Bilderserie
Freitag, 10. Dezember 2010

"Selbst wenn ich zu Pulver zermalmt werde ...": Friedensnobelpreis für einen Häftling

Bild 1 von 40
In Oslo erhält der chinesische Dissident und Schrifsteller Liu Xiaobo am 10. Dezember 2010 den Friedensnobelpreis. (Foto: REUTERS)

In Oslo erhält der chinesische Dissident und Schrifsteller Liu Xiaobo am 10. Dezember 2010 den Friedensnobelpreis.

In Oslo erhält der chinesische Dissident und Schrifsteller Liu Xiaobo am 10. Dezember 2010 den Friedensnobelpreis.

In Abwesenheit.

Nur ein leerer Stuhl wird für ihn bereitstehen.

Denn der Regimekritiker wurde im Dezember 2009 zu elf Jahren Gefängnis verurteilt.

Trotz des harten Urteils zeigte sich Liu Xiaobo noch vor seinen Richtern versöhnlich. "Ich habe keine Feinde und keinen Hass", sagte er damals.

"Eine Feindmentalität vergiftet den Geist einer Nation, zettelt einen brutalen moralischen Kampf an, zerstört die Toleranz einer Gesellschaft und die Mitmenschlichkeit und behindert den Fortschritt einer Nation in Richtung Frieden und Demokratie", sagte der gelernte Literaturwissenschaftler in seinem Schlusswort vor Gericht.

Die schönsten Worte fand der Dichter für seine Frau Liu Xia, ...

... die seit der Entscheidung in Oslo unter Hausarrest steht.

"Deine Liebe ist das Sonnenlicht, das über hohe Mauern springt und die Gitterstäbe meines Gefängnisfensters durchdringt, jeden Zentimeter meiner Haut streichelt, jede Zelle meines Körpers wärmt ...

... und mir erlaubt, immer Frieden, Offenheit und Helligkeit in meinem Herzen zu bewahren, und jede Minute meiner Zeit in Haft mit Bedeutung erfüllt. ... (Im Bild: Wachpersonal vor dem Haus von Liu Xia)

.... Selbst wenn ich zu Pulver zermalmt werde, werde ich noch meine Asche nehmen, um dich zu umarmen."

Es ist nicht das erste Mal, dass Liu Xiaobo weggesperrt wird.

Als die Studenten im Frühjahr 1989 gegen die kommunistische Führung demonstrierten, kaufte der Literaturdozent eiligst ein Flugticket und kehrte aus New York in die Heimat zurück.

Er half den Studenten, ihre Forderungen nach einem Rücktritt von Ministerpräsident Li Peng, nach unabhängigen Gewerkschaften und einem demokratischen System zu formulieren.

Doch am 4. Juni 1989 marschierten die Truppen auf. Als auf dem Platz des Himmlischen Friedens ein Blutbad drohte, vermittelte Liu mit seinen Mitstreitern den friedlichen Abzug der Hungerstreikenden vom Platz - auch gegen den Widerstand radikaler Kräfte.

Dennoch lastet der Tod vieler Demonstranten in jener Nacht bis heute schwer auf ihm.

Er weigerte sich damals, politisches Asyl in einer Botschaft zu beantragen und wurde schließlich verhaftet.

Nach gut einem Jahr im Gefängnis gab er innerlich auf, schrieb auf Druck seiner Familie ein Geständnis, das ihm im Januar 1991 die Freiheit brachte.

Er zog sich zurück, geplagt von Schuldgefühlen für die Opfer, dem Gefühl von Schande über seine Schulderklärung und dem Misstrauen von Mitstreitern über die Umstände seiner Entlassung.

1992 schrieb er ein autobiografisches Buch, 1993 reiste er zu Vorlesungen ins Ausland.

Mit scharfer Feder kritisierte Liu auch die Anführer der Demokratiebewegung, die keine Ahnung von Demokratie gehabt hätten.

In jener Zeit schrieb er einem Freund: "Mein Temperament lässt mich überall an Wände stoßen. Aber wenn ich am Ende auch am Kopf blute, nehme ich es doch gerne in Kauf."

Seine Ehe ging in die Brüche. Seinem Sohn war er nach eigenem Empfinden ein schlechter Vater. 1995 wurde aus dem einsamen Kritiker wieder ein politischer Aktivist, der Eingaben an den Volkskongress schrieb.

Von Mai 1995 an wurde Liu für acht Monate festgehalten, im folgenden Oktober 1996 für drei Jahre in ein Umerziehungslager gesteckt.

Drei Jahre musste er Bohnen sortieren - angeblich, um ihm als Schriftsteller die Augen zu ruinieren, wie es in einer Biografie heißt. In der Haft heiratete er im April 1998 seine Freundin Liu Xia und schrieb in jener Zeit viele Liebesgedichte: ...

... "Bevor deine Asche im Grab versinkt, schreib mir damit einen Brief und vergiss deine Anschrift im Jenseits nicht." Die Haftstrafe empfand er als Sühne.

Im Oktober 1999 kam er frei, fand sich plötzlich in einem neuen China wieder, das nur noch dem Geld nachjagte.

Er half den "Müttern von Tian'anmen", dem losen Netzwerk von Familien der Opfer von 1989. An der Gründung des Pen-Clubs 2001 war er maßgeblich beteiligt und übernahm den Vorsitz.

"Von da an war er nicht mehr allein", sagte sein langjähriger Freund, der im US-Exil lebende Schriftsteller Bei Ling, ...

... der gerade eine Biographie Liu veröffentlicht hat.

In ihr beschreibt er, wie Liu Persönlichkeit schrittweise von allen oppositionellen Kräften in China akzeptiert worden sei. "Da stellte er eine wachsende Bedrohung aus Sicht der chinesischen Regierung dar."

Auch wenn, so sieht es zumindest der Künstler Ai Weiwei in einem Gespräch mit der "taz", Liu als Intellektueller "keine Verbindung zum täglichen Überlebenskampf der Menschen" habe.

Aus Anlass des 60. Jahrestages der UN-Menschenrechtserklärung verfasste Liu Xiaobo 2008 mit anderen die "Charta 08" - ein Appell für Demokratie und Menschenrechte in China.

Zwei Tage vor der Veröffentlichung holte ihn die Polizei ab. "Die Meinungsfreiheit zu strangulieren tritt die Menschenrechte mit Füßen, erdrosselt die Menschlichkeit und unterdrückt die Wahrheit", sagte Liu Xiaobo am Ende seines Prozesses noch seinen Richtern.

Er hoffe, dass er das letzte Opfer dieser endlosen "Inquisition" sei.

Zumindest ist er nun das prominenteste.

Trotz Zensur verbreitete sich die Nachricht von der Nobelpreisverleihung in Windeseile in China.

Und trotz massiver Repression, Zensur und Ausreiseverbote für Dissidenten werden sich auch am 10. Dezember viele Chinesen für Liu mitfreuen.

Sie werden weiter hoffen auf einen Wandel in ihrem Land, ...

... und auf die Freilassung eines Menschen, der nur wegen seines friedlichen Einsatzes für Menschenrechte für Jahre eingesperrt wurde.

weitere Bilderserien