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Populisten, Demagogen, geschickte Strategen, rhetorische Glanzlichter, Machtmenschen mit Charisma:
Die beiden Männer an der Spitze der Linkspartei eint eine Fülle an Eigenschaften, die ihnen Anhänger und Gegner gleichermaßen unterstellen.
Oskar Lafontaine und Gregor Gysi, …
… die politischen Alphatiere der Linken.
Doch so sehr sich ihre politischen Eigenschaften ähneln mögen – Lafontaine und Gysi sind zugleich Yin und Yang der Linkspartei. In ihren Personen verkörpern sich nahezu perfekt die Widersprüche und Gegensätze, die in der Linken schwelen und sich mitunter auch öffentlich in Konflikten entladen.
West gegen Ost, Realos gegen Sozialradikalisten, Ex-SED-Mitglieder gegen Gewerkschafter.
Ohne die Integrationskraft der beiden Fraktionsvorsitzenden würde die Linke als Partei wohl am Rande der Spaltung stehen. Das zeigte sich auch auf dem Wahlparteitag im Juni.
Dort sprach erst Lafontaine, der linksradikal-populistisch agierende Machtmensch aus dem Westen, getrieben von Angriffslust und ehrgeizigen Wahlzielen. "Zehn Prozent plus X" wolle die Partei bei der Bundestagswahl erreichen, verkündete der Partei- und Fraktionsvorsitzende.
Lafontaine blieb ansonsten aber bei für seine Verhältnisse lapidaren Erklärungen: "Die Banken haben die Welt überfallen und gerufen: Geld her oder wir vernichten Millionen Arbeitsplätze und verschlechtern die Lebensbedingungen von Milliarden Menschen."
"Nicht die Bundesregierung kontrolliert die Banken, sondern die Banken kontrollieren die Bundesregierung."
Kein Wort des Parteichefs zum andauernden Machtkampf zwischen Radikalen und Realos, der rund um die Europawahl zu eskalieren begann.
Doch dann kam Gregor Gysi, der Seelenklempner der Linkspartei.
Er ging auf die "Ideologie- und Personalschlachten" ein, redete den Parteiflügeln ins Gewissen und richtete dann den Blick nach vorn: "Es geht nicht um uns, sondern um die Veränderung der Gesellschaft."
Das ist die unausgesprochene Arbeitsteilung des linken Führungsduos: Lafontaine als Angreifer, Gysi als Abwehrchef. Das langjährige Aushängeschild der PDS hat sich dem Politikstrategen aus dem Saarland gebeugt – zum Wohle des Wahlerfolgs.
Doch noch etwas verbindet Gysi und Lafontaine: Beide sind vereint in ihrem Kampf gegen die eigene Vergangenheit und beide haben schon einmal in politischer Verantwortung das Handtuch geschmissen.
Oskar Lafontaine tat das auf dem Höhepunkt seiner politischen Karriere, als er SPD-Vorsitzender und Finanzminister der ersten rot-grünen Bundesregierung war.
Bis dahin hatte der studierte Physiker – Jahrgang 1943 – eine glänzende politische Karriere seit seinem Eintritt bei den Sozialdemokraten 1966 hingelegt.
Erst Oberbürgermeister von Saarbrücken und schließlich saarländischer Ministerpräsident – Lafontaine holt 1985 die absolute Mehrheit für die Saar-SPD. Er gilt als großes politisches Talent – einer der "Enkel" Willy Brandts.
1990 wird ein politisches und persönliches Schicksalsjahr für den Saarländer. Lafontaine tritt nach dem Zusammenbruch der DDR als Kanzlerkandidat gegen Helmut Kohl an. Er ist gegen eine vorschnelle Wiedervereinigung und warnte vor "nationaler Besoffenheit", während Kohl "blühende Landschaften" verspricht.
Bei einem Wahlkampfauftritt am 25. April in Köln wird Lafontaine Opfer eines Attentats: Eine geistig verwirrte Frau sticht ihn mit einem Messer in den Hals und verletzt ihn dabei lebensbedrohlich.
