des Schießbefehls. Am 23. Februar wird er beerdigt.

Die Kommunalwahlen am 7. Mai haben eine starke mobilisierende Wirkung für die Opposition: Auf Initiative des Friedenskreises Weißensee beobachten Vertreter der Opposition erstmals in allen größeren Städten die Auszählung.

Sie wissen daher, dass das von Egon Krenz - zu dieser Zeit Sekretär des ZK der SED - abends im Fernsehen verkündete Wahlergebnis (98,85 Prozent Ja-Stimmen für die Einheitsliste) nicht stimmen kann. Auch die Wahlbeteiligung liegt nicht bei rund 99 Prozent.

Die Oppositionellen hatten einen Anteil von Gegenstimmen zwischen 3 und 30 Prozent gezählt. DDR-weit dürften die tatsächlichen Zahlen bei 10 Prozent Nein-Stimmen und weiteren 10 Prozent Wahlverweigerern gelegen haben.

In der folgenden Zeit konzentriert die Opposition ihre Proteste auf die Kritik am Wahlbetrug. An jedem 7. der folgenden Monate finden in Berlin kleine Demonstrationen statt, die von der Staatsmacht immer brutaler aufgelöst werden. So am 7. Juni im Berliner Scheunenviertel.

4. Juni 1989: In Peking kommt es zu einem Massaker gegen die Oppositionsbewegung. Die DDR-Nachrichtenagentur nennt die chinesische Demokratiebewegung einen "konterrevolutionären Aufruhr".

Am 8. Juni erklären die Abgeordneten der DDR-Volkskammer, in China habe sich "die Volksmacht" gezwungen gesehen, "Ordnung und Sicherheit unter Einsatz bewaffneter Kräfte wieder herzustellen". Dabei seien "bedauerlicherweise zahlreiche Verletzte und auch Tote zu beklagen" gewesen.

Noch im Juni fährt Hans Modrow, SED-Chef im Bezirk Dresden, nach Peking, im Juli folgt SED-Politbüro-Mitglied Günter Schabowski, im September Egon Krenz. Die Oppositionellen verstehen die Botschaft: Auch in der DDR kann es eine "chinesische Lösung" geben. In der ganzen DDR gibt es Fürbittgottesdienste für China und die Toten von Peking.

Vom 12. bis zum 15. Juni besucht Gorbatschow die Bundesrepublik. Wie vier Monate später in der DDR wird Gorbatschow auch hier mit "Gorbi, Gorbi!"-Rufen empfangen. Trotz aller Euphorie: Der Fall der Mauer oder gar das Ende der deutschen Teilung sind noch unvorstellbar.

In diesem Sommer rollt die Ausreisewelle an. Zunächst sind es nur einige Dutzend, die über Ungarn nach Österreich fliehen. Der Abbau der ungarischen Grenzanlagen hatte bereits am 2. Mai begonnen.

Am 27. Juni findet gar eine symbolische Stacheldrahtdurchtrennung durch den österreichischen Außenminister Alois Mock und seinen ungarischen Amtskollegen Gyula Horn statt.

In der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in Ostberlin sowie in den westdeutschen Botschaften in Budapest und Prag suchen immer mehr DDR-Bürger Zuflucht.

Am 8. August wird die Ständige Vertretung in Ostberlin wegen Überfüllung geschlossen. 130 DDR-Bürger befinden sich in den Räumen der Botschaft, die so nicht heißen darf, weil die Bundesrepublik die DDR offiziell nicht anerkennt.

Am 14. August reimt Erich Honecker: "Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf." Das Bild zeigt Flüchtlinge aus der DDR, die am 11. September 1989 via Ungarn und Österreich in Bayern eintreffen.

Etwa 600 DDR-Bürger nutzen das "Paneuropäische Picknick" bei Sopron in der Nähe der ungarisch-österreichischen Grenze am 19. August zur Flucht. Es ist die größte Massenflucht seit dem Mauerbau. Ende August halten sich etwa 150.000 DDR-Bürger in Ungarn auf.

Seit Anfang August kennzeichnet Ungarn die Pässe aufgegriffener DDR-Flüchtlinge nicht mehr, ...

... ab dem 11. September werden DDR-Bürger nicht mehr daran gehindert, die Grenze nach Österreich zu passieren.

23. August 1989: Die mehr als 100 DDR-Flüchtlinge in der Botschaft in Budapest werden in die Bundesrepublik ausgeflogen. Wenige Tage später beginnt Bayern mit den Vorbereitungen zur Errichtung von Notaufnahmelagern.

Ende August veröffentlichen Martin Gutzeit, Markus Meckel und der später als IM enttarnte Ibrahim Böhme ihren Aufruf zur Bildung einer Sozialdemokratischen Partei in der DDR. Es ist der erste und konsequenteste Schritt in einer Reihe von Parteigründungen. Die SDP stellt die führende Rolle der SED klar in Frage.

Die Revolution gewinnt eine immer stärkere Dynamik. In Leipzig findet am 4. September die erste Montagsdemonstration im Anschluss an das Friedensgebet in der Nikolaikirche statt.

Die Sprechchöre lauten vor allem "Wir wollen raus", aber auch "Wir bleiben hier". Hier zwei Stasi-Männer bei der Arbeit.

Am 9./10. September findet auf dem Grundstück von Katja Havemann in Grünheide bei Berlin die Gründungsversammlung des Neuen Forums statt. (Das Bild zeigt Bärbel Bohley, Jutta Seidel und Katja Havemann, v.l.)

Den Gründungsaufruf "Aufbruch 89" - hier eine von der Stasi angefertigte Kopie - unterzeichnen in diesem Herbst etwa 200.000 Menschen.

Im September und Oktober gründen sich weitere Gruppen: Demokratie Jetzt, der Demokratische Aufbruch, die Sozialdemokratische Partei in der DDR, die sich zunächst noch SDP abkürzt. Im November folgen die Grüne Partei, die Vereinigte Linke und der Unabhängige Frauenverband, noch etwas später die Deutsche Soziale Union (DSU).

Das Neue Forum beantragt am 19. September die Zulassung als "Vereinigung". Zwei Tage später wird der Antrag abgelehnt, das Neue Forum dabei als "staatsfeindliche Plattform" bezeichnet.

Am 24. September treffen sich rund 50 Vertreter oppositioneller Gruppen in der Leipziger Markuskirchengemeinde, um über das weitere Vorgehen zu beraten. Tausende nehmen am folgenden Tag an der Montagsdemonstration teil.

Am 30. September verkünden Bundesaußenminister Genscher und Kanzleramtsminister Seiters in der Prager Botschaft, dass die Botschaftsflüchtlinge in die Bundesrepublik ausreisen dürfen.

Das gilt auch für die Flüchtlinge in der Warschauer Botschaft.

Die Prager Botschaft wird immer wieder neu besetzt.

In den folgenden Tagen fahren daher mehrfach Züge mit insgesamt tausenden Flüchtlingen von Prag durch die DDR - das war eine Bedingung der SED - in die Bundesrepublik. Hier rund 10.000 Botschaftsflüchtlinge auf dem Weg zu Bussen, mit denen sie zu den Zügen gebracht werden.

Am 3. Oktober schließt die DDR die Grenze zur Tschechoslowakei. Die DDR ist jetzt faktisch abgeriegelt. Das Bild zeigt DDR-Bürger, die am 3. Oktober über die Mauer der bundesdeutschen Botschaft in Prag klettern.

Am 4. Oktober kommt es in Dresden vor dem Hauptbahnhof zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und rund 3000 Menschen, die versuchen, in die Züge zu gelangen. (Screenshot eines Films der DDR-Staatssicherheit)

Einfahrt in den Hofer Hauptbahnhof am 5. Oktober. Insgesamt 55.000 Menschen fliehen im September 1989 aus der DDR.

7. Oktober, 40. Jahrestag der Gründung der DDR, zugleich monatlicher Aktionstag der Opposition gegen den Wahlbetrug. In Berlin und vielen anderen Städten der DDR finden Demonstrationen statt.

Die offizielle DDR ...

... feiert ihren Geburtstag mit Fackelzügen ...

... und Militärparaden, ...

... die allerdings auch nicht mehr das sind, was sie mal waren.

Natürlich ist auch Gorbatschow zu den Feierlichkeiten angereist.

Vom Alexanderplatz ziehen Demonstranten am frühen Abend spontan zum Palast der Republik, in dem sich die SED mit ihren Gästen selbst feiert. Draußen skandiert das Volk "Gorbi, Gorbi".

Die Demonstranten - mittlerweile sind es mehrere tausend - ziehen weiter in Richtung Stadtbezirk Prenzlauer Berg. Stasi und Volkspolizei schlagen brutal zu.

1200 Menschen werden "zugeführt" und im Polizeigewahrsam physisch und psychisch misshandelt.

Nicht nur in Berlin, auch in vielen anderen Städten der DDR werden Demonstranten geprügelt, "zugeführt" und misshandelt, darunter natürlich in Leipzig und Dresden, aber auch in der 76.000-Einwohner-Stadt Plauen (Bild), wo zwischen 10.000 und 20.000 Menschen an den Protesten teilnehmen.