Doch Lafontaine kämpft weiter und hält an seiner Kandidatur fest. Das Ergebnis bei der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl ist allerdings niederschmetternd: Lafontaine fährt mit 33,5 Prozent das schlechteste Ergebnis für die SPD seit 1957 ein.
Als Konsequenz zieht er sich aus der ersten Reihe der Bundespolitik ins Saarland zurück, bis zu seinem spektakulären Comeback auf dem Mannheimer SPD-Parteitag 1995.
In einer Kampfabstimmung setzt er sich nach einer mitreißenden Rede gegen Rudolf Scharping durch, übernimmt den SPD-Vorsitz und bringt sich als Kanzlerkandidat für die Wahl 1998 in Stellung.
Doch muss er sich schließlich dem erfolgreicheren Rivalen Gerhard Schröder beugen.
Gemeinsam ziehen sie gegen Kohl und gewinnen auch. SPD-Chef Lafontaine wird Finanzminister.
Bis zum 11. März 1999, als er völlig überraschend und ohne Erklärung seinen Rücktritt von allen Ämtern und den Rückzug ins Private erklärt. Als Grund nennt er schließlich das "schlechte Mannschaftsspiel" in der Regierung – es sind vor allem Differenzen in der Wirtschaftspolitik: Schröder will Lafontaines Linkskurs nicht unterstützen.
Lafontaines Karriere scheint am Ende. In der SPD wird er zur "Persona non grata", …
… zumal der ehemalige Parteichef in Büchern wie "Mein Herz schlägt links" und später auch in Kolumnen in der "Bild"-Zeitung nachtritt und gegen die Politik der rot-grünen Regierung schimpft.
"Halt's Maul! Trink deinen Rotwein, fahr in die Ferien, such dir eine sinnvolle Beschäftigung", muss er sich deshalb vom Schriftsteller und SPD-Sympathisanten Günter Grass anhören.
Doch Lafontaine denkt nicht daran, wird immer lauter und tritt 2005 schließlich aus der SPD aus, um in die neu gegründete linke Abspaltung Wahlalternative WASG einzutreten.
Gemeinsam mit Gysi schmiedet er aus WASG und PDS in einem Kraftakt ein neues Linksbündnis, das 2005 über acht Prozent bei den Bundestagswahlen erreicht und aus dem am 16. Juni 2007 die Linkspartei entsteht, deren Vorsitzender und Fraktionschef der Saarländer wird.
Mit der Gründung der Linken geht auch für Gregor Gysi ein Traum in Erfüllung, der bis heute für sich und seine Partei gegen die DDR-Vergangenheit kämpfen muss.
"Wir wissen aber, dass viele Genossen dieses Ministeriums stets pflichtbewusst und ehrlich die ihnen erteilten Aufträge, die sie sich nicht aussuchen konnten, erfüllt haben", hat Gysi noch im Dezember 1989 auf einem Parteitag der SED-PDS über die Stasi gesagt.
Seitdem tut er alles, um die Vergangenheit von sich und seiner Partei abzuschütteln. So setzt Gysi gemeinsam mit Lothar Bisky nach der vollständigen Umbenennung in die Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) die "Abkehr vom Stalinismus als System" durch.
Der 1948 in Berlin geborene Jurist führt die neue Partei zur Bundestagswahl 1990 mit 2,4 Prozent in den Bundestag. Möglich macht dies eine Regelung des Einigungsvertrages – die PDS hatte in Ostdeutschland 11,1 Prozent der Stimmen erzielt und darf deshalb mit 17 Abgeordneten ins deutsche Parlament.
Allerdings bleibt der – bislang ostdeutschen – Partei der Fraktionsstatus versagt. Den erreicht die PDS erst bei der Wahl 1994 durch 4,4 Prozent sowie vier gewonnene Direktmandate. Ein Erfolg für den Strategen Gysi, der trotz Widerstände die PDS vom radikalen linken Rand immer weiter in die Mitte führt und auch den Westen Deutschlands fest im Blick hat.