Neben den Protesten gegen den Wahlbetrug steht nun der Einsatz für die inhaftierten Oppositionellen im Zentrum der Kundgebungen und Demonstrationen.

Hier Bilder ...

... von einer Mahnwache in der Gethsemanekirche in Prenzlauer Berg, …

… einem der Zentren der Opposition in Berlin. Am Mikrofon Pfarrer Bernd Albani, dahinter (mit brauner Jacke) Werner Fischer von der Initiative Frieden und Menschenrechte und (mit grüner Jacke) Reinhard Schult, Mitbegründer des Neuen Forum.

Am 8. Oktober gibt es in Berlin neue Demonstrationen. Die Protestierenden sind friedlich, das Regime schlägt hart zu. "Ein Hauch von Bürgerkriegsstimmung lag über dem Land", schreibt Stefan Wolle in seinem Buch "DDR".

Der "Genosse Minister" - Erich Mielke - weist die Berliner Bezirksverwaltung der Stasi an, "Reservekräfte bereitzuhalten", um die "Unterbindung und Auflösung von Zusammenrottungen zu gewährleisten".

Rings um die Gethsemanekirche knüppeln die Sicherheitskräfte auf die Teilnehmer einer Fürbittandacht ein.

Die Revolution siegt am 9. Oktober 1989.

Rund 70.000 Menschen nehmen an der Montagsdemonstration in Leipzig teil. Unbehelligt ziehen sie einmal um den Innenstadtring, vorbei an der "Runden Ecke", dem Leipziger Sitz der Staatssicherheit. Die örtlichen Vertreter der Staatsmacht wagen es nicht, die vorbereiteten Einsatzbefehle zu geben.

Eine Woche später, am 16. Oktober, titelt der "Spiegel": "DDR - Die Wende" und meint den vergangenen Montag. An diesem Tag ist die Demonstration noch größer: 150.000 laufen durch Leipzig.

Tags darauf sitzt das SED-Politbüro zusammen. Willi Stoph (Bild) schlägt in Abstimmung mit Erich Mielke und Egon Krenz die Ablösung Honeckers vor. Am 18. Oktober gibt die SED Honeckers Rücktritt von allen Ämtern bekannt:

"Das ZK hat der Bitte Erich Honeckers entsprochen, ihn aus gesundheitlichen Gründen von der Funktion des Generalsekretärs, vom Amt des Staatsratsvorsitzenden und von der Funktion des Vorsitzenden des nationalen Verteidigungsrates der DDR zu entbinden."

Egon Krenz wird Honeckers Nachfolger als Generalsekretär des ZK der SED, später auch als Staatsratsvorsitzender.

In seiner Antrittsrede sagt er: "Mit der heutigen Tagung werden wir eine Wende einleiten, werden wir vor allem die politische und ideologische Offensive wieder erlangen." Zwei Tage später, am 20. Oktober, wird der "Sputnik" wieder zugelassen.

Das Volk verliert den Respekt. Am 21. Oktober kommt es in Berlin zu einer nicht genehmigten Demonstration von etwa 1200 Menschen. Sie bilden eine Menschenkette zwischen Karl-Liebknecht-Straße und Polizeipräsidium und fordern die Freilassung von Demonstranten, die um den 7. Oktober festgenommen wurden.

Günter Schabowski stellt sich der Diskussion. Die Demonstranten glauben nicht an die "Dialogpolitik" der SED. Schabowski versichert: "Die Partei, das Zentralkomitee und unser Generalsekretär Egon Krenz meinen es ernst."

Es wird viel diskutiert in diesen Tagen. In den Kirchen debattiert die Opposition weiterhin ihr Verhältnis zum Staat - hier Bärbel Bohley und Jens Reich vom Neuen Forum in einer Kirche in Berlin-Oberschöneweide.

Die Volkskammer wählt Krenz am 24. Oktober zum Staatsratsvorsitzenden.

Wenige Stunden später demonstrieren in Berlin nach offizieller Zählung 12.000 Menschen gegen Krenz.

Schabowski verlangt von Manfred Stolpe, der als Konsistorialpräsident der Evangelischen Kirche als Vermittler und Bote unterwegs ist, die Kirche müsse die Demonstrationen beenden. Doch so weit reicht die Macht der Kirche nicht.

300.000 Menschen nehmen an der Leipziger Montagsdemonstration des 30. Oktober teil. Nur wenige Wochen zuvor hatte es lediglich heimlich aufgenommene Bilder aus Leipzig gegeben. Nun berichtet die DDR-Nachrichtensendung "Aktuelle Kamera" live. Der Revolution droht die Vereinnahmung durch den Staat.

Im Oktober fliehen insgesamt 21.000 Menschen aus der DDR - weniger als im September, was an der Schließung der Grenze zur Tschechoslowakei liegt. Ab dem 3. November dürfen DDR-Bürger wieder ohne Visum über die Tschechoslowakei ausreisen. Dies löst eine weitere Ausreisewelle aus.

Am 4. November findet auf dem Alexanderplatz eine Demonstration statt, deren Teilnehmerzahl heute zwar umstritten ist, die aber ähnlich wie der 9. Oktober in Leipzig einen Wendepunkt markiert.

Dabei treten sehr unterschiedliche Redner auf: Zum Beispiel der ehemalige Chef der DDR-Auslandsspionage Markus Wolf (Bild), die Schriftsteller Christoph Hein, Stefan Heym und Christa Wolf, Jens Reich vom Neuen Forum sowie die Schauspieler Ulrich Mühe und Jan Josef Liefers.

Der Sieg der Revolution ist erst im Rückblick klar. "Ich persönlich rechnete damit, dass die Mauer am 4. November überrannt werden würde", sagt Manfred Stolpe später im Interview mit n-tv.de.

Stolpe befürchtet, dass die Sicherheitskräfte "schießen werden, dass es ein Blutbad gibt". Das Blutbad bleibt aus, der Ansturm auf die Mauer findet fünf Tage später statt.

Den Startschuss geben Günter Schabowski und Berlins Regierender Bürgermeister Walter Momper (l.). Momper war vorgewarnt: Bereits im Oktober hatten der Ostberliner Bürgermeister Erhard Krack (r.) und Schabowski ihn darauf vorbereitet, dass noch vor Weihnachten alle DDR-Bürger reisen dürfen. (Bild vom 12. November 1989)

Am 9. November findet um 18.00 Uhr eine Pressekonferenz statt, auf der Günter Schabowski betont beiläufig über das neue Reisegesetz informiert. Gegen Ende der Veranstaltung fragt ein Journalist, ob dieses Gesetz sofort in Kraft trete. Daraufhin liest Schabowski einen Zettel vor, den Egon Krenz ihm kurz zuvor gegeben hatte.

Auf die Nachfrage: "Wann tritt das in Kraft?" antwortet Schabowski: "Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich." Auch die Frage, ob das ebenfalls für West-Berlin gelte, muss zwei Mal gestellt werden, bevor Schabowski sie beantwortet. Kurz nach 19.00 Uhr ist die Pressekonferenz zu Ende.

Die SED beabsichtigt zu diesem Zeitpunkt keineswegs, die Mauer endgültig zu öffnen. Ihr Plan ist es, so der Historiker Sascha-Ilko Kowalczuk, "den Kessel zu öffnen, Druck abzulassen, um ihn dann wieder zu schließen". Doch die SED ist nicht länger Herrin des Verfahrens.

Gut 30 Minuten nach Schabowski tritt Walter Momper in der Westberliner "Abendschau" auf. "Das ist ein Tag, den wir uns lange ersehnt haben", sagt er, und bittet die Ostberliner, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu kommen - zu einem Zeitpunkt, an dem noch kein einziger Grenzübergang offen ist.

Am Grenzübergang Bornholmer Straße trudeln zwischen 19.00 und 20.00 Uhr die ersten Ostberliner ein, die selbst nachsehen wollen, ob der Weg nach Westberlin frei ist. Gegen 21.00 Uhr sind es tausende. "Tor auf, Tor auf!", rufen sie. (Hier ein Bild vom Checkpoint Charlie.)

Oberstleutnant Harald Jäger (nicht im Bild) ruft bei der Hauptabteilung IV des Ministeriums für Staatssicherheit an, um sich zu erkundigen, was nun zu tun ist, und erhält die Anweisung, jene rauszulassen, "die am aufsässigsten sind". Ihre Pässe sollen dabei, ohne dass dies den Ausreisenden gesagt wird, ungültig gestempelt werden.

Ungefähr um 21.45 Uhr laufen die ersten DDR-Bürger an der Bornholmer Straße nach Westberlin. (Das Bild zeigt den Grenzübergang am Morgen danach.)

Doch die "Ventillösung" bringt keine Ruhe, der Druck der Straße lässt nicht nach. Etwa um 23.30 Uhr lässt Jäger die Schlagbäume öffnen.

Um 24.00 Uhr sind alle Grenzübergänge zwischen Ost- und Westberlin offen. Ausgebürgert wird in dieser Nacht niemand.

Das Wort der Stunde ist "Wahnsinn". (Text: Hubertus Volmer)

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