Dort muss er sich der "Rote Socken"-Kampagne der CDU erwehren, die in den Wahlkämpfen 1994 und 1998 vor den erstarkenden Linken warnt. Und Gysi wird auch seine eigene Vergangenheit nicht los.
Immer wieder werden Vorwürfe gegen ihn erhoben, er habe als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) für die DDR-Staatssicherheit gearbeitet. Der Immunitätsausschuss des Bundestags stellte dazu mit den Stimmen von Union, SPD und Grünen fest, dass seine Stasi-Mitarbeit erwiesen sei und er als Rechtsanwalt Informationen über Mandaten weitergegeben habe.
Doch Gysi wehrt sich bis heute erfolgreich gegen konkrete Anschuldigungen. Erst im September 2009 verbietet das Hamburger Landgericht dem ZDF, zu behaupten, Gysi habe im Fall des Regime-Kritikers Robert Havemann (Foto) "wissentlich und willentlich" an die DDR-Staatssicherheit berichtet.
Mit Bildung der rot-roten Landesregierung in Berlin übernimmt Gysi im Januar 2001 das Amt des Wirtschaftssenators.
Dieses Zwischenspiel in politischer Verantwortung währt allerdings nicht allzu lange – nach einem halben Jahr tritt Gysi zurück, weil er Bonusmeilen aus Bundestagszeiten privat in Anspruch genommen hat.
Kritiker werfen ihm allerdings vor, das Handtuch aus Frustration über das Amt geschmissen zu haben. Ein Drückeberger sei er.
Während der zunehmenden Proteste gegen die Agenda-Politik Gerhard Schröders kehrt er auf die bundespolitische Bühne zurück und wird 2005 schließlich Spitzenkandidat des Bündnisses aus PDS und WASG.
Gemeinsam mit Lafontaine führt er die offiziell noch gar nicht gegründete Linkspartei mit 8,7 Prozent in den Bundestag. Beide übernehmen auch gemeinsam den Fraktionsvorsitz.
Weil Lafontaine für den ersehnten Erfolg der Linken im Westen sorgt, nimmt Gysi seine oft brachiale Rhetorik und den zweiten Platz hinter ihm in Kauf.
Doch Gysi muss den sich linksradikal gebärenden Saarländer auch gegen die ostdeutschen Realos in seiner Partei verteidigen.
Der Erfolg im Superwahljahr scheint Lafontaine recht zu geben und bringt seine Kritiker – vorerst – zum Schweigen. Auch wenn im August Gerüchte über Putschpläne gegen den "Napoleon von der Saar" vom "Spiegel" kolportiert werden.
Das Führungsduo ist im Wahljahr derart unbestritten, dass es sich nicht einmal einer Abstimmung stellen muss: Der Parteitag der Linken bestimmt sie im Juni per Akklamation zu den Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl.
Gemeinsam führen Lafontaine und Gysi die Linkspartei zu ungeahnten Höhenflügen. Die Landtagswahlen im Saarland, in Thüringen und in Sachsen bescheren der Partei Stimmenanteile von über 20 Prozent, im Bund holt die Linke knapp 12 Prozent.
Doch ausgerechnet der Vater des gesamtdeutschen Erfolges, Lafontaine, wird von manchen in der Partei auch sehr kritisch beäugt - auch wenn er sein Bestreben, den alleinigen Partei- und Fraktionsvorsitz zu übernehmen, überraschend aufgibt und nur noch Chef der Partei sein will.
Da ist zum einen das gestörte Verhältnis zur SPD: Kritiker werfen ihm vor, mit seinem Engagement für die Linke eine Art Rachefeldzug gegen seine alte Partei zu führen. Und solange Lafontaine an der Spitze steht, wird sich die SPD auf keine Koalition mit der Linken im Bund einlassen.
Das zweite Problem ist Lafontaines Machtanspruch: Ohne seinen für die Ostpartei so wichtigen Tandempartner Gysi würde dem Saarländer alleine an der Spitze der Partei der für die Partei so wichtige Ausgleich fehlen. (Text: Till Schwarze)
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